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"Kulturelle Mitte" - von Eingemeindeten nicht bestritten

Was sind 20 Jahre im Leben einer Stadt? Ein Nichts? Vielleicht dann, wenn es 2000 Jahre Geschichte zu betrach­ten gilt. Aber in Remscheid? Auch hier hat sich mensch­liches Miteinander seit den Tagen der Sachsen und Franken ereignet. Mehr als 1.200 Jahre liegt das zurück. Aber von Remscheid als Stadt darf doch erst die Rede sein, seit Napoleon auf die Idee kam, seine Vorstellungen von kom­munaler Ordnung auch hier zu praktizieren: Anno 1808. Und von damals bis zur Gegenwart ist es kein unüberschau­bares Stück Weges durch die Zeiten. So gesehen sind 20 Jahre schon mehr. Inhaltsschwer aber werden zwei Jahrzehnte erst, wenn man sie beim Namen nennt, wenn man sagt, welche man meint. In unserem Falle sind es die Jahre zwischen 1929 und 1949. Am einen Ende steht der Schritt Remscheids aus dem beschaulichen Dasein einer bergischen Mittelstadt hin zur Großstadt, durch Eingemeindung von Lennep und Lütt­ringhausen. Das war ein Verwaltungsakt auf dem Papier, und von Großstadt konnten nur jene Arithmetiker reden, denen allein die 100.000-Einwohner-Grenze maßgeblich für die Vergabe solcher Prädikate ist. Aber ob dies vom Selbstgefühl her gerechtfertigt war oder nicht: Remscheid wurde im Jahre 1929 Großstadt und ist dies bis heute geblieben.

Am anderen Ende unseres Betrachtungszeitraums, dem Jahre 1949, steht die Rückgewinnung jener demokratischen Lebensformen, die dem deutschen Volke mit der Heraufkunft des Nationalsozialismus abhanden gekommen waren, und an die sich, mit allen anderen Deutschen in den westlichen Provinzen, auch die Remscheider wieder langsam herantasten, die zu schätzen sie wieder lernen mussten. 1949, das Jahr der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, markiert in der Nachkriegszeit Remscheids einen ersten Einschnitt. Die wilden Nachkriegs jähre waren vorbei, die Jahre, in denen Recht und Gesetz oft wenig galten, in denen an einen geplanten Wiederaufbau des 1943 Zerstörten aus mancherlei Gründen noch nicht gedacht werden konnte. 1949 ist das Jahr, in dem nach der Wahl Walter Freys zum Oberbürgermeister das kommunalpolitische Leben in Rem­scheid Kontinuität gewinnt. Zum ersten Male wird wieder Aussicht auf eine bessere Zukunft sichtbar. Und zwischen diesen beiden Polen, dem Jahr 1929 mit dem von Remscheid erstrebten Ergebnis der Eingemeindung der alten Stadt Lennep und eines großen Teils Lüttringhausens und dem mählichen Wiedererstehen aus Lethargie und Trümmern, liegt die Zeit des Nationalsozialismus, mit ihrem anfänglichen Jubel über die Befreiung aus lähmender Ar­beitslosigkeit und ihrem schließlichen Entsetzen über die Zerstörung der Stadt und den Untergang einer auch von vielen Remscheider bejubelten oder doch zumindest gutge­heißenen Schimäre, des Traumes vom vermeintlich 1000jährigen Reich, in dem allem, was deutsch und arisch war, eine sorgenfreie Zukunft winkte für eine schier endlose Folge von Generationen. (…)

Unser Bericht also beginnt in jenem Jahr, in dem sich der Preußische Landtag mit dem Umgemeindungsgesetz zu beschäftigen hatte, das vom Regierungspräsidenten in Düs­seldorf für den Regierungsbezirk vertreten wurde und die Eingemeindung des Landkreises Lennep sowie bedeutender Teile der Stadt Lüttringhausen vorsah. In diesem Jahre 1929 geht Otto Schmidt mit seiner Kamera durch Remscheid und nimmt den baulichen Bestand der Stadt, namentlich ihrer öffentlichen Gebäude und Einrichtungen, auf. Wir lassen auf den folgenden Seiten seine Arbeitsergebnisse vorüberziehen, beschäftigen uns im Text aber mit dem dramatischen Ringen um die Eingemeindung.

Sitzungssaal des Remscheider Rathauses im Jahr der Eingemeindung Lenneps.Lennep erhob zuerst Einspruch, nannte die Neufestsetzung von Gebietsgrenzen im mittelbergischen Raum überflüssig, da es hier noch keine Auseinandersetzung um dieses Thema gegeben habe. Es begann ein Krieg der Gutachter und Denkschriftverfasser. Dann: Jubel in Lennep, als am 1. November 1928 der preußische Innenminister wissen ließ: »Ich erkenne einen zwingenden Grund für die Erweiterung der Stadt Rem­scheid nicht an. Es kommt höchstens eine Grenzberichtigung hinsichtlich der Kolonie Bökerhöhe in Betracht.« Doch die scheinbar glückliche Wende für die alte Kreisstadt war nicht von Dauer. Sechs Wochen später befürwortete dasselbe Ministerium die Eingemeindung. Jetzt plötzlich wurde den Remscheidern bescheinigt, daß sie dringend mehr Land für den Wohnungsbau und neues Industriegelände brauchten. Für die Stimmung in der Bevöl­kerung waren solche Wechselbäder nicht gut. Namentlich in Lennep wuchs die Empörung über die Urteilsunsicherheit derer »da oben«, und der Remscheider, der sich in den Monaten vor der endgültigen Entscheidung in Lennep sehen ließ und lockere Reden führte, der die Eingemeindung als längst beschlossene Sache bezeichnete und vom herzlichen Willkommen in Groß-Remscheid sprach, mußte Grobheiten gewärtigen, wenn nicht gar eine Tracht Prügel. Der Krieg der Gutachter ging weiter. An ihm beteiligte sich auch Lüttringhausen. Doch längst schien es so, als komme es nicht mehr auf den redlichen Austausch sachlicher Argu­mente an, sondern nur noch auf Polemik. Die Denkschriften verdienten eher die Bezeichnung Pamphlete, und der Lütt-ringhauser Bürgermeister Dr. Suthoff-Groß sagte in einem hellsichtigen Augenblick: »Diese Denkschriften sind Stati­stiken vergleichbar, mit denen man alles und nichts beweisen kann.«

Der Preußische Landtag beschäftigte sich in erster Lesung am 26. und 27. April 1929 mit der Vorlage. Dabei zeigte sich, dass Sozialdemokraten, Demokraten und Zentrum, die da­maligen Regierungsparteien, für die Forderung der Städte nach Erweiterung ihres Gebietes waren. Dagegen votierten Deutsch-Nationale, Kommunisten, die Deutsche Volkspar­tei, die Wirtschaftspartei und die sechs damals im Preußi­schen Landtag vertretenen Nationalsozialisten. Der weitere Weg des Gesetzes wäre bei der klaren Mehrheit der Regierungspartei nicht weiter zweifelhaft gewesen. Da aber intervenierte der Landgemeindeverband beim Staatsge­richtshof und wollte festgestellt wissen, dass der Staat ohne Einvernehmen mit den Selbstverwaltungskörperschaften, den Kreisen und Gemeinden, überhaupt nicht eingemeinden dürfe. Diese plötzlich aufgebrochene Diskrepanz zwischen Gesichtspunkten politischer Opportunität und ganz grund­sätzlichen Erwägungen verunsicherte die Politiker zutiefst, und wo vorher klare Fronten waren, zogen sich nun Risse quer durch die Fraktionen. Der Ausgang war wieder unge­wiss. Die Eingemeindungsgegner witterten noch eine Chance.

Protestversammlung auf dem Lenneper Jahnplatz gegen die Eingemeindung der ehemals selbständigen Stadt nach Remscheid am 16. Juli 1929. Tausende kamen, gerufen von Brandsirenen und Kirchenglocken, um gegen die Entscheidung des Preußischen Landtages zu demonstrieren.In Remscheid und in Lennep wurde mit nahezu allen Mitteln gekämpft. Bevor die Politiker in Berlin das Schluss­wort sprachen, sollte nichts unversucht geblieben sein. Durch Lennep rollte in jenen Tagen ein Karren mit Mist und einem Schild darauf »Für Remscheid«. Die Emotion be­herrschte die Stunde, und in der Tat war für Lennep zu diesem Zeitpunkt, Wochen vor der entscheidenden Abstim­mung im Preußischen Landtag, noch nicht alles verloren. Lüttringhausen dagegen war vom Gemeindeausschuss als »zur Auflösung reif« bezeichnet worden. In den Fraktionen des Landtags rumorte es. Es kam zu immer neuen Kräftegruppierungen. Aber auch die zweite Lesung bestätigte den Paragraphen 37 des Eingemeindungsgesetzes, die Vereini­gung Lenneps und eines großen Teil Lüttringhausens mit Remscheid betreffend.

Dennoch sind auch am Tage der Schlussabstimmung, am 10. Juli 1929, die Verhältnisse keineswegs klar. Die Deutsch-Nationalen sind sich nicht einig. Professor Hoffmann, Vorsitzender des Gemeindeausschusses, will unter allen Umständen die Stadt Lennep erhalten. Nur dann will er dem ganzen Gesetz zustimmen. Er hat mit dem Zentrum verhan­delt. Man sagt ihm, dass er das nicht habe tun dürfen. Dr. Weisemann (Deutsch-Nationale Partei), ein Remscheider, signalisiert dem Zentrum, dass kein Antrag mehr komme. Die Abstimmung beginnt. Dabei zeigt sich, dass es für eine Stadt Lüttringhausen keine Chance mehr gibt. Doch, als das Handzeichen für das Schicksal Lenneps gefordert wird, ist die Lage für den Landtagspräsidenten völlig undurchsichtig. Es kommt zum Hammelsprung. An den Türen, die über Ja, Nein und Stimmenthaltung entscheiden, spielen sich unbe­schreibliche Szenen ab. Abgeordnete, denen das Schicksal Remscheids und Lenneps völlig gleichgültig ist, sollen in letzter Sekunde umgestimmt, durch eine Tür komplimen­tiert, wenn nicht gestoßen werden, die ihrem vorher gefass­ten Entschluss nicht entspricht. Doch alle Anstrengungen der Lenneper und ihrer Helfer bleiben fruchtlos. Mit 174 zu 170 Stimmen fällt Lennep an Remscheid.

Bei der Abstimmung des Landtages über die gesamte Gesetzesvorlage beträgt die Mehrheit 44 Stimmen. Der Kampf ist zu Ende. Einsprüche und Klagen erzwingen keine Änderung mehr. Auch nicht eine Protestversammlung, zu der am 16. Juli 1929 Tausende auf dem Lenneper Jahn-Platz zusammenströmen, gerufen von den Glocken der Kirchen und den Brandsirenen. Sprecher der Bürgerschaft erteilen dem Parlamentarismus eine Absage. Ein Papier mit dem Lennep betreffenden Paragraphen 37 des Eingemeindungs­gesetzes wird verbrannt. Anschließend überreicht der Zug der Kundgebungsteilnehmer dem Bürgermeister Nohl eine Entschließung, nach der Staatsrat und Staatsgerichtshof anzurufen seien. Das Ergebnis: Null.

Das Klima zwischen Remscheid und Lennep ist auf lange Zeit vergiftet. Alte Freundschaften sind zerschlagen, die Großstadt Remscheid hat keinen guten Start, auch nicht in Lüttringhausen. Erschwerend kam hinzu, dass die weltweite Wirtschaftskrise Remscheid in den ersten Jahren nach der Eingemeindung daran hinderte, den Beweis für aufgestellte Behauptungen anzutreten: dass nämlich die Wirtschaft Lenneps und Lütt­ringhausens angekurbelt würde. Auch andere Erwartungen erfüllten sich nicht oder erst wesentlich später. Die städtebauliche Vision vom Zusam­menwachsen der drei ehemals selbständigen Gebilde blieb Wunschtraum, wird heute, da Grünzonen längst den Vor­zug vor lückenloser Flächenbebauung haben, wohl auch nicht mehr betrieben. Und doch kann man nicht sagen, daß die Zusammenlegung von Remscheid, Lennep und eines Teils von Lüttringhausen ein einziger großer Irrtum gewe­sen wäre. So hat beispielsweise die Maschinenindustrie in den fünfzi­ger Jahren einen großen Aufschwung genommen, weil durch die Eingemeindung Industriegebiete an der Trecknase und am Blaffertsberg, später noch an anderen Stellen Lütt­ringhausens, ausgewiesen werden konnten. Insgesamt hat die Eingemeindung den Abstand zu den Nachbarstädten Wuppertal und Solingen verringert. Sie hat auch die Entwicklung von Lennep und Lüttringhausen gefördert. Die Zerschlagung des Kreises Lennep war wohl das kleinere Übel, auch wenn dies in Lennep bis auf den heutigen Tag anders gesehen wird.

1929 hatte Remscheid 102.899 Einwohner, darunter 14.400 Lenneper und 9.277 Lüttringhauser. Der bis vor dem Ersten Weltkrieg steile Bevölkerungsanstieg hielt wegen der politi­schen und ökonomischen Krise nicht an. Die Einwohner­zahl sank sogar vorübergehend und erreichte erst 1939 wieder die Höhe des Jahres 1929. Aber zu diesem Zeitpunkt mag sich der propagandistische Effekt bereits ausgewirkt haben, den die Nationalsozialisten mit ihrer Lobpreisung kinderreicher Familien erstrebten: das Mutterkreuz als Mit­tel der Bevölkerungspolitik.

Dr. Wilhelm Rees, seit den zwanziger Jahren bis in die Zeit nach dem Kriege kulturelles Gewissen der Stadt Remscheid, in vielen Funktionen tätig, so als Stadtarchivar, Direktor der Remscheider Museen, bekannt auch als Autor vieler heimat­geschichtlicher Arbeiten.Eines wurde von den Eingemeindeten nie bestritten: dass Remscheid die kulturelle Mitte des zur Diskussion stehenden Gebietes sei. Remscheid hatte zur damaligen Zeit ein Heimatmuseum im Hause Hilger in Hasten, einem alten Patrizierhaus, ein Stadtarchiv mit Bücherei, ein Städtisches Orchester und ein Städtisches Schauspielhaus. Heimatmu­seum und Stadtarchiv, beide im Jahre 1925 gegründet, standen unter der Leitung von Dr. Wilhelm Rees. Das war ein Mann, der sich um Kulturarbeit in Remscheid auch noch an manch anderer Stelle verdient machte, bis er 1945 in den Ruhestand trat und 1953 auch die ehrenamtlich weiterge­führte Leitung des Museums niederlegte. Das Remscheider Heimatmuseum wurde ein im Rheinland bekanntes und beachtetes Haus, leistete vorbildliche Arbeit, machte mit seinen bergischen Zimmern, später auch mit seinen tech­nisch-historischen Darstellungen, den Menschen der Stadt und ihrer Umgebung Geschichte greifbar, erfahrbar. Die Spendenfreudigkeit der Remscheider half, den anfänglich kargen Etat wirksam aufzubessern. (aus: „Remscheid so wie es war 2“, von Dr. Gerd Courts, erschienen im Droste Verlag, Düsseldorf, im Jahre 1978.)

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Kommentare

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Norbert Landen am :

Toller Bericht.Vielen Dank. Es hat sich in den letzten Jahren nicht viel geändert in dem Verhältnis zwischen Lennep und Remscheid. Aber das liegt nicht immer nur an Remscheid, sondern natürlich auch an Lennep,wo man nicht in der Lage ist, eine von vielen Bürgern getragene Interessenvertreung (Verein) auf die Beine zu stellen.

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