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Am Tag der Währungsreform lagen vier Millionen DM bereit

19. Juni 1948. Einen Tag vor der Währungsreform sitzen überall in Remscheid streng kontrollierte Zähler bei der Überprüfung der angelieferten GeldmengenStatt Hoffnung bringt das Jahr 1948 zunächst einmal Furcht und Schrecken. Denn seit dem 1. April steht plötzlich das Gespenst einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den ehemaligen Verbündeten vor den Deutschen. Die So­wjets behindern den freien Zugang zur ehemaligen Reichs­hauptstadt Berlin. Als amerikanische Flieger eine Luft­brücke errichten und an einem Tage 7.000 Tonnen Lebens­mittel in die blockierte Stadt bringen, ist das Schlimmste abgewendet. Dazu sind nahezu 900 Starts und 900 Landun­gen täglich erforderlich. Immerhin hatte man rings im Lande gespürt, wie trügerisch der vermeintliche Friede noch war.

Um die Mitte des Jahres 1948, kurz vor dem Morgengrauen, wurde die deutsche Nacht am dunkelsten. Aus amtlichen Verlautbarungen, aber auch aus den konzessionierten Zei­tungen war zu entnehmen, dass es immer schwerer würde, gegen Bezugsscheine etwas zu erhalten. Beziehungen seien wichtig, nicht Bezugsscheine. Es gab kaum noch Lebensmit­tel, von Strümpfen oder Hosen nicht zu reden. Der Waren­umsatz, einziges offizielles Orientierungsdatum in einer Welt des Schwarzhandels und der krummen Geschäfte, sank auf ein Drittel. Die Normalverbraucherration bestand nur noch aus 1.000 Hungerkalorien, die heute in der Überflussgesellschaft bei strengen Fastenkuren maßgeblich sind. In der 110. Versorgungsperiode wurde die monatliche Käsezuteilung von 62,5 Gramm pro Person und Monat gestrichen. Der Fettgehalt der Milch betrug noch 2,5 Prozent, heute kalorienbewussten Mitbürgern willkommen, damals gefürchtet und als „blauer Heinrich“ verachtet.

Es gab Städte, in denen mehr als die Hälfte der Neugeborenen wegen Milchmangel starben. Im Ruhrgebiet traten 100.000 verzweifelte Arbeiter in den Streik. Der Direktor des Wirtschaftsra­tes, Professor Ludwig Erhard, hielt eine Rede, in der er seine Landsleute Hungerkünstler nannte und die Alliierten be­schuldigte, den Deutschen nur Hühnerfutter zu liefern. Der schwarze Markt feierte seine letzten Triumphe. Ein Anzug kostete an die 4.000 Reichsmark. Immer mehr Fälle von Milchpanscherei wurden bekannt. Auf die Frage: »Glauben Sie,   dass   es   besser  wird?«   antworteten  acht  von  zehn Befragten mit nein. Der Autor hat aus dem Munde seiner Eltern und Verwandten oft genug gehört, dass sie nicht davon überzeugt  seien,  noch  einmal  bessere Zeiten zu erleben.  Und   das,   obwohl   sie  erst  in  mittleren  Jahren standen. Indessen: Es musste aufwärts gehen, weil es nicht mehr abwärts gehen konnte.

So kam der Tag X heran. Amerikanische Währungsexperten hatten, nachdem die Sechs-Mächte-Konferenz eine Einglie­derung Westdeutschlands nach Westeuropa empfohlen hatte, eine Währungsreform vorbereitet. In England und den USA waren neue Banknoten gedruckt und in aller Heimlich­keit nach Deutschland gebracht worden. In Remscheid lagen 4 Millionen D-Mark bereit, als am 19. Juni 1948 über alle deutschen Sender eine wichtige Bekanntmachung der Militärregierung verkündet wird. Was Monate zuvor deutsche Währungsexperten auf einem ehe­maligen Flugplatz bei Kassel hinter Stacheldraht erfahren und gutgeheißen hatten, wurde jetzt mit einem Überraschungscoup Wirklichkeit. Jeder Westdeutsche erhielt für 60 alte Reichsmark 40 neue Deutsche Mark, später noch einmal 20 D-Mark.

Die vier Millionen Mark für Remscheid quittierte nicht der Oberbürgermeister, nicht der Bank- oder Sparkassendirek­tor, sondern der Leiter des Wirtschafts- und Ernährungsam­tes, Hermann Hasenclever, der in seiner inzwischen legen­dären Baracke auf dem Rathausplatz residierte und für die Versorgung der Bevölkerung manches Husarenstück lie­ferte. Es gelang ihm, zur Sicherung des Geldtransportes als Leihgabe der Militärregierung einige Colts aufzutreiben, um damit die sonst nur mit Schlagstöcken bewehrte Polizei auszurüsten.

An 137 Zahlstellen wurde das Geld in Remscheid ausgege­ben. Ausweise waren die Lebensmittelkartenabschnitte der 115. Zuteilungsperiode, in der es 100 Gramm Mehl, ein Maisbrot, 200 Gramm Fleisch, 50 Gramm Schnittkäse, 50 Gramm Margarine und fünf Bosko-Zigaretten gegeben hatte, und der Personalausweis. Kaum waren die Deutschen im Besitz des neuen Geldes, geschah ein Wunder. Reichsmark, Rentenmark und Alliierte Militärmark waren außer Kurs, die D-Mark, im Verhältnis 10 zu 1, neue Währung. Plötzlich hüpften die verborgenen Waren wie die Stehaufmännchen einer neuen Zeit in die vorher trostlos leeren Schaufenster. Hundertmal am Tage hörte man den Satz: »Das gibt es wieder.« Gemüse, Obst, Aktenmappen, Glühbirnen, farbige Wolle, Bürsten, Druckknöpfe, Ther­mosflaschen, Werkzeug, Milchtöpfe, Taschenmesser, Gum­mibänder, Bohnerwachs, Lederhandschuhe, Bestecke, Wecker. Manches war, wie ausdrücklich versichert wurde, Friedensqualität. Vor den Häusern saßen Kinder und spiel­ten mit wertlos gewordenen blauen Lappen, Hundert-Mark-Scheinen, wie einst die Soldaten der sich auflösenden Wehrmacht beim Poker im Walde. Plötzlich war der Schwarze Markt der Feind der arbeitenden Bevölkerung. Eine neue Moralität zog ein. (aus: „Remscheid so wie es war 2“, von Dr. Gerd Courts, erschienen im Droste Verlag, Düsseldorf, im Jahre 1978.)

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