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Für Angebote von Ehrenamtlichen fehlt der Koordinator

473 Ehrenamtliche sind in Remscheid vielfältig unterwegs“ überschrieb der Waterbölles am 5. Dezember 2014 eine Meldung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. So viele Bürgerinnen und Bürger engagierten sich damals vor Ort allein in den verschiedenen Einrichtungen und Diensten des Verbandes. Insgesamt war die Zahl der Ehrenamtler in Remscheid allerdings zu dieser Zeit schon weitaus höher. Und mit der Zahl der Flüchtlinge stieg in Remscheid auch der Bedarf. Das machte im Dezember 2014 beim “1. Dialog Flucht“ im Rathaus Daniela Krein klar, die Geschäftsführerin des BAF e.V. ((Begegnen, Annehmen, Fördern), der die Remscheid zugewiesenen Flüchtlinge im Auftrag der Stadt betreut: „Wir könnten Unterstützung sehr gut gebrauchen. Unsere Mitarbeiter können gegenwärtig nur noch da helfen, wo die Not am größten ist!“

In Remscheid lebten damals 536 Flüchtlinge. Beim "2. Dialog Flucht" im März 2015 waren es rund 650. Und Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz zeigte sich begeistert darüber, was mit Hilfe von Haupt- und Ehrenamtlichen „in kürzestes Zeit an vielen Stellen entstanden ist“; er fügte hinzu: „Wir können noch weitere gut gebrauchen!“ Etwa bei der Hausaufgabenhilfe, als Begleiter bei Behördengängen oder als Paten für bestimmte Familien oder Einzelpersonen.

Beim 3. "Dialog Flucht" Mitte September 2015 lebten in Remscheid 1.450 Flüchtlinge, und so viele sind es auch heute noch. Wie viele Remscheider Bürgerinnen und Bürger sich ehrenamtlich um sie kümmern, hat wohl noch niemand gezählt. Ganze Familien sind hier im Einsatz.

Vergangenen Samstag hatten die Ehrenamtlichen nun im Saal des Jugendzentrums der Schlawiner in Klausen Gelegenheit, sich in gemütlicher Atmosphäre auszutauschen. Gastgeber war der Verein „Remscheid Tolerant“ e.V., vertreten durch Pfarrer Johannes Haun. Denise Abé (Grüne) und Antonio Scarpino (SPD) hatten das Treffen organisiert, das von der  Remscheider Journalistin Stefanie Bona moderiert wurde. Sandra Engelberg, Geschäftsführerin des Caritas-Verbandes Remscheid e.V., und BAF-Geschäftsführerin Daniela Krein hatten die Einladungen in ihren Kreisen breit gestreut. Gleichwohl blieb der Kreis, der sich bei den Schlawinern traf, doch recht überschaubar.
„Gibt es Momente oder Ereignisse, die die Ehrenamtlichen an ihrem Handeln zweifeln lassen? Gibt es Dinge, die geändert werden könnten oder vielleicht auch müssten? Diese Fragen standen auf der Einladung von „Remscheid Tolerant“ e. V. und zeigten auf: Es sollte darum gehen, die eigenen Erfahrungen mit denen anderer abzugleichen und dort, wo Schwachstellen erkannt werden, nach Lösungen zu suchen. Für Johannes Haun ein „Draufsehen auf die Flüchtlingsarbeit der Ehrenamtlichen“, um nicht zu sagen: eine Art Supervision für die Bürgerinnen und Bürger, die von den Flüchtlingen, die sie betreuen, viel Belastendes erfahren. In der Tat war am Samstag von „Einzelschicksalen die Rede, die unter die Haut geben“, von  „Schicksalen, die einen noch im Schlaf nicht mehr loslassen!“

Flüchtlinge: "Chaos verwalten" gilt auch im Kleinen“, titelte der Waterbölles am 30. November 2015 nach einem Helfertreffen im Saal des alevitischen Kulturvereins am Zentralpunkt. Die Zahl der Flüchtlinge in Remscheid war damals auf 1.220 angestiegen. AWO, Stadtteil e.V., BAF, Diakonie, Caritas und Schlawiner bezifferten die Zahl ihrer freiwilligen Helfer mit „etwa 155“ – und vermissten in den städtischen Notunterkünften „professionelle Strukturen“. Die damals erbetenen  Helferausweise gebe es bis heute nicht, kritisierte am Samstag Fritz Beinersdorf von den Linken.

Beim 2. „Dialog Flucht“ vor einem Jahr gab es eine ganze Reihe von Freiwilligen, die ihre Bereitschaft zur Mitarbeit erklärten  und sich in Listen eintrugen – und bis heute noch keine Rückmeldung erfahren haben, wie Teilnehmer des Gesprächskreises am Samstag berichteten. Weil die Art von Hilfe, die sie damals anboten, nicht gefordert ist? Oder weil es niemanden gibt, der die Hilfsangebote koordiniert? „Letzteres“, waren sich die Ehrenamtlichen einig. Daniela Krein hatte schon im November 2015 erklärt: „Wir haben einfach zu wenige Hauptamtliche. Alle gleichzeitig tätig werden zu lassen, das ließe sich gar nicht handhaben!“

Ob das denn nicht eine Aufgabe sei, die das Kommunale Integrationszentrum erfüllen müsse, wollte am Samstag jemand wissen. Das sei personell nicht dafür ausgestattet, antwortete Jutta Velte. Doch die grüne Landtagsabgeordnete hatte eine gute Nachricht: Das Land NRW wolle die Integrationszentren demnächst finanziell besser ausstatten. In diesem Zusammenhang meinte sie, es gebe in Deutschland keine Flüchtlings- sondern eine Verwaltungskrise: „Es fehlen die nötigen Strukturen!“ Zustimmung aus der Runde: Die Ehrenamtlichen könnten die Verwaltung bei der „Begleitung/Eingliederung der Flüchtlinge in die Gesellschaft unterstützen – „aber nicht umgekehrt!“

Die deutsche Bürokratie wird vielfach als Problem empfunden. „Welche juristischen, finanziellen und behördlichen Widerstände Flüchtlinge überwinden müssen, hätte ich mir nicht träumen lassen", sagte ein Helfer. Und ein anderer monierte, dass Flüchtlingen „auf dem Amt“ das Kleingedruckte in Papieren nicht erklärt werde. Beispiel: Ein Familienvater erhält eine auf zwei Jahre befristete Arbeits- und Duldungserlaubnis; man sagt ihm aber nicht, dass diese an seinen Arbeitgeber gekoppelt ist. Oder: Es könne vorkommen, dass die eine Behörde Hüh und die andere Hott sagt, sich beide also nicht abstimmen, so Johannes Haun. Da komme ein einzelner Ehrenamtlicher schnell an seine Grenzen. Etwa, wenn einer siebenköpfigen Familie samstags um 8 Uhr die Abschiebung nach Belgien droht, von wo sie eingereist war. „Dann braucht der Ehrenamtliche, der das verhindern will, ein gut funktionierendes Netzwerk!“

Gerade in den ersten Wochen in Deutschland sollte jedem Flüchtling/jeder Flüchtlingsfamilie ein Pate zur Seite stehen, forderten die Ehrenamtlichen. Denn was müssten die Neuankömmlinge nicht alles erfahren, angefangen von der Mülltrennung über Busverbindungen, Einkaufsmöglichkeiten, die nächstgelegene Kleiderkammer und den nächstgelegenen (Frauen-)Arzt. Das Problem für die Ehrenamtlichen: Wer möglichst vielen bei vielem helfen wolle, überfordere sich schnell. Die ehrenamtliche Arbeit müsse schließlich in den eigenen Alltag eingebunden werden.

Manche Helfer/innen engagieren sich emotionaler, als für sie selbst gut ist. Ein Beispiel: Eine ehrenamtliche Deutschlehrerin bringt einem jungen Afrikaner die Grundzüge der deutschen Sprache bei. Er kommt zu den Unterrichtsstunden regelmäßig. „Und dann kam er von einem Tag auf den anderen nicht mehr; er ist seitdem spurlos verschwunden!“ Abgetaucht, in eine eigene Wohnung gezogen oder in eine andere Notunterkunft in einer anderen Stadt verlegt? Die Remscheiderin wird es wohl nie erfahren.

Ist ein Sprachkursus zustande gekommen, können sich die Unterrichtenden über mangelnde Lernbereitschaft der Flüchtlinge in der Regel nicht beklagen. Im  Gegenteil: „Die meisten sind motiviert, dankbar und freundlich!“  Und dennoch: Die Teilnahme an einem Angebot Montagmorgens um 10 Uhr ist oft nicht gerade rege. Ein Helfer aus der Klauser Delle: „Das trübt dann unseren Optimismus deutlich ein!“ Er wolle ja auch nicht um eine Teilnahme an seinem Sprachkurs betteln müssen... Andererseits dürfe er auch keine zu hohen Erwartungen stellen, wurde ihm geraten, die die Betreuten nicht erfüllen könnten. Das Problem, wie es Erden Ankay-Nachtwein beschrieb, die Vorsitzende des Remscheider Integrationsrates: „Vereine oder regelmäßige feste Treffen, das gibt es in vielen anderen Ländern gar nicht. Das ist für viele Flüchtlinge eine völlig fremde Kultur!“ Das kann dann anfangs zu Zurückhaltung, wenn nicht gar Misstrauen führen. Und die Ehrenamtlichen? Ihnen riet Rolf Haumann, selbst ehrenamtlicher Helfer und Vormund eines alleinreisenden jugendlichen Flüchtlings: „Dranbleiben und Geduld aufbringen, bis Vertrauen aufgebaut ist!“ Gerade für traumatisierte Flüchtlinge sei es schwierig, sich zurechtzufinden, meinte Björn Gottschalk (SPD). „Die haben anfangs noch gar nicht den Nerv, sich auf die neue Gesellschaft einzustellen!“ Ohnehin werde es fünf bis sechs Jahre brauchen, bis ein erwachsener Flüchtling halbwegs in die deutsche Gesellschaft hineinwachse. Das beginne mit einem sicherten Aufenthaltsstatus natürlich schneller. „Je länger jemand warten muss, desto größer wird seine Resignation!“, so Volker Beckmann (3. Weltladen).

Im Vergleich zu den Erwachsenen fiele es Kindern viel leichter sich zu integrieren, berichtete Annedore Brüninghaus, die am Eisernstein Flüchtlingskindern bei den Hausaufgaben hilft. Ihre Erfahrung: „Kinder sind die besten Transporteure, wenn es gilt, ihren Eltern etwas zu vermitteln!“ Und auch schlimmere Fluchterlebnisse könnten sie schneller verarbeiten (vergessen?) als Erwachsene.

Unter den Flüchtlingen seien viele Analphabeten, wurde berichtet. Sie können mit Handzetteln, in denen Sprachkurse o.ä. a geboten werden, nichts anfangen, selbst in ihrer Muttersprache nicht. Werden sie nicht direkt darauf angesprochen, erfahren sie von den Hilfsangeboten nichts. Die drei Sozialarbeiter der BAF und deren angestellter Jurist können das allein nicht. Bei insgesamt 1.400 Flüchtlingen entfällt auf jeden Einzelnen nur eine sehr geringe Beratungszeit. Viel Zeit geht auf für die Anfahrt drauf. Denn inzwischen leben 260 Flüchtlingsfamilien nicht mehr in Heimen, sondern in Wohnungen, die die Stadt angemietet hat. Darunter sind auch jungen Männer. „Sie drohen in den Wohnungen zu vereinsamen, wenn sie keinen Paten haben!" Und: „In den Notunterkünften fehlen Betreuer, die die Angebote der Ehrenamtlichen vermitteln“, hieß es am Samstag unisono, wobei die „logostische Schwerstarbeit“ der Hauptamtlichen durchaus anerkannt wurde.


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Kommentare

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Oliver Witte am :

Es ist schon interessant, diesen Artikel zu lesen. Einen ganz bitteren Beigeschmack bekommt die ganze Sache, wenn man sich vor Augen führt, dass nicht unerhebliche Summen von einigen Organisationen eingestrichen wurden, welche eben gerade dazu dienen sollten, die Ehrenamtlichen zu fördern und zu begleiten. Es wäre durchaus mal wissenswert, was denn mit diesen Fördergeldern tatsächlich passiert ist.

Lothar Kaiser am :

Wie Sevinc Brilling, die Leiterin des Kommunalen Integrationszentrums, gestern im Jugendhilfeausschuss berichtete, werde dort derzeit an zwei Liste gearbeitet, die künftig in der Flüchtlingshilfe sicherlich gute Dienste leisten werden (und dort seit langem vermisst werden): Die eine soll mit Namen, Zeiten und Orten verraten, wer was in Remscheid in ehrenamtlicher Arbeit für Flüchtlinge anbietet, und die andere soll speziell das Angebot an Sprachkursen auflisten.

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