Skip to content

Anzeige

Bau-Innung Remscheid Innung für elektrotechnische Handwerke Remscheid Fachinnung für Metall- und Graviertechnik Innung für Sanitär- und Heizungstechnik Remscheid
Dachdecker-Innung Remscheid Friseur-Innung Remscheid Maler- und Lackierer-Innung Remscheid Kraftfahrzeughandwerk Remscheid

Kindtaufe mit verstopfter Dröppelmina

von Alma Mühlhausen

Im Hause des Kleinfabrikanten Anton H. roch es vom Speicher bis hinab zur Deel nach frischgeschrubbten Brettern und schwarzer Seife. Da es ein gewöhnlicher Werktag war, deutete dies auf ein festliches Ereignis hin. Und wer einen Blick in die große Staatstuov warf, konnte feststellen, dass hier eine Kindtaufe stattfinden sollte. Auf den mit schneeweißem Linnen behängten Tischen, auf denen die herrlichsten Genüsse aus Selbstgebackenem standen, thronte an der Kopfseite des ersten Tisches der traditionelle, von einem Konditor gebackene Königskuchen, der als Zierde in der Mitte einen Zucker-Klapperstorch zeigte. Es war vielfach Sitte, dass jeder geladene Gast sich nur ein Stück davon nehmen durfte. Mehr davon nehmen, verstieß gegen die ber­gische Sitte.

Der Taufvater, der seinen ehemaligen Hochzeitsanzug schon bei den Taufen seiner fünf Sprösslinge getragen hatte, kam sich, da er inzwischen sehr in die Breite gegangen war, in dem Diel zu engen Schleppenkamisohl wie in einer Zwangsjacke vor. Bei jeder Bewegung krachte es in den Nähten, als würde eine Geigensaite misshandelt. Wütend hatte der Anton eben noch seiner Mathilde erklärt, dass es beim sechsten Sprössling mit der Nachkommenschaft endgültig Schluss wäre, da er sich für einen siebten keinen neuen Anzug leisten wolle. Frau Mathilde, die soeben nach gründlicher Säuberung die drei ältesten der wie Orgelpfeifen aufgewachsenen Kinder „Staats" gemacht hatte, nickte zu dieser Äußerung bejahend und befriedigt. Nachdem die Mutter den Kindern noch eingeschärft hatte, dass sie nicht mehr als ein einziges Stück von dem Königskuchen nehmen dürften, brachte sie die drei dann auf ihre Plätze am Tisch.

Mittlerweile hatte sich die Stube mit Geladenen gefüllt, und alle harrten des Pfarrers, der auch bald danach erschien. Nachdem der Taufakt vollzogen war, konnte der Schmaus beginnen. Doch während die Anwesenden auf den Ausschank des herrlich-duftenden Kaffees warteten, streikte plötzlich die Dröppelmina: sie ließ kein einziges Tropf lein durch ihr Kränlein dröppeln. Da man um die Begebenheit wusste, dass der Pfarrer auf einer Kindtaufe den Kaffee abgelehnt hatte, als die Hebamme das verstopfte Kränchen mit einer Haarnadel aus ihrer Flechtenkrone geöffnet hatte, wagte man nicht, nach dieser „Ersten Hilfe" zu greifen. Nach vergeblichen Bemühungen, die Dröppelmina ans Dröppeln zu bringen, riet jemand, den Kaffee doch in die emaillierten Kaffeetöpfe zu schütten. Aber eine Kindtaufe ohne die bergische Kränchenkanne wäre gegen alles Herkömmliche gewesen!

Während man noch hin und her sann, kam der Hausfrau ein Gedanke. Sie verschwand in der Schlafstube, um nach einer Weile mit einem winzigen, in gelbes Papier gehüllten Gegenstand wieder zu erscheinen. „Küken Se, Herr Pastor", wandte sich Frau Mathilde an den Pfarrer, mährend sie ihm das Päckchen neuer, ungebrauchter Haarnadeln hinhielt, „dat können Se doch sehen, dat die noch neu sind." Und ohne eine Antwort abzwarten, bog die Hausfrau die Haarnadel zurecht und bearbeitete damit den Kanal des Zinnkannen-Kränchens. Und et Dröppelmina dröppelte, nein, et ließ den braunen Trank direkt herausströmen. Alle Gesichter strahlten, sogar der Herr Pastor schmunzelte und ließ sich gern sein Köppken füllen.

So war dann die Situation gerettet, und das Schmausen begann. Aber die Weisheit des Sprichwortes, dass Kinder und Narren die Wahrheit sagen, sollte durch den Mund Fritzchens bewahrheitet werden. Der fünfjährige Knirps, der sein Stück Königskuchen längst vertilgt hatte, und der, der Ermahnung der Mutter eingedenk, kein zweites Stück mehr essen durfte, bemerkte, dass sich der Pfarrer ein zweites Stück auf den Teller langte. „Mama", rief der Bönsel wütend, „wier dörrven bluos i'ent eten, dr Paschtuor äwer hat sech alt et twedde Stock gekregen." Dabei schoss et Fritzken wütende Blicke zum Pfarrer hin, der in Unkenntnis der Sitte gehandelt hatte und nun mit rotem Kopf peinlich verlegen zwischen den bestürzten Gästen saß. Als die Stimmung auf den Nullpunkt schier gesunken war, meldete sich der Schreinermeister Klein und klärte den Pfarrer auf. Dann bat er ihn, sein Stück Königskuchen getrost zu essen, da es ihm von allen gegönnt wäre.

Als wären diese Worte ein Signal gewesen, brachen alle Anwesenden in ein befreiendes Lachen aus, in das der Pfarrer fröhlich mit einstimmte. In Zukunft aber gab sich der Pfarrer Mühe, die Gebräuche bei bergischen Kindtaufen zu beachten. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von  Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)


Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Formular-Optionen

Die einzelnen Beiträge im "Waterbölles" geben allein die Meinung des Autors / der Autorin wieder. Enthalten eingeschickte Texte verleumderische, diskriminierende oder rassistische Äußerungen oder Werbung oder verstoßen sie gegen das Urheberrecht oder gegen andere rechtliche Bestimmungen oder sind sie nicht namentlich gekennzeichnet nebst E-Mail-Adresse, werden sie nicht veröffentlicht. Das gilt auch für substanzlose Bemerkungen ("Find ich gut/schlecht/blöd...etc."). Aus den oben genannten juristischen Gründen sowie bei längeren Texten sind auch Kürzungen nicht ausgeschlossen.

Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!