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Plötzlich flogen Sandsteinbrocken durch Dach und Wand

Bliedinghauser Kotten. Foto: Jürgen Feld

1685 wurde im Langenbruch oberhalb Zurmühle von Heinrich Ernemann zu Bliedinghausen ein Reckhammer angelegt. Warum er angeblich schon 1692 in der Erhebung des Burger Kellners Francken als verfallen dargestellt ist, wissen wir nicht. Witwe Heinrich Ernemann zahlte aber nach wie vor die Wassererkenntnis, um die Aufrechterhaltung der Konzession zu gewährleisten. 1750 ist immer noch von dem verfallenen Kotten die Rede, doch irgendwann vor 1800 errichtet Peter Hasenclever den Kotten neu. Besitzer ist dann ab 1810 ein Abraham Berger zu Wermelskirchen. Dieser arbeitet um 1829 mit einem unterschlächtigen Wasserrad, welches drei Schleifsteine und eine Polierscheibe antreibt. Zwischen 1830 und 1860 ist ein Hammerschmied Johann Friedrich Engels mit seiner Familie im Kotten ansässig. Dort werden seine Kinder Hermann (*1832) und Julius (*1859) geboren, die später auch Hammerschmiede wurden. 1853 wird von einem oberschlächtigen Wasserrad geschrieben, 1864 ist dann wieder ein unterschlächtiges Wasserrad angegeben. Jedenfalls hat die Wasserknappheit ihren Einfluss hinterlassen, denn es ist zu lesen, das von Joh. bis Michaeli ein Sechstel der Zeit gearbeitet werden konnte. Nach 1864 bis um 1900 ist außer einer Knochenstampfe in diesem Betrieb nichts weiter bekannt.

August Freund jun. war letzter Besitzer des Bliedinghauser Kottens. Sein Vater unterhielt hier vor 1900 eine Knochenstampfe, ging später aber mit seinen Söhnen zur Feilenschleiferei über. Vier Schleifsteine waren bis zum ersten Weltkrieg in Betrieb. Freund Junior arbeitete noch bis 1923, verkaufte dann sein Besitztum einschließlich Kotten und wanderte 1924 nach Brasilien aus. In den nun folgenden Jahren ist der Kotten langsam verfallen, da er nicht mehr benutzt wurde. Der Schleiferfamilie Freund entstammte auch der erst vor wenigen Jahren (mit über 70 Jahren) verstorbene Walter Freund, wohl einer der letzten gelernten Knieschleifer, der noch bis ins hohe Alter in diesem schweren Beruf tätig war. An ihn erinnert eine denkwürdige Begebenheit, die leicht einen tragischen Ausgang hätte nehmen können: Man hatte vor Jahren einen neuen Stein gehangt. Das Einhangen dieser großen Natursandsteine mit einem Durchmesser von 2 bis 2,5 Metern bis in die Lager erforderte ein bis zwei Tage. Anschließend lies man den Stein auf vollen Touren ein paar Stunden laufen, um ihn auf seine Sicherheit zu prüfen. Nachdem der Stein seine vorgeschriebenen Runden gedreht hatte, wollte nun Walter Freund seine ersten Feilen an ihm schleifen, als Robert Dannhäuser in den Kotten kam. Das war ein Spezial- Schlicht- und Doppelschlichtfeilenhauer im nahen "Kamerun", der sich im Kotten regelmäßig seine Meißel schliff. Die beiden führten neben dem sausenden Stein stehend eine Unterhaltung, und plötzlich sprang der Stein auseinander, wobei die Sandsteinbrocken durch das Dach und die Kottenwand zum Teil bis über den Eschbach flogen´. Wahrscheinlich wäre Walter Freund ohne das Dazwischenkommen des Kollegen von Bliedinghausen ein toter Mann gewesen. Einige Zeit vorher war auf die gleiche Art und Weise der Schleifer Hugo Fromgen in der Feilenfabrik E. Ehlis am Schlepenpohl ums Leben gekommen.  

Wohnhaus am Bliedinghaußer Kotten. Foto: Rudolf Renelt

Der Vorgang des "Steinehängens" war ohnehin kompliziert: Wenn der alte, kleingewordene Schleifstein aus dem Kotten herausgenommen war, musste der lange bis weit vor den Kotten reichende Schleiftrog, der mit Feilenspänen und Sand gefüllt war, ausgehoben und gesäubert werden. Der Bliedinghaußer Kotten lag gut 40 Meter von der Talstraße entfernt; dort war der neue Stein vom Flachwagen abgeladen worden. Auf dicken Holzrollen, mit Stemmeisen und jede Menge Menschenkraft wanderte der Stein dann langsam, aber sicher über die Eschbachbrücke bis an den Trog, der mit Bohlen und Pfosten ausgelegt war. Mit Winden wurde der Stein angehoben und immer wieder abgestützt, bis er - an der hochgestellten dicken Bohle der linken Seitenwand des Troges entlang - in den Trog herunterrutschte. Auf den unten aufgelegten Pfosten wurde er dann durch die schmale Kottentüre auf seine Lager gerollt.

Jetzt musste alles genauestens stimmen, vor allen Dingen die Achse des Steines in die Lager passen; aber dafür hatte schon die Maßarbeit der Schleifer gesorgt. Wenn nun der Stein in seinen Lagern ruhte, alle Vorrichtungsgegenstände beseitigt waren, der Treibriemen aufgeworfen und das "Schutt" des Wasserrades langsam aufgezogen wurde, konnte seine Laufbahn beginnen. Die klein gewordenen Schleifsteine wurden dann noch lange in den Schleifereien an anderer Stelle weiter benutzt.

Heute (2006) stehen lediglich noch die Grundmauern und der Teichdamm. Der Obergraben ist noch gut zu erkennen, und eigentlich sollte das Gelände mal grundlegend freigeschlagen werden, damit nicht noch mehr Historie zerstört wird. Das Gelände um diesen ehemaligen Kotten wurde im Jahre 2000 wie auch andere Stellen durch das Rheinische Amt für Bodendenkmalpflege zum Bodendenkmal erklärt und darf nun keinerlei Veränderungen unterzogen werden. (nach: Hämmer- und Kottenforschung in Remscheid. Herausgegeben von Günther Schmidt, Band 5 - Vom Blombach bis Eschbach)

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