Skip to content

Anzeige

Bau-Innung Remscheid Innung für elektrotechnische Handwerke Remscheid Fachinnung für Metall- und Graviertechnik Innung für Sanitär- und Heizungstechnik Remscheid
Dachdecker-Innung Remscheid Friseur-Innung Remscheid Maler- und Lackierer-Innung Remscheid Kraftfahrzeughandwerk Remscheid

Pfingstausflug in alter Zeit

von Alma Mühlhausen

Seit langem schon war es bei den Skatfreunden beschlossene Sache, den Familienausflug diesmal nicht zum „Sti'enernen Krüzz", sondern nach Burg zu machen. Und es schien, als wären die Skatfreunde und ihr Vorhaben dem Petrus besonders sympathisch, denn eine strahlende Sonne lachte aus seidenblauem Himmel hernieder. Da war es kein Wunder, wenn in dem mit Birkenreisern und Hainbuchenlaub geschmückten Ort eine glänzende Stimmung herrschte. Schon kurz nach dem ersten Hahnenschrei hatte der Gesangverein die Hofgemeinschaft mit seinen pfingstlichen Liedern aus den Federn geholt, und die Feuerwehrkapelle hatte das ihrige mit der Lautstärke ihrer Blasmusik dazugetan.

Vor dem Hause des Friseurs Emil Barke, der sein ambulantes Gewerbe vorwiegend in Schmieden, Haustuben und Werkstätten ausübte, hatte sich eine festlich gekleidete Gesellschaft eingefunden. Und wie „Staats" hatten die Mütter ihre Kinder gemacht! Große Strohhüte mit bunten Bändern beschatteten die Gesichter der Jungen und Mädchen. Friedchen, die elfjährige Tochter des Drechslermeisters Müller, putzte alle Augenblicke an den Lackspitzen ihrer Knopfstiefel mit dem Taschentuch herum. Und das sechsjährige Pitterken, dem eine Botanisiertrommel über die Schulter hing, ließ jeden seine Kanonenstiefel bestaunen.

Ungeduldig trippelten die Kinder umher und schauten die Straße hinab, ob die letzten säumigen Teilnehmer noch nicht in Sicht waren. Da stürmte plötzlich et Fränzken auf den Platz und schrie: „Se kuomen! Äwer Se brängen dat eklege Selma met." Ein unwilliges Gemurmel ging durch die Reihen. „Wat?", grollte der Müllers Otto, „Et Selma? Dat fehlt us noch. Werr heet dat dann egeladen?" Dat sall wall dr Baatschräbber om Gewessen han . . . böss stell, Emil, dat es su", sagte der Fennand. „Äwer", fuhr er fort, als er die betretenen Gesichter sah, „söffer us denn Dag nit met dem Selma verderwen. Ech hault et en Räsong, do kaffier ech vür."

Die letzten Worte des Fennand waren kaum verständlich, da die Gruppe soeben den Platz betrat. Die Kinder aber konnten ihre Antipathie Selma gegenüber nicht verbergen. Und recht hatten die Kleinen schon. Selma, ein älterer Jahrgang, vor der seinerzeit der Bräutigam ausgekniffen war, schaute unter ihrem wagenradähnlichen Hut, der mit lila Flieder garniert war, mit verkniffenem Gesicht in die Runde. Dabei fuchtelte der rüschenbesetzte Son­nenschirm drohend in der knochigen Hand. Selma war überall als Kinderfeindin bekannt und hatte keinen freundlichen Blick, geschweige ein freundliches Wort für sie übrig.

Emil aber ließ keine weitere Verstimmung mehr aufkommen und rief dem Ziehharmonikaspieler zu, er möge mit der Musik beginnen. Dann wurden die Kinder in Dreierreihen aufgestellt, und mit dem Liede „Das Wandern ist des Müllers Lust" setzte sich der Zug in Bewegung. Selmas hagere Gestalt blieb dabei in der Nähe Emils, was die übrigen Ausflügler belustigt feststellten.

Immer heißer brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel herab, und die Kinder fingen an, über Durst zu klagen. Da ihnen die Mütter verboten hatten, vor dem Endziel die Himbeerwasserflaschen zu leeren, stellten die durstgeplagten Blagen ihr Singen ein und schmollten. Emil aber wußte sie zu trösten. „Noch fouf Minuten on wier sind bim Rosettchen am Pötthüsken. Do können gett önk satt drenken. Äwer nu sengent uoch roier." Das half. Und die Lautstärke des Gesanges bewies, dass sie sich beruhigt hatten.

Rosettchen, die in der Nähe Ehringhausens wohnte und an heißen Tagen die durstigen Wanderer aus ihrem Pött labte, rief den Ankommenden schon von weitem zu: „Passent op die Kenger op, datse nit su noh ant Pött gönnt on an dr Kolv drehen. Ech kuom förr gi'en Oglöck op."

Auf dem Tisch neben dem Pötthüsken standen große Gläser bereit, die mit dem köstlichen, kühlen Brunnenwasser gefüllt werden sollten. Und wie herrlich schmeckte das Getränk, das Rosettchen jedesmal mit einem Schuß Himbeersaft mischte! Für zwei Gläser ihres Getränks kassierte sie jedesmal vier Pfennig. Das war dann der Verdienst der tüchtigen Rosette. Da klapperten dann die Kupfermünzen in den bereitstehenden Teller, da auch die Frauen sich an dem kühlen Getränk erfrischten. Die Männer aber holten aus ihrem Joppenversteck den „Platten Kaal" hervor und taten sich am „Brandewien" gütlich.

Dann ordnete sich der Zug wieder und weiter ging's auf Burg zu. Dort herrschte auf der schmalen Eschbachstraße ein beängstigender Verkehr. Es wäre unmöglich gewesen, einen geeigneten Raum zum Verweilen zu finden. Von den Müttern unterstützt, geleitete Emil die Kinder sicher hinter dem „Schürchen" (alte Burger Ortsbezeichnis, rechts von der Schloßbergstraße) her den schmalen Pfad hinauf zum „Weißen Stein". Dort bog Emil ab und führte die Ausflügler in die schattige Kühle des Bergwalds. Auf einer eichenumstandenen Lichtung hieß Emil alle, es sich bequem zu machen. Hier wäre das Ziel; und hier würde auch zu Mittag ge­gossen, erklärte er.

So saß man dann, nachdem die Mütter mit ihren Kindern aus dem Dickicht, in das sie für einige Minuten verschwunden waren, wieder zum Vorschein kamen, zwanglos im Kreise auf dem weichen Waldboden. Dann hieß es plötzlich: „Proviant hervorholen", was von allen begeistert akzeptiert wurde. Als der große Henkelkorb geöffnet wurde, schrien die Kinder vor Freude auf, als die dick mit Bratwurst belegten Schnitten zum Vorschein kamen. Anschließend wurden aus Botanisiertrommeln und Riedkörbchen die Himbeerflaschen geholt, und ein lustiges Schmausen begann.

Selma, die nichts zu den Bratwürsten hinzugespendet hatte, ging leer aus. Doch Selma brauchte durchaus nicht zu hungern: Ein riesiges Paket Puffertskuchen kam aus dem Schlund ihres Pompadours ans Licht. Das rief bei den Erwachsenen ein Schmunzeln, bei den Kindern hingegen ein schallendes Gelächter hervor. Das Puffertskuchen-Menü gab sogar dem Emil zu denken, und dankend lehnte er ab, als ihm Selma etwas abgeben wollte. Als alle gesättigt waren, riet Emil, sich ein wenig auf den nadelbedeckten Boden hinzulegen; man sei dann nachher wieder frisch, wenn's nach Hause ginge. Das leuchtete sogar Selma ein. Sie stellte ihren Puffertskuchenbehälter unter einen Eichenstrubben und bettete sich hin. Als lautes Schnarchen bewies, dass Selma eingeschlafen war, kam für et Fränzken und et Hermännchen die Zeit ihres Handelns. Heimlich ergriffen sie Selmas Tasche und verschwanden damit unbemerkt im Busch, um sie nach einiger Zeit wieder behutsam unter den Strubben zu stellen.

Dann wurde es Zeit zum Aufbruch. Emil beauftragte den Ziehharmonikaspieler, mit seiner Musik die Schläfer zu wecken. Im Nu wurde es im Busch lebendig. Auch Selma erhob sich und griff nach ihrer Tasche. Doch kaum hatte die Ärmste einen Griff hineingetan, als sie einen gellenden Schrei ausstieß. Entsetzt eilten alle herbei, und da sahen sie die Bescherung: Zwei Frösche, dicke rosarote Wegschnecken und ein ameisengefülltes Grasbüschel quollen hervor und suchten ihren Weg in die Freiheit. Selmas spitzenbesetzter Sonnenschirm aber hing wie eine „fliegende Untertasse" hoch im Tannenbaum. Wo waren die Übeltäter? Wie von Furien gehetzt, jagte Selma, Schirm und Tasche zurücklassend, aus dem Busch und ward auf dem Heimweg nicht mehr gesehen. Et Hermännchen und et Fränzken aber erklärten, als ihnen Strafe angedroht wurde: „Et heet us de ganze Tied geknufft on geärgert."

Nachdem sich Emil der Nachlassenschaft Selmas angenommen hatte, stellte sich der „Zug" wieder auf, und mit Musik und Gesang ging's zurück auf die Berge. Auf Ehringhausen aber wurde beim Rosettchen noch eine Erfrischung aus dem „Pötthüsken" zu sich genommen. Als sich die ersten Dämmerschatten über die Landschaft legten, war man zwar müde, aber vollauf von dem schönen Ausflug befriedigt wieder daheim angelangt. Selmas Abneigung gegen die Kinder hatte sich seit diesem Geschehen geradezu in Feindseligkeit verwandelt, und die Blagen gingen der Querulantin aus dem Wege, wo immer sie auftauchte.


Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Formular-Optionen

Die einzelnen Beiträge im "Waterbölles" geben allein die Meinung des Autors / der Autorin wieder. Enthalten eingeschickte Texte verleumderische, diskriminierende oder rassistische Äußerungen oder Werbung oder verstoßen sie gegen das Urheberrecht oder gegen andere rechtliche Bestimmungen oder sind sie nicht namentlich gekennzeichnet nebst E-Mail-Adresse, werden sie nicht veröffentlicht. Das gilt auch für substanzlose Bemerkungen ("Find ich gut/schlecht/blöd...etc."). Aus den oben genannten juristischen Gründen sowie bei längeren Texten sind auch Kürzungen nicht ausgeschlossen.

Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!