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1949 fuhren 26 Unternehmer zur Hannover-Messe

Das Jahr 1949 bricht an. Inzwischen ist das Ruhrstatut erlassen, jenes Abkommen zwischen England, Frankreich, den USA und den Beneluxstaaten, mit dessen Hilfe die deutsche Kohle- und Stahlproduktion an der Ruhr durch die Internationale Ruhrbehörde, der auch Deutschland ange­hörte, kontrolliert werden soll. Es wird 1952 mit der Errichtung der Montanunion aufgehoben. Auch der Atlan­tikpakt, in dem die werdende Bundesrepublik Deutschland eine wichtige Rolle spielen wird, ist errichtet. Aber ungeachtet solcher Ereignisse in der großen Welt geht das Leben in der Provinz seinen eigenen Gang. Auch ein halbes Jahr nach der Währungsreform werden noch Lebens­mittelkarten verteilt, ganz so, als hätte es die wunderbare Brotvermehrung im Gefolge des neuen Geldes nicht gege­ben. Doch irgendwann im Laufe dieses Jahres geben auch die begeistertsten Planer und Bewirtschafter ihre Schaltstel­len auf. Was elf bis zwölf Jahre lang die Menschen in Atem hielt, die Nahrungsbeschaffung, die Kunst des schlichten Überlebens, verliert jetzt ihre zentrale Bedeutung. Die Remscheider Industrie regt sich immer kräftiger und ist im Jahre 1949 mit 26 Unternehmen aus den verschiedensten Branchen auf der wiedereröffneten Hannover-Messe ver­treten.

Der Krieg hatte, namentlich in seinem Endstadium, die Sitten gelockert. Die Weltuntergangsstimmung, von der viele ergriffen waren, hatte sich auch im allermenschlichsten Miteinander niedergeschlagen. Kritikloser Partnerwechsel, der sich auch in den ersten Jahren der Besatzungszeit fortsetzte, blieb nicht ohne Folgen. Geschlechtskrankheiten grassierten. Darum machte der brutale Aufklärungsfilm »Gift im Blut« die Runde. Er zeigte an klinischen Fällen die Folgen von Tripper und Syphilis auf. Bei den Vorführungen in öffentlichen Lichtspieltheatern - in Remscheid beispiels­weise im Bunker Homberg - mussten Männer und Frauen getrennt sitzen. Wie notwendig solche Aufklärung war, erhellen uns nüchterne Zahlen. 1949 (in diesem Jahr wurde in Remscheid auch ein großes Oktoberfest gefeiert - siehe Fotos) lagen die Tripper­erkrankungen zweimal, die der Syphilis-Erkrankungen fünf- bis sechsmal so hoch wie 1944.

Doch nach so vielen Jahren der Düsternis hellte sich der Lebenshorizont hier und dort auf. Noch ließ der Wiederauf­bau der Stadt zu wünschen übrig, fehlte es an Material, auch an Geld. Aber die Freude am Dasein, die Lust am Leben, der innere Jubel, alles Elend des Krieges hinter sich gelassen, einfach überstanden zu haben, brach sich Bahn. Am 9. Juli 1949 gibt Remscheid ein weithin sichtbares Signal dafür, dass es sich nun auf dem Weg in eine bessere Zukunft glaubt: ein Brillantfeuerwerk vor dem Rathaus. An kriegeri­schem Feuerwerk hat es den Menschen in den letzten Jahren nicht gefehlt, wohl aber an den Himmelskünsten der Pyro­techniker. Eine Generation ist herangewachsen, die den Zauber der Verwandlungsbomben, das bunte Schauspiel am nächtlichen Himmel mit der lautstarken Begleitmusik nie erlebt hat. Jetzt stehen die Jungen gemeinsam mit den Alten, für die alle friedlichen Spiele der Pyrotechniker vergangene Zeiten beschwören, Schulter an Schulter und erblicken im Widerschein dieser fröhlichen Raketen einen Hinweis dar­auf, dass bessere Zeiten bevorstehen. Mag sein, dass dem einen oder anderen Betrachter dabei auch die »Christ­bäume« wieder ins Gedächtnis kommen, die - kaum sechs Jahre vorher - Remscheid erhellten, auf dass es um so zielsicherer zerstört werden könne. Und ein paar Beobach­ter des Feuerwerks mögen auch daran gedacht haben, dass Leuchtkugeln dazu dienen, der Artillerie das richtige Zielge­biet auszuweisen. (Der Autor spricht sich von solchen Reminiszenzen nicht frei, denn er war - mit gleichaltrigen Freunden - kurz vor Kriegsende mit einer gefundenen Leuchtpistole zwischen den Fronten des Ruhrkessels unter­wegs und verschoss ahnungslos Signalpatronen, wurde von deutscher Feldgendarmerie gestellt und verdankt seinem allzu jugendlichen Alter oder einer humanen Regung des Uniformierten sein Leben.)

Das Feuerwerk war nicht das einzige Signal zurück gewon­nener Lebensfreude. Zu Pfingsten hatte das erhalten geblie­bene Strandbad die Pforten wieder geöffnet. Die Prominentenmannschaft des damaligen Nordwestdeut­schen Rundfunks (NWDR) trat zum 25. Male auf, und dies in Remscheid. Die Honoratioren der Stadt, an der Spitze der Oberbürgermeister, stellten sich zum Kampf. Nur ein Ergebnis dieses Spiel ist es wert, überliefert zu werden: Es kamen 20.000 Zuschauer. (aus: „Remscheid so wie es war 2“, von Dr. Gerd Courts, erschienen im Droste Verlag, Düsseldorf, im Jahre 1978. / (Foto links aus: „Remscheid“ von Hans Funke, erschienen 2002 im Sutton-Verlag in Erfurt in der Reihe „Archivbilder“)

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