Skip to content

Armut in Remscheid (3): Zahlen zum heutigen Weltfrauentag

Die meisten der von Armut betroffen Deutschen und Migranten (d.h. alle in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Menschen ohne deutschen Pass bzw. inzwischen eingebürgerte)  sind Frauen. Ihre soziale Lage hat insofern mit dem Geschlecht zu tun, als dass „der gesellschaftliche Geschlechtervertrag an spezifischen Stellen zugunsten von Männern konstruiert ist“. Doch der „1. Kommunale Armutsbericht“ der Stadt Remscheid kann´s auch konkreter, passend zum heutigen Weltfrauentag:: „Das wichtigste Hindernis z.B. für den beruflichen Aufstieg ist die traditionelle geschlechtstypische Rollentrennung in der Familie, die den Frauen die Hauptlast bei der Kindererziehung und privaten Haushaltsführung aufbürdet." Aber auch geschlechtstypische Sozialisationsprozesse sowie Vorurteile gegenüber Frauen in der Arbeitswelt spielen eine Rolle. Gerade dort seien die Männerprivilegien widerstandsfähiger als im Bildungssystem.

Trotz höherer und besserer Bildungsabschlüsse sind nach wie vor  junge Frauen die Verliererinnen im Wettbewerb um knappe Ausbildungsplätze. Und die Ungleichbehandlung von Mann und Frau setzt sich im Beruf später fort (1999 kamen westdeutsche Angestellte und Arbeiterinnen nur auf 73 Prozent des Bruttoverdienstes ihrer männlichen Kollegen). Als berufliches Hindernis erweisen sich auch die „Häuslichen Pflichten“ von Frauen: Weniger Überstunden, kürzere Arbeitszeiten, weniger übertarifliche Zulagen sowie weniger Berufsjahre und kürzere Betriebszugehörigkeiten, die sie am Aufstieg in höhere Lohngruppen hindern.

Der Verzicht auf Vollzeitbeschäftigung zu Gunsten der Kinderbetreuung bedeutet für die Frau Abhängigkeit von der Existenzsicherung durch den Ehemann. Trennen sich die Ehepaare, erweist sich das soziale Sicherungssystem der Ehe nicht selten im nachhinein als Armutsrisiko (ausbleibende Unterhaltszahlungen). Von den alleinerziehenden Frauen sind die meisten auf laufende Hilfe zum Lebensunterhalt angewiesen. Zitat aus dem Remscheider Armutsbericht: „Armut bedeutet für viele alleinerziehende Mütter nicht nur, mit geringen finanziellen Mitteln leben zu müssen, sondern auch, dass dies häufig zur Unterversorgung in anderen Lebensbereichen und zu sozialen, gesundheitlichen und physischen Problemen führt.“

Es ist wissenschaftlich nachgewiesen: Migranten leiden überdurchschnittlich stark unter Armut bzw. Armutsrisiken. Ende 2003 lebten in Deutschland 7.341.800 Ausländerinnen und Ausländer (8,9 % der Gesamtbevölkerung), davon in Nordrhein-Westfalen 1.965.155 Ausländerinnen /Ausländer (10,9 % der Bevölkerung des Landes). Mit einem Ausländeranteil von 14,8 % liegt Remscheid sowohl über dem Landes- als auch über dem Bundesdurchschnitt. Hinzu kommt ein Anteil von 8,4 % der Remscheider Bevölkerung, der über eine zweite Staatsbürgerschaft verfügt und demnach auch zu den Menschen mit Migrationshintergrund zählt.

Die Nationalitäten im einzelnen:

Türkei 7.344 40,9%

Italien 3.248 18,1%

Spanien 1.251 7,0%

Serbien/Montenegro 1.199 6,7%

Kroatien 563 3,1%

Im Jahr 2003 bezogen bundesweit 8,4 % aller Menschen nicht-deutscher Nationalität Sozialhilfe, allerdings nur 2,9 % der Deutschen. Bezogen auf Remscheid ist das Verhältnis von ausländischen zu deutschen Sozialhilfeempfängern 6,1% zu 3,5 %. 65,7 % aller Grundsicherungsempfänger in Remscheid und 56,7 % aller örtlichen Empfänger von laufender Hilfe zum Lebensunterhalt sind Frauen.

Zu den Ursachen für die schlechtere ökonomische Situation von Migrantinnen / Migranten gehört ihre mangelnde berufliche Qualifikation (Arbeitsplätze in angelernten, abbaugefährdeten Bereichen, geringe Sprachkompetenz). Von den arbeitslosen Ausländern hatten 2000 rund 78,3% keine abgeschlossene Berufsausbildung; bei den deutschen Arbeitslosen waren es 39,7%. Von den  in Remscheid potentiell Erwerbsfähigen waren 17,3 % Ausländer/innen und 82,7 % Deutsche. Unter den Arbeitslosen war er Anteil der Ausländer vergleichsweise höher: 26,8 % (Anteil Ausländer an allen Arbeitslosen) zu 73,2 % (Anteil Deutsche an allen Arbeitslosen).

Ausländischer Familien sind in der Regel größer als deutsche. Das zur Verfügung stehende Niedrigeinkommen muss folglich auf mehr Personen verteilt werden als in anderen Bevölkerungsgruppen. Und das wiederum mindert die Entwicklungs- und Bildungschancen von nichtdeutschen Kinder und Jugendlichen. (1,5% aller deutschen Jugendlichen erreichen keinen Schulabschluss, von den ausländischen Jugendlichen schaffen es 15% nicht. Während in Remscheid 8,8 % der deutschen Jungen keinen Hauptschulabschluss schaffen, sind es unter den ausländischen Jungen sogar 13,9 %. 34,5 % aller Remscheider Hauptschüler/innen sind ausländischer Nationalität, dagegen nur 6,3 % aller Gymnasiasten.)

Sprachprobleme sind dem Armutsbericht zufolge das größte Integrationshemmnis für Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund. Sprachförderung bedeute somit auch Integrationsförderung und Minderung von Armutsrisiken. „Die gezielte Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund sowie Information und Unterstützung beim Zugang zu höheren Bildungsabschlüssen muss intensiviert werden.“

Die „Regionalstelle Frau und Beruf“ (Monika Johae in Solingen, Tel. 0212/222940) will diese Forderung ab März praktisch umsetzen – in dem Projekt „ProFit 2“. Angesprochen werden damit den sechs bis neun Monate dauernden Kursen (8.45 bis 15 Uhr) Migrantinnen mit unterschiedlichen Bildungsstand. So wendet sich ein Kursus „Bewegtes Lernen“ an ausländische Frauen ohne sonderliche Berufsqualifikationen und ein Kursus „Training“ an ausländische Akademikerinnen.

Ob und in wie weit dieses neue Angebot angenommen wird, muss sich zeigen. Monika Johae von der „Regionalstelle Frau und Beruf“ hat die Erfahrung gemacht, dass viele Migrantinnen gar nicht qualifiziert werden wollen und dass nur jede fünfte von ihnen die Voraussetzungen erfüllt (sie muss eine Arbeitserlaubnis haben, darf aber gegenwärtig kein Arbeitslosengeld beziehen). Ein Problem ist auch die „kulturelle Distanz“ vieler Migrantinnen zur deutschen Gesellschaft. Überwinden sie diese Distanz nicht, beschleunigen sie unter Umständen ihren eigenen „Armutskreislauf“. Die Hilfsangebote sind da, man muss sie nur annehmen ...

Trackbacks

waterboelles.de am : Logische Konsequenz des Integrationskonzeptes ist das „Migrationsbüro“

Vorschau anzeigen
„Mit einem Ausländeranteil von 14,8 Prozent liegt Remscheid sowohl über dem Landes- als auch über dem Bundesdurchschnitt. Hinzu kommt ein Anteil von 8,4 Prozent der Remscheider Bevölkerung, der über eine zweite Staatsbürgerschaft verfügt und demnach auch

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Formular-Optionen

Die einzelnen Beiträge im "Waterbölles" geben allein die Meinung des Autors / der Autorin wieder. Enthalten eingeschickte Texte verleumderische, diskriminierende oder rassistische Äußerungen oder Werbung oder verstoßen sie gegen das Urheberrecht oder gegen andere rechtliche Bestimmungen oder sind sie nicht namentlich gekennzeichnet nebst E-Mail-Adresse, werden sie nicht veröffentlicht. Das gilt auch für substanzlose Bemerkungen ("Find ich gut/schlecht/blöd...etc."). Aus den oben genannten juristischen Gründen sowie bei längeren Texten sind auch Kürzungen nicht ausgeschlossen.

Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!