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Ist Pünktlichkeit wichtig?

 Ihr habt die Uhr,  wir haben die Zeit.  Afrikanisches Sprichwort

Dana Stanglmaier.

Von Dana Stanglmaier aus Mexiko

 Pünktlichkeit scheint ein  sehr wichtiges Thema für  viele Leute zu sein. Ist  Pünktlichkeit eine persönliche  Vorliebe oder Teil kultureller  Bildung? Vielleicht  ist das Lernen des sozialen  Protokolls der Schlüssel, um  jedermanns Erwartung an  „Pünktlichkeit“ zu erfüllen. Aber wie kann man das soziale Protokoll eines Landes kennenlernen,  wenn man Ausländer ist? Wie erfährt man etwas darüber, wie  der Umgang mit Zeit im Umgang zwischen Deutschen und Ausländern  bei der Arbeit oder im privaten Umfeld korrekt interpretiert  wird ohne ständig in Fettnäpfe zu treten?

Ich bin in Mexiko Stadt aufgewachsen,  wo 24-Stunden- Stau, fast täglich große  Demonstrationsumzüge  und endlose Straßensanierungsarbeiten  mit Baustellen  stets willkommene  Ausreden sind, um zu entschuldigen,  dass man zu  spät kommt. Außerdem ist  es, das ist meine Meinung,  ehrlich nicht respektlos zu  spät zu sein. Bei der Arbeit  ist die Erwartungshaltung  des Arbeitgebers und von  Kollegen, dass man seine  Arbeit beendet, egal wie  lange man im Büro bleibt,  Hauptsache, man geht nicht weg bis die Arbeit getan ist. In meiner  Heimat ist die Einstellung der Chefs eher: „Man kann nicht kontrollieren,  wann die Menschen ankommen, aber man kann steuern,  wann die Mitarbeiter die Arbeitsstelle verlassen.“  Später zog ich nach Texas, USA, wo Pünktlichkeit anders wahrgenommen  und interpretiert wird. Es gab keine täglichen Ausreden,  um Unpünktlichkeit zu rechtfertigen. Ich bemühte mich sehr,  pünktlich zu kommen. Ich merkte bald, dass meine Mitarbeiter  generell mindestens fünf Minuten zu spät kamen und dann erst  mal ein kleines Frühstück zu sich nahmen, einen Müsliriegel oder  Obst aßen und einen Kaffee tranken, bevor sie sich an die Arbeit  machten. Es war entlastend für mich festzustellen, dass sie nicht  pünktlich begannen. Sie nannten sich flexibel! Flexibilität bedeutete  andererseits aber auch, dass von einem erwartet wurde, eine  halbe Stunde, ja bis zu zwei Stunden länger als die üblichen Bürozeiten  es vorsahen, im Büro zu bleiben.

Ich bin vor einem dreiviertel Jahr nach Deutschland gezogen und  stelle fest, dass Pünktlichkeit hierzulande eine große Bedeutung  zu haben scheint, denn Pünktlichkeit wird von jedermann erwartet.  Ich bin noch nicht in einer Arbeitsumgebung gewesen, aber  ich merke, wie sich beispielsweise meine Deutsch-Lehrerin ärgert,  wenn jemand nur zwei oder drei Minuten zu spät kommt. Jedoch  kann man den Kurs problemlos früher verlassen, egal aus welchem  Grund. Es scheint immer ok zu sein. Also, man hat das  Recht sich um andere Dinge zu kümmern solange man rechtzeitig  zu einem verabredet Zeitpunkt ankommt. Wann man geht, ist  mehr oder weniger egal. Das wird eher akzeptiert.

Mit dem privaten Umfeld ist es eine ähnliche Geschichte. In Mexiko  ist es, z.B. bei einer Einladung zum Abendessen, fast schon unhöflich  pünktlich zu sein. Ist man püntlich bei seiner Verabredung,  wird man meist feststellen, dass der Gastgeber noch Einzelheiten  fertig machen muss und dich alleine im Wohnzimmer sitzen lässt. Es  wird andererseits jedoch mit einer Selbstverständlichkeit erwartet  lange zu bleiben, viele Getränke zu sich zu nehmen und Stunden  um Stunden zu feiern. Vor kurzem hatte ich eine Einladung zum  Abendessen von brasilianischen und italienischen Freunden, die  wie ich in Deutschland leben. Ich kam zwanzig Minuten zu spät,  doch sie waren zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal zu Hause! Sie  waren noch dabei Lebensmittel einzukaufen. Ich wartete ungefähr  eine halbe Stunde bis sie ankamen, was bedeutete, dass sie mit  dem Kochen eine Stunde „zu spät“ begannen. Insgesamt dauerte die Einladung zum Essen somit alles in allem sechs Stunden.  

Die Amerikaner, die ich kenne, erwarten nicht, dass man pünktlich  ankommt. Es scheint tatsächlich so, dass 15 Minuten zu spät  anzukommen ihnen genügend Zeit gibt, die letzten Einzelheiten  zu erledigen. Die meisten amerikanischen Einladungen sind verbunden  mit der Anfangszeit und – ich finde das erstaunlich – mit  der Angabe der Uhrzeit, wann die Verabredung, das gilt auch für  private Einladungen, beendet ist. Man weiß immer genau, wann  der richtige Zeitpunkt ist, das Haus zu verlassen.

Vor kurzem luden mein Mann und ich ein deutsches Ehepaar zu  uns nach Hause zum Abendessen ein. Sie kamen 20 Minuten früher.  Das konnte ich einfach nicht glauben! Das hat mich dermaßen  gestresst! Denn, wie eine gute Mexikanerin, war ich nicht fertig mit  den Vorbereitungen. Ich musste mich unglaublich beeilen, noch  duschen und dann auch noch fertig kochen, und das mit meinem  lauten Mixer, vor unseren Gästen. Sie verließen uns fast genau eine  Stunde, nachdem wir mit dem Essen fertig waren.

Es gibt offenbar einige Kulturen,  in denen Pünktlichkeit die wichtigste Sache ist, in anderen Kulturen  dagegen gibt es noch andere Qualitäten, die wichtiger sind als  Pünktlichkeit. Deshalb habe ich jetzt gelernt, bei Verabredungen  und Terminen immer nach der Anfangszeit bzw. nach der erwarteten  Ankunftszeit zu fragen und welche Flexibilität eingeräumt wird  bzw. welche Erwartungen in Bezug auf die Pünktlichkeit gestellt  werden. Ich habe auch gelernt, Geduld und Verständnis für andere,  einschließlich meines deutschen Mannes, zu haben. Es gefällt  ihm, oft eine ganze Stunde früher bereit zu sein. Oder meine süße  brasilianische Freundin, die stets mindestens zwei Stunden zu spät  bei unseren Verabredungen auftaucht.

Abschließend möchte ich einen Ratschlag geben: Wenn Ihnen  Pünktlichkeit sehr wichtig ist, gehen Sie nicht immer davon aus,  dass andere genau so denken. Sprechen Sie sich genau ab, um  Enttäuschungen vorzubeugen. (Nachdruck aus der  1. Ausgabe von „unKORREKT“, der Projektzeitung Caritas-Projekts „Migranten in der Medienarbeit“)

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Kommentare

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Hans Gerd Göbert am :

Sehr geehrte Frau Stanglmaier, vielen Dank für Ihren reizenden Beitrag, der sofort zum intensiven Nachdenken anregt. Ich darf mit einem anderen Sprichwort beginnen, welches heißt: „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.“ Nun gibt es in Deutschland keine Könige und Kaiser mehr und zum Glück auch keine Diktatur. Während dieser Zeiten brachte man die Pünktlichkeit oft in Zusammenhang mit Disziplin. Während die Disziplin als Unterwerfung einer bestimmten Verhaltensregel heute keine Tugend mehr ist, ist Pünktlichkeit nach wie vor eine geschätzte Eigenschaft. Die ein Eintreffen zum erwarteten, weil vorher vereinbarten Termin, immer noch sehr begrüßt. Sie haben es gut verstanden, die Unterschiede zwischen dem beruflichen und öffentlichen oder privaten Bereich herauszuarbeiten. Im beruflichen Bereich wird es in Deutschland kritisch, wenn man mehrfach unpünktlich am Arbeitsplatz erscheint. Das kann schnell zum Verlust des Arbeitsplatzes führen. Die Gerichte akzeptieren auch keinen Schnee und Eis oder simplen Stau auf Strecke als Verspätungsgrund mehr. Weil sich heute jeder in unzähligen Medien über das am nächsten Tage zu erwartende Wetter informieren kann, könnte er früher aus dem Bett kommen, um danach trotzdem pünktlich am Arbeitsplatz zu sein. Viele Betriebe haben aber inzwischen kontrollierte Gleitzeiten eingeführt. Da kann jemand, der kein Frühaufsteher ist, z.B. erst spätestens um 9 Uhr am Arbeitsplatz erscheinen. Das funktioniert recht gut. Aber nehmen wir zum Vergleich einmal VW de Mexiko, als dritt-größten Autoproduzenten in Puebla, mit einer Jahresproduktion von ca.400.000 Einheiten. Ich glaube nicht, dass VW und andere diese Produktionszahlen erreichen könnten, wenn dort nicht ebenfalls klare Arbeitszeiten vorgegeben wären? Insofern denke ich, ist Pünktlichkeit am Arbeitsplatz weltweit wichtig, für den Erhalt des Arbeitsplatzes und erst recht für die weitere Karriere. Im privaten Bereich sieht das durchaus anders aus. Natürlich ist es eine Unverschämtheit, wenn jemand 20 Minuten vor dem vereinbarten Termin erscheint. Höfliche Gäste dagegen kommen fünf Minuten zu früh. Was in größeren Gesellschaften oder öffentlichen Sitzungen auch Vorteile hat. Wenn man nämlich als Erster die Gastgeber begrüßen und danach Platz nehmen kann, müssen alle später Ankommenden, wenn sie höflich sind, zu immer mehr Gästen gehen, um sie zu begrüßen und dabei automatisch auch bei einem selbst vorbeikommen. Nun gibt es aber auch Zeitgenossen, die kommen bei privaten Einladungen immer viel später als die anderen. Nicht etwa, weil sie den Bus verpasst haben. Nein, dadurch stellen sie ihre vermeintlich gesellschaftliche Wichtigkeit unter Beweis. Es sind fast immer die Gleichen. Die nehmen sich dann auch gerne die Freiheit, auf den Tisch zu klopfen statt alle anderen zu begrüßen. Das gilt als sehr unhöflich und es gibt auch Leute, die sich dieses Verhalten gewisser Gäste einprägen. Eines wundert mich dabei stets außerordentlich. Wenn diese Personen einen Abflugtermin für eine Urlaubsreise haben, verpassen sie nie den Zug, die Taxe und letztendlich auch nicht den Flieger. Komisch nicht? So ist das nach meinem rein subjektiven Empfinden derzeit in Deutschland. Aber andere Länder haben bekanntlich andere Sitten, und ich glaube sagen zu dürfen, das ist auch gut so.

Eija Tirkkonen am :

Die Pünktlichkeit ist stellvertretend für „Landessitten“ wirklich gut gewählt, weil Sitten alles andere als eindeutig sind. In der Wirtschaft bedeutet die Pünktlichkeit keineswegs immer für alle das Gleiche. Hier herrscht noch oft die alte Hierarchie mit einer verblüffenden Hackordnung, die in der differenzierten Erwartungshaltung in Bezug auf die Pünktlichkeit demonstriert: Der Mächtigere lässt den vom unteren Rang warten. Obwohl man es weiß, heißt das noch lange nicht, dass der vom unteren Rang nicht pünktlich zum Termin erscheinen muss. (Ich rede hier nicht vom Angestelltenverhältnis, das im Arbeitsvertrag geregelt ist.) Gängig akzeptiert ist eine Verspätung von einer „akademischen Viertelstunde“. Woher stammt dieser kuriose Begriff? Sitten sind also keine festen Größen. Trotzdem wird oft genug von Migranten erwartet, dass sie über die Landesgesetze hinaus auch Landessitten aneignen müssen. Das ist der Anfang von Intoleranz.

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