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Der Vertrieb der Sensen war klar geregelt (Teil II)

Blick über die Häuser von Engelskotten zum Gockelshammer. Man erkennt den Bachverlauf und den Abzweig zum Obergraben Gockelshammer (links).Vorne rechts die Bärenkuhle.

Teil II

Wie die Produktion, so war auch der Vertrieb der Sensen durch die Bestimmungen des Privilegiums und zahlreicher Gerichtsbeschlüsse genau geregelt. Das Wintergut durfte nicht vor dem vom Handwerksvorstand bestimmten Zeitpunkt ausgeführt werden. Es war die Aufgabe des Handwerksboten, die Ausfuhrtermine recht­zeitig bekannt zu machen. Als im Jahre 1611 dieserhalb Streitigkeiten entstanden, musste sich der Zunftbote Hamman im Dahl verantworten, ob er seiner Verpflichtung nachgekommen sei. Nach seinem Bericht hatte er am 17. April ausgerufen, „dass das dänische und lübsche Gut zuerst auf Maitag und das letzte zu Pfingsten" aus­zuführen sei. Für die „brabändischen" und „holländischen" Waren waren die Ausfuhrzeiten früher angesetzt und kürzer bemessen, jedenfalls aus dem Grunde, weil im Westen die Heu- und Getreideernte eher eintritt als in den nördlichen und östlichen Gegenden. Die ersten nach Brabant bestimmten Waren sollten nämlich auf „Maitag" und die letzten 14 Tage darnach, die ersten holländischen Güter 12 Tage vor dem ersten Mai und die letzten zwei Tage nach demselben hinausgehen, so dass die gesamten Waren dieser Art innerhalb 14 Tagen versandt waren.

Um 1700 wurde der Absatz der Bergischen Sensen immer schwieriger. Wir hören viele Klagen der Kaufleute über den Rückgang des Handels, über den scharfen Wettbewerb der Märkischen Kaufleute, namentlich aber über die lästigen Vorschriften, die ihnen nur den Handel nach bestimmten Ländern erlaubten. Im Jahre 1712 stellten die Kaufleute beim Handwerksgericht den Antrag, ihnen freizustellen, wo und wie sie am besten ihre Waren vertreiben könnten, was ihnen dann auch „aus erheblichen Ursachen" zugestanden wurde. Trotzdem haben sich in der Folgezeit nur noch einzelne Kaufleute und dann meist unter heftigem Widerstreben in die Sensenzunft aufnehmen lassen. Gördt und Herbert Kraus weigerten sich im Jahre 1722, den Kaufmannseid zu leisten. Sie wurden darauf vom Handwerk gänzlich ausgeschlossen, unter der Androhung, dass sie bestraft werden sollten, „falls sie beim Handel mit fremden und ausländischen Sensen und sonstigen privilegierten schneidbaren Waren in den Jülich'schen und Bergischen Landen angetroffen würden." Vier Jahre später ließen sie sich dann notgedrungen aufnehmen. Auch Johann und Peter Melchers in der Morsbach, die mit Sensen handelten, mussten unter Strafandrohungen zur Eidesleistung gezwungen werden (1726 und 1729). Man legte offenbar in den Kreisen der Kaufmannschaft kein Gewicht mehr darauf, engere Bindungen mit dem Sensenhandwerk einzugehen, weil man sich in der Hauptsache bereits dem Vertrieb von Kleinschmiedewaren zugewandt hatte.

Über die Preise der im Sensenhandwerk gefertigten Waren finden wir nur eine einzige Angabe aus dem Jahre 1650. Damals war es vorgekommen, dass einige „Sommerhändler" die selbstgeschmiedeten Waren auf den Jahrmärkten billiger verkauft hatten als die Kaufleute. Deshalb wurde bestimmt, dass diejenigen, „die ihre Güter selbst zu Markte führten", sie nicht unter den vereinbarten Handelspreisen abgeben dürften. (…)

Nach einem Verzeichnis vom Jahre 1604 handelten die Remscheider Sensenkaufleute teils nach Holland, teils nach Brabant, während die Cronenberger und Lüttringhauser meist nach Brabant und die Solinger nach Lübeck und Dänemark die Sensenausfuhr betrieben. Es bestand also auch hier eine gewisse Arbeitseinteilung, so dass die einzelnen Gruppen in der Lage waren, sich mit den besonderen Verhältnissen ihrer Absatzgebiete gründlich vertraut zu machen. Obgleich mit diesem System auch noch eine Ersparnis an Geschäftsunkosten verbunden war, so wurde es doch später von den Beteiligten als recht drückend empfunden, so dass gerade aus den Reihen der zünftigen Sensenkaufleute einige eifrige Streiter für die neuzeitliche Idee des freien Handels hervorgingen.

Die Zahl der an der Sensenzunft beteiligten Kaufmannsgeschlechter erscheint größer, als sie in Wirklichkeit ist, weil die Namen wechseln und häufig verschiedene Namen ein- und dieselbe Familie bezeichnen. So ist Peter Arndts auf dem Westen zweifellos ein Sohn des schon 1600 genannten Amt auf dem Westen. Peter auf dem Westen (1695) dürfte derselben Familie angehören. Wie sich hier auf dem einsamen Hof die Namen verwandelten, geht aus der Bezeichnung des Peter Westen als „Johann Zensis von dem Westen Sohn" hervor (1695). Die „Grote" und „de Grote" auf dem Büchel, ein uraltes Remscheider Schmiede- und Kaufmannsgeschlecht, dürfen wir ebenfalls als eine Familie ansprechen.

Unter den Kaufmannsfamilien des Cronenberger Gebiets treten die Frohn, Hartkopf, Hahn, Hammes, Paß, Putsch, Rauhaus, Tilmans und Wüste besonders hervor. Die Ahnherren der meisten von ihnen haben früher selber am Schmiedefeuer gestanden, und die Nachkommen waren vielfach noch imstande, den Hammer zu führen und ein tadelloses Werkstück zu fertigen. In Remscheid sind es die Grote (oder de Grote) auf dem Büchel, Herbertz auf dem Holz, Hütz auf dem Scheid und in Hasten, Honsberg auf dem Buchen und in der Ibach, Joris auf dem Scheid, Lange auf Feld, Melchers in der Morsbach, Tilmans zu Feld und in Müngsten, die unter den Kaufleuten des Sensenhandwerks die Hauptrolle spielten, aber im Laufe des 18. Jahrhunderts sich immer mehr dem Vertrieb der sogenannten Kleinschmiedewaren zuwandten.

Ähnlich war es im benachbarten Lüttringhauser Bezirk, wo im 17. Jahrhundert die Arndts auf dem Westen und im Heysiepen und die Honsberg in der Halbach, zu Anfang des 18. Jahrhunderts die Grund auf Stursberg und in der Clarenbach und die „Westen" auf dem Westen erscheinen, während später kein Sensenkaufmann hier mehr zu finden ist.

Die meisten dieser Kaufmannsgeschlechter verfügten auch über den Besitz von Hammerwerken. Sie waren also nicht nur durch den Vertrieb der fertigen Waren, sondern auch als Rohstofflieferanten an dem Gedeihen der Sensenindustrie interessiert. In welchem Umfange die Sensenkaufleute an den Wasserhämmern, namentlich im Morsbachtal beteiligt waren, möge folgende Aufstellung auf Grund des Remscheider Lagerbuches von 1675 und des Burger Heberegisters von 1692 zeigen:

Bertram, Clemens in der Gerstau teilte sich mit dem dortigen Mühlenbesitzer Jakob Pieper in den Besitz eines daselbst gelegenen Hammers; de Grote, Johann zum Büchel besaß einen Reckhammer unterm Büchel und errichtete im Jahre 1674 noch einen zweiten Reckhammer in der Nähe desselben;
Hartkopf, Engel zu Rottsiepen, hatte den von Ern Rodt am Reinbach erbauten Sensenhammer vor 1692 käuflich erworben;
Hartkopf, Peter, hatte 1692 einen Reckhammer am Morsbach in Besitz, der von Peter Rodt auf dem Sudberg errichtet worden war;
Honsberg, Friedrich vom Volkeshaus, erbaute 1671 einen Reckhammer am Vieringhauser Bach kurz vor der Einmündung desselben in den Lobach;
Meiss, Peter unter der Kirchen, bei Cronenberg und Friedrich Grundts Erben besaßen 1692 einen Hammer auf dem Morsbach;
Melchers (Melchiors), Peter, in der Morsbach betrieb 1692 einen Reckhammer beim Morsbacher Hof unter der Mühle; von den Steinen,
Adolf und Jakob hatten 1692 einen Reckhammer „an der Leyen", unterhalb des Gockelshammers im Morsbachtal;
Tilmans, Heinrich, besaß ein Stahlhämmerchen zu Müngsten (1692);
Westen, Johannes in der Ibach, der jedenfalls dem alten Kaufmannsgeschlecht der Arndts auf dem Westen entstammte, hatte 1675 den halben „Westerhammer" im Gelpetal in Besitz.

Andere Hammerwerkbesitzer dagegen, deren Namen von alters her in der Geschichte der Remscheider Gewerbetätigkeit einen guten Klang hatten, hielten sich vom Sensenhandwerk fern. Wir wissen aus sicherer Quelle, dass auch sie den Sensenschmieden Stahl und Eisen geliefert haben (…); aber in die Bruderschaft ließen sie sich nicht aufnehmen, wahrscheinlich, um sich die Freiheit des Handels zu bewahren. Verschiedene von ihnen wurden später zu heftigen Gegnern der Sensenzunft und zu Vorkämpfern der Gewerbe- und Handelsfreiheit. Ihren vereinten Bemühungen sollte es schließlich auch gelingen, das Schleifermonopol als den letzten Rest der alten Handwerksverfassung zu brechen.

Die Hämmer der Eisen- und Stahlerzeuger lagen sowohl im Gebiet des Eschbachs und Lobachs als auch am Mückenbach. Es handelt sich bei den Inhabern in erster Linie um Angehörige des damals schon weitverbreiteten Geschlechts Hasenclever, die 1692 im Remscheider Gebiet bei Bliedinghausen, Ehringhausen, in der Lobach, Haddenbach und bei Müngsten allein über neun Hämmer verfügten. Auch die verschiedenen Zweige der Familie Halbach in Halbach, auf Ehringhausen, auf dem Neuenhammer und in Müngsten gehören zu den ersten Stahlerzeugern. Sie waren wie die Hasenclever nicht an der Sensenzunft beteiligt, doch spielten ihre im oberen Morsbachtal verbliebenen Angehörigen im dortigen Sichelhandwerk eine hervorragende Rolle. Als das Schicksal der Cronenberger Sensenschmiedezunft bereits besiegelt war, gelang es Gottlieb Halbach und seinen Freunden, von der Düsseldorfer Regierung die Erlaubnis zur Einführung der Eilausensenfabrikation zu erhalten. Von den übrigen nicht zur Zunft gehörigen Hammerwerksbesitzern mögen noch die Arndts vom Büchel, Bertrams vom Hasenclev, Böcker vom Buchen und von Vieringhausen, Dörcken im Dorfe Remscheid, Ernemann von Bliedinghausen, Frantzen vom Büchel, Haddenbrock am Hasenclev, Hüscher in Morsbach und Jäger vom Birgden erwähnt sein.

Nach 1700 schrumpfte die Zahl der Sensenkaufleute namentlich im Remscheider und Lüttringhauser Gebiet immer mehr zusammen. Einer nach dem andern ließ den ehemals so einträglichen Handelszweig fallen, um sich lohnenderen Beschäftigungen zuzuwenden. Ihre Söhne hielten es nicht mehr der Mühe wert, sich in die Bruderschaft aufnehmen zu lassen, sondern zogen es vor, als Verkäufer und Versender der nicht unter den Zunftzwang fallenden Kleinschmiedewaren frei und unbehindert ihren Handel nach dem Westen und Osten Deutschlands, Holland, Brabant, Flandern, Frankreich, England, Dänemark, Schweden, wo und wie es ihnen beliebte, fortzusetzen.

Kann man schon vor 1700 einen Rückgang der Solinger, Remscheider und Lüttringhauser Kaufmannschaft in den Blättern der „Sensenprotokolle" beobachten, so tritt das Übergewicht der Cronenberger später noch mehr hervor. Als die letzten vereidigten Sensenkaufleute sind wohl Besserer in Cronenberg und Blankertz in Dahl bei Cronenberg anzusehen (1779). Der Niedergang des Sensenhandwerks kommt gerade in der Liste der zünftigen Kaufleute, die nach 1740 kaum noch neue Namen aufweist, klar zum Ausdruck. Die vereidigten Sensenschmiede konnten sich, als die Nachfrage nach den weißen Sensen immer mehr nachließ, meistens noch durch Aufnahme anderer Artikel helfen, und die Schleifer wurden durch die Vorteile ihres Privilegs bei der Bruderschaft festgehalten. Die Kaufleute hatten aber kein Interesse daran, sich einem absterbenden Gewerbezweige zu verschreiben und Bindungen einzugehen, die ihren Handelsbeziehungen eher schaden als nützen konnten. Sie fanden bei der aufblühenden Werkzeugindustrie Gelegenheit genug, sich im freien Handel gewinnbringend zu betätigen.

Wie wir sahen, wurden in der älteren Zeit die Erzeugnisse des Bergischen Sensenhandwerks teils von den Schmieden selbst, teils von vereidigten und teils von freien Kaufleuten vertrieben. Den zur Sensenzunft gehörigen Kaufleuten wurden von Seiten des Handwerksvorstandes bestimmte Schmiede als Lieferanten zuge­wiesen. Im Notfalle, wenn die zünftigen Kaufleute keine Waren mehr übernehmen konnten, wurde den Schmieden gestattet, ihre Erzeugnisse den freien Händlern anzubieten. Die als Verlag bezeichnete Betriebsform, bei der die Kaufleute den in eigenen Werkstätten arbeitenden Sensenschmieden die Aufträge zukommen ließen, ist bei uns mit Sicherheit erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts festzustellen, als der Sensenhandel schon zum größten Teil in die Hände freier Kaufleute übergegangen war. Sie lieferten also den Schmieden das Material und übernahmen die fertigen Waren zu festgesetzten Preisen. Im Westfälischen und den angrenzenden Gebieten des Oberbergischen wurde dieser Verleger als „Reidemeister" bezeichnet, in unserer Gegend ist diese Benennung jedoch nicht üblich gewesen. (nach: „Aus der Geschichte der Remscheider und Bergischen Werkzeug- und Eisenindustrie“ von Wilhelm Engels und Paul Legers, erschienen 1928 zum 25jährigen Bestehen des Arbeitgeber-Verbandes der Eisen- und Metallindustrie von Remscheid und Umgebung e. V., 1979 im Verlag Ute Kierdorf als Faksimile­druck neu aufgelegt.)

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