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„unKORREKT“, die erste Zeitung von Migrantinnen in RS

Die unKORREKT-Redaktion bei der Layoutbesprechung: Dana Stanglmaier (Mexiko), Nugyen Thi Huong Giang (Vietnam), Fatima Harhoura (Algerien). Foto: Caritas

Caritas sucht wissensdurstige Migranten für Medienprojekt“, überschrieb der Waterbölles am 31. März eine Pressemitteilung des Caritasverbandes Remscheid e.V. Inzwischen ist das auf neun Monate angelegte Kooperationsprojekt der Caritasverbände Remscheid und Wuppertal/Solingen für Menschen mit Migrationshintergrund, die über eine Aufenthalts-genehmigung verfügen und nicht aus einem EU-Mitgliedsstaat stammen (so genannte „Drittstaatsangehörige“) weit gediehen. In Solingen entstand eine eine Radiowerkstatt, und in den Räumen des Caritas-Fachdienstes „Integration und Migration“ an der Brunnengasse lernten zwölf Frauen aus Algerien, Thailand, Vietnam, Mexiko, Sri Lanka und der Türkei., die in Remscheid  eine neue Heimat gefunden haben,  an vier Tagen den Umgang mit dem PC und speziell mit Text- und Bildbearbeitungsprogrammen kennen, um eigene Recherchen in Artikel umsetzen zu können. Projektleiter Stefan János Wágner präsentierte gestern das druckfrische Ergebnis dieser Arbeit auf einer Pressekonferenz: „unKORREKT" ist die Projektzeitung der Migrantinnen überschrieben, und die 1.000 Exemplare liegen bei der Caritas, in den Rathäusern Remscheid und Lüttringhausen sowie in der Stadtteilbibliothek aus. Darin berichten die Frauen zwischen 30 und 45 über ihre Integrationsbemühungen, ihre Heimat und kul­turellen Unterschiede. Als Amateure in der schreibenden Zunft, versteht sich. Aber als mutige Amateure, wenn man bedenkt, wie viele gebürtige Deutsche mit der Rechtschreibung auf Kriegsfuß stehen. Aber da Stefan János Wágner für die ersten Gehversuche im „Schreiben für die Öffentlichkeit“ die Schlussredaktion hatte, können alle Beteiligten stolz sein auf das respektable Ergebnis. So berichtet Frau Nugyen Thi Huong Giang aus Vietnam über ihre Erfahrungen mit dem Ehrenamt. Sie möchte, so schreibt sie, etwas zurückgeben von dem, was sie vom deutschen Staat an Unterstützung erfahren hat. Die gebürtige Mexikanerin Dana Stanglmaier erzählt von ihren sehr unterschiedlichen Erfahrungen, die sie in Mexiko, den USA und schließlich in Deutschland mit dem Thema "Pünktlichkeit" gemacht hat und lässt ihre Leser auf amüsante Weise daran teilhaben. Fatima Harhoura aus Algerien stellt ihre Bilder mit Motiven aus der Sahara vor.

Aber es wurde nicht nur selbst geschrieben, sondern auch viel gelesen. Überregionale Zeitungen ebenso wie die Lokalpresse. Und über die Inhalte wurde dann diskutiert. Auf Deutsch – die gemeinsame Sprachbasis. Wagner: „Das war Sprachkursus und interkultureller Austausch zugleich. Die Teilnehmerinnen lernten sich zu äußern, zu diskutieren und brachten dabei ihre vielfältigen und interessanten Lebenserfahrungen ein. Sie widerlegten das oft zu hörende Vorurteil, viele Migranten seien Integrationsverweigerer. Integration kann eben nur gelingen, wenn wir aufeinander zugehen, miteinander ins Gespräch kommen und uns austauschen!“

Ende Januar 2012 läuft das vom Europäischen Integrationsfonds (EIF) und der Integrationsagentur NRW geförderte Projekt aus. Bis dahin soll allerdings noch eine zweite Ausgabe von „unKORREKT" erscheinen. Man darf gespannt sein… (kai)

von Stefan János Wágner

Als sie in einer Stadtteilzeitung irgendeiner mir unbekannten Kleinstadt blätterte, berichtete sie mit Begeisterung von der beeindruckenden Vielfalt an interessanten Angeboten, die sie als Migrantin interessieren würden. „Da will ich auch wohnen…“, postuliert die Algerierin Fatima Harhoura. „In Remscheid gibt es kein vergleichbares Angebot!“ Sie verweist unter anderem auf einen internationalen Kochkursus und vielerlei Bildungsangebote, die sie sehr interessieren würde. „Stopp!“, entgegnete ich, „das stimmt nicht“ und machte mich daran, den Gegenbeweis anzutreten.

Zusammen mit den MiMs, d.h. mit den Nachwuchsjournalisten unseres Caritas-Medienprojekts „Migranten in der Medienarbeit“, machten wir uns daran, Informationen zu sammeln, denn wir wollten darüber berichten. Ganz nach dem Motto des Projekts „Wir reden mit!“ – um auch anderen Migrantinnen und Migranten mit unserer Projektzeitung diese Informationen zukommen zu lassen und auch, um viele zu motivieren, das vielfältige Angebot zu nutzen. Schließlich ist es eine Chance zur Weiterbildung, zur Teilhabe am kulturellen Angebot und zur Kontaktpflege. Wir hielten dann auch schon bald eine erstaunliche Vielzahl an Flyern, Broschüren und Programmheften in der Hand, die an Schriftenständen in verschiedenen Remscheider Institutionen ausliegen. Allerdings muss man die verschiedenen Orte, an denen Informationen bereitgestellt werden, kennen und aufsuchen. Alle in der Gruppe waren sich vom Beginn der Projektarbeit im April 2011 an einig, dass sie ihre Deutschkenntnisse verbessern wollen – der sogenannte „kleinste gemeinsame Nenner“. Das Wie, also die Methode, ist dabei egal. Es gibt ja auch Alternativen zu Deutschkursen. Aber welche? Zunächst wurde im Gespräch festgestellt, dass es sehr hilfreich ist, mit „Muttersprachlern“ in Kontakt zu treten, also mit Deutschen. Kein Deutscher aber stellt sich mit einem Schild in die Fußgängerzone und wirbt damit „Sprich mich an!“. Also müssen die Ausländerin und der Ausländer schon selbst die Initiative ergreifen. Die Gruppe hat sich zunächst also informiert. Der aus Algerien stammende frühere Finanzinspekteur Noureddine Slimani beispielsweise horcht bei dem Stichwort "Gitarren-Kursus" auf: „Das will ich auch lernen.“ Ohne zu zögern übernimmt er nun – aus eigener Überzeugung – seine erste aktive Rolle als MiM-Redakteur. Er will bei der "Wiege" im Stadtteil Hohenhagen recherchieren und der Gruppe anschließend berichten. Vielleicht wird er am Ende abgewiesen. Er weiß es nicht. Anschließend jedenfalls will er über seine Erfahrungen den ersten eigenen Artikel schreiben! Die Türkin Cile Ökmen, Hausfrau und Mutter dreier Kinder, interessiert sich für Kochen und Backen. Der Lindenhof im Remscheider Stadtteil Honsberg bietet Kurse an. „Vielleicht könnte ich dort Deutsche kennenlernen?“ Sie will es ausloten. Derya Takdim, 33-jährige Mutter von zwei Kindern, der Mann arbeitet im Schichtbetrieb, will irgendwann eine Ausbildung machen. Sie arbeitet nun hart an der Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse und kommt regelmäßig zu den Angeboten von MiM. In einem der Flyer erfährt sie vom internationalen Frauenprojekt El-Ele in Lüttringhausen. Im Auftrag unserer Zeitung erklärt sie sich bereit, das Angebot auszukundschaften. Sie will mit der Initiatorin, Barbara Schulz vom Verein Die Schlawiner e.V., Kontakt aufnehmen und dann einfach mal vorbeischauen. Berührungsängste hat sie keine, sagt sie mit einem Lächeln. Ans ISS-Netzwerk im Stadtteil Rosenhügel (Interkultureller Sozialer Service) vermittelten wir Döne Kocakaya, ebenfalls Türkin. Sie ist alleinerziehend, lebt seit 20 Jahren in Deutschland, seit 2003 in Remscheid, und kam bislang kaum aus ihrem türkischsprachigen Umfeld heraus. Das will sie jetzt ändern und endlich einen Sprachkursus suchen, der für sie geeignet ist. „Mit Kinderbetreuung“ – verspricht ein Handzettel vom ISS. Sie testet es aus. Als Kopftuchträgerin mit mangelhaften Sprachkenntnissen hat sie, so ihre Erfahrung, keine Chance, einen Job zu bekommen. Die Frau aus Anatolien hat es besonders schwer, denn sie hat nicht einmal eine Ausbildung. Die Gruppe ging dann sehr erwartungsvoll auseinander. Welche Erfahrungen würden wohl gemacht werden? Viele der Angebote stellt die Stadt Remscheid auf der Internetseite www.miteinander-in-remscheid.de ins Netz. Und ein weiteres, sehr umfangreiches Portal ist www.nest-remscheid.de. Allerdings gibt es keine zentrale Anlaufstelle, in der alle (!) verfügbaren Angebote in Form von Flyern, Broschüren und Programmheften ausgestellt sind. Beratungsstellen der verschiedenen Wohlfahrtsverbände, der Initiativen und Vereine, ja nicht zuletzt der Stadt Remscheid, sind im gesamten Stadtgebiet verstreut. Fast schon wie im Dschungel. Wer soll da noch durchblicken? „Zudem sind viele Informationen leider nicht immer aktuell“, bedauert Ralf Noll, Leiter des Stadtteil e.V. im Mehrgenerationenhaus Lindenhof. Sichtlich ein Problem. Insbesondere für Fatima Harhoura. Denn sie will es ja wissen. Es wäre schade, wenn sie aus Remscheid wegzöge, nur weil in unserer Stadt angeblich „nichts los“ ist.
aus: „unKORREKT“ – Projektzeitung des Remscheider Caritasprojekts „Migranten in der Medienarbeit“ (Ausgabe 1/September 2011, Seite 10/11)
(Stefan János Wágner ist Sozialpädagoge, lebt in Remscheid und befasst sich mit dem Projekt Migranten in der Medienarbeit aus beruflicher Perspektive. Er ist Mitarbeiter des Caritasverband Remscheid e.V. und arbeitet im Fachdienst für Integration und Migration.)

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Waterbölles am : Ist Pünktlichkeit wichtig?

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