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Wo die weiße Stille spricht

von Alma Mühlhausen

Zu jeder Jahreszeit ist das Eschbachtal eines unserer reizvollsten Täler. Ob im Frühling die Birken durch den dunklen Tann ihre zartgrünen Schleier weben, im Sommer die Wiesen sich mit bunten Blumen bekränzen, im Herbst der Bergwald in Farben loht, die Heide ihren violetten Blütenschimmer über die Hänge streut, oder der Winter den Bergwald in Millionen Eiskristallen sprühen lässt — immer entbietet das Tal dem aufnahmefähigen Auge seine eigenartigen Schönheiten.

Seinen märchenhaftesten Zauber aber schenkt das Tal dem Wanderer zur Winterzeit, und um diesen au/zunehmen, gingen wir an einem frostklaren Silvester-Nachmittag vor Dielen Jahren, als noch die Hämmer und Kotten ihr fleißiges Arbeitslied sangen, durchs Eschbachtal.

Tief duckten sich die Tannen unter der weißen Last, und die hohen Eichen standen wie schneevermummte Wächter am Waldessaum, als wir durch die traumhafte Stille den Rattenberg hinabgingen. Wie ein großes Eisauge schaute der „Engels Diek" aus der Vertiefung hervor, als wir mit scheuen Füßen, um das weiße Schweigen nicht zu stören, auf dem schmalen Pfad (heute „Rund um Remscheid“) hinabgingen. Dann nahm uns das glatte, weiße Band der Landstraße auf.

Im Freunds-Kotten herrschte noch emsiger Betrieb, das konnten wir an dem kreischenden Geräusch wahrnehmen, während in der Bohrerfabrik Hasenclever am Heintjeshammer Feierabendruhe war. Kinderjubel klang uns ent­gegen, als wir uns der Heintjesmühle näherten. Eine schlittschuhlaufende Schar tummelte sich auf der Eisdecke des Löwenteichs, während vor der Gaststätte Dörpfeld Pferdeschlitten parkten. Selten begegnete uns ein Wanderer bis zur bekannten Gaststätte Langenohl in der Zurmühle. Prächtige Luxusschlitten standen dort auf dem schmalen Vorplatz. Wie aus Silber schienen die Behänge an den Geschirren. Neugierig schauten wir in das Innere der Herrschaftsschlitten und bestaunten die roten Plüschbänke.

Immer tiefer wurde die Stille, als wir dann weitergingen. Nur der Bach sang leise seine Plätscherweise, und das Geklingel der zuweilen vorbeigleitenden Schlitten war zu hören.

Im Heienbruchshammer wurde noch fleißig gearbeitet, und das Pochen uns eine Weile am Wegrand der ehernen Melodie lauschen. „Hier wird Stahl auf Eisen geschmiedet", sagte ich zu meiner Begleiterin. Die Brombeerhecken, die uns eine Strecke begleiteten, hatten ihre Schneewolldecken tief über ihre stellenweise noch grünen Ranken gezogen. Wie Blutstropfen lugten die roten Beeren der Stechpalme aus dem Schnee. Links schob sich der Bergwald wie eine märchenschöne Kulisse hinter das Tal, und die traumhafte Stille umgab uns immer tiefer. Da huschte ein Vogel durchs Geäst, und die Zweiglein stäubten erschreckt ihre weiße Last zur Erde. Wir wagten kaum zu atmen, um den Frieden nicht zu stören, und mir war, als müsste ich mahnen:

„Der Bergwald schläft. O störet nicht den Frieden dieser Stunde. Hier, wo die weiße Stille spricht, macht Gott im Tann die Runde ..."

Am Neuenhammer war das Rad im Eise verkrustet, doch auf dem eisbedeckten Teich vergnügte sich keine schlittschuhlaufende Jugend. Mittlerweile war es so kalt geworden, dass uns der Atem vor'm Munde gefror. „Wie ein Mär­chen", meinte plötzlich meine Freundin und beugte sich über die Böschung, wo aus dem Schnee eine frischgrüne Efeuranke hervorlugte. Ich glaubte nicht fehl zu gehen, wenn ich annahm, dass im Augenblick unsere Gedanken die gleichen waren: Dass alles Leben auch unter Eis und Schnee weitertreibt, und beim göttlichen „Es werde" der Bergwald zu neuem Blühen und Schenken bereit ist.

Wie verwunschen lag die Ausflugsstätte Altenhammer im Schnee und zahlreiche Pferdeschlitten zeugten davon, dass die Wirtschaft Donath großen Betrieb hatte. Schon kamen aus dem Schankraum Burger Brezelbäcker mit ihren leeren Kiepen heraus. Gute Geschäfte mussten sie gemacht haben, denn da war kein „Nöijöhrken" und kein Neujahrsplatz mit der Flöte mehr im Schlund der Kiepe zu finden. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von  Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

Bevor wir den Heimweg durch den steilen Wald hinauf über Ehringhausen antraten, warfen wir noch einen Blick durch die blinden Scheiben des Schleifkottens rechts neben dem Wohnhause. Da stand der Schleifer noch arbei­tend vor dem Schleifstein, und jedes Mal gab es ein kreischendes Geräusch, wenn der Mann das Schleifholz mit der Feile gegen den laufenden Stein hielt. Warum mochte der Mann am letzten Tag des Jahres wohl noch so fleißig arbeiten, wunderten wir uns. Doch die Antwort gab uns der Schleifer selbst, als er uns erspähte und lächelnd hereinwinkte. Eine wohlige Wärme umfing uns in dem Kotten, Don dessen Wänden das Wasser tropfte. Auf seine Aufforderung: „Settent önk en betschen", nahmen wir auf einer Feilenkiste Platz; und hier erzählte uns der Schleifer, warum er am Silvestertag noch arbeiten müsse. „Wat denkent gett, wat us dat Arbett gekost hat, dat Rad Dam Ies fre'i te maken. On nu motten vier et am Luopen haulen, dornet et nit wier enfrüst. Gliek kömmt mienen Afflüeser, dann kann ech hi'emgonn".

Der Heimweg, die Höhe hinan, durch den winterlichen Wald, war wie ein Schreiten durch Märchenland. Und keinerlei Angst empfanden wir, wenn aus dem Dickicht des Waldes, über den sich schon die Abendschatten lagerten, ein gurrendes Wispern, wie Koboldlachen klang. Beglückend fühlten wir, als wir wieder zu Hause angelangt waren, dass die reinste Freude und Schönheit dort zu finden ist, wo Gott in seinem herrlichen Schöpferwerk, der Natur, spricht.


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