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Nachdenkenswertes zum Gebot "Du sollst nicht töten!"

 

Nach dem Reformationsfest am kommenden Sonntag beginne in den Gemeinden das „Jahr der Kirchenmusik“, kündigte Hartmut Demski an. Es bereite vor auf das Reformationsfest des Jahres 2017, mit dem die evangelische Kirche ihr 500jähriges Bestehen feiern werde (am 31. Oktober 1517 hatte Martin Luther seine 95 Thesen angeschlagen und damit die Reformation ausgelöst). „Beim gemeinsamen Singen und Musizieren fragt keiner nach der Konfessionszugehörigkeit“, meinte Demski. Entsprechend sieht er die Vorbereitungen auf das Jubiläum „im Geist der Ökumene“. Ein gutes Stichwort, um unter den geladenen Gästen auch den katholischen Stadtdechanten Thomas Kaster zu begrüßen.
Und noch einen Theologen hob Demski namentlich hervor: Detlev Prößdorf, Kölner Kirchenmusiker und Doktor der evangelischen Theologie, der seit 2004 vornehmlich in der Christuskirche in Leverkusen predigt. Er hat sich seit 2003 als  Klavier-Kabaretist einen Namen gemacht, und gestern lieferte er zum ersten, nachdenkenswerten Vortrag von Martin Dutzmann das heitere Kontrastprogramm. Dazu gehörte auch ein Musikquiz, bei dem die eine Hälfte des Saales (die “Frauenhilfe”) gegen die andere (die “Konfirmandengruppe”) antreten uns anhand musikalischer Beschreibungen Figuren aus der Bibel erraten musste. Und weil sich Prößdorf dafür im Alten Testament “in der Kategorie Sex & Crime umgesehen” hatte, könnte er kirchenfernere wie bibelfeste  Zuhörer/innen animiert haben, im Buch der Bücher, falls vorhanden, zu Hause noch einmal nachzuschlagen. Was da an Menschlichem, allzu Menschlichem zu Tage kam, machte neugierig…

Im oberen Bild links Dr. Martin Dutzmann und Hartmut Demski. Fotos: Lothar Kaiser

„Sechs Jahre nach dem Wechsel könne man seinen Vorgänger ruhig einmal einladen, hat man mir gesagt“, scherzte Superintendent Hartmut Demski, Superintendent des Evengelischen Kirchenkreises Lennep gestern Abend, als er im Vaßbendersaal am Markt zum Jahresempfang des Kirchenkreises ganz besonders herzlich auch

Der Vortrag von Martin Dutzmann ging darauf ein. Sein Thema an diesem Abend: „Wie man kann die zehn Gebote halten? Oder: „Du sollst nicht töten“, wie geht das in Afghanistan?“  Nach seinen Worten nur „ein tastender Versuch“ den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr auszulegen. Weil „einfache Lösungen auf diesem schwierigen ethischen Gelände nicht erschwinglich sind“.  Doch bei aller Bescheidenheit des Referenten – es war mehr nur ein Versuch. Schließlich hat sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) wiederholt mit den Themen „Krieg“ und „Töten“ auseinandergesetzt, in der „Barmer Theologische Erklärung“ von 1934 ebenso wie in der Friedensdenkschrift der EKD von Oktober 2007 und dem „Friedensratsschlag“ der EKD vom 27. Januar 2010. Dutzmann zitierte gestern mehrfach daraus. Denn: „ Reden müssen wir über diese Fragen. Das sind wir zuerst und vor allem denen schuldig, die in Afghanistan bereits gestorben sind und denen, die dort wohl noch zu Tode kommen. Das sind wir aber auch unseren Soldatinnen und Soldaten schuldig, denen unsere Gesellschaft per Parlamentsbeschluss das Töten zumutet. Nicht wenige von ihnen sind Christen und in ihrem Gewissen zutiefst angefochten. Sie haben deshalb einen Anspruch auf das Mitdenken ihrer Mitbürger und ihrer Mitchristen.“ - Nachfolgend dokumentiert der Waterbölles den Vortrag des Militärbischofs in vollem Wortlaut:

Dr. Martin Dutzmann begrüßte. Dieser war von 1987 bis 2005 Pfarrer der ev. Kirchengemeinde Lennep, die letzten zehn Jahre zugleich der Superintendent des Kirchenkreises. Seit dem 1. Oktober 2005 ist Dutzmann Landessuperintendent der Lippischen Landeskirche und seit September 2008 im Nebenamt als Militärbischof der Chef aller evangelischen Militärgeistlichen der Bundeswehr. Somit gab es gleich mehrere Gründe, ihn als Referenten zum Abschluss des zurückliegenden Kirchenjahres einzuladen, das die Synode dem Thema „Freiheit bedenken, leben und gestalten“ gewidmet hatte. Demski: „Die zehn Gebote sollen Werte vermitteln und Freiheit ermöglichen!“ Da sei die Frage berechtigt, wie es denn um die zehn Geboten in unserer Gesellschaft überhaupt bestellt sei.

Wie kann man die zehn Gebote halten? oder: „Du sollst nicht töten!“ – Wie geht das in Afghanistan?

Vortrag von Militärbischof Dr. Martin Dutzmann anlässlich des Jahresempfangs des Evangelischen Kirchenkreises Lennep am 27. Oktober 2011 in Remscheid

Meine sehr geehrten Damen und Herren, in der Nacht zum 4. September 2009 stahl eine Gruppe von Taliban in Afghanistan zwei Tanklastzüge. Die Fahrer der Tanklastzüge wurden auf brutale Weise ermordet. Einige Stunden nach dem Vorfall steckten die beiden Fahrzeuge auf einer Sandbank im Kunduzfluss fest - wenige Kilometer von dem Lager der deutschen Streitkräfte in Kunduz entfernt. Der deutsche Kommandeur im Feldlager Kunduz gab amerikanischen Kampfflugzeugen den Befehl, die beiden Tanklastzüge zu bombardieren. Er hoffte, damit Schlimmeres verhindern zu können. Insbesondere befürchtete er, die gestohlenen hoch explosiven Fahrzeuge könnten als rollende Bomben gegen das deutsche Feldlager eingesetzt werden. Der Bombenabwurf in der Nacht zum 4. September 2009 kostete etwa 140 Menschen das Leben. Darunter waren nachweislich auch solche Menschen, die an keinerlei Kampfhandlungen beteiligt gewesen waren.

Die Geschehnisse vom 4. September 2009 haben die gesellschaftliche Wahrnehmung der Bundeswehr und ihres Einsatzes in Afghanistan deutlich verändert. Insbesondere wird seitdem genauer wahrgenommen, was deutsche Soldatinnen und Soldaten dort in Ausübung ihres Dienstes konkret tun. Bis dahin hatte die Gesellschaft in Deutschland weitgehend die Augen davor verschlossen, dass Soldatinnen und Soldaten im Einsatz auch töten und dass die Bundesrepublik Deutschland in einen Krieg verwickelt ist. Das Bild der Bundeswehr war von den vorangegangenen gewaltfreien, also den humanitären, technischen, logistischen und sanitätsdienstlichen Einsätzen in verschiedenen Regionen der Welt geprägt. Insbesondere seit dem Somalia-Einsatz 1993/94 wurde die deutsche Bundeswehr als „Streitkraft von Brunnen- und Häuserbauern“ und von „bewaffneten Entwicklungshelfern“ wahrgenommen. Daran änderten weder der Kosovokrieg noch zunächst der Afghanistaneinsatz etwas. Bis zum 4. September 2009.

Es wurde Zeit, sich der Realität zu stellen: Die Vorstellung, ein Krieg könne „sauber“ sein und geführt werden, ohne dass Menschen sich dabei schuldig machen, ist endlich als Illusion entlarvt. Krieg ist immer mit Leid und Tod verbunden, auch wenn Krieg heute – jedenfalls völkerrechtlich - nicht mehr Krieg heißt, sondern als „bewaffneter nicht internationaler“ oder „bewaffneter internationaler Konflikt“ bezeichnet wird.[1]

Deutsche Soldaten töten. Deutsche Soldaten übertreten also das fünfte Gebot, das kurz und prägnant lautet: „Du sollst nicht töten!“ Müssen die Kirchen da nicht aufschreien?

Damit Sie sich ein eigenes Urteil bilden können, möchte ich in einem ersten Gedankengang einige – natürlich ganz und gar nicht vollständige - Erwägungen zu dem biblischen Gebot „Du sollst nicht töten!“ vorstellen. In einem zweiten Teil stelle ich dar, wie das Tötungsverbot in der jüngsten Friedensdenkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Geltung gebracht wird. Der abschließende dritte Teil wird das Gesagte auf den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan anwenden.

 I  Das Tötungsverbot in Bibel und Bekenntnis

„Du sollst nicht töten!“ (2. Mose 20, 13). Mit dem deutschen Wort „töten“ wird im fünften bzw. nach reformierter Zählung dem sechsten Gebot das hebräische Wort razach  übersetzt. razach bezeichnet sowohl das heimtückische Ermorden Unschuldiger als auch die fahrlässige Tötung. Damit ist zweierlei klar. Erstens: Man darf das fünfte Gebot nicht einschränkend mit „Du sollst nicht morden!“ übersetzen. Diese Auffassung wird immer wieder vertreten, um in besonderen Situationen das Töten von Menschen rechtfertigen zu können. Zweitens: Das Wort „töten“ meint im fünften Gebot aber auch nicht jede denkbare Art einem Menschen das Leben zu nehmen. Das gesetzlich legitimierte Töten, etwa im Krieg oder im Zusammenhang einer Verurteilung zum Tode, ist mit razach ausdrücklich nicht gemeint. Dafür benutzten die Hebräer andere Bezeichnungen. Fazit: Es ist nicht möglich, das Tötungsverbot des Dekalogs unmittelbar auf diese Zusammenhänge zu übertragen.  Ob das Töten im Krieg erlaubt oder verboten ist, lässt sich also allein mit dem Hinweis auf das biblische Tötungsverbot nicht beantworten. Werfen wir deshalb einen Blick auf die Auslegung des Gebotes durch Martin Luther.

Martin Luther verallgemeinert im Kleinen Katechismus das Tötungsverbot. Da heißt es: „Du sollst nicht töten. Was ist das? Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserm Nächsten an seinem Leibe keinen Schaden noch Leid tun, sondern ihm helfen und beistehen in allen Nöten.“ Mit dieser Verallgemeinerung kommen auch jene Zusammenhänge in den Blick, die von dem hebräischen Wort „razach“ eigentlich nicht erfasst sind, nämlich das Töten im Krieg und das Töten als Folge von Rechtsprechung. In Luthers Auslegung geht es allgemein um den Schutz des Lebens – im Frieden wie im Krieg. Luther wurde also krass missverstanden, als man zwischen 1914 und 1918 meinte in einigen Auflagen des Kleinen Katechismus die Auslegung des fünften Gebotes durch diesen Hinweis ergänzen zu müssen: „Gilt im Kriege nicht.“  In seiner Erklärung zum fünften Gebot nimmt Luther nun aber auch die Nothilfe für den bedrohten Nächsten in den Blick:  „… dass wir unserm Nächsten an seinem Leibe keinen Schaden noch Leid tun, sondern ihm helfen und beistehen in allen Nöten.“ Kann das bedeuten, dass der Helfer und Beistand nötigenfalls auch Gewalt anwenden und äußerstenfalls einen Menschen töten muss, um einen anderen Menschen zu schützen? Das bejaht Luther in einer anderen Schrift. Auf die Anfrage des Söldnerführers Assa von Kram: „Kann ein Kriegsmann in den Himmel kommen?“, antwortet der Reformator dort sinngemäß: Ja, ein Soldat kann in den Himmel kommen. Er darf seine Waffe allerdings nur benutzen, wenn sie der Verteidigung von Schwachen dient.

Schauen wir schließlich noch auf die Barmer Theologische Erklärung von 1934. Dort heißt es in der fünften von sechs Thesen: „Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen…“ Unsere Welt ist noch nicht erlöst. Das wird sie erst sein, wenn Christus wiederkommt. Bis dahin rechnet die Barmer Theologische Erklärung mit Situationen, in denen Recht und Frieden nur gewaltsam aufgerichtet bzw. wiederhergestellt werden können. Dabei kann es auch Tote geben… Zweierlei ist hier allerdings zu beachten: Gewalt anzudrohen und auszuüben ist ausschließlich Sache des Staates, er hat das Gewaltmonopol. Alles andere wäre Anarchie. Und: Der Staat darf Gewalt nur anwenden, um Recht und Frieden wiederherzustellen. Alles andere wäre Diktatur.   Auch wo der Staat von seinem Gewaltmonopol Gebrauch macht um für Recht und Frieden zu sorgen, ist das jedoch nicht ohne Schuld möglich. Die Verantwortlichen haben dann die Wahl zwischen Schuld und Schuld, zwischen unterlassener Hilfeleistung einerseits und Gewaltanwendung andererseits - einschließlich der möglichen Übertretung des biblischen Tötungsverbotes. Es ist nicht so, dass derjenige, der konsequent keine Gewalt androht oder anwendet, schuldlos aus der Situation herauskäme. So formuliert die jüngste Friedensdenkschrift der EKD: „In Situationen, in denen Verantwortung für eigenes oder fremdes Leben zu einem Handeln nötigt, durch das zugleich Leben bedroht oder vernichtet wird, kann keine noch so sorgfältige Güterabwägung von dem Risiko des Schuldigwerdens befreien.[2] Der Friedensdenkschrift möchte ich mich nun in einem zweiten Teil etwas näher zuwenden.

 II  Die Umsetzung des Tötungsverbotes in der jüngsten Friedensdenkschrift des Rates der EKD

„Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“. Unter diesem Titel erschien vor genau vier Jahren die letzte Friedensdenkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Schon der Titel zeigt, wie ernst es der Denkschrift mit dem Tötungsverbot ist. Leitend für die friedensethische Reflexion ist nämlich nicht die Idee des gerechten Krieges sondern jene des gerechten Friedens. Die Idee des gerechten Krieges entstammt der philosophischen Tradition der Antike und wurde von der christlichen Kirche schon früh aufgenommen. Ein Krieg gilt nach dieser Lehre als gerecht oder legitim, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, zum Beispiel die, dass der Krieg das letzte Mittel (ultima ratio) in einer Auseinandersetzung ist. Bekanntlich ist der Gedanke vom gerechten Krieg bis in die Gegenwart hinein schrecklich missbraucht worden, und die Kirche hat mit seiner Hilfe selbst Angriffskriegen die gewünschte theologische Begründung verschafft. Deshalb nun: Gerechter Friede! Das bedeutet: Es kann keine ethische Rechtfertigung für den Einsatz von Gewalt geben. Andere Menschen zu töten ist niemals legitim – auch im Krieg nicht. Stattdessen ist das Leben der Menschen zu schützen. Hier knüpft die Denkschrift an Luthers Auslegung des fünften Gebotes im Kleinen Katechismus an. Wir erinnern uns: „Du sollst nicht töten!“, das bedeutet nach Luther, dem Nächsten zu helfen und ihm beizustehen in allen Leibesnöten. Gerechter Friede, so die Autoren der Denkschrift, hat deshalb mehrere Elemente: den Schutz vor Gewalt, die Förderung der Freiheit, den Abbau von Not und die Anerkennung kultureller Verschiedenheit. „Vorrang für Zivil“ heißt die durchgängige Melodie der Denkschrift. Ein gerechter Friede ist also viel mehr als die Abwesenheit von Krieg, so erstrebenswert auch die schon ist. Das Leitbild vom gerechten Frieden hat konkrete Folgen: Frieden, Recht und Gerechtigkeit gehören sachlich untrennbar zusammen. Wer sich nachhaltig für Frieden einsetzen will, muss sich demnach für eine umfassende Weltfriedensordnung als internationale Rechtsordnung engagieren und auch für weltweite soziale Gerechtigkeit eintreten. Wenn der Frieden Bestand haben soll, dann muss er in jedem Stadium mit Recht und Gerechtigkeit verbunden sein, einem Recht etwa, wie es von den Vereinten Nationen vorgegeben wird.[3]

 Trotz dieser klaren Ausrichtung ist aber die Friedensdenkschrift nun kein streng pazifistisches Dokument, das jede Gewaltanwendung kategorisch ausschließt. „Recht ist auf Durchsetzbarkeit angelegt. In der Perspektive einer auf Recht gegründeten Friedensordnung sind Grenzsituationen nicht auszuschließen, in denen sich die Frage nach einem (wenn auch nicht gebotenen, so doch zumindest) erlaubten Gewaltgebrauch und den ethischen Kriterien dafür stellt.“ (98) Wer sich in äußerster Not vor die Frage gestellt sieht, ob Gewalt angewendet werden muss, hat sich allerdings kritischen Fragen zu stellen: Gibt es dafür einen hinreichenden Grund? Sind diejenigen, die zur Gewalt greifen, dazu ausreichend legitimiert? Verfolgen sie ein verantwortbares Ziel? Beantworten sie ein eingetretenes Übel nicht mit einem noch größeren? Gibt es eine Aussicht auf Erfolg? Wird die Verhältnismäßigkeit gewahrt? Bleiben Unschuldige verschont? Es sind dies die Fragen, die auch schon nach der Lehre vom gerechten Krieg zu stellen waren. Sie bleiben wichtig, auch wenn man davon überzeugt ist, dass es einen gerechten, also ethisch legitimen Krieg niemals geben kann. Richten wir deshalb diese Fragen an den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Dort wird seit zehn Jahren getötet und gestorben. Wie ist das zu beurteilen?

 III  „Du sollst nicht töten“ – Wie geht das in Afghanistan?

Die Friedensdenkschrift hält zur Durchsetzung des Rechts und zur Wahrung des Friedens – wie gesagt -  die Androhung und Anwendung von militärischer Gewalt als äußerste Möglichkeit (ultima ratio) für ethisch vertretbar. Die Voraussetzungen oder Kriterien für den Gebrauch rechtserhaltender Gewalt, die ich eben in Fragen gekleidet habe, sind:[4] Erlaubnisgrund, Autorisierung, richtige Absicht, Äußerstes Mittel, Verhältnismäßigkeit der Folgen, Verhältnismäßigkeit der Mittel und das Unterscheidungsprinzip.[5] Ich versuche nun holzschnittartig diese Kriterien auf die momentane Situation in Afghanistan anzuwenden:

Erlaubnisgrund: Wenn ein Gewalttäter menschliches Leben und gemeinsam anerkanntes Recht in gravierender Weise bedroht, kann es erlaubt sein Gegengewalt anzuwenden, „denn der Schutz des Lebens und die Stärke des gemeinsamen Rechts darf gegenüber dem »Recht des Stärkeren« nicht wehrlos bleiben.“ Massive Menschenrechtsverletzungen durch die Aufständischen und Al-Qaida und das schwere Leiden der afghanischen Bevölkerung lassen dieses Kriterium erkennbar erfüllt sein. Autorisierung: Zur Gegengewalt darf nur greifen, wer dazu legitimiert ist; der Einsatz von Gegengewalt muss der Herrschaft des Rechts unterworfen werden. Das Kriterium der Autorisierung ist durch die UNO-Resolutionen ab 2001 und die Bundestagsmandate ab 2002 erfüllt. Bewaffnete deutsche Streitkräfte beteiligen sich im Rahmen eines funktionierenden Systems kollektiver Sicherheit seit 2002 am Einsatz der Internationalen Sicherheitsunterstützungsgruppe (ISAF).  Richtige Absicht: „Der Gewaltgebrauch ist nur zur Abwehr eines evidenten, gegenwärtigen Angriffs zulässig; er muss durch das Ziel begrenzt sein, die Bedingungen gewaltfreien Zusammenlebens (wieder-) herzustellen und muss über eine darauf bezogene Konzeption verfügen.“ Sehr eindeutig stellt das Wort der Evangelischen Kirche in Deutschland zu Krieg und Frieden in Afghanistan vom Januar 2010, das die damalige Ratsvorsitzende Margot Käßmann, ihr damaliger Stellvertreter Nikolaus Schneider, der Friedensbeauftragte der EKD Renke Brahms und ich verfasst haben – der Rat der EKD hat es sich dann zu eigen gemacht - , dieses Kriterium heraus: „Eine Intervention mit militärischen Zwangsmitteln wie in Afghanistan muss von einer Politik getragen werden, die über klare Strategien und Ziele verfügt, Erfolgsaussichten nüchtern veranschlagt und von Anfang an bedenkt und darlegt, wie eine solche Intervention auch wieder beendet werden kann.“[6] Wir hielten aus ethischen Gründen eine Auswertung des bisherigen Einsatzes, eine klare Zielsetzung für das weitere Engagement sowie eine Reflexion auf das Ende seiner militärischen Komponente für unabdingbar. In allen drei Punkten sind wir heute erkennbar weiter als noch vor gut eineinhalb Jahren: Die „Fortschrittsberichte“ der Bundesregierung vom Dezember 2010 vom Juli 2011 – ich würde lieber von „Statusberichten“ sprechen - versuchen eine ehrliche Zwischenbilanz. Die Mandatsverlängerung vom 28. Januar 2011 nimmt mit den Jahren 2011 und 2014 zum ersten Mal die Reduktion bzw. das Ende des militärischen Engagements in den Blick. Das beinhaltet eine Rechenschaftspflicht zu den genannten Zeitpunkten. Und schließlich: Mit dem Wechsel zur Strategie der „Counterinsurgency“ (COIN) sind die Ziele, die die internationale Gemeinschaft in Afghanistan verfolgt, deutlich genauer beschrieben als bisher.  Der Vorsitzende des Rates der EKD, der Friedensbeauftragte und ich haben darüber hinaus angeregt, dass der Deutsche Bundestag neben dem militärischen auch den zivilen Einsatz in Kriegs- und Krisengebieten mandatieren sollte. So würde von vorneherein deutlich, dass die unterschiedlichen Maßnahmen nur im Zusammenhang sinnvoll sind. Man könnte erkennen, wofür welche Mittel bereitgestellt werden, und es wäre möglich den Einsatz als ganzen auszuwerten. Äußerstes Mittel:Der Gewaltgebrauch muss als äußerstes Mittel erforderlich sein, d.h. alle wirksamen milderen Mittel der Konfliktregelung sind auszuloten.“ Dieses Kriterium ist ein permanentes Prüfkriterium. Im Einsatz ist demnach in jeder einzelnen Situation genau abzuwägen, wann Gewalt anzuwenden ist. Auch wenn die Evangelische Kirche in Deutschland von Krieg spricht, ist stets darauf zu achten, dass wir uns gerade nicht an die damit verbundene Gewaltanwendung gewöhnen. US-Präsident Barak Obama hat in seiner Osloer Rede anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises das Wort „Krieg“ deutlich häufiger benutzt als das Wort „Frieden“. Das muss zu denken geben.  Verhältnismäßigkeit der Folgen: Das durch den Erstgebrauch der Gewalt verursachte Übel darf nicht durch die Herbeiführung eines noch größeren Übels beantwortet werden.“ Auch dies ist ein permanentes Prüfkriterium. Bei jedem Einsatz von Waffen ist zu prüfen, welche Waffen eingesetzt werden und welche Folgewirkungen der Einsatz hat.  Verhältnismäßigkeit der Mittel: „Das Mittel der Gewalt muss einerseits … hinreichend wirksam sein, um mit Aussicht auf Erfolg die Bedrohung abzuwenden oder eine Beendigung des Konflikts herbeizuführen; andererseits müssen Umfang, Dauer und Intensität der eingesetzten Mittel darauf gerichtet sein, Leid und Schaden auf das notwendige Mindestmaß zu begrenzen. Auch die Erfüllung dieses Kriteriums ist permanent zu überprüfen. Die Beurteilung der Verhältnismäßigkeit ist eine der schwierigsten Aufgaben in dem betrachteten Zusammenhang.  Unterscheidungsprinzip: „An der Ausübung primärer Gewalt nicht direkt beteiligte Personen und Einrichtungen sind zu schonen.“ Gerade der Bundeswehreinsatz in Afghanistan zeigt, wie schwierig die Erfüllung dieses Kriteriums ist. Wer soll den Schutz eines Zivilisten genießen und wer verwirkt ihn durch sein Verhalten zeitweise oder dauerhaft? Und: Wie kann man die einen von den anderen unterscheiden? Wie schwierig das ist, mussten wir bei dem eingangs erwähnten Luftangriff vom September 2009 erleben. Im Ergebnis kamen viele Menschen zu Tode, die an keinerlei Kampfhandlungen beteiligt waren.

Die Anwendung der Kriterien der Friedensdenkschrift auf den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan zeigt, wie schwierig die ethische Bewertung ist. Eine eindeutige Ablehnung oder Zustimmung scheint mir zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich. Andere sehen das anders, weil sie – übrigens mit der Friedensdenkschrift – darauf beharren, dass alle Kriterien für den rechtserhaltenden Gewaltgebrauch erfüllt sein müssen. Gemeinsam mit anderen bin ich der Meinung, dass es sich bei den Kriterien um Prüfgesichtspunkte handelt und es nicht auf ihre lückenlose Erfüllung ankommt. Kriterien können und sollen die ethische Entscheidung beeinflussen, können sie aber nicht ersetzen. Letztlich muss die Entscheidung von Menschen getroffen werden, die dann dafür auch die Verantwortung übernehmen – mit dem Risiko sich schuldig zu machen.

Wer den militärischen Einsatz für ethisch nicht legitim hält, muss auch auf die Frage antworten, welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind. Sofortiger Abzug, wie etwa DIE LINKE ihn fordert? Wer meint, dass dann in Afghanistan unverzüglich Frieden ist, dürfte sich irren. Im Übrigen dürfte der sofortige Abzug der internationalen Streitkräfte all jene Afghanen massiv gefährden, die der internationalen Gemeinschaft vertrauten und mit ihr zusammenarbeiteten. Es gäbe wahrscheinlich viele Tote. Wer für sich in Anspruch nimmt, eine ethisch begründete Entscheidung zu treffen, müsste auch das sehen und verantworten.

Ich komme zum Schluss.  Mit Hilfe der Friedensdenkschrift der EKD habe ich versucht das Gebot „Du sollst nicht töten!“ im Blick auf den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr auszulegen. Sie werden gemerkt haben, dass das wirklich nicht mehr als ein tastender Versuch war. Einfache Lösungen sind auf diesem schwierigen ethischen Gelände nicht erschwinglich. Aber reden müssen wir über diese Fragen. Das sind wir zuerst und vor allem denen schuldig, die in Afghanistan bereits gestorben sind und denen, die dort wohl noch zu Tode kommen. Das sind wir aber auch unseren Soldatinnen und Soldaten schuldig, denen unsere Gesellschaft per Parlamentsbeschluss das Töten zumutet. Nicht wenige von ihnen sind Christen und in ihrem Gewissen zutiefst angefochten. Sie haben deshalb einen Anspruch auf das Mitdenken ihrer Mitbürger und ihrer Mitchristen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

[1] Kanzlerin Angela Merkel spricht kurz vor Weihnachten in Afghanistan in einer Weise vom Krieg, dass sie den Begriff dadurch vom Verteidigungsminister zu Guttenberg zurückerobert. An die Soldaten in Kunduz gerichtet sagte sie: „Wir haben hier nicht nur kriegsähnliche Zustände, sondern sind in Kämpfe verwickelt, wie man sie im Krieg hat.“ Für die Öffentlichkeit in Deutschland formuliert sie: „Wenn man sich der Realität unserer Soldaten befasst, dann ist das eben in der Region in Kunduz so, dass sie in wirklichen Gefechten stehen – so wie Soldaten das in einem Krieg tun.“

[2] Aus Gottes Frieden leben, 70.

[3] Aus Gottes Frieden leben, 85

[4] Aus Gottes Frieden leben, 65 (98).

[5] Aus Gottes Frieden leben , 68 (102).

[6] Ein evangelisches Wort zu Krieg und Frieden in Afghanistan, 25. Januar 2010, These 6.

 


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