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Ein Denkmal für die ehemaligen jüdischen Schüler der E.M.A.

Das neue Dankmal im Eingangsbereich des Gymnasiums wenige Sekunden, nachdem Siegmund Freund es enthüllt hatte. Foto: Lothar Kaiser

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Alles begann vor fünf Jahren. Damals erfuhr  Hans Heinz Schumacher, Leiter des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums (E.M.A.),  dass Siegmund Freund, ein ehemaliger jüdischer Schüler des früheren Staatlichen Realgymnasiums, aus Frankfurt angereist war, um vor dem Haus seiner von den Nazis ermordeten Eltern an der Blumenstraße 13 Stolpersteine niederzulegen. Schumacher nahm daran gemeinsam mit Geschichtslehrer Klaus Blumberg und einigen Schülern teil. Am nächsten Tag kam Siegmund Freunde in seine „alte Penne“, die er 1936 nach dem „Einjährigen“ verlassen hatte. Das war ihm nahegelegt worden, weil er Jude ist. Er, der die Konzentrationslager Oranienburg und  Auschwitz überlebt hatte, kam zu einer Geschichtsstunde, die alle Teilnehmer wohl nie vergessen werden. „Es war die bewegendste, die ich je erlebt habe“, sagte Schumacher heute Mittag in der Aula der E.M.A. zur Eröffnung der Feierstunde, die dem tags zuvor im Eingangsbereich der Schule fertig gestellten Denkmal für die ehemaligen jüdischen Schüler gewidmet war: Ein silberfarbener Baumstamm mit sieben Ästen. Der unterste ist nur ein kurzer Stumpf; die übrigen sechs recken sich wie die Finger einer offenen Hand nach oben. An der Wand daneben die Tafel mit den Namen der 35 jüdischen Schüler, die zwischen 1900 und 1938 das damalige Realgymnasium besuchten. Von einer tiefsinnigen Symbolik, die ihn beeindrucke, sprach Siegmund Freund, nachdem er das Mahnmal enthüllt hatte. Er erkannte darin den „Baum des Lebens“, der an ausgelöschte Generationen erinnere, aber auch Knospen und neue Blüten habe.

Stolpersteine gegen das VergessenNach der Geschichtsstunde mit Siegmund Freund vor fünf Jahren hatte sich eine Schüler-Arbeitsgemeinschaft („Stolpern an der EMA“) gebildet, um die Schicksale ehemaligen jüdischen Mitschüler zu erforschen. Sie wurde im Stadtarchiv, vor allem aber auch im Archiv der Schule fündig. Zunächst konnten zwei ehemalige Mitschüler ermittelt werden, die während des Holocausts ermordet worden waren. Die Aktion Stolpersteine e.V. erklärte sich bereit, für diese Schüler vor dem Schuleingangs ausnahmsweise Stolpersteine mit der Aufschrift: „Hier lernte…“ zu verlegen. Als später ein weiterer jüdischer Schüler mit ähnlichem Schicksal ausgemacht worden war, kam ein dritter Stein hinzu.

Insgesamt ermittelte die Schülergruppe unter Leitung von Klaus Blumberg die Namen von 35 jüdischen Mitschülern. Sie stehen  auf der 2009 im Eingangsbereich angebrachten Gedenktafel. Schumacher: „Es bestand allerdings die Absicht, daneben noch ein Denkmal zu errichten.“ Die Aufgabe, dieses konzeptionell zu gestalten, übernahm eine Schülerkunstgruppe unter Leitung von Wiltrud Haase. Zeitweilig gehörten der AG mehr als zwanzig Schülerinnen und Schüler an.  Finanziert wurde das Denkmal aus Elternbeiträgen sowie auch Spenden weiterer Sponsoren (Stadtsparkasse, Eugen Moog-Stiftung). Parallel dazu wollte die Geschichtsgruppe mehr über die Schicksale der ehemaligen Mitschüler erfahren. Es wurde die Idee entwickelt, dabei auch die Hilfe von Schülern in Israel in Anspruch zu nehmen. So kam es zu einem Austausch mit Schülern aus Bat Yam in Israel. Inzwischen kümmert sich auch die evangelischen Stadtkirchengemeinde um die Begegnungen von jungen Menschen aus Remscheid und israelischen Schülern.

„Der Holocaust führt vor Augen, wie leicht Menschen in einer verbrecherischen Staatsordnung“ zu den schändlichsten Taten bewegt werden können“, sagte Oberbürgermeisterin Beate Wilding während der heutigen Feierstunde. Zuvor hatte Hans Heinz Schumacher festgestellt, aus heutiger Sicht sei es „unvorstellbar, wie ein ganzer Staatsapparat für das größte Verbrechen der Menschheit eingesetzt werden konnte in einem Land der Dichter und Denker.“ So wie sich nach dem zweiten Weltkrieg für die Nachkriegsgeneration die Frage gestellt habe, welche Verantwortung während des Nazi-Regimes wohl die Eltern übernommen hätten, so stelle sich diese Frage für die heutigen Schülerinnen und Schüler bezogen auf ihre Großeltern.

Dank und Hochachtung zollten Schumacher und Wilding dem „Ehren-Abiturienten“ Siegmund Freund (90), der nach Deutschland zurückgekehrt sei, obwohl er hier in der Nazi-Zeit „sehr viel Schreckliches erlebt“ habe. Damals seien die Werte der Demokratie – Freiheit, Gleichzeit, Brüderlichkeit - von vielen Deutschen mit Füßen getreten worden, so  Wilding.  Dank sagte die Oberbürgermeisterin auch den Schülerinnen und Schülern für ihr Engagement. Und diese gaben ihn weiter an ihre beiden Lehrer Klaus Blumberg und Wiltrud Haase, die sie stets motiviert hätten. Von einem aufregenden, arbeitsintensiven Projekt („auch an Wochenenden“) sprach die Kunstlehrerin und zeigte sich stolz auf das Ergebnis. Und daran knüpfte nicht nur Siegmund Freund an, sondern auch Leonid Goldberg, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Wuppertal. In den vergangenen Jahren habe er viele Holocaust-Mahnmale in Deutschland gesehen, sagte Freund. Aber keines an einer Schule wie der E.M.A. Goldberg: „Daran könnte sich so manche deutsche Großstadt ein Beispiel nehmen!“ Gedenktafeln wie in Remscheider Rathaus für die Mitbürger, die unter den Nazis ermordet wurden, gebe es in vielen deutschen Städten. Aber eine Gedenktafel und ein Mahnmal für jüdische Mitschüler an einer Schule habe er heute zum ersten Mal gesehen.

Goldbergs jüdische Gemeinde in Wuppertal ist die einzige im Bergischen Land – in den vergangenen fünfzig Jahren angewachsen von 65 auf 2.300 Mitglieder.  Dass das heute enthüllte Denkmal „Wunder wirken möge und neues jüdisches Leben nach Remscheid kommt“, wünschte sich Siegmund Freund, bevor er neben dem „Baum des Lebens“ gemeinsam mit Rabbiner Vernikovsky und Leonid Goldberg das jüdische Totengebet sprach. Es galt den jüdischen Einzelhändlern, Handwerkern und Ärzten aus Remscheid nebst ihren Familien, die in der Nazi-Zeit ermordet wurden oder aus Deutschland emigrieren mussten. Ein Satz aus der vorauf gegangenen Feierstunde von Siegmund Freund klang nach: „Wo meine Eltern umgekommen sind – ich weiß es nicht. Ich kenne keine Grab, keinen Todestag!“

Beifall am Ende der Feierstunde in der Aula für Siegmund Freund, der bis 1930 die damalige Staatl. Ober-Realschule besuchte. Foto: Lothar Kaiser

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Chronist am :

Oliver Zybok, Professor für Kunstgeschichte an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und einer der profiliertesten Ausstellungskuratoren in Deutschland, wurde von Wiltrud Haase gebeten, das neue Denkmal zu interpretieren. Seinen Text verlas heute der Remscheider Kulturdezernent Dr. Christian Henkelmann: „Du fragst nach den Ursachen und dem Sinn dieses Hasses: weder Sinn noch Ursache! – Politik, das heißt Wille zur Macht,“ schrieb der Bildhauer Gerhard Marcks anlässlich der Ausstellung „Entartete Kunst“ in Berlin 1937, die einen Höhepunkt markierte in der kulturellen Diffamierung anders Denkender durch den Nationalsozialismus. Gezeigt und verhöhnt wurden all die Kunstwerke, die nicht den nationalsozialistischen Idealen entsprachen. Die hier präsentierten, als „entartet“ gebrandmarkten Künstlerinnen und Künstler wurden seitdem mit einem Berufsverbot belegt und verfolgt. Der Begriff „entartet“, mit dem eine angebliche Degenerierung ausgedrückt werden sollte, wurde aber nicht nur im Zusammenhang auf Werke der Bildenden Kunst angewandt, sondern auf alle Menschen, die den Repressionen der Nationalsozialisten ausgesetzt waren. So wurde die gesamte jüdische Kultur als „entartet“ diffamiert, vollkommen außer Acht lassend, dass diese wesentlicher Bestandteil dessen ist, was wir heute als deutsche Kultur bezeichnen. Kaum ein anderer Begriff ist so eng mit Intoleranz und Diskriminierung verbunden. Er bildet die Grundlage zur Verfolgung anders Denkender. Mit der Skulptur „Freund-Baum“ haben die Schülerinnen und Schüler des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums ein Denkmal geschaffen, das im Zusammenhang mit diesem dunklen Kapitel deutscher Geschichte an die jüdischen Schülerinnen und Schüler erinnert, die in den Jahren von 1900 bis 1938 diese Schule besucht haben. Der Titel verweist auf einen ehemaligen Schüler, den Initiator dieses Projektes, Siegmund Freund, geb. 29.6.1920. Ein Baum mit sieben Ästen, von denen einer verdorrt ist, verweist auf die Menora, einem siebenarmigen Leuchter, der zu den wichtigsten religiösen Symbolen des Judentums gehört. Auch wenn kein Grün dem Baum anhaftet, so strahlt er durch die mit Schlagaluminium versilberte Oberfläche und ist nicht zu übersehen. Der verdorrte Ast, als Symbol für das, was unwiederbringlich ausgelöscht wurde, sticht dabei hervor, da seine Oberfläche mit echtem Silber versehen ist, die im Laufe der Zeit durch die Witterung oxidieren und sich dunkel verfärben wird. Von der Größe des Baumes könnte man annehmen, er sei in jenen Jahren, als die jüdischen Schülerinnen und Schüler hier zur Schule gingen, gepflanzt worden – ein Vermächtnis, das sich den widrigen Umständen widersetzt und weiter getragen wird. Insofern entspricht die Skulptur, der „Freund-Baum“, dem, was der 1933 emigrierte jüdische Philosoph Ernst Bloch geäußert hat: „Man kann also sagen, dass jedes Kunstwerk insofern immer Wahrheit und Wirklichkeit in sich schließt, als es nicht nur die Außenwelt, sondern auch das Geistesleben derjenigen widerspiegelt, die es geschaffen haben. Ein Vermächtnis, eine Erinnerung, eine Mahnung.“

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