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Fast hätte Dienstmann Pitter die Wette gewonnen ...

Recht unscheinbar wirkt Remscheids erster Bahnhof (Bildmitte), zurecht im Volksmund 'Zigarrenkiste' genannt.von Max Eulenhöfer

Dankbar nahm ich die kleine Radierung in Empfang, die mir eines Tages eine Remscheiderin überreichte. Ja, hier ist er wieder, der frühere Remscheider Bahnhof, klein und bescheiden und doch auf alle Dienste eingerichtet. Links der Ausgang für die Reisenden, anschließend Wartesäle, Fahrkartenausgabe und Gepäckabfertigung. Was könnte diese enge Sperre uns erzählen von denen, die da kamen und gingen! Wie viele gute Geschäfte sind durch sie gehuscht! Hier standen die alten Dienstmänner, die mit Gepäck und bergischem Humor sich manchen blanken Taler verdienten. Längst hat der kleine Bahnhof seinem großen Nachfolger, der außerdem einen „Ruck nach rechts" machte, weichen müssen. Den kleinen Bahnhof aber umspielen noch in mancher Anekdote die guten, alten Zeiten. Wer sie gerne hört, dem erzähle ich die Geschichte vom Dienstmann - nennen wir ihn Pitter - so wahr ich sie hörte.

Es war an einem warmen Sommertag. Nur dann und wann störte ein einlaufendes Züglein die frühmittägliche Ruhe. Versonnen und nachdenklich stand d'r Pitter mit dem Rücken zum Ausgang der Sperre und zählte „blind" die Groschen und Fünfziger in seiner Hosentasche unter der grünen Dienstmannschürze. Nur in Gedanken ließ er ein eisgekühltes „Kipper Pils" durch seine trockene Kehle rinnen. Bekannte Stimmen weck­ten ihn aus durstigen Träumen. Hoffnungen auf gewohnte Teilnahme an althergebrachten Frühschoppen mit zahlungskräftigen Remscheidern ließen ihn plötzlich hellwach werden. Gewiss, es waren nicht nur freigebige Zecher, sondern auch derbe Spaßvögel. Man nahm auch nicht leicht etwas übel, wenn es nichts kostete. Und schon stand die erste Runde „Stakelser Kloren" in alter Frische auf dem Tisch des Wartesaales. Pitter schlürfte mit Behagen. Vom Knobeln um die Runde blieb er ausgenommen. Zwinkernd prostete er dem Verlierer dreier Runden zu. Dann aber . . . war er gemeint. Eine Wette! Ver­dammte Leidenschaft der Grobschmiede!

„Du kaß eng Stond eten on drenken suvöll de woß, äwwer du darfs ki'en Woat dobie kallen, söß mots du dän ganzen Schmär befahlen," krächzte der rüstige „Kaal vam Matte".  Da gab's kein Kneifen,  und  die  Sache  schien  an  sich  nicht  bedenklich. „Bestellen darfs de, wat de woß, äwwer ki'en Woart mi'ehr kallen", und Pitter aß und trank. Kein Versuch der lustigen Runde vermochte ein zusätzliches Wort aus vielbeschäftigtem Munde zu locken. Vergnügt und überlegen zwinkerte unser Dienstmann den Herausforderer zuweilen zwischen zwei fetten Bissen und einem silberklaren „Stakelser"  an.

„Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten, und das Unglück schreitet schnell . . ." Pitters angetrautem Weib, wohlvorbereitet durch viele „Schick­salsschläge", trug man die Kunde zu, „ähr Keärl wöär üewergeschnappt, he söht em Bahnhoff, süöp on frööt on küön ki'en Woart mi'ehr kallen . . . He fuchdelnden märr noch met denn Armen en derr Weiltgeschechden eröm." Und die erschrockene Frau rannte spornstreichs zum Bahnhof . - Ech kann et nit glüöwen . . . bös de wörklech üöwergeschnappt . . . Sag doch i'en Woart . . . Mann, hüör mech ahn . . . ech glüöw et baul selwer, dat de doll bös . . . nu kall doch . . . jammerte sie. Die Grienlacher versanken vor Lachen unter den Tisch. Zwanzig Minuten stopfte Pitter und fuchtelte vor seinem „Wief" herum. . . Dann platzte ihm der Kragen und er schrie: „Gottverdammich, nu mott ech dann ganzen Schmär selwer betahlen!“ (nach: „Remscheider Bilderbogen“ von Max Eulenhöfer aus dem Jahre 1950)

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