Skip to content

Anzeige

Bau-Innung Remscheid Innung für elektrotechnische Handwerke Remscheid Fachinnung für Metall- und Graviertechnik Innung für Sanitär- und Heizungstechnik Remscheid
Dachdecker-Innung Remscheid Friseur-Innung Remscheid Maler- und Lackierer-Innung Remscheid Kraftfahrzeughandwerk Remscheid

Die kleine Ausreißerin

von Alma Mühlhausen

Nicht ganz zwölf Jahre war ich alt, als unser Lehrer mit vier seiner besten Aufsatzschreiber, zu denen ich glücklicherweise auch gehörte, als Belohnung einen Ausflug nach Schloss Burg machte. Heute noch wie damals weiß ich um die Mühe, die es uns machte, den steilen Schlossberg zwischen einer Wildnis von Eichenstrubben hinaufzukraxeln. Die breite Verkehrsstraße, die heute vom Burger Bahnhof zum Schloss verläuft, war damals noch nicht gebaut. So waren wir denn froh, als wir am Schloss, unserer Grafenburg, landeten, deren Ruine ringsum von Gerüsten umgeben war, auf denen die Handwerker sich wie Ameisen tummelten.

Während der Besichtigung des Schlosses, dessen Aufbau rüstig voranschritt, stahl ich mich von den anderen fort und setzte mich unterhalb der zerbröckelten Schlossmauer auf die Wiese. Es war ein herrlicher Sommersamstag. Der Wind trug den Duft der Heide vom nahen Hügel zu mir herüber. Besonders aber fesselte mich der Anblick der Landschaft, die sich in ihrem eigenartigen Reiz vor mir ausbreitete. Wie mit Waldgrün bekränzt, schauten die Stirnen der Berge zu mir herüber. Tief unten aus dem Städtchen Burg aber stieg der Schall froher Wanderlieder und lustiger Peitschenknall empor bis in meine grüne Einsamkeit.Während ich still im duftig-weichen Gras saß, überkam mich ein eigenartiges Gefühl. Was ich damals in meinem kindlichen Gemüt noch nicht wusste, ist mir später mit aller Deutlichkeit offenbar geworden: In dieser Stunde wurde die Liebe zu meiner bergischen Heimat geboren; sie drängte mich, ihre Schönheit in Versen zu besingen. Ich öffnete mein Riedkörbchen, das auf seinen vier Holzfüßchen neben mir im Grase stand, und entnahm ihm Bleistift und Oktavheft und . . . schrieb. Schrieb so, wie ein noch nicht zwölfjähriges Kind schreiben musste, das sich zum ersten Male der ganzen Schönheit seiner Heimat bewusst wird. Vom Eschbach, vom Städtchen Burg und vom Schloss „dichtete" ich drauflos.

Kaum hatte ich die letzte Zeile beendet, als eine Stimme mich aus meiner Träumerei riss. „Da ist ja die Ausreißerin", rief Lehrer Kemper und griff nach meinem Oktavheftchen. Als er einen Blick hineingetan hatte, sagte er mit einer Stimme, die mir die Röte der Verlegenheit ins Gesicht trieb, zu den anderen Schülern: „Sie hat wahrhaftig gedichtet." In die Erde hätte ich kriechen mögen, als ich das höhnische Grinsen meiner Schulgefährten sah. Unwillkürlich sprang ich auf und wollte mich meines Heftes wieder bemächtigen, doch Lehrer Kemper steckte es in seine Rocktasche und erklärte: „Das nehme ich vorläufig an mich."

Am übernächsten Tag rief mich unser Lehrer zu sich ans Pult und befahl mir, mein „Gedicht" vor versammelter Schulklasse vorzulesen. Mein Sträuben half nichts. Mit stockender Stimme las ich. Bei den Schlussworten angelangt, dröhnte aus den Jungenbänken lautes Gelächter. Mit einigen Schritten eilte unser Lehrer dorthin und verabreichte dem Übeltäter zwei schallende Ohrfeigen. Als ich schüchtern hinschaute, traf mich aus den Augen meines Schulkameraden ein Blick, der nichts Gutes ahnen ließ. Und meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Während ich mich in den Pausen in der Nähe der Lehrer aufhielt, traf mich dann die Rache auf dem Heimweg desto ärger. Mein Schulkamerad verhaute mich mit dem Lineal derart, dass mir Hören und Sehen vorging. Dabei schrie er: „So, dat häßde förr dien blödsenneg Gedicht. Nu kaßde op die Hau wier en nöiet maaken." Laut heulend steckte ich mein „Honorar" ein und lief nach Hause. Doch so schmerzhaft auch mein erstes Honorar war — abgeschreckt hat es mich nicht. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von  Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)


Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Formular-Optionen

Die einzelnen Beiträge im "Waterbölles" geben allein die Meinung des Autors / der Autorin wieder. Enthalten eingeschickte Texte verleumderische, diskriminierende oder rassistische Äußerungen oder Werbung oder verstoßen sie gegen das Urheberrecht oder gegen andere rechtliche Bestimmungen oder sind sie nicht namentlich gekennzeichnet nebst E-Mail-Adresse, werden sie nicht veröffentlicht. Das gilt auch für substanzlose Bemerkungen ("Find ich gut/schlecht/blöd...etc."). Aus den oben genannten juristischen Gründen sowie bei längeren Texten sind auch Kürzungen nicht ausgeschlossen.

Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!