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Propaganda spielte 1939 auch in RS eine große Rolle

Rückblick auf die Zeit, als der Zweite Weltkrieg unmittelbar bevor stand. Ehe, wie Hitler das ausdrückte, »zurückgeschossen« wurde, damals am 1. September 1939, hatte ein publizistisches Trommel­feuer viele Zweifler mürbe gemacht. Sie dachten an Pflicht­erfüllung, auch wenn ihnen die ganze Richtung nicht passte. Als der Zweite Weltkrieg beginnt, steht in Remscheid in der Zeitung, dass die Stadt 21.000 Rundfunkteilnehmer hat. In den darauffolgenden Tagen wird auf diese Weise Stimmung gemacht: „Remscheid ist in Bereitschaft. Der Führer hat gesprochen. Zuversicht, Mut und Entschlossenheit erfüllt alle. Trotz der erregenden Atmosphäre, die die Wucht der ungeheuren Entscheidung erzeugt, ist keine Spur von nervö­ser Hast zu bemerken. Jeder ist entschlossen, zu seinem Teil zum guten Gelingen unserer heiligen Sache beizutragen. Es ist gänzlich unwichtig, dass wir leben. Notwendig ist es, dass unser Volk, dass Deutschland lebt.“

Und sehr konkrete Hinweise auf veränderte Lebensbedin­gungen: »Alle Verdunklungsmaßnahmen sind durchzufüh­ren. Die Aufforderung des Polizeipräsidenten ist zu beachten, wonach die Straßen freizumachen sind, wenn feindliche Flugzeuge auftauchen. Es wird bitter ernst. Jede Neugier rächt sich. Um Euch vor dem Abwurf feindlicher Bomben zu schützen, muss die Flak schießen. Dabei können stets Geschoßsplitter und auch größere Teile herunterfallen. Also, weg von den Straßen, hinein in die Luftschutzräume.«

In der dritten Kriegswoche nimmt die Bevölkerung zur Kenntnis, dass es noch einige Textilwaren bezugscheinfrei gibt, so naturseidene Gewebe aller Art, Wachstuch, Lino­leum, Balatum und Stragula, Teppiche, Kokosläufer, Gardi­nen, Morgenröcke und Hausjoppen. Doch eine solche Nachricht hat nur Kuriositätenwert, denn von all diesen Sachen ist in den Läden nichts mehr zu haben.

Am 15. September 1939 meldet das Führerhauptquartier 60.000 gefangene Polen bei Radom. Doch in Remscheid werden auch die ersten Todesanzeigen veröffentlicht, von den Eltern, die »in stolzer Trauer« den Tod ihres Sohnes bekanntgeben, von jungen Frauen, die auf diese Weise das frühe Ende ihres Ehemannes vermelden. Sieben Lebensmittelkarten (Reichsbrotkarten [rot], Reichs-fleischkarte [hellblau], Reichsfettkarte [gelb] und so weiter) werden ausgegeben. Jungen ab siebzehn bekommen Rasier­seife.

Ende September 1939 feiert die Schule Neuenkamp Richtfest. Die Remscheider Milchversorgung wird neu geordnet. Arbeiter aus rüstungswichtigen Betrieben erhalten ihre UK-Stellung. In den Kinos laufen Filme wie »Robert Koch« mit Emil Jannings (Capitol), »Kitty und die Weltkonferenz« mit Hannelore Schroth (Apollo), »Menschen vom Variete« mit La Jana und Attila Hörbiger (Modernes). In Sondervorstel­lungen ist der dokumentarische Film über »den größten Festungsbau aller Zeiten«, den Westwall, zu sehen. Noch dürfen auch russische Stoffe sein, so »Stjenka Rasin« (Union-Theater).

Schlaglicht aus dem Kriegsjahr 1940, in dem die Deutschen über Holland, Belgien und Frankreich hereinbrechen: Remscheider unterhalten 58282 Sparkonten mit 55 863106 Reichsmark. Das sind pro Konto 963 Reichsmark im Durchschnitt. Von 100 Einwohnern besitzen 56 ein Spar­buch.

Trotz der militärischen Erfolge, die bei vielen Remscheidern die nationalsozialistischen Parolen zu Selbstläufern machen, setzt die NSDAP die Propagandaarbeit fort. Ein Beispiel: Am 27. Oktober 1940 findet ein Generalmitgliederappell der Ortsgruppe Schüttendelle statt. Es gibt wieder einmal eine Fahnenweihe. Aus Düsseldorf ist der Gauleiter Florian gekommen, zur Feier des Tages. Ihm dankt Kreisleiter Brinkschulte und gelobt, »dass die Ortsgruppen des Kreises Bergisch-Land helfen wollen, das Ziel Adolf Hitlers zu verwirklichen, ein freies, stolzes Deutschland zu schaffen. In der Partei darf es kein Spießertum geben, denn sie, eine idealistisch verschworene Gemeinschaft von wenigen Mil­lionen, muss eine gigantische Kraft entfalten, um das 86-Millionen-Volk (Österreich mitgezählt) für alle Ewigkeit auf das Hochplateau eines menschenwürdigen Lebens zu füh­ren.« Das war der Ton der Zeit. So redete man damals wirklich. In der Zwischenzeit aber hatte Hitlers  Krieg begonnen, Menschen zu fressen. Immer mehr Remscheider mussten in den grauen Rock, immer mehr junge Männer auch, Abituri­enten darunter. Frauen rückten auf frei werdende Arbeits­plätze. Noch geschah das alles mit der Mutmaßung, es helfe den Krieg zu einem für Deutschland guten Ende zu führen. Die Siegesmeldungen waren noch in der Überzahl. Die Menschen ließen sich motivieren.

Indoktrination war aber auch weiter an der Tagesordnung. Das wurde in Remscheid erfahrbar, als am 29. Oktober 1940 der Städtische Lesesaal seiner Bestimmung übergeben wurde. Bei seiner Eröffnung hieß es, er sei »dem Geist der Gegenwart angepasst, ein Instrument der politischen Willensbildung. Hier wird das Buch im kämpferischen Einsatz für Reich und Volk gesehen.« Krasser konnte die geistige Entmündigung der Bevölkerung kaum noch ausgedrückt werden. Bücher waren nicht länger Zeugnisse individueller Bemühungen um die Probleme der Zeit, nicht länger Her­ausforderung an andere, den eigenen Standort zu überprüfen und ihn auch in entgegengesetzter Position zu finden, Bücher waren jetzt Erfüllungsgehilfen zur Erkenntnis der einzig zugelassenen nationalsozialistischen Wahrheit. Man kann sich das Autorenregister des Städtischen Lesesaals Remscheid vorstellen. (aus: „Remscheid so wie es war 2“, von Dr. Gerd Courts, erschienen im Droste Verlag, Düsseldorf, im Jahre 1978.)

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