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Unruhige Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg

Schüttendelle und Königstraße im Jahre 1905.Remscheid in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Noch sah man in der Stadt den liefernden Fei­lenhauer, der mit der schwarzseidenen Mütze, einer soge­nannten Lütterkuser Kappe, und dem angetan mit dem „Bloulienen“, das „Liewermängken“ auf dem „Dragklöppel“, also den Liefer­korb auf dem schulterangepaßten Tragestock, zum Liefern aufbrach, dies vornehmlich am Wochenende. Wenn er schon während der Woche 12 bis 14 Stunden täglich gearbeitet hatte, dann sollte der Gang zum Auftraggeber mit den fertigen Fei­len auch den Anschein einer feierlichen Handlung haben, de­ren Ausklang nicht selten in einer Wirtschaft am Wegesrand stattfand. Und der sprichwörtlich blaue Montag war in Remscheider Haustuben so unbekannt auch nicht. Mit den Handfeilenhauern sind außer ihrer Tracht, die immer noch einmal in Heimatspielen auftaucht oder von einem Heimat­verein, den Donnerkielen, getragen wird, auch andere Be­gleiterscheinungen ihrer Existenz verschwunden. Ihre Haustuben mit ihren großen, in zahlreiche Felder aufgeteilten Fenstern im „Versprong“, also im Souterrain, ihre Kanarienvögel oder „Flasfinken“, also Hänflinge, ihre Tauben und Eichhörnchen, die sie sich hielten und die ihnen im eintönigen Tagewerk Abwechslung boten.

Die 80.000-Einwohner-Grenze ist in Sicht. Im Innenstadtbereich sind zwar viele Bausünden zu verzeichnen, aber die Remscheider haben in ihnen zu leben gelernt. Sie genießen den Ausbau des Straßenbahnnetzes, sie haben mit Wohlgefallen das Entstehen zahlreicher repräsentativer Gebäude erlebt, sie freuen sich jetzt, 1912, über die Errichtung des ersten deut­schen Freiluftbades mit Frischwasserzufuhr im Eschbachtal. Schon wieder eine Premiere nach Straßenbahn und Talsperre! Sie hören davon reden, dass zur Behebung der großen Woh­nungsnot - Remscheid war für den vorhandenen baulichen Bestand einfach zu schnell gewachsen - eine neue Gartenstadt entstehen soll. Am 4. ... mit dem „Liewermängken“ unterwegs.April, kaum vier Monate vor dem gro­ßen Krieg, steht in der Zeitung zu lesen: »Remscheid, das auf verschiedenen Gebieten unter den bergischen Städten die Führung übernommen hat, darf auf dem noch bedeutsameren Feld der Wohnungsfürsorge nicht ins Hintertreffen geraten.« Nun, der Krieg machte die Gartenstadtpläne zunichte, und die Wohnungsnot sollte zur Dauerbegleiterscheinung des tägli­chen Lebens werden.

Was war an diesem Alltag außer dem bisher Gesagten? Das schöne Heim? Wohl kaum. Dafür hatten die Remscheider in ihrer großen Mehrheit keinen Sinn - und auch kein Geld. Sie arbeiteten hart, sie hatten keine Zeit, sich behaglich einzu­richten, sie hätten auch keine gehabt, die Einrichtung zu ge­nießen. Die wenigen großen und reichen Familien bildeten eine Ausnahme, aber auch nur vorübergehend in Zeiten be­sonderer Konjunktur. Als der Lärm der Maschinen an­schwoll, traten Möbel, Bilder, Musik wieder in den Hinter­grund. Für alle blieb die derbe, hastige Vergnügung: »Hau den Lukas, damit du glaubst, dass du außer der Arbeit auch sonst noch etwas findest auf dieser Welt, aber achte darauf, dass dir das Vergnügen nicht schon wieder zur Arbeit ausar­tet«. Unterhaltungsmöglichkeiten gab es wenig. Sensationen der damaligen Zeit - wie etwa ein Luftschiffbesuch - lassen uns heute nur lächeln, wenn auch wehmütig (weil man so bescheiden gern noch einmal wäre).

Historischer Blick auf die Stadtkirche am Markt.Und die Sache mit Gott? Nun, der Remscheider hat auch in dieser Hinsicht nie übertrieben, konnte dem pietistischen Treiben im nahen Wuppertal keinen Geschmack abgewinnen. Seit die Reformation in Remscheid und Umgebung ihre Spu­ren hinterlassen hatte, herrschte hier ein erdfestes Luthertum vor. Es war dogmatisch nicht beschwert, trug eher den Zug zum Praktischen, war ein Christentum der helfenden Hand, der bürgerlich-ehrsamen Lebensführung. »Die in Moral umgedeutete Religiosität war der sittliche Halt weiter Schichten des Bürgertums und leitete hin zu dem religiösen Liberalismus des späten 19. Jahrhunderts«, schreibt Wilhelm Rees in seiner »Geschichte des kulturellen Lebens in Rem­scheid« Anno 1937.

Remscheids damals wohl populärster Oberbürgermeister, Dr. Walther Hartnann, der die Geschicke der Stadt von 1914 bis 1937 lenkte.Karl Jarres, gebürtiger Remscheider (1874-1951), von 1923-25 Reichs-Innenminister, 1925 Kandidat für das Amt des Reichspräsidenten, von 1910-1914 Remscheider Ober¬bürgermeisterDie letzten Jahre vor dem Ersten Weltkrieg Krieg brachte den Remscheidern einen Mann als Stadtoberhaupt, der hier geboren war und der in den 1920er Jahren ein Kapitel deutscher Geschichte mitschreiben sollte: Karl Jarres. Er hat es in Remscheids Rathaus nur vier Jahre ausgehalten, aber sein Lebensweg ist interessant genug, ihn an dieser Stelle zu er­wähnen. 1874 hatte er in Remscheid das Licht der Welt er­blickt. Er studierte Jura, wurde mit 36 Jahren Oberbürger­meister von Remscheid, mit 40 Jahren Oberbürgermeister von Duisburg. Er stand der Deutschen Volkspartei nahe. 1923 bis 1925 war er Reichsinnenminister. 1925 kandidierte er für das Amt des Reichspräsidenten, im ersten Wahlgang ge­gen Hindenburg. Er unterlag und wurde 1925 erneut Ober­bürgermeister von Duisburg. Er erhielt damit ein Amt, das er bis zum Jahre 1933 verwaltete.

Sein Nachfolger in Remscheid wurde im Kriegsjahr 1914 Walther Hartmann. (Dieser Mann hielt das Ruder der Stadt bis zum Jahre 1937 in der Hand. Das waren 23 erfolgreiche, aber auch schwere Jahre.)  Der Krieg erwies sich bald als abschreckendes Er­lebnis, das Familien auseinanderriss, Not und Elend mit sich brachte. Die »werktätige Liebe«, den Remscheidern mit ihrem praktischen Christentum ein vertrauter Begriff, konnte sich bewähren. Verwundetenpflege in Hilfslazaretten oder Sammelaktionen zur Unterstützung des Heeres waren Selbstverständlichkei­ten, hatten großes Echo in der Bevölkerung. Und die ersten Gefangenen-Unterkünfte, die man einrichtete, waren den Remscheidern noch so etwas wie Wegzeichen zu einem ge­rechten Ende dieses Krieges, das ja nur identisch sein konnte mit einem deutschen Sieg, Doch dann zog sich die Sache hin, die Verlustlisten wurden länger. 2.152 Remscheider starben auf den verschiedenen Schlachtfeldern, und die Versorgung der Daheimgebliebenen wurde schwierig. Zwar vermögen heute noch Statistiken auszuweisen, dass Remscheid dank der sicheren Hand Dr. Walther Hartmanns zu den am besten versorgten deutschen Städten zählte, aber die Steckrübenzeit ist doch nicht ganz an ihr vorübergegangen.

Trauerzug für die 'Märzgefallenen' 1920.Als die Waf­fen schwiegen, kehrte in Remscheid die Ruhe so schnell nicht wieder ein. Im Gegenteil: Jetzt wurde auch hier geschossen. Remscheid war in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg Schauplatz erbitterter Auseinandersetzungen zwischen »Bürgerlichen« und »Roten«. Es gab Opfer auf beiden Seiten. Am 21. März 1920 trugen die Kommunisten ihre Toten zu Grabe. Sie nannten sie die » Märzgefallenen«. Foto rechts: Der Leichenzug in der Alleestraße. Die zwanziger Jahre brachten aber auch immer wieder Tra­ditionalisten auf die Straße. So paradierte am 4. September 1927 das III. Westfälische Infanterie-Regiment »Freiherr von Sparr« Nr. 16 vor Generalleutnant Schar und Generalleut­nant Dernen (Foto links).

Parade der 'Traditionalisten' vor dem Rethaus.In der Tat herrschte in Remscheid und Umgebung noch Jahre nach dem Ende des Ersten WeltkriegsBürgerkrieg. Im Remscheider General-Anzeiger sprach sich die bürgerliche Seite für die »Rettung der Reichseinheit« und »gegen Diktatur« aus. Die Parolen der kommunistischen Arbeiter- und Soldatenräte aber lauteten anders: »Das Privateigentum an den Produk­tionsmitteln muss auf die Allgemeinheit übertragen werden.« Die Vollzugsausschüsse der Räte tagten sozusagen in Per­manenz, die Räte hatten die Macht. Und so konnten sie den missliebigen General-Anzeiger am 25. März 1920 auch ver­bieten. Verleger Dr. Franz Ziegler, der sich als sogenannter Zeitfreiwilliger in Freischärlereinheiten dem Kampf gegen die Rote Armee gestellt hatte, wurde als Geisel verhaftet. Die Zeitung schweigt, nachdem sie wieder erscheinen darf, keineswegs über die politischen Verhältnisse hinweg, sondern berichtet am 9. August 1920 breit über eine Veranstaltung des Remscheider Veteranen-Vereins. In dem Artikel, der vor dem Hintergrund der Begeisterung von 1870/71 den Reichsge­danken beschwört, wird von den aufmerksamen Lesern als ein Gegengewicht zu den Umsturzparolen der KPD und der von der SPD abgespaltenen radikalen USPD erkannt.

Parteilokal der Nationalsozialisten.Lange weht die rote Fahne nicht vom Remscheider Rathaus, aber die Drohung der radikalen Kräfte bleibt, und selbst, als bei den Wahlen zum preußischen Landtag am 20. Februar 1921 die bürgerlichen Parteien in Remscheid die Mehrheit erringen, schwindet die Unsicherheit nicht. Die KPD ist nämlich stärkste Partei geblieben. Wegen dieser Konstellation verlief natürlich auch die Heraufkunft des Na­tionalsozialismus nicht sonderlich friedlich. Die Inflation, die ganz Deutschland hart traf, hinterließ in der Stadt ihre Spuren. Am Beispiel der Remscheider Straßenbahn wird das deutlich. Noch 1919 fuhr man für 25 Pfennig, 1920 kostete die Einzelfahrt eine Mark. Im Januar 1922 setzte die Lawine ein: zwei Mark für die Einzelfahrt, im Juli 10000 Mark, am 25. August 150000 Mark. Am 10. März 1923 kam der Straßenbahnverkehr wegen total zerrütteter Finanzen zum ersten Male zum Erliegen, am 24. September war zum zweiten Male Schluss. Und erst am 15. März 1924, nach Schaffung der Rentenmark, brauchten die Remscheider die Sünden der deutschen Währungshüter nicht mehr zu Fuß abzubüßen.

Foto links: An der Ecke Allee-/Luisenstraße lag das Lokal »Zum alten Ratskeller«, besser bekannt als »Tante Paula«. Es war vor 1933 das Verkehrslokal der NSDAP. Der ehemalige Besitzer dieses Fotos vermerkt: »Unsere Zuflucht 'Tante Paula’ war jahrelang das Heim der SA und damit das Herz des Wider­standes gegen die Roten und Rosaroten. Hier war die Zentra­le, hier wurde Kraft angefordert, diese Räume sahen die Be­wegung wachsen und erstarken«. (aus: „Remscheid so wie es war“, von Dr. Gerd Courts, erschienen 1974 im Droste Verlag.)

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