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"Die Blagen schliefen manchmal zu dritt in einem Bett!"

An Wohnungsmangel und Wohnungsnot zwischen den beiden Weltkriegen erinnerten sich diese Remscheider:

Die 1928 an der „Dicke Eiche" erstellte städtische Wohnanlage fiir Minderbemittelte bekam vom Volksmund den Namen „Iisbi'en-Hus" (Eisbein-Haus).Eine Wohnküche mit eingebauten Möbeln gehörte zur Inneneinrichtung der 'Eisbeinhäuser'.Alles musste ewig halten: „Ich war fast 28 Jahre alt, als ich hei­ratete. Bis zu meiner Heirat habe ich, wie das üblich war, zu Hause gelebt. Als ich vom Heiraten sprach, haben mir meine Eltern für ein Jahr den ganzen Lohn gelassen. Ich brauchte also kein Kostgeld mehr abzugeben. Wir haben uns ein Schlafzimmer aus Eiche-Furnier mit Rahmen und Stücke drauf gekauft für 650 Mark. Wir haben es heute noch. Unsere Kü­che kostete 300 Mark, sie war hell lackiert. Der Ofen, den wir gekauft haben, kostete 100 Mark. Der war teuer, wir hätten auch schon einen für 60 Mark gekriegt. Aber meine Mutter sagte, wir sollten uns ein ordentli­ches Teil kaufen, weil es lange halten muss. Alles musste ewig halten. Dann haben wir uns noch eine Holzbank machen lassen für 25 Mark, mit zwei Fächern und einer Klappe, das soge­nannte ,Remscheider Sofa'. Da konnte man die schmutzige Wäsche rein tun und das Putzzeug. Für 100 Mark haben wir dann auch noch ein richti­ges, gepolstertes Sofa gekauft. Das hat alles zusammen viel Geld gekostet. Als ich geheiratet habe, verdiente ich 75 Pfennig pro Stunde." (M. 1899)

Mal ein eigenes Bett zu haben: „Weil ich die Jüngste war, musste ich mit meinem älteren Bruder zusammen in einem Bett schlafen. Unseren Eltern passte das am besten, weil ich das kleinste und er das größte der Kin­der waren. Die beiden anderen Mäd­chen, meine Schwestern, mussten auch zusammen in einem Bett schlafen. Ich rebellierte aber immer dagegen, weil mein Bruder einen so breiten Rücken hatte und er mir oft die Bettdecke weg­zog. Als Kind habe ich mir immer ge­wünscht, mal ein eigenes Bett zu ha­ben. Das war mein größter Traum. An ein eigenes Zimmer, ach Gott, da dachte man erst nicht dran." (F. 1907)

Am liebsten Haferstroh: „Früher schlief man auch noch auf Stroh. Matratzen habe ich erst mit 14 Jahren kennengelernt. Das Stroh kam in einen Bezug aus Sackleinen, der so vollgestopft wurde, bis er richtig federte. Das musste man kennen. Nicht jeder konnte einen Strohsack richtig stopfen. Nachher wusste man aber schon als Kind, was rein musste. Vor allem wurde Haferstroh genommen. Das war zwar teuer, war aber schön biegsam und elastisch. Stroh von an­deren Getreidearten brach zu schnell und lag dann wie Mehl im Bett. Ha­ferstroh hatte man also am liebsten. Es gab aber auch Jahre, da hatten wir kein Geld, um Hafer- oder anderes Stroh zu kaufen. In dieser Zeit sind wir in die Nüdelshalbach gegangen, wo die großen Ginsterbüsche waren. Wir haben den Ginster gepflückt und da­mit die Bettsäcke ausgestopft. Zwei schreckliche Jahre lang haben wir auf Ginster geschlafen. Als ich 14 Jahre alt war, haben wir die erste gebrauchte Matratze gekriegt. Das war eine riesige Kastenmatratze und un­heimlich schwer, weil sie für ein doppelschläfiges Bett war." (M. 1915)

Gebadet wurde in der Küche: „Auf der Nordstraße haben wir mit den Eltern gewohnt, da sind wir auf­gewachsen. Meine Eltern hatten sieben Kinder: sechs Mädchen und einen Jungen. Unsere Wohnung bestand aus zwei Zimmern, die allerdings recht groß waren. Das Klosett lag eine halbe Treppe tiefer. Waschen mussten wir uns auf dem Flur, wo der Spül­stein war. Unter neun Personen haben wir also in zwei Zimmern gelebt. Im Schlafzimmer standen drei Betten. Vater und Mutter schliefen in einem Bett, wir Blagen schliefen manchmal zu dritt in einem Bett und das kleinste im Kinderwagen, wie das früher so war. Gebadet wurde in der Küche. Da kam die Butt aus dem Keller rauf, und die Kleinen wurden zuerst reinge­steckt. Es wurde immer wieder war­mes Wasser dazugegossen, bis alle durch waren. Als wir größer wurden, kam die Butt vor den Ofen. Dazu wurde ein Stuhl rumgedreht und ein Handtuch über die Lehne gespannt. So haben wir gebadet. Wenn draußen fieses Wetter war, haben wir im Trep­penhaus gespielt." (F. 1911)

Mit gekreuzten Beinen rumgehüpft: „Zu fünf Personen lebten wir in zwei Zimmern. Die Miete betrug 25 Mark im Monat. Wenn mein Bruder ins Bett wollte, musste er erst über uns rüberklettern. Das waren vielleicht Zu­stände. Wir hatten noch ein Plumps­klosett hinter dem Haus. Immer wenn wir auf die Toilette mussten, mussten wir raus aus dem Haus. Insgesamt benutzten acht Personen dieses Klo, und da können Sie sich wohl denken, dass man da oft mit gekreuzten Beinen rumgehüpft ist, bis man endlich an der Reihe war. Es war auch eine Pro­zedur, wenn gebadet wurde. Oh je. Da war kein richtiger Platz in der Küche, wo man die Badewanne hinstellen konnte. Und so kam sie immer zu nahe an den Ofen. Einmal bückte sich meine Schwester beim Baden, als ihr meine Mutter den Kopf waschen wollte, da kam sie mit ihrem nackten Hintern an den heißen Ofen. Das gab dann vielleicht ein Theater und Ge­schrei." (F.1918)

Die Gute Stube: „Zu Hause hatten wir eine Küche, zwei Schlafzimmer und ein Wohn­zimmer, die sogenannte ,gute Stube'. Da durften wir nur an Feiertagen rein. Zu Weihnachten wurde sie ge­schmückt, und zu Ostern haben wir da Kaffee getrunken. Sonst wurde nur in der Küche gegessen, wie das so üb­lich war. An die Möbel in der guten Stube durfte ja nichts drankommen, die mussten zeitlebens halten. So war das früher. Es wurde nichts mehr an­geschafft. Die Kinder mussten vor­sichtig sein. Man durfte mit den Fü­ßen nirgendwo drankommen, dann war die Hölle los. Wenn Besuch kam, es musste aber schon ein ganz beson­derer Besuch sein, dann wurde die gute Stube benutzt, aber nur von den Erwachsenen." (F.1900)

Endlich Gas im Haus: „1912 sind wir vom Handweiser nach Stachelhausen gezogen. Da hat­ten wir zum ersten Mal Gas in der Wohnung. Für uns war es ein Wun­der. Meine Mutter konnte nun auf Gas kochen. Wir hatten auch Gasbe­leuchtung. Man durfte aber nicht bolle­rig durch die Zimmer gehen, weil durch die Erschütterung die Strümpfchen in den Gaslampen leicht kaputtgingen. Das zarte Gewebe war sehr empfindlich und teuer dazu. Ein neues kostete 50 Pfennig. Das war damals viel Geld. Gas­licht war schon eine Verbesserung ge­genüber dem Petroleumlicht, das so furchtbar schwalkte, wenn man den Docht nicht sauber hielt. Dann hatte man die öligen Rußflocken überall auf den Möbeln. Mit dem Gasanschluss kam auch ein Gasautomat, in den man erst Geld einwerfen musste, wenn man Gas verbrauchen wollte. Später konnte man vom Gasmann, wenn er zum Leeren kam, Gasmarken kau­fen. Wir verbrauchten immer so für 2,50 Mark Gas im Monat zum Kochen und Leuchten." (F.1902)

Kinderreiche Familien: „Ich bin in einem Haus in der Papenberger Straße als Jüngstes von sechs Kindern, drei Jungen und drei Mädchen, geboren. Meine Eltern hat­ten zwei Zimmer, jedes zwischen 20 bis 22 Quadratmeter groß. Da spielte sich alles drin ab. Wir Kinder schliefen mit den Eltern zusammen im Schlaf­zimmer, in dem drei Betten standen: eins für die Eltern und je eins für je­weils drei Kinder. Mit den Eltern zusammen waren wir acht Personen. Insgesamt acht Familien, auf drei Etagen verteilt, wohnten in dem Haus. Es gab jedoch nur eine Toilette, und die lag auch noch im Keller. Nach meiner Schätzung haben zwi­schen 35 und 40 Personen diese eine Toilette benutzt. 1913, ich war gerade fünf Jahre alt, zogen meine Eltern mit uns sechs Kindern einige Häuser weiter in einen Neubau. Es war ein kinderreiches Haus: Der Hausherr hatte vier Kinder, Familie S. acht, Fa­milie N. ebenfalls acht, Familie R. zwei, Familie F. sechs, die Familien H. und V. hatten je ein Kind. Insge­samt dreißig Kinder wohnten mit ih­ren Eltern in dem Haus. Die Einstel­lung der Hausherren gegenüber kinderreichen Familien hat sich doch sehr im Laufe der Jahre geändert. Heute würden sie sich dagegen wehren und sagen, sollen die doch ins Eisbeinhaus ziehen." (M .1908)

Torfklosett: „So etwa 1922 sind wir mit den El­tern zum Anger gezogen in ein städtisches Haus. Zu unserer Wohnung ge­hörte auch ein Stück Garten von etwa 100 Quadratmetern und eine eigene Mistkuhle. Jetzt muss ich erst einmal erklären, warum die Mistkuhle von Be­deutung war. Es gab damals am An­ger noch keine Kanalisation, und daher mussten die anfallenden Fäkalien berücksichtigt werden. Um nun aber auch den Garten zu düngen, hatte man den Versuch gemacht, ein besonderes Klosett zu entwickeln. Jede Familie besaß einen kleinen Raum mit einer Sitzbank drin. Unter der Bank war ein Gefäß, ähnlich einem Einkochkessel, eingeschoben. Neben dem Sitz stand ein Behälter mit gemah­lenem Torf, Streutorf. Wenn man nun sein Geschäft verrichtet hatte, wurde mit einer kleinen Schaufel etwas Torf darüber gestreut. Dies band den Geruch und half zugleich, aus den Fäkalien guten Dünger zu machen. War der Kessel voll, wurde er rausgetragen und in die gemauerte Mistkuhle ge­schüttet, in die auch der Küchenabfall kam." (M.1909) (aus: “…aber die Jahre waren bestimmt nicht einfach. Remscheider Zeitzeugen berichten aus Kindheit und Jugend“. Von Gerd Selbach. Herausgegeben von der Volkshochschule der Stadt Remscheid 1985.)


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