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Feilenhaumaschine für das Deutsche Werkzeugmuseum

Feilenfabrik Ehlis wird Museum und Manufaktur“, berichtete der Waterbölles am 27. Juni 2016. Kurz zuvor hatten Volker Haag, Walter Pricken und Thomas Abbas (Hatec GmbH, Mühlheim) das 30.000 Quadratmeter große Gelände der seit Jahren stillgelegten Feilen-Fabrik Ehlis in Schlepenpohl im Eschbachtal nebst der alten Ehlis-Villa (Jugendstil) nahe Preyersmühle gekauft und damit der denkmalgeschützten Fabrik über die neu gegründete „Wohnwert Immobilien GmbH“ wieder eine Zukunft gegeben. „Die alte Fabrik könnte sich auch noch für andere Industrie- und/oder Freilichtmuseen als Fundgrube erweisen“, schrieb der Waterbölles damals. In der Zwischenzeit interessierte sich Dr. Andreas Wallbrecht, Leiter des Historischen Zentrums Remscheid mit dem Deutschen Werkzeugmuseum, für zwei der zahlreichen Feilen-Maschinen von Ehlis. Eine stand bereits zur Eröffnung in der aktuellen Sonderausstellung „Ganz schön ausgefeilt! – Schlag auf Schlag entsteht die Feile. Geschichte, Aufschwung und Niedergang, Herstellung und Handel.“ Und die zweite, eine mehr als 200 Kilogramm schwere Feilen-Haumaschine von 1923, wie Stadtführer Klaus R. Schmidt zu berichten wusste, baute Wallbrecht heute in der Fabrik im Eschbachtal ab – mit Unterstützung von Markus Heip, Hans Jungheim und Thomas Abbas und mit Hilfe eines Flaschenzuges. (siehe Video). Sie wird ebenfalls in der Ausstellung im Deutschen Werkzeugmuseum zu sehen sein.

"Man ging damals ins Kino, egal was gespielt wurde!"

Das Kino "Modernes Theater" an der Kölner Straße in Lennep.

von Dr. Wilhelm R. Schmidt

Auf meinen Artikel über die Lenneper Kinos gab es so viele Reaktionen, dass ich zu diesem Thema noch weiteres mitteilen möchte. Ein Leser schickte mir eine Digital-Kopie von einem Dia des Modernen Theaters aus der Nazizeit, wahrscheinlich Anfang der 1940er Jahre. Links und rechts neben dem Eingang zum Kölner Hof waren in Schaukästen nicht nur die Kinoplakate ausgehängt, sondern um sie herum auch größere Szenen- und Künstlerfotos  in der Art von Pressefotos. Sehr interessant ist aber auch der zeithistorische Aspekt des Dias: Auf der Kölner Straße sieht man einen SA-Mann mit Braut, und rechts an der Vormauer des Bankgebäudes erblickt man deutlich die rotgestrichenen Schaukästen der „NSDAP-Ortsgruppe Lennep – Zelle Röntgen“.

Unter dem Giebel im ersten Stock des „Modernen Theaters“ stand damals ein Projektor. Im Sommer, wenn es heiß war, wurde das Fenster aufgemacht. Da das Gebäude dort einen Knick nach links entlang der gekrümmten Wallstraße macht, stand der Projektor direkt am Fenster. Ich selbst habe als Kind in diesem Kino den ersten Film meines Lebens erlebt. Es war noch in der Besatzungszeit, und deutsche Filme waren nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst verboten. Meine Eltern nahmen mich damals mit in einen der ersten Filme. Ich war fasziniert von dem schön bestickten Vorhang vor der Leinwand. Es war ein Landschaftsbild zu sehen, und ich glaubte zunächst, es sei schon der Film.

Es gab zuerst einen englischen Kriegsfilm in Schwarz Weiß zu sehen, in original englischer Sprache und wahrscheinlich mit deutschen Untertiteln (ich konnte noch nicht lesen). Später gab es dann weitere Filme wie „The Overlanders“, deutsch: „Das große Treiben“ aus dem Jahre 1946, ein australischer Film, der 1947 nach Deutschland kam. Dargestellt wird der Weg eines Viehtriebs aus Angst vor einer Invasion der Japaner 1942 mitten in die Outbackwildnis. Dort gerieten die Rancher in Hungersnot und haben Raupen gegessen. Eine einprägsame Sache. Das war alles noch vor der Währungsreform. Man ging damals regelmäßig ins Kino, egal was gespielt wurde. Vorher holte man sich ein Programm für ein paar Groschen (vier Seiten mit einer Bildmontage von vielen Aufnahmen und der Liste der Darsteller). Vorne im sog. Parkett kostete der Platz 50 Pf. Dahinter gab es Sperrsitz I und Sperrsitz II für 70 Pf. Bzw. 1,10 DM. Für 1.10 DM gab es dann schon ein Rückenpolster (grün) auf den Holzklappstühlen der Loge, für 1.60 DM hatte man dann den Sitz rot gepolstert.

Als es in Lennep noch drei "Lichtspielhäuser" gab

Das Programm im Lenneper Union-Theater zu Silvester 1925.von Dr. Wilhelm R. Schmidt

Nicht nur in Remscheid (Innenstadt), sondern auch in Lennep hat es bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg noch Lichtspielhäuser gegeben. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass meine Freunde und ich am Alten Markt im Union-Theater auf den billigen sog. Rasiersitzen, das Kinn in Richtung der hoch gelegenen Leinwand gereckt, in den ersten drei Kinoreihen saßen und am liebsten amerikanische Western anschauten - mit John Wayne, Richard Widmark und Henry Fonda. Auch amüsierten wir uns über die Darstellung deutscher Soldaten in den ersten US-Kriegsfilmen. Es ging los, wenn die durch eine bereits stark in Mitleidenschaft gezogene Schallplatte erzeugte Eingangsmelodie verklungen war, der Vorhang sich zur Seite bewegte und die Vorfilme und die Wochenschau begannen. Als Eingangsmelodie diente lange Zeit die Single von Billy Vaughn „Sail along silvery moon“, später die Filmmelodie „Eine Reise ins Glück“ aus dem gleichnamigen deutschen Film von 1958.

Das zweite Kino, das die Kriegszeit überstanden hatte, war das Moderne Theater an der Wallstraße hinter dem Kölner Hof. Dorthin  ging man lange Zeit am Donnerstag, am „Tag des guten Films“. Dieses Kino galt als bürgerlicher, und man zeigte dort z.B. zum Kriegsthema statt der US-Schinken den Film „Die Brücke“, woran ich mich noch gut erinnern kann. Wir waren damals noch keine sechzehn Jahre alt und durften trotzdem rein. Kartenabreißer mit Taschenlampe war ein Herr Wetter, ein früher Schulkamerad meines Vaters. (Wenn meine Oma nachmittags ins Kino ging, plünderte ich zuhause am Mollplatz die Zuckerstückchen in der zinnernen Dose im Zigarrenschränkchen meines bereits verstorbenen Großvaters.)

Selbst den Älteren von uns ist vielleicht nicht bekannt, dass dieses Moderne Theater auf der ehemaligen Außenfläche des Kölner Hofs lag, wo um die Jahrhundertwende der Lenneper Wirt Hermann Windgassen seinen teilweise überdachten Biergarten bewirtschaftete. Wer hätte damals gedacht, dass aus dieser Familie schon bald ein sehr bekannter Opernsänger und in der weiteren Generation der Kammersänger Wolfgang Windgassen hervorgehen würde, an den sich so manche Oma wegen seines Timbres noch erinnern wird. Auch der Kapitän a.D. der Handelsmarine,  der später in Lennep als teilzeitbeschäftigter Stadtarchivar und Sippenforscher wirkte (Paul Windgassen) gehörte dazu. Ihm verdankt das Remscheider Stadtarchiv viel Material über das Alte Lennep. Anders als seine Sippe ging er nicht nach Murnau in Oberbayern, und anders als sein Vater, der einst in den 1870er Jahren in Lennep das vereinsmäßige Gesangswesen begründet hatte, sah man ihn nicht in einer Lederhose und mit der alpenländischen Langpfeife. Irgendwie war die gesamte Familie nicht nur überdurchschnittlich musikalisch, sondern hatte durchgehend auch  etwas Theatralisches. Um die Wende ins 20. Jahrhundert, als Hermann Windgassen den Kölner Hof betrieb, begrüßte er übrigens nach den Erinnerungen des Lenneper Baumeisters Albert Schmidt das Neue Jahr von seinem Wohnhaus an der Karlshöhe über den Bahnhof hinweg bis hinunter ins Weichbild des Städtchens mit seiner Trompete: „Das alte Jahr vergangen ist…!“

Aber zurück zum Thema Kino. In meinem Lenneparchiv fand ich Unterlagen, die das Thema der Lenneper Kinos gerade auch mit dem zurzeit aktuellen Thema der Jahreswende verbinden. Auch wenn die Datumsangabe fehlt, so lässt sich doch aus einer historischen Zeitungsseite erkennen, dass diese aus dem Jahre 1925/26 stammt, denn die Lenneper Turngemeinde 1860 lud z.B. für Freitag, den 1. Januar 1926 abends um 5 Uhr zur nachträglichen Weihnachtsfeier in den Berliner Hof und das Café Grah bat für „heute Abend“ zur Sylvesterfeier am 31. 12. 1925. Nicht zu übersehen sind auf der Zeitungsseite auch die Anzeigen der Lenneper Kinos. Danach hat es im Jahre 1925 in Lennep drei Kinos gegeben: Neben dem Union-Theater am Alten Markt (seit ca. 1910) und dem Modernen Theater am Kölner Tor  (seit ca. 1924) gab es nämlich noch ein Lichtspieltheater in der Rotdornallee, damals hieß diese Straße vom Bahnhof den Johannisberg hinunter einschließlich der heutigen Rotdornallee insgesamt noch Mittelstraße. Das dort gelegene Kino hieß im Jahre 1925 „Alhambra“. Leider habe ich kein Foto dieses Etablissements, und der genaue geographische Ort war für mich nicht zu ermitteln, trotz der Straßenbezeichnung Mittelstraße 6. Filmhistorisch hatte dieses Lichtspieltheater allerdings schon einen Vorläufer, der bis ins Jahr 1911 bzw.1915 zurückgeht. Damals firmierte das Theater unter dem Namen „Fern-Andra Lichtspiele“. Davon gab es damals in Deutschland viele, es handelte sich um eine der ersten Lichtspielketten. (Der Name „Fern Andra“ bezog sich dabei auf eine US-amerikanische Schauspielerin, Regisseurin, Drehbuchautorin und Filmproduzentin. Neben Henny Porten und Asta Nielsen war sie eine der beliebtesten und bekanntesten Schauspielerinnen des deutschen Stummfilms der 1910er Jahre.)

Vor den Feiertagen der Jahreswende 1925/26 brachten die drei Lenneper Kinos natürlich ein besonderes Festprogramm. Das Union-Theater am Alten Markt warb dafür mit folgenden Worten: „Auch in dieser Woche bringen wir den Beweis, dass die Qualitätsfilme des Union-Theaters eine Klasse für sich bilden. Waren unsere letzten Programme schon das unumstrittene Tagesgespräch von Lennep, so ist der an den Feiertagen zur Aufführung gelangende Spielplan eine Meisterleistung ohnegleichen“. Gespielt wurde damals Buster Keatons Metro-Großfilm mit dem Titel „Ben Akiba hat nie gelogen“. Es folgte noch der Hinweis: „Samstag zahlen Erwerbslose auf sämtlichen Plätzen nur 50 Pfg.“, was in der sog. Schlechten Zeit mit ihrer Inflation wenig war.

Vielleicht hatte die Leitung des Modernen Theaters am Kölner Tor geahnt, dass es bezüglich ihres „gewaltigen Filmwerks Pat und Patachon als Millionäre“  im Union Theater Konkurrenz gab. Jedenfalls gesellten sie dem genannten Duo noch ein anderes, damals brandneues Filmwerk bei. Unter dem Titel „Elegantes Pack“ wurden Hochstaplergeschichten aus der damaligen Zeit gezeigt.

Auch der Sportfilm war 1925 schon geboren. Sozusagen im Beiprogramm zeigte man damals im Modernen Theater die Dokumentation „Breitensträter gegen Harry Gould“. Hans Breitensträter war in den 1910er und 1920er Jahren einer der weltbesten Schwergewichtsboxer. Im Berliner Sportplast waren bei seinen Kämpfen die 15. 000 Plätze restlos ausverkauft. Man kann sich denken, dass die Wiedergabe seiner Kämpfe im Kino die damaligen Zuschauer förmlich von den Stühlen rissen, Fernsehen und Computer gab es schließlich damals noch nicht.

Das „ Alhambra“ empfahl sich 1925 zum Jahresende mit einem „Mahnruf an Deutschlands Söhne“. Der Fremdenlegionärsfilm mit dem Titel „Die Flucht aus dem Heere der Heimatlosen“ zeichnete den Schicksalsweg eines jungen Deutschen nach, der seine „Liebste und das Vaterhaus verließ, um sein junges Leben in der berüchtigten Fremdenlegion aufs Grausamste und auf elendeste Weise zu beenden“. Die Anzeige schließt mit den Worten: „Eltern, zeigt diesen Film Euren Söhnen!“ Hinzu kam der orientalische Prunkfilm „Tänzerin vom Nil“ , ein Liebesdrama in sechs Akten mit angeblichen Originalaufnahmen aus dem Land der Pharaonen. In der Hauptrolle war Arvia zu sehen, die „schönste und charmanteste Tänzerin am ägyptischen Hofe in ihren pikanten Tänzen“. Oh la la. (Neuauflage nach Veröffentlichung im Waterbölles 2012)

Großmutters Reendaak

von Alma Mühlhausen

Alle Großmütter der Welt sind sich letzthin gleich in der Liebe zu ihren Enkelkindern. Das Herz einer Großmutter weiß um die Sprache, die jedes Enkelkind versteht: Die Sprache der Liebe zu den Enkelkindern!

Unsere Großmutter starb kurz vor der Jahrhundertwende (1900)  an einer Lungenentzündung. Großmutter war in Lüttringhausen geboren, und erst nach ihrer Heirat mit dem Schmied Halbach zog sie nach Lennep. Wenn ich auch keine Photographie von meiner Großmutter besitze, so trage ich doch ihr Bild unverblasst im Herzen.

Schon früh starb der Großvater und ließ seine Frau mit sieben unmündigen Kindern unversorgt zurück. Doch da zeigte sich, dass Großmutter stärker war als das Schicksal. Obwohl des Lesens und Schreibens unkundig, (ihre amtlichen Unterschriften erledigte sie mit einem Kreuz} fing sie einen Handel mit Kurzwaren an. Über die Höfe ging sie hausieren, und niemand brachte es fertig, sie zu „betuppen". Großmutter hatte ihre eigene Methode, nach der sie rechnete und kalkulierte. Und sie hat es geschafft, ihre Kinder als brave tüchtige Menschen ins Leben zu entlassen.

Das schmalbrüstige Haus in der Innenstadt Lenneps, das damals schon ein atltes zerfurchtes Gesicht hatte, steht heute noch. Die schmalen Stuben aber unter dem Dach, in denen es immer nach Kräutern roch, haben auch in den Jahren nach Großmutters Ableben nie leer gestanden. Das allerschönste aber war, wenn wir Großmutters Besuch erwarteten. Nie hat sie die Eisenbahn benutzt. Sie begründete ihre Abneigung damit, dass sie lieber im Bett sterben wollte, als in der Eisenbahn, womöglich eines schrecklichen Todes. Sie konnte es nie begreifen, wie es möglich war, dass die Bahn über die schmalen Gleise rollte ohne zu entgleisen. Und jedes Mal, wenn wir unsere Großmutter nach ihrem Besuch bei uns ein Stück Weges begleiteten, schärfte sie uns ein, auf keinen Fall mit der gefährlichen „Lektrischen" zu fahren. Das konnten wir dir Guten getrost versprechen, da wir ohnehin keinen Groschen Fahrgeld bekamen. Da hieß es dann wohl von unsern Eltern: Gönnt te Fuote, dat es futtgeschmi'eten Geild. Und wie gerne wären wir mit der neuen „Lektrischen" gefahren...

 

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Die Röhren-Experimente machten die Nacht zum Tage

Die Familie Mannesmann brachte jene glückliche Kombination von im Handel erworbener Finanzkraft und technischem Erfindergeist mit die zum Anstoß für den Ausbau der deutschen Eisenindustrie wurde. „Die Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts hat festgestellt, dass es neben einzelnen Hammerbesitzern hauptsächlich die Eisenhändler gewesen sind, „die bei Anbruch der neuen Zeit genügend Kapital besaßen, um die moderne Eisenindustrie aufzubauen. (...) Aber der erste Anstoß musste doch von technischen Fachmännern kommen. In Remscheid war es Mannesmann, der seit den 30er Jahren die Werkzeugfabrikation entwickelte", schreibt der Historiker Franz Schnabel über die Mannesmanns (Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts 1950 2. Auflage. Freiburg Bd. 3-Erfahrungswissenschaft und Technik).

Die Historiographie hat die Mannesmann mit den Siemens verglichen, mit denen sie noch ein drittes für den Erfolg entscheidendes Moment gemeinsam hatten: die brüderliche Teamarbeit. (...) Die Gemeinschaft der Familie blieb unerschüttert, selbst als die an­deren zurückstehen mussten, weil der Vater nach beendigtem Studium der beiden Ältesten deren technische Versuche finanziell unterstutzte. So unterbrachen Alfred und Carl ihre Studien in Straßburg und Freiburg im Wintersemester 1884/85 und im Sommersemester 1885, um Reinhard und Max bei den Versuchen zu helfen. Nur Otto war als Jüngster nicht immer ganz einverstanden. Als man ihn fragte, ob er zum Geburtstag einen Kuchen haben wolle soll er geantwortet haben: „Ja, aber keinen Kartoffelkuchen".

Die Experimente, die am Ende zur Erfindung des nahtlosen Rohres führten, stellten die gewohnte Ordnung des Hauses Mannesmann auf den Kopf. Die Nacht wurde zum Tage gemacht. Ein Familienmitglied hatte den beiden Ältesten um Mitternacht warmes Essen in die Fabrik zu bringen, denn nur nachts konnte die Dampfmaschine für die Versuche laufen. Niemand sollte erfahren, welche Pläne Reinhard und Max verfolgten. Daher grenzten sie eine Ecke der Hammerschmiede mit einem undurchsichtigen Bretterzaun von dem übrigen Betrieb ab und öffneten die schmale Türe zum Versuchsraum nur für Eingeweihte. (...)

Diese Zeichnung ist noch heute als schematische Darstellung des Walzvorganges gültig. Der Rundstahl wird zwischen zwei konische Walzen gezwängt. Der Stahl weicht zwischen den sich in gleicher Richtung drehenden Walzen becherförmig nach innen. Diese Vertiefung wird beim Vorstoßen des Rundstahls durch die sich immer mehr verengenden Walzen zum sichtbaren Hohlraum, bis dieser Hohlraum am Ende des Stabes, wenn er die Walzen durchlaufen hat, zum Rohr wird. Dieses Rohr ist aber innen rau und das Produkt unbrauchbar. Zum Glätten der Innenfläche wurde deshalb ein Dorn eingeführt. Max Mannesmann äußerte sich zu dem Walzvorgang in einem Brief vom 16.3.1896: „Zur Erzielung eines verkaufsfähigen Produktes ist die egalisierende, glättende Arbeit des Domes im Inneren des entstehenden Rohres notwendig."

In Remscheid halfen nun auch Alfred und Carl, denn die Experimente erforderten Hilfskräfte. Diese mussten die Stäbe in der seitwärts stehenden Glut erwärmen. (...) Die Brüder arbeiteten ohne jede Schutzvorrichtung. Einmal war die lineare Führung des Stabes nicht eingeschaltet worden, und Reinhard, der den Stab aus der Nähe beobachtete, wäre von dem heißen Stahl getroffen worden, hätte sein Bruder Alfred nicht blitzartig geschaltet.

Der Übergang auf zwei Walzen war ein entscheidender Schritt, denn nur zwischen zwei Walzen kommt der Frimel-Effekt in der notwendigen Intensität zustande. So ergaben die Versuche bald eine Lockerung der gewalzten Stäbe im Kern. Aber bis man dahin kam, dass sich diese Lockerung zielsicher zu dem gewünschten Hohlraum erweiterte, war noch ein mühseliger Weg voller Enttäuschungen zu gehen. Es war schon schwierig festzustellen, bei welcher Form und Stellung der Walzen das innere Aufreißen des Stabes gelang. Außerdem war damals noch unbekannt, welch ausschlaggebende Bedeutung die Materialqualität der Stäbe auf das Hohlwerden hat. Häufig versagten die Walzversuche ohne erkennbaren Grund, und die Brüder tasteten sich von einer Etappe der Versuche zu der nächstfolgenden vor.

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Auf Erkundung mit einem Remscheider Stadtführer

Donnerstag, 27. Juli, 18 Uhr
Kommerzienrat Hardt und die Lenneper Tuchmacher – mit Besichtigung des Tuchmuseums.
Ende des 19. Jahrhunderts lebte in Lennep der Königliche Kommerzienrat Hermann Hardt. Er war, wie schon seine Vorfahren, Tuchmacher und Mitinhaber der Tuchfabrik Johann Wülfing & Sohn. Als Mitglied der Lenneper Stadtverordnetenversammlung, aber auch in seiner Verantwortung als Unternehmer, engagierte er sich für seine Heimatstadt und deren Bewohner. Begleiten Sie Herrn Hardt auf seinem Weg durch sein Lennep.  Die Führung endet mit einer kurzen Besichtigung des Lenneper Tuchmuseums. Leitung: Harald Fennel, Preis: sieben €  (incl. Eintritt Tuchmuseum). Treffpunkt: Tuchmuseum, Hardtstr. 2. Anmeldung: Claudia Holtschneider, Tel. RS 79 13 052.

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Zwei Tote bei Jungfernfahrt auf dem Mühlenteich

Heintjesmühle. Foto: Frau OsthoffWir spazieren im Eschbachtal unterhalb Elishammer links ein paar hundert Meter das Tal empor Richtung Polhausen und kommen an einen Teich. Der Löwenteich bei Pohlhausen war das Wasserreservoir der Heintjesmühle. Von hier aus geht man am Heintjesmühler Bach entlang nach unten und kommt nach etwa 300 Metern an die alte Heintjesmühle. 1692 wird sie schon im Mühlenkataster von Schloss Burg erwähnt. Zu dieser Zeit gehört sie einem Heinrich Ernemann von Bliedinghausen. 1751 ist sie als Getreidemühle des Joh. Forster mit zwei Mahlgängen nachzulesen. Ernemann wollte die Getreidemühle in eine Ölmühle umgestalten, was ihm aber unter Hinweis auf das Privileg der Burger Ölmühle "zum Steg" 1745 nicht genehmigt wurde. Am 10.9.1806 verkauft laut Gerichtsakten des Amtes Bornefeld ein Abraham Elisa Veshof die Heintjesmühle an Heinrich Weber für 2.150 Reichstaler. 1829 ist er immer noch der Besitzer. Am 18. August 1839 ist im Lenneper Anzeiger ein Aufruf gedruckt mit folgendem Inhalt: "Am Donnerstag den 29. dieses, nachmittags 2 Uhr, im Hause des Königl. Postverwalters Herrn Peter Holterhoff dahier soll ein Verkauf stattfinden.“ (…) Es ging um die Heintjesmühle, „worüber die Bedingungen bei dem Unterzeichneten, und die Karte bei den Herren Verkäufern einzusehen sind. Rieger, Notar". In der Remscheider Regierungsliste ist die Mühle 1853 aufgeführt als Fruchtmühle von David Hasenclever. Offensichtlich hat dieser die Mühle damals gekauft. 1867 ist die letzte Eintragung nachzulesen. Sie wurde schon vor 1900 stillgelegt.Bei meinen Recherchen habe ich in den Remscheider Nachrichten vom 28.10.1931 einen sehr informativen Artikel gefunden, der das damalige Leben und Treiben um damalige Zeiten sehr authentisch wiedergibt:

Heintjesmühle im Jahre 2004. Foto: G. SchmidtAm Heintjesmühler Bach, der vom Säulenstiel herabkommt und am Schlepenpohl in den Eschbach mündet, liegt idyllisch, zwischen bewaldeten Bergen fast versteckt eine uralte Zwangsmühle, die Heintjesmühle. Das L-förmige Mühlengebäude ist mit Ausnahme der an den Berg angelehnten beiden Flügel zweistöckig. Es steht äußerlich auch heute noch in seiner ursprünglichen Form da, aber nichts an ihm und in seiner Umgebung erinnert noch an den ehemaligen Mühlenbetrieb. Selbst der grabenförmige untere Mühlenteich, aus dem das Eishaus des Wasserrades gespeist wurde, ist spurlos verschwunden und die inneren Räume dienen jetzt sieben oder acht Familien als Wohnungen. Vor 50 Jahren war die Mühle noch in Betrieb. Sie sah viele Besitzer kommen und gehen, denn in regenreichen Zeiten pflegte sie unter Arbeitsmangel und in arbeitsreichen Zeiten unter Wassermangel zu leiden, obgleich sie knapp 300 Meter talaufwärts in Form einer kleinen Talsperre über einen Wasserspeicher von beträchtlicher Größe und Tiefe verfügte. Dieser große obere Mühlenteich ist noch vorhanden und wird heute zur Fischzucht benutzt. Unter dem letzten Müller baute ein unternehmender Feilenhauer in einer Waldlichtung neben dem großen Mühlenteich, nach eigenen Plänen, aus Balken, Flechtwerk und Lehm ein Haus. Er hatte gute, auf Kriegskameradschaft beruhende Beziehungen zu dem Bürgermeister und späteren Oberbürgermeister Ludwig von Bohlen. Und als das Haus fertig war, eröffnete er darin einen, nach ländlichen Begriffen wenigstens, alten Anforderungen der damaligen Neuzeit gerecht werdenden Schauwirtschaftsbetrieb mit Trinkwasserleitung, Kegelbahn usw. Die Schankräume entsprachen in der Höhe zwar nicht ganz den heutigen baupolizeilichen Vorschriften, waren aber immerhin so hoch, daß der höchste hier zuweilen einkehrende Gast, Herr Ludwig von Bohlen, mit abgenommenem Hut noch eben aufrecht darin zu stehen vermochte., ohne an der Decke zu schrammen.

Geschäftstüchtig, wie er war, wußte der Wirt und Feilenheuer den großen Mühlenteich für Bade-, Eis- und Wassersport auszunutzen. Das heißt, den Sport überließ er seinen Gästen, er selbst betätigte sich nur als Veranstalter. Das dichte Gestrüpp am Teichufer bot der ländlichen Sittlichkeit genügend Gelegenheit zum An- und Auskleiden, machte also jede Art von Badezellen überflüssig. Die Badeanstalt erforderte daher im Wesentlichen nur ein Sprungbrett. Damit nun auch der Wassersport nicht zu kurz käme, baute der Wirt vor 53 Jahren (1878) aus vier Petroleumfässern, Balken, Brettern und Latten ein Fahrzeug mit Unter- und Oberdeck. Vom Unterdeck führte eine Treppe oder Leiter zum Oberdeck. Die Einweihung war natürlich ein ganz großes sportliches Ereignis. Leider kamen dabei zwei junge Mädchen, die auf dem Oberdeck saßen und des Schwimmens unkundig waren, ums Leben. Das Schiff kippte auf seiner Fahrt plötzlich vollständig um, so daß die Fässer nach oben zu liegen kamen und die beiden Mädchen von dem Geländer des Oberdecks fest in den Teichschlamm gedrückt wurden.

Dieses Unglück verdarb dem Wirt die Freude an der Schiffahrt gründlich. Als Mitglied des Bliedinghauser Landwehrvereins verlegte er sich deshalb auf den Schießsport, wozu sich die große Wasserfläche des Mühlenteiches ebenfalls vortrefflich eignete, weil sie die wünschenswerte freie Übersicht bot und auch niemand in die Schussbahn gelangen ließ. Seitdem knallten in den 1880er Jahren jeden Pfingsten vor der Wirtschaft unter der Leitung des Vereinsprotektors Reinhard Mannesmann die Scheibenbüchsen, und ihre Kugeln pfiffen über die größte Diagonale des Mühlenteiches hinweg auf eine am jenseitigen Berge aufgestellte Scheibe mit sicherer Deckung für die Melder.

Vor 51 Jahren baute sich unweit der Wirtschaft in ähnlichem Stil, noch ein Feilenhauer an. Wie der Wirt sich eines sehr vornehmen Gastes rühmen konnte, hatte der Nachbar einen äußerst feudalen Mieter in der Person eines echten Freiherrn von ..., der, man wußte nicht, wie - aus seinen hochadeligen Verhältnissen unters Fußvolk gekommen war und mit dem eben genannten prominenten Gast nur noch den Vorzug hoher Geburt gemein hatte. Diesem Edelmann mußten es wohl die lieblich duftenden unerschöpflichen Fleischtöpfe seines Vermieters angetan haben. Sein Hausherr war nämlich im Nebenberuf Pferde- und Hundemetzger. Von all seinem ehemaligen Glanz war dem Herrn Baron nur ein alter steifer Hut und ein ebenso alter Gehrock geblieben, worin er in Verbindung mit einem verblüffend vornehmen Gang sein adliges Prestige aufrecht erhielt. Sein Hausherr, der Feilen- und Roastbeeflieferant, besaß eine nicht so sehr durch Schönheit ausgezeichnete bessere Hälfte, von der er, als galanter Ehemann, ganz unverfroren behauptete, sie sei "dat beste Weit ut däm Küten" gewesen. Was ihr aber an äußeren Reizen abging, ersetzte sie reichlich durch Tugenden. Sie war eine sehr sparsame und fleißige Frau, eine pflichttreue Gattin und Mutter. Bei Meinungsverschiedenheiten mit ihrem Eheherrn wußte sie ihn durch freundliches Zureden, wie z.B. "ech schlonn dr de Knoken em Balj kaputt", ihren Willen gefügig zu machen. 

Doch zurück zur Mühle: Wenn sie in Betrieb war, hörte man schon von weitem, auf der Höhe der sie umgebenden Berge ihr trauliches, kastagnettenartiges Klappern. Ihrem Grunde entspringt irgendwo ein stets gleichmäßig fließender Quell des köstlichen Trinkwassers, der auch heute noch an der unteren Außenseite des Mühlengebäudes in ein mit der Hand bequem erreichbares Becken plätschert. Der seiner Zeit sehr geschätzte Kinderarzt Dr. Zimmermann ging an dieser Quelle nie vorbei, ohne einen Trunk daraus zu nehmen. Im Erdgeschoß der Mühle drehte sich die Achse des großen Wasserrades und setzte durch ein Winkelrädergetriebe den senkrechten, sogenannten Königsbaum in Bewegung. Oben auf dem Königsbaum drehte sich ein großes, waagerechtes Zahnrad, von dem die beiden im Obergeschoß liegenden Mahlgänge ihren Antrieb erhielten. Jeder Mahlgang bestand aus einem harten und einem weichen Mühlstein, denn zwei harte Mühlsteine mahlen nicht zusammen. Daher die sprichwörtliche Redensart: "Do sind die twei Haden (eigensinnige Köpfe) opien geroden". Unter den Mahlgängen, rechts und links vom Königsbaum, hingen die Säcke zum Auffangen des gemahlenen Getreides. Gemahlen wurde hauptsächlich Roggen, aus dem, soweit er nicht als Viehfutter Anwendung fand, im anstoßenden "Bakkes" Schwarzbrot gebacken wurde. An den Backtagen teilte sich der würzige Brotgeruch dem ganzen Tal mit. Mein Vater, der sich der furchtbaren Missernte von 1847 und der daraus folgenden Not noch erinnerte, pflegte zu erzählen, wie man damals hungernde Kinder in die Backstube geführt habe, um mit dem Brotgeruch ihren Hunger zu stillen, oder doch zu betäuben. Daß der Back- und Kochgeruch eine gewisse sättigende Wirkung ausübt, ist ja eine jeder Köchin bekannte Tatsache.

Als 1882 die altersmorsche und schiefe Mühlenscheune aus Fachwerk, mit ihren Kuh-, Schweine- und Hühnerställen abgebrochen wurde und der Mühlenbetrieb einging, fand man bei den Aufräumungsarbeiten einen alten Mühlstein mit der Jahreszahl 1710. das ist alles, was wir von dem Alter der Mühle wissen. Wahrscheinlich ist sie aber noch bedeutend älter. An Romantik hatte diese Mühle, glaube ich, wenig ihres gleichen. In meiner jugendlichen Phantasie erschien sie mir darum auch immer als das Urbild der berühmten Eichendorff´schen Mühle. "In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad, mein Liebchen ist verschwunden, das dort gewohnet hat". (Peter Ehlis, Heintjeshammer)  (aus: Hämmer- und Kottenforschung in Remscheid. Herausgegeben von Günther Schmidt, Band 5 - Vom Blombach bis Eschbach)

"Lehrer von freier demokratisch politischer Gesinnung!"

„Unserem Geschichts- und Mathematiklehrer an der höheren Bürgerschule, Carl Meunier, habe ich außerordentlich viel zu verdanken. Es war ein Mann von hohen Geistesgaben und von freier demokratisch politischer Gesinnung, weshalb er auch in den beschränkten Köpfen der hiesigen Machthaber keine Anerkennung gefunden hat. Er lehrte die Weltgeschichte in freiem Vortrag und zeigte, wie es immer die Junker und Pfaffen waren, die in ihrem eigensten egoistischen Interesse das Volk ausbeuteten, wie sie es geistig verkommen ließen, wie sie immer bestrebt waren, jeden freien Gedanken zu unterdrücken, wie sie die größten Geister durch Scheiterhaufen, Folter und Kerker für sich unschädlich zu machen suchten. Nach dem Untergange der hochentwickelten griechischen Kultur und der Gründung der christlichen Staatsreligion zeigt uns die Geschichte des Mittelalters einen blutigen Weg der Gewalt, dringt doch der Feuerschein des Scheiterhaufens fast bis in die neuere Zeit hinein.

Mit wahrer Begeisterung schilderte Meunier die Ideen, welche mit der großen französischen Revolution von 1789 ins Volk gedrungen waren, wie Freiheit, Brüderlichkeit und Menschenrechte proklamiert wurden, dann allerdings durch den Anarchismus entarteten und durch die Reaktion die alte Schranke wieder aufgebaut wurde. Wenn uns in den Mathematikstunden der Beweis für irgendeinen Lehrsatz fehlte und wir mit unserem natürlichen Verstande die Richtigkeit desselben ohne weiteres einsehen konnten, so sagten wir wohl: »Wir glauben, daß der Satz richtig ist.« Das ließ er aber nicht durchgehen, er sagte dann: »Du sollst nichts glauben, Du sollst es wissen.« Diesen Satz wollte er auf die ganze Wissenschaft angewendet haben, er sagte, in der ganzen Natur beruht alles auf Ursache und Wirkung. Mit dem Glauben erreichen wir nichts, wir müssen die Ursachen aller Erscheinungen kennenlernen, wir müssen wissen, warum das Ding so und nicht anders ist. Meunier war ein erfahrener und kluger Politiker, er verkehrte in den späteren Jahren mit mir in der Gesellschaft Union, so daß ich Gelegenheit hatte, seine politischen Anschauungen kennen zu lernen.

Als Bismarck im Jahre 1874 den Kulturkampf gegen die Ultramontanen einleitete, sagte Meunier eines abends: »Da fängt der Bismarck etwas an, da wird er nicht mit fertig, die Macht der Pfaffen über die Geister ist so groß, dass er keinen Erfolg haben wird.« Es war wirklich so, es dauerte gar nicht lange, da musste Bismarck den Weg nach Canossa einschlagen und die Macht der Ultramontanen war dadurch erst recht gewachsen. Meunier war wegen seiner freien politischen und religiösen Anschauungen bei unseren städtischen Machthabern, denen er nicht zu schmeicheln wusste, nicht beliebt. Wegen seiner Liebhaberei für schöne und seltene Pflanzen und dem Studium seiner Söhne konnte er mit seinem Gehalt nicht auskommen, er geriet in Verschuldung und hat dadurch in den letzten Jahren seines hiesigen Aufenthaltes viele Mühen und Sorgen gehabt, die auch bei seinem 25jährigen Jubiläum nicht behoben wurden, da er unter den Stadtverordneten seiner freien Weltanschauung wegen wenig Freunde hatte." (aus: „Albert Schmidt · Ein Leben in der Bergischen Kreisstadt Lennep“, herausgegeben von Wilhelm Richard Schmidt, Gießen und Frankfurt am Main im Jahre 2000)  

"Die Kinder wuchsen bei einfacher Kost heran."

Reinhard Mannesmann sen. heiratete erst mit vierzig Jahren. :Von seinem Besuch im Pfarrhaus von Großottersleben, dem Elternhaus der Braut, berichtete er am 13. Juli 1854: „... Ich wollte Euch hiermit die Anzeige machen, dass ich seit Pfingsten glücklicher Bräutigam bin. Da ich nur dem Zuge meines Herzens folgen konnte, so kann keine andere meine Braut sein, als Clara Rocholl von Ottersleben. Clara hat sich seit den letzten zwei Jahren sehr zu ihrem Vorteil gemacht, sie ist kräftig und gesund und von edlem gebildetem Geiste: Zudem erfuhr ich, dass sie mich seit er ersten Bekanntschaft vor vier Jahren sehr geliebt hat, ein Umstand, der hoffen lässt, dass unsere auf Gegenseitigkeit beruhende Liebe von unvergänglicher Dauer sein wird."

Der Vater der Braut war ein Mann gleichen Sinnes wie Reinhard. Pastor Rocholl hatte als Student die Vorlesungen von Hegel gehört, Er hatte im Hause von Neander verkehrt und war mit Schleiermacher befreundet. Das Pfarrhaus in Ottersleben war ein geistiger Mittelpunkt. Der Pastor war ein hervorragender Redner, der neben hohen Geistesgaben auch über beachtliche Körperkräfte verfügte. So wird von ihm erzählt, dass es in seiner Gemeinde keine Scheidung gab, denn er bestellte die streitenden Eheleute einzeln zu sich und verprügelte sie.

1854 zog Reinhard Mannesmann sen. mit seiner jungen Frau in das kleine Haus. Hier wurden Reinhard und Max und sieben ihrer Geschwister geboren. Petroleumlampen erhellten abends die Stuben. Das Trinkwasser nahm man aus dem Ziehbrunnen, und zum Waschen wurde das Regenwasser aufgefangen. Zum sonnabendlichen Bade wurden glühende Eisenblöcke auf eisernen Karren aus der nahen Fabrik ins Haus gebracht und zum Erhitzen des Wassers in die Wanne gelegt. Wenn die Blöcke erkalteten, überdeckte man sie mit Brettern, damit man im Bade sitzen konnte.

Die Kinder wuchsen bei einfacher Kost heran. Man lebte nach Punkt 4 der praktischen Winke des Vaters an seine Arbeiter: „Nicht zu vergessen, dass gute Gewohnheiten aus früher Jugend das ganze Leben durchhalten. Daher besonders auf Pünktlichkeit und Ordnung unnachsichtig halten, im Aufstehen, im Schlafengehen, im Betreten der Schule, im Anfertigen der Aufgaben, im Aufbewahren der Schul- und Spielsachen, wie der Kleider. Auch nicht dulden, dass eine angefangene Arbeit halbfertig liegenbleibe."

Die Ausbildung der Söhne war dank des preußischen Schulsystems eindeutig vorgezeichnet. Zunächst besuchten sie die Schule „zweiter Ordnung" in Remscheid und kamen dann in die Schule „erster Ordnung" nach Düsseldorf, um dort das Abitur zu machen. Sie wohnten bei einer Wirtin, die für die Jungen die gleichen Portionen kochte, wie für sich selber. Reinhard (jun.) wagte kein Wort darüber zu verlieren, dass sein Hunger größer war als der der alten Dame. In den Ferien mussten die Söhne in der Fabrik arbeiten, um alle Abteilungen „der fließenden Herstellung" kennen zu lernen.

Der Vater stand jeden Morgen um 6 Uhr auf und verlangte dasselbe von den Kindern, „öhm Reinhatt", wie ihn die Arbeiter nannten, war ein sparsamer Mann, dennoch zahlte die Firma Mannesmann die höchsten Löhne der Stadt, stellte aber auch die höchsten Anforderungen an die Arbeiter. Kam der „öhm" bei einem Meister vorbei, der den Stahl zu sehr geglüht hatte, sagte er verächtlich: „Sie hant kin Hatte im Lief." (Sie haben kein Herz im Leib) — Aus einem Haufen von Feilen zog er im Vorbeigehen die einzelnen misslungenen und legte sie dem Meister auf den Amboss. Er verlangte von seinen Söhnen, dass sie Feilen hauen konnten. Keiner von ihnen schlug seine 1000 Handschläge so scharf und sicher aneinandergereiht auf den glühenden Stab wie Max. Alle Probleme der Fabrikation, die die Alten langsam und folgerichtig lösten, erlebten die Jungen in ihren Anfängen mit. Schon frühzeitig lernten sie das verschiedene Material in all seinen Besonderheiten zu unterscheiden.

Alle Sorgen und täglichen Hindernisse, die der sich ständig vergrößernde Betrieb brachte, wurden mittags und abends in dem kleinen Haus besprochen. In der Mitte der sechziger Jahre hatte der Vater eine Lizenz zur Herstellung von Gewehrläufen erworben. Das Verfahren bewährte sich nicht. Krumme Gewehrläufe und andere missglückte Werkstücke lagen in einem der Fabrikhöfe. Da stand auch ein Walzapparat, nutzlos und ein ewiges Ärgernis; denn die Rundstäbe, die versuchsweise auf einem Dorn ausgewalzt worden waren, taugten nicht. Kam der Vater mit einem seiner Söhne daran vorbei, versäumte er nie zu sagen: „Das da müsst ihr einmal lösen."

1870 zog die Familie in ein großes, neuerbautes Haus in Remscheid-Bliedinghausen. Hier wurden das 10. und 11. Kind geboren. Reinhard sen. war so überzeugt von der kommenden technischen Entwicklung, dass er Anschlüsse für Gas und Wasser in das neue Haus legen ließ, obwohl noch keine Leitungen in der Stadt waren. Die Frage des Badezimmers wurde überraschend einfach gelöst: In einem kleinen Raum stand ein Schrank, der an drei Seiten mit Rohrschlangen versehen war. Die Rohre hatten kleine Spritzdüsen, und so war eine einfache Dusche hergestellt. Diese Dusche wurde aus einem Wasserbehälter im obersten Stock des Hauses gespeist. Reinhard jun. verließ 1874 sein Elternhaus, um in Hannover an der Technischen Hochschule zu studieren. Der Vater scheute sich nicht, entgegen dem Urteil seiner Zeit, seine sechs Söhne auf diese modernen und umstrittenen Lehranstalten zu schicken. (...)

Nachdem Reinhard jun. seine Examensarbeit geschrieben hatte, trat der Absolvent der Berliner Bergakademie als Angestellter in die Firma A. Mannesmann ein. Über seine Prüfungsarbeit wird noch 50

Jahre (in VDI-Band 66, 1922) später geschrieben: „1877 legte er als 21jähriger die berg- und hüttenmännische Prüfung auf der Bergakademie mit einer Arbeit über ‚Das Verhalten des reinen Kohlenstoffes zum reinen Eisen bei steigender Temperatur‘ ab. Diese Arbeit entschied die Frage. Ob die Wanderung des Kohlenstoffes in Eisen (z. B. im Hochofen) durch Gaskohlung oder durch Molekularwanderung vor sich gehe, zu Gunsten der Molekularwanderung. Seitdem ist diese Frage nie wieder wissenschaftlich bestritten worden. In der Arbeit wies Mannesmann zum ersten Mal nach, dass man jeden Kohlenstoffgehalt auf jede gewünschte Tiefe ins Eisen einführen kann. Durch diese Erkenntnis wurde die Grundlage zu der neuzeitlichen Herstellung der Panzerplatten gegeben, die außen glashart und innen weich sind. Die umfangreichen Unterlagen für die Arbeit befinden sich noch heute in der Ausstellung der Bergakademie Berlin." (aus dem Buch "Dokumente aus dem Leben der Erfinder" (Max und Reinhard Mannesmann), in dem der Bergische Geschichtsverein, Abt. Remscheid, angereichert durch zahlreiche Fotos, im Jahre 1964 ein Manuskript von Ruthilt Brandt-Mannesmann veröffentlichte, einer Tochter von Reinhard Mannesmann. Daraus zitiert der Waterbölles mit freundlicher Genehmigung des Geschichtsvereins.)

Die kleine Ausreißerin

von Alma Mühlhausen

Nicht ganz zwölf Jahre war ich alt, als unser Lehrer mit vier seiner besten Aufsatzschreiber, zu denen ich glücklicherweise auch gehörte, als Belohnung einen Ausflug nach Schloss Burg machte. Heute noch wie damals weiß ich um die Mühe, die es uns machte, den steilen Schlossberg zwischen einer Wildnis von Eichenstrubben hinaufzukraxeln. Die breite Verkehrsstraße, die heute vom Burger Bahnhof zum Schloss verläuft, war damals noch nicht gebaut. So waren wir denn froh, als wir am Schloss, unserer Grafenburg, landeten, deren Ruine ringsum von Gerüsten umgeben war, auf denen die Handwerker sich wie Ameisen tummelten.

Während der Besichtigung des Schlosses, dessen Aufbau rüstig voranschritt, stahl ich mich von den anderen fort und setzte mich unterhalb der zerbröckelten Schlossmauer auf die Wiese. Es war ein herrlicher Sommersamstag. Der Wind trug den Duft der Heide vom nahen Hügel zu mir herüber. Besonders aber fesselte mich der Anblick der Landschaft, die sich in ihrem eigenartigen Reiz vor mir ausbreitete. Wie mit Waldgrün bekränzt, schauten die Stirnen der Berge zu mir herüber. Tief unten aus dem Städtchen Burg aber stieg der Schall froher Wanderlieder und lustiger Peitschenknall empor bis in meine grüne Einsamkeit.Während ich still im duftig-weichen Gras saß, überkam mich ein eigenartiges Gefühl. Was ich damals in meinem kindlichen Gemüt noch nicht wusste, ist mir später mit aller Deutlichkeit offenbar geworden: In dieser Stunde wurde die Liebe zu meiner bergischen Heimat geboren; sie drängte mich, ihre Schönheit in Versen zu besingen. Ich öffnete mein Riedkörbchen, das auf seinen vier Holzfüßchen neben mir im Grase stand, und entnahm ihm Bleistift und Oktavheft und . . . schrieb. Schrieb so, wie ein noch nicht zwölfjähriges Kind schreiben musste, das sich zum ersten Male der ganzen Schönheit seiner Heimat bewusst wird. Vom Eschbach, vom Städtchen Burg und vom Schloss „dichtete" ich drauflos.

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