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Remscheid entwickelte sich aus vielen kleinen Höfen

Remscheid entwickelte sich nicht, wie viele andere Städte, aus einem mittelalterlichen Kern, der eines Tages den zu eng gewordenen Ring seiner Mauern sprengte, sondern die Stadt wuchs aus einer Reihe von Höfen, Ansammlungen weniger Häuser, aus Höfen, die Napoleon 1808 per Dekret zu einer kommunalen Einheit namens Remscheid zusammengeschlossen hatte. Doch ist die Geschichte der Höfe, ist ihr Fortleben in der städtischen Gemeinschaft zu wichtig, als dass es bei so episodischer Erwähnung bleiben könnte. Werfen wir also einen genaueren Blick auf diesen Teil der Remscheider Ge­schichte.

Bis heute ist das Hofdenken und -handeln nicht verschwun­den. Namentlich die etwas abseits liegenden Wohnansied­lungen, die der wuchernde Stadtkern noch nicht vollends ge­schluckt hat, bewahren auch weiter ihr Eigenleben, vollends dann, wenn nicht ein großes Bauprojekt ihnen so viel Zuzug in die Nähe bringt, dass die Überfremdung nicht abzuwenden ist. Es bleibt hier außer Wertung, ob Hofdenken grundsätz­lich bewahrungswürdiger Wert oder überständige Eigenbrö­telei ist. Jedenfalls sind Reste der alten Hofgemeinschaften nicht zu übersehen, und wenn sie ihr jährliches Fest, eine Kirmes, feiern, dann hat es der Außenstehende schwer, mag er auch alter Remscheider sein. Gewiss ist ihm der Zutritt zum Festzelt nicht verwehrt, gleichviel, ob die Freiwillige Feuer­wehr oder der Männergesangverein Veranstalter ist oder ob die Schützen zum frohen Treiben laden. Aber da er sich im Hofeskosmos und seinen Hierarchien nicht auskennt, bleibt er - hilft ihm nicht alkoholgetränkte Leutseligkeit - Fremder in seiner eigenen Heimat.

Die Hofkirmessen erleichtern uns den Weg in die Geschichte, denn sie sind schon länger ein signifikantes Merkmal bergischen Hoflebens. In den »goldenen Jahren« des 18. Jahrhun­derts waren sie beträchtlich ins Kraut geschossen, hielten sich während der ganzen Franzosenzeit und überdauerten sie. 1810 - Remscheid war gerade zwei Jahre eine Munizipalität und damit auf dem Papier ein geschlossenes Stadtgebilde -äußerte der französische Statthalter Beugnot Besorgnisse wegen »der außerordentlichen Menge der Kirmessen, die auf den einzelnen Höfen gehalten werden und fast den ganzen Sommer bis ins Spätjahr dauern«. Man erfährt, dass das dama­lige Kirmesvergnügen hauptsächlich aus »Branntweintrinken und Kartenspielen« bestand. Darum vertrat die französische Obrigkeit, die das Schießen nach dem Vogel auf der Stange als Besatzungsmacht verboten hatte, den Standpunkt, diese Kirmessen verursachten »große Nachteile in vielen Familien, deren Häupter und Glieder uneingedenk ihrer Pflichten sich sorglos den Schwelgereien überlassen und oftmals an einem Abend so viel verprassen, dass sie mit ihren Weibern und Kindern nachher darben müssen«. Das ist eine über die alten Remscheider sehr ungewohnte Auskunft. Man kann sie sich als gewissenlose Hallodris gar nicht vorstellen. Als die Fran­zosen weg waren, ordnete Remscheids dritter Bürgermeister Hering - der erste, der nicht mehr Maire war - 1816 an, dass alle Kirmessen jedes erste Wochenende im Juli zu einer Hauptkirmes   zusammenzulegen   seien.   Die   Remscheider Vogelschützengesellschaft wurde gegründet, der spätere Remscheider Schützenverein, und was aus seiner Kirmes geworden ist, hatte lange Zeit gewaltigen Zulauf.

Aber nicht nur am Feiern konnte man die Höfe erkennen, auch an ihren Leistungen, die sich wieder in ihren Abgaben nieder­schlugen. Remscheid hat nicht von ungefähr in der Franzo­senzeit den Namen hergegeben für ein größeres Gemeinwe­sen. Schon im 12. Jahrhundert, als im Gebiet der späteren Stadt Remscheid Hofesverbände oder Villikationen entstan­den, gab es so etwas wie Haupthöfe mit zugehörigen Kirchen als Kristallisationspunkten der Landgemeinden. Die Bau­erngüter der damaligen Zeit lagen um einen Herrenhof Rem­scheid und bildeten mit ihm die »Villa« gleichen Namens. Vom alten Hof Remscheid ist nicht viel geblieben. Hier hörte das Hofdenken schon auf, als mit dem Bau der Hauptstraßen, der Allee-, Bismarck-, Neuenkamper Straße, der Burger, Elberfelder und Eberhardstraße größere Stadtgebiete zu Einheiten zusammenzuschmelzen begannen. Der alte Hof Hasten wurde zum Sammelbegriff für Hasten, Feld, Büchel, Gerstau, Hütz, Holz, Hölterfeld, Platz und Clemensham­mer, Vieringhausen hat Buchen, Volkeshaus, Fürberg und Stockden zu einem Begriff zusammengezogen. Honsberg ist ein ebenso großer Stadtteil und Kremenholl.

Hin und wieder ist kaum noch auszumachen, wo ein Hof einmal gelegen hat. Scheid etwa ist nur noch in seinen ehemaligen Grenzen zu benennen. Nichts von ihm ist geblieben. Er lag zwischen Schützenstraße, Alleestraße, Martin-Luther-Straße und Adolfstraße. Da war einmal das alte Bürgerhaus mit der Windenschmiede im Schatten der großen Linden. Da lagen an der Hindenburgstraße Bauernhöfe, die letzten in dieser Ge­gend. Da gab es an der Martin-Luther-Straße Feilenschmie­den, eine Haustube auch im letzten Fachwerkhaus an der Stuttgarter Straße unter den großen Eschen. Das war der Scheid, durch die Alleestraße mit dem alten Dorf zu einer Einheit geworden. Und das ist der Weg der meisten Höfe, die oft eine soziologisch glückliche und reiche Struktur hatten, in denen die selbständigen Schmiede, Hersteller von Eisenwa­ren, zusammenlebten mit geschickten Kaufleuten, die ihre Ware in alle Welt verkauften. Die Zeit ist darüber hinwegge­gangen, und nur ganz am Rande, im Morsbachtal zum Bei­spiel, im Hof Morsbach, zeigen sich die letzten Relikte einer für Remscheid    charakteristischen Entwicklungsperiode. Nicht etwa, weil dort die größten Dickschädel wohnen, sondern weil die Schwierigkeit des Geländes den restlosen baulichen Anschluss ans Stadtgebiet noch verhindert hat. Das bergige Stadtge­biet, die Konzentration des Kerns auf einen Kegel mit zum Teil sehr steilen Hängen, die Überwindung von zahllosen Unebenheiten auch beim Zusammenwachsen der Remschei­der Ursprungshöfe haben immer den Hauptteil stadtplanerischer Probleme ausgemacht, und dies bis in die Gegenwart.

So wie die Gründerjahre die ehemals vorhandenen Lücken im engeren Stadtgebiet schlössen, die Einfamilienhäuser verdrängten oder doch mit ihrem Pomp überwucherten, so haben 30 Nachkriegsjahre mit ihrer teil­weise hektischen Bautätigkeit neue Wohngebiete und Stadt­teile geschaffen, dabei alte, noch in ihrer ursprünglichen Struktur sichtbare Höfe geschluckt. Doch darüber zu lamen­tieren ist falsch. Man darf Heimatliebe so weit nicht treiben, dass man am Ende aus seiner Vaterstadt ein Museum zu ma­chen wünscht. Die Höfe leben in der Geschichte Remscheids, sie haben ihren festen Platz, und die Verbundenheit der Menschen mit ihnen war lange Zeit eine Garantie für das Funktionieren dieser kleinen, in sich geschlossenen Welten. Solches Denken in die Gegenwart zu übertragen aber hieße, die Uhr anhalten zu wollen. Die Zeit der Höfe als Gegenwelt zur Stadt ist abgelaufen. Das Hofdenken früherer Tage sollte nichts weiter sein als freundliches Relikt, Erinnerung an die alte Zeit, die gedankenlos gut zu nennen der kritische Beob­achter der Zeitläufe sich scheut. (aus: „Remscheid so wie es war“, von Dr. Gerd Courts, erschienen 1974 im Droste Verlag.) 

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