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'Kampftrinken" von 12-Jährigen geht uns alle an

Es gibt Remscheider, die sind bekennende Antialkoholiker von Berufs wegen. Jedenfalls immer dann, wenn es um Kinder und Jugendliche („Kampftrinker“) geht, die sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinken. Und deren Zahl ist in jüngster Zeit in Remscheid bedenklich gestiegen. Erkannt haben dieses Problem der städtische Sozialdezernent Burkhard Mast-Weisz, Kriminalkommissarin Nathalie Westerveld („Arbeitsgruppe Jugendkriminalität“ der Kripo Remscheid), Jürgen Beckmann (Leiter des städtischen Ordnungsamtes), Bernd Liebetrau (Fachdienst „Prävention“ der Diakonie Remscheid), Hans-Gerd Zimmer (städtischer Streetworker), Wolfgang Köppe (im städtischen Fachbereich Jugend zuständig für Kinder- und Jugendschutz), und als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Offene Kinder- und Jugendarbeit (AGOT) Wolfgang Zöller (Jugendzentrum "Kraftstation"), Richard Ulrich (Verein „Die Schlawiner") und Zbigniew Pluszynski (Jugendzentrum "Die Welle").

Gemeinsam traten sie gestern vor die Presse, um dem in die Mode gekommenen so genannten „Binge-Drinking“ unter Kindern und Jugendlichen den Kampf anzusagen. Dazu wollen sie künftig noch enger als bisher zusammenarbeiten, in dem sie intern Prävention und Repression weiter verzahnen, vor allem aber, in dem sie sich in der Öffentlichkeit um ein größeres Problembewusstsein aller Bürger bemühen. Denn: „Wir schaffen’ s nicht allein!“ Niemand in dieser Stadt dürfe darüber hinweg sehen, dass sich inzwischen schon Zwölfjährige auf Schulhöfen und Spielplätzen „die Kante geben“. Zunehmend sind darunter mehr Mädchen als Jungen, insgesamt häufiger aus Mittel- und Oberschicht als aus sozial schwachen Familien.

„In Deutschland kommen Kinder und Jugendliche so leicht an Alkohol wie in keinem einzigen Nachbarland“, stelle Richard Ulrich fest. In  der Verantwortung stehen nach Ansicht der Remscheider Experten hier der Gesetzgeber und die Kiosk-Verkäufer gleichermaßen. Wolfgang Zöller: „Nachdem die Alcopops teurer geworden sind, hat die Industrie süße Wein- und Biermischgetränke auf den Markt gebracht, die speziell auf Kinder und Jugendliche zielen. Daraus müsste die Politik wiederum reagieren!“ Von den Kiosk-Verkäufern erwartet Jürgen Beckmann bei Alkohol-Käufen häufigere Ausweiskontrollen. Der Ordnungsamtsleiter macht klar: „Wer beobachtet, dass ein 18-Jähriger den gekauften Alkohol vor dem Laden an einen Jüngeren weitergibt und das ‚übersieht’, erhält sich ebenso ordnungswidrig wie der Käufer!“

Man trifft sich und man betrinkt sich. Mutwillig. Und zwar so lange, bis nichts mehr geht, bis zur Bewusstlosigkeit. Die Remscheider Experten sprechen von Trinkexzessen, von regelrechten Sauforgien mit großen Glasbehältern voller Alkohol, aus denen gemeinsam mittels kleiner Plastikschläuche getrunken wird, und zwar so lange, bis nichts mehr geht, bis zur Bewusstlosigkeit. Etwa ein Drittel der 15-Jährigen war bereits zwei Mal in ihrem Leben völlig betrunken.

Der Arbeitskreis Suchtvorbeugung in Remscheid beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit dieser Problematik. Die Mitarbeiter kontrollieren bei Veranstaltungen den Alkoholausschank. Beim Lenneper Karnevalszug sind in der Regel 35 Leute vor Ort. Und in Kooperation mit dem Lenneper Karnevalsverein findet während des Straßenkarnevals im Festzelt eine alkohol- und nikotinfreie Karnevalsdisco für Jugendliche unter 16 Jahren statt. Zugleich werden Gastwirte direkt auf die Einhaltung des Jugendschutzgesetzes angesprochen (Anschreiben an Gaststätten, Einzelhandel, etc.). Veranstaltet werden übers Jahr Informationsabende für Eltern, Projektwochen mit Schulklassen und themenbezogene Freizeitangebote in Jugendhäuser, darunter seit 2004 alljährlich eine große Anti-Drogen-Disco für Schüler und Schülerinnen der Klassen 7 und 8 aller weiterführenden Schulen in Remscheid. Darin eingebettet bieten unterschiedliche Angebote einen Rahmen, in dem sich Jugendliche mit dem Thema Alkohol auseinandersetzen können (Alkoholquiz, Computerspiel ‚Alkohol im Straßenverkehr’, etc.). Doch wie die Remscheider Experten betonen, sind diese Angebote nicht ausreichend, um Kinder und Jugendliche effektiv zu schützen. Vielmehr seien weitere, auch repressive Maßnahmen notwendig:

  • Verstärkte und gezielte Jugendschutzkontrollen mit Information der beteiligten Eltern
  • Kontrollen in Geschäften
  • Verhängung von empfindlichen Bußgeldern
  • Elterngespräche zur Vermeidung eines Verfahrens wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht.

Rechtlich gesehen ist der Genuss von Alkohol vor dem 16. Lebensjahr in Deutschland verboten, vor dem 18. Lebensjahr nur sehr eingeschränkt erlaubt. Damit gibt sich die Bundesrepublik im weltweiten Vergleich geradezu liberal. (In den Vereinigten Staaten beispielsweise dürfen Jugendliche erst ab 21 Jahren Bier trinken.) Kritiker sehen darin allerdings auch einen Grund für die vielen illegalen Trinkgelage von Teenagern. Jugendliche verstehen offenbar das, was sie offiziell nicht dürfen, als sportliche Herausforderung" und nutzen als „Rucksack-Touristen“ (den Rucksack voller Alkohol) parallel laufende Veranstaltung als öffentlichkeitswirksame Bühne.

Wer Kindern und Jugendlichen den Zugang und Genuss von Alkoholika ermöglicht, macht sich nach dem Paragraf 9 des Jugendschutzgesetzes strafbar. Das kann mit einem Bußgeld bis zu 50.000 geahndet werden kann. Diese Auslegung gilt nicht nur für den Handel, sondern auch für Erwachsene, die dies ermöglichen. Im Klartext: „Bei Trinkgelagen von Jugendlichen reicht es nicht aus, dass sich bei Überprüfungen junge Erwachsene (über 18) als Eigentümer der Alkoholika ausgeben. Sollten Jugendliche unter 18 dabei alkoholisiert angetroffen werden, wird dies strafrechtlich verfolgt“, so Ordnungsamtsleiter Jürgen Beckmann.

Der Schaden, den ein junges Nervensystem davon tragen kann, ist immens. Alkohol ist für Jugendliche viel schädlicher als für Erwachsene. Er stört die Entwicklung des Gehirns. Merkfähigkeit, Konzentration und Gedächtnisleistung nehmen ab. Und man ist schneller bei einer Alkoholvergiftung. Auf lange Sicht werden auch Leber, Herz, Nieren und Bauchspeicheldrüse in Mitleidenschaft gezogen. Und die Promille machen leichtsinnig. Nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) sterben in Deutschland jährlich 42.000 Menschen durch Unfälle, bei denen Alkohol im Spiel war.

Ein weiteres Risiko ist die Sucht. Weil Jugendliche noch wenig Erfahrung mit Konfliktbewältigung haben, neigen sie dazu, ihre Probleme in ein paar Drinks zu ertränken. Die Erwachsenen, allen voran die Eltern, machen es oft genug vor. Das abendliche Bier vor dem Fernseher ist in vielen Familien ganz normal und mancher Ärger wird mit Schnaps heruntergespült. Für Heranwachsende erscheint die Droge somit als offensichtlich harmlos, frei nach dem Motto: "Was kann da schon dabei sein?" Richard Ulrich: „Wenn Eltern hören, dass ihr Kind kifft, fallen sie fast in Ohnmacht und rufen gleich nach der Suchtberatung. Bei Alkohol drohen manche gerade mal mit dem Zeigefinger!“

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