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Abwasser und Rathaus Anfang des 20. Jahrhunderts

„Das Jahr 1899 hatte nicht nur den Kaiser nach Remscheid ge­bracht, sondern auch einen Wechsel im alten Rathaus an der Elberfelder Straße. Dort residierte inzwischen der Bürger­meister Nollau. Das Leben im »Dorp«, wie die Remscheider ihre Stadt noch immer nannten, ging seinen Gang. Kernpunkt der Bebauung war der Markt, das Gebiet um die evangelische Stadtkirche, die 1726 nach dem großen Brand an die Stelle des zerstörten Gotteshauses getreten war. Aber der Bau der Straßenbahn hatte die Benutzung des Marktplatzes in seiner ursprüngli­chen Funktion unmöglich gemacht. So hatte Remscheid, dem ohnehin ein echtes Zentrum fehlte, auch noch jenen unver­gleichlichen Klatsch- und Tratschplatz, den Umschlagplatz von Waren und Neuigkeiten, eingebüßt. Wo Schienen lagen, hatten Marktstände nicht mehr viel zu suchen. Aber mit der Straßenbahn waren die Remscheider allen Nachbarstädten voraus. Das machte sie stolz, dafür brachten sie das kleine Opfer.

Vom Markt aus verbanden lange Straßenzüge, die sich meist auf den Höhenrücken hielten, den sehr kleinen Stadtkern mit den Höfen Bliedinghausen, Ehringhausen, Viennghausen, Reinshagen, Büchel, einem steinernen Polypen ähnlich, der auf einem massigen Bergkegel gelagert nach allen Seiten seine Fangarme ausstreckt. Es war eine Stadt, in der die ehrbaren Hammerschmiede, Schleifer und Feilenhauer im blauleinenen Rock und hoher, seidener Kappe umherspazierten, wenn sie sich einmal - sel­ten genug - Muße gönnten. Zu Hause und draußen sprachen sie Remscheider Mundart, jenes derbe Idiom mit den un­verwechselbaren Umlauten, dessen Reichtum an Redensarten wohl kaum eine Chance gehabt hätte, auf uns und Spätere zu kommen, wenn nicht ein Mann einen Teil seiner Lebensarbeit auf das Sammeln und Festschreiben verwandt hätte: Gustav Hermann Halbach (Foto unten rechts). Sein "Bergischer Sprachschatz", 1951 nach jahrzehntelanger Vorgeschichte erschienen, ist eine Fundgrube, aus der sich die Sprache der "alten Remscheider" aufs Neue schöpfen lässt. Halbach war aber nur einer jener Männer, die zu Beginn dieses Jahrhunderts anfingen, Rem­scheider Sprache, Eigenarten, Geschichte festzuhalten. Rek­tor Wilhelm Engels (1873-1953), der mit Paul Legers zu­sammen die Geschichte der Remscheider Eisen- und Werkzeugindustrie erforschte, Dr. Wilhelm Rees (1888-1969), der in den verschiedensten Funktionen in den Diensten der Stadt stand, und E. Erwin Stursberg seien hier genannt. Bei all ihrem Forschen fanden sie viele Details und im Grunde nur Bestätigungen für eine Erkenntnis, die Franz Ziegler, der Gründer des »Remscheider General-Anzeigers«, 1901 zu Papier brachte: »Wohl in keiner Gegend hat die Ge­schichte des Landes so wenig, haben Urwüchsigkeit, Tat­kraft, Tüchtigkeit, Fleiß und Intelligenz der Bewohner soviel für das Wohl und Wehe der Gesamtheit bedeutet wie in der unseren.« (…)

Remscheid um die Jahrhundertwende. Es ist eine Stadt, in deren Rathaus ein Acht-Millionen-Etat verwaltet wird, eine Stadt, die mit Nachdruck nachzuholen versucht, was ihr durch ihre Entstehungsgeschichte so beträchtlich erschwert war: aus der Fülle der Höfe eine kommunale Einheit zu for­men. Das eigentliche Stadtgebiet, das sich immer schneller ausdehnt und die Zwischenräume zuwachsen lässt, wird jetzt von der zur Stadtkirche hochsteigenden Bismarckstraße und vom Bismarckturm im Stadtpark begrenzt. Dazwischen lie­gen Stadtkirche, Markt und die Alleestraße, die über die höchste Erhebung führt und zur Hauptgeschäftsstraße her­anreift. Pferdefuhrwerke kämpfen um diese Zeit mit der Straßenbahn um die Vorherrschaft auf der Straße. Das Au­tomobil hat seinen lärmenden und stinkenden Auftritt noch vor sich. Gegen eine andere Quelle übler Gerüche sind die Remscheider schon angetreten. Sie haben am 23. Mai 1903 den Bau der Kanalisation beschlossen.

Remscheid entwickelte sich schneller, als die Planer gedacht hatten.  (…) Das Remscheid der Jahrhundertwende zählte mehr als 50.000 Einwohner und wurde immer noch von jenem schlichten Schieferbau aus gelenkt, der an der Stelle der heutigen Ernst-Moritz-Arndt-Schule stand und stolz Rathaus hieß. Schon zwei Jahrzehnte zuvor war ein Neubau erwogen worden. Doch dauerte es bis zum Jahre 1903, ehe nach einem einmütigen Beschluss der Stadtverordneten mit dem Bauwerk begonnen werden konnte. 1906 war es vollendet. Es nahm den Standort der ehemaligen Schützenhalle ein und bot sich als ein mächtiges, zugleich aber verspieltes Bauwerk dar, er­richtet aus bergischer Grauwacke mit einem Zwiebelturm, 61 Meter hoch aufragend, mit steilen Giebeln und Schieferdä­chern, Dachreitern und Erkern. Am Hauptgiebel zeigte sich als Relief das Remscheider Wappen. Trotz dieses Gebäude­schmucks und der etwas pittoresken Fassadengliederung hatte das Stadtbauamt, das Entwurf und Ausführung besorg­te, auf eine übersichtliche Gruppierung der Räume Wert ge­legt. (Das Kriegerdenkmal vor dem Rathaus steht heute im Stadtpark, wo es gelegentlich von Sprayern attackiert wird) Foto rechts unten: Das alte Remscheider Rathaus, geschmückt für den Besuch des Kaisers am 12. August 1899. Es stand an der Stelle, an der am 1. April 1913 das Realgymnasium und spätere „Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium (EMA) festlich eingeweiht wurde. (aus: „Remscheid so wie es war“, von Dr. Gerd Courts, erschienen 1974 im Droste Verlag.)

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Waterbölles am : Das neue Rathaus ersetzte dörfliche Amtsstuben

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Die Alten nannten ihn noch „Kerkenlangk", später „Schöttenfeild", bis er über mancherlei Wandlung seines Namens wieder der Rathausplatz wurde. Um 1900 war es den Remscheider Ratsherren im damaligen Rathaus an der Elberfelder Straße doch zu eng

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