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„Hoch die Tassen“, bevor 1866 der Kirchbau begann

Albert Schmidt: Skizze des Kleinen Johannisberg auf dem Bauplatz der Katholischen Kirche in Lennep. 1864/1865. Der Gründer des kurzlebigen Restaurationsbetriebes mit Tanzsaal und Kegelbahn war Franz Egon Plöttner, wie Albert Schmidt ein Schwiegersohn des Firmengründers Friedrich Haas. Schneller als von Plöttner erwartet kam das Geld für die Errichtung einer Kirche auf dem Grundstück seines Schwiegervaters zusammen und das Etablissement musste weichen. Zeichnung: Privatbesitz. Am Anfang der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts war am politischen Himmel ein neuer Stern aufgegangen, ein gewaltiger Geistesheros hatte die Zügel der Regierung erfasst, er hatte sich die Aufgabe gestellt, Deutschland durch eine Politik von Blut und Eisen auf die eigenen Beine zu stellen. Der dänische Krieg war der Anfang einer beispiellosen Epoche von Kämpfen gegen alle, die der Einigkeit Deutschlands widerstrebten, sie endete mit dem wieder erstandenen Deutschen Reiche nach den großartigen Siegen von 1870-1871. Im Frühling des Jahres 1864, nach der Beendigung des dänischen Krieges, war auch in Lennep ein neuer Geist erwacht, man fühlte auch dort das Herannahen einer neuen Zeit. Ein gewisser siegreicher Optimismus ergriff die Gemüter, und der Unternehmungsgeist erwachte. Die katholische Kirchengemeinde wollte eine neue Kirche erbauen, man hatte einen Bauplatz erworben am Schwelmertor, es war der Thüringsche Garten, der auf einem Hochplateau etwa fünf Meter über der Straße lag. Ein schmaler Weg führte von der jetzigen Hardtstraßenecke an der Straßenböschung hinauf zum Gartentor. Es war ein schöner herrschaftlicher Garten mit großen Bäumen, Rasenplätzen, Gemüse- und Blumenbeeten, verschiedene Naturlauben boten lauschige Sitzplätze.

Da noch nicht genügendes Baukapital vorhanden war, so wurde der Garten vorläufig an den Besitzer der oberhalb liegenden Maschinenfabrik Haas vermietet. Eine Tochter des Anmieters hatte den Apothekengehilfen F. Plöttner geheiratet, und da das Gehalt für die Gründung einer Familie nicht ausreichte, wurde eine Wirtschaft mit Bäckerei angekauft. Der Apotheker wurde Bäcker und Wirt und gründete in dem alten Lokal vor der damaligen Bürgerschule, dem späteren Bezirkskommando, das „Gemütliche Hüttchen“, in Dem bald ein reger Verkehr herrschte, da der frühere Apotheker es verstand, jedes Unbehagen durch ein paar Tropfen in das Likörgläschen zu beseitigen. Der Optimismus war ein Hauptcharakterzug unseres Apothekerwirts, er hatte eines Tages von den Kirchengrößen gehört, es würde noch zehn Jahre dauern, bis die Kirche erbaut werden könnte, und daher fasste er den genialen Plan, den Garten des zukünftigen Kirchenbauplatzes, der sehr schön gelegen war, zu einer Sommerwirtschaft einzurichten. Die Einrichtungen würden sich dort so gut rentieren, dass bis zum Kirchenbau ein Vermögen verdient werden könne.

Zwei befreundete junge Bautechniker, die im Gemütlichen Hüttchen verkehrten, wurden zur Ausführung des Planes gewonnen und erbauten einen kleinen Gartensaal mit Veranda und Kegelbahn. Wein- und Bierkeller sowie ein kleiner Küchenraum wurden in einer dicht neben dem Gartensalon sich hinziehenden Böschung aus Erde und Rasen von unserem eifrigen Wirt persönlich hergestellt. Diese Räume waren in sehr einfacher Weise gestaltet, sie waren kühl und gleichmäßig temperiert, so dass Speisen und Getränke sich recht gut darin aufbewahren ließen. Mitte Juli 1864 war alles hergestellt, und die neue Gartenwirtschaft wurde unter dem Namen »Der kleine Johannisberg« eröffnet.

An dem Eröffnungstage hatte die früher jährlich am Bonaventuratage stattfindende Prozession die Gemüter vorbereitet und viel Publikum aus der Umgegend herbeigeführt. Infolgedessen war der Garten am Nachmittag vollständig mit einheimischen und fremden Gästen gefüllt, es ging hoch her auf dem zukünftigen Kirchenbauplatz, und der Apothekerwirt strahlte vor Vergnügen. Er hatte unter einem großen Kirschbaum inmitten des Gartens einen Springbrunnen angelegt. Das Becken bestand aus der Hälfte eines großen Ölfasses, schön eingefasst mit Kohlenschlacken als Grottensteinen und mit Blumen. In der Spitze des Baumes war ein Wasserfass angebracht, aus dem ein dünner, doch genügend schöner Wasserstrahl in der Sonne prächtige Regenbogenfarben erzeugte. Ein Scheibenschießstand war eingerichtet worden. Zwei kleine Zündnadelbüchsen knallten den ganzen Nachmittag, und da jeder Schuss fünf Pfennige kostete, so konnte man eifrige Schützen hören, die mehrere Taler verknallten.

Am folgenden Tage war unser Freund natürlich sehr stolz; so viel Geld, wie er gestern eingenommen, hatte er noch nicht im Besitz gehabt. Die Warner und Skeptiker wurden ausgelacht, und es wurden gleich neue Pläne geschmiedet. Das Lokal musste größer werden, wenn er einen großen Saal gehabt hätte, so würde er noch viel mehr verdient haben. Sein Schwiegervater Haas, der die Sache immer skeptisch beurteilt hatte, sagte: »Der Kerl ist jeck«. Die beiden Baumeister des Lokals gehörten zu den mehr skeptisch veranlagten Freunden, sie sagten, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und es sei durchaus nicht sicher, „dass Du nicht schon nächstes Jahr den Platz räumen musst, da der Kirchenbau doch so bald wie möglich vorgenommen werden soll“. Da sie sich weigerten, die neuen Projekte auszuführen, so wurden schmollend andere, mehr optimistisch veranlagte Sachverständige gesucht und auch gefunden. Ein großer Saal, allerdings nur aus Zimmerwerk und Brettern, wurde erbaut, mit geschlossener Kegelbahn und Theaterbühne. Indessen wurde der kleine Johannisberg von den Bewohnern der Stadt eifrigst besucht und alles Mögliche von dem eifrigen Wirt aufgeboten, um seine Gäste zu bedienen und ihnen Unterhaltung zu verschaffen. Wegen der außerordentlich bequemen Lage des Gartens in unmittelbarer Nähe der Stadt entwickelte sich das Lokal zur Stammkneipe für viele lebenslustige Bewohner. Die Verhältnisse in der Stadt lagen damals für solche Unternehmungen günstiger, es war ein größerer Mittelstand vorhanden, eine Menge kleiner Fabrikanten konnte noch bestehen, und unter diesen verkehrten viele auf dem kleinen Johannisberg.

Eine sehr gute Theatergruppe gab mehrere Monate lang gut besuchte Vorstellungen in dem großen provisorischen Saal. Bei dieser Gelegenheit bemalte ein Schauspieler, der zugleich ein geschickter Maler war, die Wände des Gartensalons mit allen möglichen allegorischen Darstellungen und Karikaturen. In dem folgenden Winter wurde sogar eifrigst in dem neuen Saal gekegelt, und es kam häufig, vor, dass entrüstete Ehefrauen gegen 23 Uhr auf der Bildfläche erschienen, um die Männer daran zu erinnern, dass es zu Hause doch viel gemütlicher sei, als in dem kalten, großen, spärlich beleuchteten Schuppensaal. (…)Man fand immer Gesellschaft, da der Wirt für jeden ein freundliches Wort und ein Mittel gegen die meisten körperlichen Beschwerden zur Hand hatte. Außerdem suchte er seinen doch mit erheblichen Kosten errichteten provisorischen Saal zu verwerten und rentabel zu machen, indem er alle möglichen Veranstaltungen traf, das Publikum heranzuziehen, wie Theatervorstellungen, Improvisatoren und Künstler allen Grades. (…)

Bei der Einweihung des neuen Saales war ein Festessen in das Programm aufgenommen worden; es hatten sich 100 Personen eingezeichnet, es erschienen aber 250 Personen, die sich nun das für 100 Personen hergestellte Essen teilen mussten, aber es wurde mit großem Humor aufgenommen und bis zum frühen Morgen getanzt. Dagegen erschienen im Winter zu einem zu ungelegener Zeit veranstalteten Ball brachte bei 20 Mann Militärmusik nur neun Paare, und da die Geldverhältnisse unseres Freundes nie die besten waren, musste er nachts um ein Uhr einen guten Freund wecken, der ihm das Geld für die Musiker vorstreckte. (…) Da der Restaurationsgarten trotz der Nähe der Stadt doch etwas versteckt lag, auf einer erhöhten Terrasse unter hohen schattigen Bäumen, so feierten die auch in Lennep vorhandenen Lebemänner dort ihre Gelage, sie konnten dort alles haben, da der Wirt es verstand, auch die eigenartigsten Bedürfnisse zu befriedigen. Aber es dauerte gar nicht lange, da nahte der Untergang des schönen Unternehmens vom kleinen Johannisberg, noch bevor die Anlagen rentabel geworden waren. Die eifrigen Sammlungen (der katholischen Gemeinde) hatten so viel Geld hereingebracht, dass im Herbst 1865 beschlossen wurde, mit dem Kirchenbau im Jahre 1866 (vor 145 Jahren) zu beginnen. Die Herrlichkeit des kleinen Johannisberg war vorbei, und betrübt stand unser Optimist da, er musste alles abbrechen und verkaufen. Entrüstet kehrte er der bergischen Hauptstadt Rücken und übernahm eine Bahnhofswirtschaft in Dülken, er hat Lennep, wo er zwei Jahre lang so viel Vergnügen und Unterhaltung geboten hatte, nicht wieder gesehen. (nach: „Albert Schmidt · Ein Leben in der Bergischen Kreisstadt Lennep“, herausgegeben von Wilhelm Richard Schmidt, Gießen und Frankfurt am Main im Jahre 2000)

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