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Die weltliche Schule, fast vergessene Schulgeschichte (2)

„Du höppiges Dier": „Einmal während meiner Schulzeit saß ich etwas schief in der Bank, weil ich am Hintern ein großes Blutge­schwür hatte. Beim besten Willen konnte ich mich nicht richtig hinset­zen. Da sagte die Lehrerin ohne viel zu fragen: ,Komm raus'. Ich musste mich übers Pult legen und dann hieb sie mir unbewusst mit dem Stock das Geschwür auf. Eiter und Blut liefen mir bis in die Schuhe rein. Ich bin nach Hause gerannt. Meine Mutter stand gerade vorm Waschküben und war am Waschen. Ihr Schottelduok woar naat. Sie nahm mich an die Hand, ab in die Schule. Die Lehrerin war gehbe­hindert. Da sagte meine Mutter zu ihr: ,Wat häs du höppiges Dier met mi'enem Jongen gemackt?' Da fing sie an zu weinen, sie habe vom Geschwür nichts gewusst. Aber meine Mutter war jetzt richtig in Fahrt: ,Wenn du dat noch es macks, hie am Dürenpool hang ech dech op'. Ich war froh, dass das Geschwür offen war und hatte keine Schmerzen mehr. Seit der Zeit konnte ich in der Klasse machen was ich wollte."

Die Volksschule Palmstraße (kath.) wurde 1914 fertiggestellt.Mit 1921, dem Jahr, in dem die ersten weltlichen Schulen aufgrund elterlicher Willenserklärungen einge­richtet werden sollten, eskalierte der Schulkampf; er schaukelte sich hoch an der bereits bekannten Polemik. Noch im Februar sprach der Remscheider Lehrerverein in einem öffentli­chen Aufklärungsabend sich für die Einführung der weltlichen Schule aus. Unter Punkt acht einer Erklärung wurde jedoch darauf hingewiesen: „Wie konfessionelle Fragen, gehört auch die Politik nicht in die neue Schule hinein." „Die Absicht der Schulverwaltung auf baldige Durchführung (Errich­tung von Sammelklassen bzw. Sammel­schulen) scheiterte einstweilen an dem Mangel gewillter Lehrkräfte", er­klärte Oberbürgermeister Hartmann. „Dass die Frage der weltlichen Schule in Remscheid nicht vom bösen oder guten Willen der Schuldeputation abhängt, sondern zu einer Lehrer­frage geworden war", musste auch die „Bergische Volksstimme" im Juli 1921 feststellen. Ohne hier die Einzelhei­ten zu berühren, die dazu geführt hatten, den guten Willen und die Ko­operationsbereitschaft des Remscheider Lehrervereins derart umzu­schwenken, verdeutlicht das Lehr­kräftedilemma, in welchem Maße die Politik Einfluss genommen hatte auf die weltliche Schule.

„Die weltliche Schule ist die Parteischule der Sozia­listen und Kommunisten", heißt es la­pidar in einer Leserzuschrift. „Das steht einwandfrei fest nach den Er­klärungen, die vor wenigen Tagen im Volkshaus abgegeben worden sind. Die Lehrer, die sich der weltlichen Schule zur Verfügung gestellt haben, ver­langen die Ausschaltung der Kommu­nistischen Partei. Das wurde von der V. K. P. D. nicht zugegeben. Es steht aber unumstößlich fest, dass die weltliche Schule der ,Freien Schulge­sellschaft' die Parteischule der Kom­munisten ist . . ."

Soweit war es inzwi­schen gekommen: Der Lehrerverein hatte sich distanziert und die „Freie Schulgesellschaft" sich kompromit­tiert. Zwei für die Idee der weltlichen Schule wichtige Tiägerschaften gingen schon vor ihrer Errichtung verloren bzw. hatten ihre Zugkraft für die Allgemeinheit eingebüßt. Als Gradmesser der Schulkampf­polemik, die ihr Ausmaß und ihre emotionale Heftigkeit mit beredten Zeugnissen widerspiegeln, gelten die vielen Leserzuschriften in den Ta­geszeitungen. Hier, je nach Neigung, war dann die Rede entweder vom „ro­ten" oder vom „schwarzen" Terror. Alle Register wurden gezogen. Sogar der „brave, biedere Arbeitsmann" kam mundartlich zu Wort: „Ming Blagen gönnt en die Schuol, an derr ech selwer woar, on uoch en die Kengerliehr; späder können se maken, wat se wellen. On Chressdag hann ech noch es met mi'enen Blagen ongerm Chressbuom all die netten, guoden Chressdagsli'eder derr Re'ih noa raffgesongen." Auch der „gute Rat an die Arbeiterfrau" fehlte nicht: „Ich weiß, wie Eure Männer auf der Arbeits­stelle, in Versammlungen usw. gequält und gedrängt und auch terrori­siert werden, so dass mancher schwach wird und gegen seine ei­gene Überzeugung etwas unter­schreibt . . ." Dem setzte die „Bergische Volksstimme" entgegen: „. . . In der Frage der Kindererziehung lassen sich die realen Tatsachen nicht aus der Welt schaffen, dass die herrschende Klasse mit ihren ganzen Machtmitteln ideologischer Art die Erziehung der Kinder zu wirklich freien Menschen zu verhindern trachtet . . . Erst in der kommunistischen Gesellschaft wird das Kind zu einem freien Menschen erzogen werden. Das Ideal der SPD-Lehrer sind Treibhauspflanzen, die nachher, wenn die Kinder in den Kampf ums Dasein treten, an der rauhen Wirklichkeit zugrunde gehen. Die KPD arbeitet darauf hin, schon jetzt dem Kinde die Voraussetzungen zu geben, die ihnen später ermöglichen sollen, den Widerstand der proletari­schen Klasse zu stärken und die kapi­talistische Klasse zu überwinden ..."

Nach diesem Einblick in die ideologischen Segnungen, die auf den Rücken der Kinder ausgetragen wur­den, bleibt noch die Frage nach dem Verhalten der Eltern. „Die freien Schulgesellschaften sind ihrem Wesen nach proletarisch", schrieb Studienrat Johannes Resch. „Wir sind uns dar­über klargeworden, dass die in den freien Schulgesellschaften erstandene Bewegung eine Klassenkampfbewe­gung ist ... (Aber) eine Anzahl Prole­tarier . . .  will von der unerbittlichen Konsequenz des Klassenkampfgedan­kens vorerst nichts wissen . . ." Diese Einstellung sollte sich eher noch ver­stärken, soweit sie sich auf die Wahl der Schulform für ihre Kinder bezog. In der Tat erreichte die Zahl der welt­lichen Schüler selbst in den besten Jahren mit nur knapp 15 Prozent aller volksschulpflichtigen Kinder ihre Spitze. Zwar verminderte sich durch den „Weltkriegknick" die Gesamtzahl der Volksschüler zwischen 1924 und 1929 um 6,5 Prozent, bei den weltlichen Schulen aber betrug die Verminderung fast 50 Prozent. Eine bemerkenswerte Diffe­renzierung der Arbeiterschaft hin­sichtlich der Gewichtung ihrer Inter­essenvertretung wird augenscheinlich, wenn dem minimalen Erfolg der welt­lichen Schuh das generelle Wahlver­halten gegenübergestellt wird. 1924 zum Beispiel (wie auch in den nach­folgenden Jahren), ob Stadtverordne­tenwahl, Landtags- oder Reichstags­wahl, stets war die KPD mit über 30 Prozent aller Stimmen (SPD rd. acht Prozent) die weit­aus stärkste Partei in Remscheid. Der geringe Erfolg der weltlichen Schule in dieser Stadt lässt darauf schließen, dass selbst die massivsten parteipolitischen Aktivierungsversu­che bei der Mehrzahl der Eltern ohne Resonanz geblieben waren. Im Umkehrschluss bedeutet das jedoch nicht, dass die diversen religiösen Elternschulvereine im großen und gan­zen erfolgreicher gewesen sein dürf­ten. Eher waren es praktisch-materielle Erwägungen, die das Verhalten der Eltern bestimmten.

Das Ergebnis der Elternbeiratswahlen im Jahre 1920 lässt diese Vermutung erhärten. Das Gros auch der linksorientierten Eltern beließ demnach seine Kinder in den konfessionellen Schulen, trotz Reli­gionsunterricht. Oder aber wegen des Religionsunterrichtes, wenn die Kin­der zur Ersten Kommunion gehen bzw. konfirmiert werden sollten, statt an der Jugendweihe teilzunehmen. Gleichgültigkeit gegenüber den For­derungen - von welcher Seite auch immer — ebenso wie die mit der Um­schulung oft verbundenen weiteren Schulwege, haben sicherlich eine Rolle gespielt, alles beim alten zu belassen. Das wichtigste Argument entsprang wahrscheinlich aus der Sorge um die Zukunft der Kinder. Die ste­tige Verminderung der Schülerzahl lässt darauf schließen, dass immer we­niger Eltern bereit waren, den Lebens- ­und Berufsweg ihrer Kinder durch den Besuch einer von der Bevölke­rung als „Parteischule" gekennzeichne­ten Schule zu belasten, deren poli­tische Gegner nicht selten Positionen innehielten, die zum Beispiel bei der Bewerbung um Lehrstellen ausschlag­gebend waren.

 Im Mai 1922 wurde von den Stadt­verordneten der SPD, USPD, KPD, KAG (Kommunistische Arbeitsgemein­schaft) gemeinsam die Errichtung weiterer weltlicher Schulen bean­tragt. Diese Forderung hätte aufgrund des bestehenden Mehrheitsverhältnisses - von 54 Stadtverordneten gehörten 32 den sozialistischen Parteien an - auch durchgesetzt werden können. Der Antrag wurde jedoch durch den überschätzten Zulauf bald gegen­standslos. Von den ursprünglich vier weltlichen Schulen, die Mitte der 20er Jahre über insgesamt 29 Klassen ver­fügten, wurde die kleinste - sie war in der Schule Schüttendelle unterge­bracht - zuerst aufgelöst. 1930, als die Schülerzahl der drei Schulen zusam­men knapp über 500 lag, wurde die Schule Nordstraße aufgelöst. Die beiden verbliebenen weltlichen Schu­len, Handweiser und Stachelhausen, traf das gleiche Schicksal im ersten Jahr des Dritten Reiches.  (aus: “…aber die Jahre waren bestimmt nicht einfach. Remscheider Zeitzeugen berichten aus Kindheit und Jugend“. Von Gerd Selbach. Herausgegeben von der Volkshochschule der Stadt Remscheid 1985.)

 

„Konfessioneller Streit: „Die konfessionell ausgerichteten Schulen lagen untereinander oft in Streit. So beschimpften sich die Schüler der evangelischen Schule Osterbusch und die Schüler der katholischen Palmschule gegenseitig. Riefen jene: ,Katholische Pfaffen, mit Eier gesaffen, mit Mehl gerührt, zum Teufel ge­führt', dann antworteten diese: ,Euer Pfarrer war der Thümmel und drum seid ihr alle Lümmel'. Als Kind hab ich das immer gehört. Man hat auch mit den Katholiken nie ver­kehrt. Auch die Blagen haben nicht miteinander gespielt. Die evangelischen waren für sich und auch die katholi­schen. Unsere Oma litt nicht, dass wir mit den Katholiken spielten. Sie rief uns dann rein ins Haus. Der alte Remscheider war eben so."

Die Vereinsschule: „In meinem dritten Schuljahr wurde die alte Gewerbeschule, in die ich ein­geschult worden war, anderen Zwecken zugeführt. Wir mussten nun in die Vereinsschule, die sich am Rathausplatz befand. Es war ein altes Schiefergebäude, das eine Dependance mit zwei oder drei Klassen an der Al­leestraße hatte. Die alte Vereinsschule war hygienisch unmöglich. Ihre Klassenräume wurden beheizt mit riesigen Kanonenöfen, die in der Mitte des Zimmers standen. An der hinteren Wand hingen bei schlechtem Wetter all die nassen Mäntel, Jacken und Mützen. Eine Garderobe gab es nicht. Das erzeugte eine fürchterli­che Luft; gasig und feucht, durch die Ausdünstungen. Und dann diese glühendrot-gestochten Öfen. Da gab es oft verbrannte Finger. Ich glaube, es gab kein Kind, das nicht mal mit der Hand an den Ofen gekommen wäre. Die Schule war als fast baufällig be­rüchtigt."

„Dat es gries, Frollein": „Zu Hause wurde nur Platt gespro­chen. Meine Mutter, die eine ,Hergeluopene' war, sprach Remscheider Hochdeutsch. Als ich am 1. Mai 1908 eingeschult wurde, gab es Schwierig­keiten mit der Sprache. Mit dem Hochdeutschen hatte ich Streit. Fräu­lein Schürmann, unsere Lehrerin, fragte: ,Welche Farbe ist das?' -,Dat es gries'. - ,Nein, das heißt auf Hochdeutsch ,grau'. - ,Nee Frollein, do mott ech äwwer i'esch ming Oma frogen',"

Erste Bank, Erster: In unserer Schulklasse hatten wir noch die Sitzordnung. Jeder Schüler war daher bestrebt, vorne zu sitzen, denn unsere Lehrerin plazierte uns nach Leistung. Da hieß es dann: ,Setz dich eins rauf. Oder: ,Setz dich eins runter', wenn man Fehler gemacht hatte. Der Streit unter den Schülern ging um den Platz ,erste Bank, Er­ster.' Je schlechter man war, je weiter hinten saß man."

60 bis 70 Blagen: „1905 bin ich in die Schule Hölterfeld gekommen. Da saßen wir mit 60 bis 70 Blagen in einer Klasse. Da gab es nicht so kleine Klassen wie heute. Die Lehrer haben uns immer ein bisschen amüsiert, denn sie waren noch so altmodisch; altmodischer jedenfalls als wir. Die alten Lehrer hatten noch diese langen Gehröcke an. Die Leh­rerinnen waren ganz in schwarz. Sie hatten Kleider bis auf die Erde und waren zugeknöpft bis oben zum Kinn."


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