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Als die Sensenschmiede ins Märkische abwanderten (Teil I)

Der Ortsteil Büchel, Beispiel einer alten Bergischen 'Industrie'-Siedlung. Die Wohnungen und Werkstätten der Schmiede scharen sich um die Handelshäuser der Kaufleute. Photo: Schmidt

Teil I

Trotz der Schaffung einer straffen Zunftordnung erwuchs den Bergischen Sensenherstellern in der benachbarten Mark ein gefährlicher Konkurrent, und im 18. Jahrhundert gelang es diesem tatsächlich, das Gewerbe zu sich hinüberzuziehen. Die Frage, ob das Bergische oder das Märkische Sensenhandwerk zuerst bestanden hat, ist noch unentschieden und wird es bei dem Mangel älterer Urkunden auch wohl bleiben. Die Zollrollen der Hansa werden sowohl für Berg als auch für die Mark als Beweis herangezogen, dass an beiden Stellen schon im 13. Jahrhundert Sensen gefertigt wurden. Als Berg und Mark (das Herzogtum Berg erhielt seinen Namen von der Burg „Berg" a. d. Dhünn, die Grafschaft Mark von der Burg „Mark" bei Hamm in Westfalen) nach 1521 unter einem Herrscher vereinigt waren, lag kein Grund vor, die gegenseitigen Beziehungen dieser alten Gewerbe, die unzweifelhaft vorhanden waren, zu unterbinden. Das Verhältnis änderte sich aber, als nach dem Aussterben des Bergischen Herrschergeschlechts im Jahre 1609 der Jülich-Clevische Erbfolgestreit einsetzte und durch den Vergleich zu Xanten (1614) das Gebiet der Mark an die Hohenzollern, das Bergische Land aber an die Pfälzer fiel. Das Privileg der Bergischen Sensenschmiede und -Schleifer rührt zwar noch aus der Zeit Johann Wilhelms des Ersten her; aber seine Schutzbestimmungen kamen erst voll und ganz zur Geltung zur Zeit des Großen Kurfürsten, der das Märkische Gewerbe durch Heranziehung tüchtiger Kräfte aus den Nachbarländern zu fördern suchte. So berief er die Hammerschmiede Bertram und Ibach aus der Remscheider Gegend nach der Mark, und im Mai 1661 schloss er einen Vertrag mit dem Solinger Klingenschmied Friedrich Engels, der sich in Eilpe bei Hagen niederließ. Durch Gewährung von zahlreichen Vergünstigungen - Zoll- und Steuerfreiheit für fünf Jahre, Zehntfreiheit für Kohlen, Anweisung von Hausplätzen, Hergabe von Bauholz usw. - wurden noch andere Klingenschmiede herbeigezogen.

Dass auch Bergische Sensenschmiede und -Schleifer sich durch die günstigen Angebote verlocken ließen, ihren „Verbleibungseid" zu brechen und ins Märkische abzuwandern, ist ebenfalls erwiesen. So wird berichtet, dass Peter, Heintges Sohn am Berg (bei Cronenberg) im Jahre 1615 „außerhalb des hiesigen Handwerks dem Schultheißen auf der Volme" verbotenerweise Sensen geschliffen hatte. Es wurden also zu Anfang des 17. Jahrhunderts im Volmetal Sensen geschmiedet, und es kam vor, dass Bergische Schleifer trotz der angedrohten Strafen ihre Handwerksgeheimnisse der Märkischen Industrie preisgaben.

Im Jahre 1618 beschloss das Cronenberger Handwerksgericht, „der ausgewichenen Schmiede wegen" keine bestimmte Zahl der Warenerzeugung vorzuschreiben, sondern den Schmieden anheimzustellen, so viele Waren anzufertigen, als sie abzusetzen vermöchten. Wir erfahren zwar nicht, wohin die Bergischen Sensenschmiede ausgewandert sind, aber es ist anzunehmen, dass sie sich meistens ins benachbarte Gebiet der Mark begeben haben, wo sie von allen zünftischen Bindungen befreit waren und so viele Güter herstellen durften als ihnen beliebte.

Als einer der bedeutendsten Märkischen Sensenschmiede, der schon um 1650 zum Hammerbetrieb überging, wird Clemens Cronenberg genannt. Da es damals üblich war, zuziehenden Personen die Bezeichnung ihres Herkunftsortes als Familiennamen beizulegen, so dürfte auch dieser zu den „ausgewichenen" Bergischen Sensenschmieden zählen.

Anhand der Niederschriften des Cronenberger Handwerksbuches können wir Schritt für Schritt verfolgen, wie der Druck der Märkischen Konkurrenz für das Bergische Gewerbe immer fühlbarer wurde. Im Jahre 1635 hören wir, dass der Kaufmann Eustachius Kirberg, der Sohn des Elberfelder Bürgermeisters Clemens Kirberg, von der Witwe des Clemens Tiel in der Hasbeck (Haspe) Sensen bezogen hatte, die zur Begleichung einer Schuldforderung dienen sollten, und in der Sitzung vom 19. Oktober 1643 brachte Johann Honsberg vor, dass der Solinger Kaufmann Johann Tesche-Weyersberg seinem Bruder Gördt Honsberg, wohnhaft in der Haspe am Neuenhaus im Kirchspiel Hagen, vier Jahre lang Sensen abgekauft habe. (Zweifellos handelt es sich bei Gördt Honsberg ebenfalls um einen Überläufer, der sich von Remscheid ins Märkische begeben hatte.) Auf diese Meldung hin wandte man sich an den Herzog Wolfgang Wilhelm, um ein Verbot des Handels mit Märkischen Sensen auch für die nicht vereidigten Bergischen Kaufleute zu erreichen. Durch Geldstrafen von 100 Goldgulden und Entziehung der Güter sollte dieser für das Bergische verderbliche Handel unterbunden werden. Ob die Düsseldorfer Regierung eine solche Verordnung erlassen hat, wird nicht mitgeteilt.

Auch in den folgenden Jahren nehmen die Klagen über den Druck des Märkischen Wettbewerbs kein Ende. Bekanntlich pflegt der Kaufmann seine Waren dort zu entnehmen, wo er sie am besten und billigsten bekommt. Durch die Gründung von Sensenhämmern, die in der Mark in jeder Weise begünstigt wurde, war den dortigen Schmieden und Kaufleuten die Möglichkeit geboten, die Preise herabzusetzen und dadurch den Bergischen Händlern einen Markt nach dem andern zu entreißen. Beispielsweise erließ der Große Kurfürst den Hammerwerksbesitzern das Flussgeld, das sie früher dem Staate für die Benutzung der Wassergefälle zu entrichten hatten.

Im Bergischen dagegen suchte man das Aufkommen der Sensenhämmer zu unterdrücken und das alte handwerksmäßige Schmiedeverfahren durch Gerichtsbeschlüsse und Zwangsmaßnahmen aufrechtzuerhalten. Dass man mit dieser behördlich verordneten Rückständigkeit gegenüber dem fortschrittlichen Märkischen Gewerbe den Kürzeren ziehen musste, lag auf der Hand.

Nachdem das Cronenberger Handwerksgericht nach 1604 das Recken und Raffinieren des Stahls in den Wasserhämmern notgedrungen zugestanden hatte, wollte man das Ausschmieden der Sensen unter allen Umständen den Handschmieden vorbehalten. Man konnte aber nicht verhindern, dass einige unternehmungslustige Handwerksgenossen, die die Forderungen der Zeit erkannt hatten, zum Hammerbetrieb übergingen.

Im Jahre 1645 hatte sich der Vorstand des Sensenhandwerks schon mit dieser Tatsache abgefunden; aber er beschloss, den Neuerern einen Zaum anzulegen, indem er ihnen nur zwei „Gebühren", d. h. die doppelte Produktionsmenge zugestand als den Handschmieden. Infolgedessen konnten sie ihre Sensenhämmer, die ein Mehrfaches zu leisten vermochten, nicht voll ausnutzen und gerieten der Märkischen Konkurrenz gegenüber wieder ins Hintertreffen. Trotzdem vermehrten sich die Sensenhämmer zum großen Ärger der Handschmiede, die die mechanischen Betriebe für die zunehmenden Schwierigkeiten des Sensenhandwerks verantwortlich machten. Der Vorstand der Sensenzunft befand sich in einer Zwickmühle. Begünstigte er die Einführung der Wasserhämmer, so verdarb er es sich mit den Handschmieden; bekämpfte er die Neuerungen, so unterstützte er die Märkische Konkurrenz. Leider fehlte der Bruderschaft damals eine weitblickende, überragende Persönlichkeit. So kam es, dass sich der Vorstand durch die Beschlüsse einer wechselnden Mehrheit in einen verhängnisvollen Zickzackkurs hineindrängen ließ. Als sich im Jahre 1655 zehn angehende Meisterknechte weigerten, den Eid zu leisten und erst das Verbot der Sensenhämmer verlangten, fügte sich das Handwerksgericht ihrem Willen. Es setzte nun eine Hetze ein, die zum Verbot der „Selbsthämmer" und, als dieses noch nicht überall befolgt wurde, im Jahre 1658 sogar zu ihrer gewaltsamen Sperrung führte.

Von diesen Maßnahmen wurden gerade die Tüchtigsten unter den Sensenschmieden betroffen. Vier von ihnen werden uns im Jahre 1657 genannt, nämlich Ern Rodt vom Sudberg, Peter Däumgen (Daum) auf dem Breitenbruch, Arndt Nöll auf dem Heidt und Gördt Müschenborn. Sie wurden mit einer Strafe von zehn Goldgulden belegt, und als sie im folgenden Jahre den Hammerbetrieb noch immer nicht eingestellt hatten, erhielten sie ein neues Strafmandat in derselben Höhe mit der Ankündigung, dass ihre Hämmer mit Gewalt stillgelegt werden sollten. Das Handwerksgericht fasste den verhängnisvollen Beschluss, dass der Handwerksbote im Verein mit dem Landboten und den Schützen durch die Täler ziehen und aus den Sensenhämmern die Blasebälge hinauswerfen sollte. So sahen sich diese Meister, nachdem sie erhebliche Mittel zur Einrichtung ihrer Betriebe verwandt hatten, mit einem Schlage vor das Nichts gestellt.

Als die Gebläse der Sensenhämmer zerstört wurden, war dem Bergischen Sensenhandwerk das Todesurteil gesprochen. Die meisten der Geschädigten kehrten ihrer Heimat erbittert den Rücken und zogen ins Gebiet der Mark, wo sie freudig aufgenommen wurden und ungestört ihre Hämmer errichten durften. Die Folgen dieser törichten Maßnahmen ließen nicht lange auf sich warten. Von Jahr zu Jahr gingen die Sensenaufträge fürs Bergische zurück, während die Herstellung von Sensen im Gebiet der Mark einen ungeahnten Aufschwung nahm. Man scheint dann auch im Handwerksvorstand nachdenklich geworden zu sein und die Verfolgung der Hammerschmiede eine Zeitlang eingestellt zu haben. Einzelne Sensenhämmer wurden wieder in Betrieb gesetzt, und die Behörden drückten ein Auge zu. (nach: „Aus der Geschichte der Remscheider und Bergischen Werkzeug- und Eisenindustrie“ von Wilhelm Engels und Paul Legers, erschienen 1928 zum 25jährigen Bestehen des Arbeitgeber-Verbandes der Eisen- und Metallindustrie von Remscheid und Umgebung e. V., 1979 im Verlag Ute Kierdorf als Faksimile­druck neu aufgelegt.)

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