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Bergische Hochzeit in alter Zeit

von Alma Mühlhausen 

Ech wi'et noch wie du sonndaas kohms tom i'eschten Mol ent Hus, on op dr Bank dann Platze nohms bie mir tom stellen Schmus ...

Vor 60 bis 80 Jahren, als das Wohnungsproblem noch leicht zu lösen war, und seine Majestät das Wohnungsamt, noch nicht regierte, hatten es die jun­gen Leute durchaus nicht so schwierig wie heute, einen Hausstand in eigener Wohnung zu gründen. Auch das seufzerumrahmte Wort „Baukostenzuschuss" belastete noch nicht die Gemüter. Und doch, liebe Jugend, würdest du lächeln über die Zumutung, auf nachstehend geschilderte Weise deinen Hausstand aufzubauen. Daher höre einmal zu, wenn ich dir die „Fre'itied" und die Heimausstattung deiner Vorfahren schildere.

Meistens fing es so an: Auf einem Turn- oder Feuerwehrfest hatten sie sich kennengelernt und Gefallen aneinander gefunden. Und „Er" sowie „Et" trafen sich in der Folgezeit heimlich. Doch diese Heimlichkeit war nicht von Dauer. Die Sache wurde „lubber" und das Getuschel drang bis zu den Ohren der Eltern des Mädchens. Nun musste „Et" Farbe bekennen und den „Jongen" mitbringen. Der wurde uon der „Motter" scharf unter die Lupe genommen. (Ganz wie heute.} Der „Vatter" hatte gerade seinen „Ennonger" gehalten und saß nun zeitunglesend in der Ofenecke, als ihm der junge Mann vor-gestellt wurde. Ein scharfer, musternder Blick durch die Brillengläser, ein Nicken, dann vertiefte sich der „Aul" wieder in seine Zeitungslektüre.

Inzwischen hatte die „Motter" den Kaffeetisch gedeckt, und bald saß man ge­mütlich beisammen, der Freiersmann wurde unaufhörlich „tom Tuotasten" genötigt. Dabei unterließ es die angehende Schwiegermutter nicht, den „Jongen" darauf hinzuweisen, „dat Et die Waffeln und den Riesbre'i" hergestellt hatte.

Nach dem Kaffeetrinken saßen die jungen Leute nebeneinander auf der Lehnebank. Ein Kanapee sah man damals noch selten in den Stuben unserer Vorfahren. Das war in alter Zeit noch ein Luxusgegenstand. So ging der Sonntagnachmittag unter Erzählen und Fragen aller Art dahin. Die Mutter achtete streng darauf, „dat sech dat We'it niks te schuolen kuomen li'et", musste man doch nicht, wie die Sache auslief.

„Die Motter li'et us nit alleng. Sie troud'n us Tweien nit. Ogott, wat deit die Motter kleng, us Si'el, die wor su witt..."
Bis zum Abendessen konnte der junge Mann bleiben. Dann durfte ihn das Mädchen bis an die Haustüre begleiten. Und dieses kurze Beisammensein entschädigte die beiden für den Nachmittag, der unter mütterlicher Kontrolle gestanden hatte.

 

Gefiel der junge Mann, durfte er wiederkommen. Und Weihnachten schenkte „Et" ihm gestickte Schuhe und „Er" ihm einen Ballschal oder auch eine Granatbrosche. Das richtete sich natürlich nach den geldlichen Verhältnissen des ,Jongen". Auch war es Sitte, dass man sich zu Weihnachten „de Reng gov". Verlobungsfeierlichkeiten umrahmten diese kaum. In der darauffolgenden Zeit wurde mit allen Kräften auf die Hochzeit hingearbeitet. Da mussten def­tige Möbel aus bestem Holz beim Schreiner bestellt werden. „Et" nähte Wäsche und häkelte bis in die Nacht hinein Deckchen und Spitzen und verfertigte Bettvorleger aus Wollresten. Bettumrandungen . . . ? Nein, die kannte man nicht. Auch mussten mindestens zwölf Paar schwarze, rechts und links gestrickte Wollstrümpfe im Leinenschrank liegen, damit es nicht hieß: „Drüewer fix, on dronger niks".

Endlich war es soweit, dass man sich einschreiben ließ, um dann am darauf­folgenden Samstag „Hieling" zu feiern. Dabei ging es allemal hoch her. Der damaligen Sitte gemäß machte ein eigens dafür bestimmter Mann mit der buntbebänderten Flasche die Runde durch den Hof, um allen Bekannten „einen auszuschütten". Und groß war die Zahl der Geladenen, die sich abends beim Bier, dem „Stakeser Kloeren", dem süffigen Fruchtschnaps und dem für die „Fraulütt besternten Süeten" bis in die Morgenstunden gütlich taten.

Befassen wir uns jedoch mit den Hochzeiten wieder, die oor 60 bis 80 Jahren Mode waren. Frühmorgens kündigten schon die Böller vom Berg die Hoch­zeit an. Längst hing das schwarze Hochzeitskleid für die Braut fertig da, und die hohen  Knopfstiefel standen wartend unter dem Mantelstock.  Weiße

Brautkleider trugen damals nur die Patriziertöchter, während die breite Bürgerschicht in Schwarz ging. Auch sah man den Bräutigam, festlich anzu­schauen in Bratenrock und hohem Vatermörder, mit Braut und Zeugen zum Standesamt gehen. Hochzeitskutschen benutzten nur die vornehmen Kreise. Auf dem Heimweg kehrte man des Öfteren ein und langte, schon stark animiert, mittags zu Hause an. Nachmittags war in der Regel die kirchliche Trauung. „Dr Paschtur kohm ent Hus". Dann saß man an den schneeweiß gedeckten Tischen, die die Vielzahl der Genüsse kaum zu tragen vermochten. Allerdings, Buttercrem- und Sahnetorten gab's damals noch nicht, dafür aber anderes köstlich schmeckendes Selbstgebackenes.

War die Fröhlichkeit auf dem Gipfelpunkt angelangt, verzog sich das neugebackene Ehepaar heimlich und leise in sein kleines Heim. Dieses Nestchen will ich nun, wie ich es aus alten Überlieferungen und soweit ich es aus meinen eigenen Erinnerungen noch kenne, beschreiben:

Da war zuerst die Wohnstube, deren Wände und Decke in heller Ölfarbe gestrichen waren. Tapeten sah man damals selten. In einer Ecke standen der „stracke Owen" oder der eiserne Kamin. Mantelöfen, mit Gold- oder Silberbronze verziert, standen nur in den „Staatsstuewen"! Die Ofenbank oder der Holzkasten in der Ofenecke luden förmlich zu einem „Höttenbromm" ein. Ein halbhoher Eckschrank, den wenig später der Pultschrank verdrängte, war ein bekanntes Möbel, das in die bergischen Stuben hineingehörte. Hinter dem klobigen Tisch stand die Lehnbank, darüber ein ovaler Spiegel, der mit einer künstlichen Weinlaub- oder Blumenranke umrahmt war. Sechs Bretterstühle gruppierten sich um den Tisch und standen an den Wänden. Ein Nähtischchen gab dem Raum ein eigenes, liebes Gepräge. Eine Wasserbank, falls sie auf dem Flur keinen Platz fand, trug die Wassereimer, mit denen man das Wasser an der Pumpe, am „Pött" oder am „Puehlschen" holen musste. Gestrichene Fußböden und Teppiche sah man nicht in den altbergischen Wohnstuben. Die schneeweiß geschrubbten Bretter wurden vor Tisch, Ofen und Tür mit weißem Sand bestreut, den „et Sangkmänneken", das Liter zu vier Pfennig, freitags brachte.

Im Übrigen war es der Stolz der bergischen Hausfrau, den Fußboden so sauber zu halten, „dat mer denn Riesbre'i van dr Eären eten kuon". An den Wänden hingen Familienbilder und ein Pfeifenreck mit dem Namen des Hausherrn. Vor den kleinen Fenstern aber blähten sich duftige Scheibengardinen, über denen Nessel- oder Köperrollos hingen. Die „Kamerwände" waren meistens gekalkt. An der Längsseite thronte das breite zweischläfige Bett. Zwei Betten schaffte man bei der Gründung des Hausstandes nie zugleich an. Über den buntgewürfelten oder blumengemusterten Kattunbezügen war eine weiße Waffelbettspreite gebreitet. Nicht alle Jungvermählten besaßen von Anfang an einen Kleiderschrank. Man behalf sich da mit dem Mantelstock, den bunte Vorhänge nach außen hin abschlössen.

Der größte Stolz der jungen Hausfrau aber war der Leinenschrank. Pickepacke voll bis oben hinauf musste er mit Wäsche gefüllt sein. Er war gleichermaßen die Visitenkarte einer echten bergischen Frau. Auch eine breite, wuchtige Kommode barg die „Kamer". Auf der kunstvoll gearbeiteten Spitzendecke standen unzählige Nippsachen. Auch Vasen mit künstlichen Blumen liebte man. Vor dem Bett lag ein selbstangefertigter kleiner Teppich aus bunten Wollresten. „Schreg Gardinen" aus Nessel verhüllten dicht die Fenster.

Das war so ungefähr die Wohnungseinrichtung eines jungen Ehepaares weit vor der Jahrhundertwende. Bei manchen jungen Menschen wird sie ein belustigtes, wenn nicht gar geringschätziges Lächeln hervorrufen. Und doch, liebe Jugend, waren deine Vorfahren genau so glücklich in ihrem bescheidenen Heim, ja vielleicht noch zufriedener als du in deiner mit raffiniertem Geschmack ausgestatteten Dreizimmer-Wohnung, die du dir mit Hilfe des Baukostenzuschusses schwer errungen hast. Denn — die Alten wussten eben nicht anders. Es war noch ihre Zeit. Und sollte da noch ein altes bergisches Ehepaar sein, das seine Diamantene Hochzeit in Rüstigkeit feiern durfte, so wird es beim Lesen dieser Zeilen verständnisvoll schmunzeln, und der Greis wird seine treue Lebensgefährtin fragen:

„Sag, wi'es du't noch? Sie nickt em tuo: Wat wor dat doch en Glöck — Em Auler makt et mech noch fruoh, denk ech dodran teröck".


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