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Als die Sensenschmiede ins Märkische abwanderten (Teil II)

Das oberste Werk am Clemenshammer im Besitz von August Rottsieper. Foto: Schmidt. Ein ‚Clemens aus dem Hammer‘ war dort schon um die Mitte des 16. Jahrhunderts tätig. Foto: Schmidt.Teil II

Wie man in jener kritischen Zeit den Wettbewerb der Märkischen Sensenhändler mit allen Mitteln zu bekämpfen versuchte, beweist eine Mitteilung aus dem Jahre 1671. Danach hatten einige Bewohner des Herzogtums Berg durch Vermittlung eines Lübecker Kaufmanns mit der dänischen Regierung ein Abkommen getroffen, dass die Märkischen Sensen in Dänemark mit einem besonderen Zoll belegt werden sollten. Im Jahre 1679 kam es in Cronenberg zu einer erregten Sitzung. Als die Vertreter der alten Richtung wieder das allgemeine Verbot des Hammerschmiedens beantragten und auch eine Mehrheit dafür fanden, erhob sich ein solcher Sturm des Unwillens, dass der Beschluss noch in derselben Sitzung umgestoßen wurde und man sich zu einer Milderung herbeiließ. Die schweren Strohmesser von sechs bis sieben Pfund und die holländischen Schneidmesser von vier Pfund sollten den Sensenhämmern zugewiesen werden. Dieser Beschluss wurde 1683 bestätigt, und in den folgenden Jahren kam man den Besitzern der Sensenhämmer noch weiter entgegen. Eine Verhandlung im Jahre 1700 führte zu dem Ergebnis, dass sämtliche Sorten von Sensen, Sichten und Strohmessern von 3,25 Pfund an aufwärts in den Wasserhämmern geschmiedet werden durften, während die kleineren Sorten ausschließlich den Handschmieden verbleiben sollten.

Dann gab es wieder einen Rückschlag. Im Jahre 1708 überreichten die Sensenschmiede Peter Hartkop, Peter Rodt, Peter Tilmans, Peter Ernenputsch und Peter Hartkop, der Jüngere, eine Bittschrift, dass man das Ausschmieden aller nach Ostland gehenden Sensen und Schneidmesser, also auch der leichteren Sorten, unter dem Wasserhammer gestatten möge. Zur Begründung führten sie aus, dass im Märkischen zwei Leute unter dem Hammer täglich 30 bis 40 Stück und, wenn sie wollten, noch mehr schmieden könnten, während hier drei Leute unter der Hand nur zehn bis elf Stück fertig brächten. Ferner wiesen sie noch auf die Vorteile hin, die die Mär­kischen Schmiede in der besseren Verbindung mit den Ostländern, in dem wohlfeileren Kohlen- und Materialbezug und den geringeren Zöllen genössen. Der Beschluss fiel aber nicht im Sinne der Antragsteller aus. Nur die nach Ostland gehenden Sensen und Schneidmesser von 3,25 Pfund und darüber sollten den Sensenhämmern zustehen; alle leichteren ostländischen Waren und sämtliche nach Holland, Brabant, Frankreich usw. gehenden Güter aber durften nur von den Handschmieden angefertigt werden.

Im Jahre 1713 hatten die Inhaber der Sensenhämmer insofern einen weiteren Erfolg zu verzeichnen, als den Handschmieden nur noch das „kleine Gut", nämlich die kleinen laländischen Sensen sowie die nach den Westländern gehenden kleinen Sensen und Sichten ausschließlich zugebilligt wurden, alle anderen Güter, also auch die für den Westen bestimmten größeren Sorten aber auch in den Sensenhämmern bearbeitet werden durften.

Endlich, im Jahre 1715, hatten sich die Handwerksvertreter zu der Erkenntnis durchgerungen, dass ein weiterer Widerstand gegen die Neuerungen vergeblich und für die Entwicklung des Sensenhandwerks äußerst schädlich war. Ja, sie fühlten sich sogar bewogen, die Handwerksgenossen zur Errichtung von Sensenhämmern zu ermuntern und ihnen die Heranziehung tüchtiger Kräfte aus dem Märkischen zu empfehlen. Es sollte sogar der Versuch gemacht werden, ausgewanderte Sensenschmiede, also die eidbrüchigen ehemaligen Handwerksgenossen aus dem Märkischen zurückzuberufen, damit sie die Bergischen Schmiede in ihre Kunst einweihen sollten. Diese Beschlüsse sind den alten Sensenschmieden sicher nicht leicht geworden. Manche unter ihnen standen grollend beiseite. Doch nach dem hoffnungsvollen Frühlingswehen folgte auch noch ein Rückschlag. Im Jahre 1736 hatten die Vertreter der alten Richtung wieder die Oberhand gewonnen und setzten den Beschluss durch, dass das kleine Gut in den Handschmieden verfertigt werden sollte. Allerdings hatte man die Grenze von 3,25 auf 2,25 Pfund herabgesetzt. Zur Begründung wurde angeführt, dass die alten Schmiede nicht brotlos gemacht und zur Abkehr vom Handwerk gezwungen werden sollten.

Bei der Nähe des Märkischen Gebiets war es nicht leicht, den nötigen Abschluss gegen das Bergische zu wahren. Es war keine Seltenheit, dass Späher von jenseits herüberkamen und die Fortschritte der Produktionstechnik zu erkunden suchten. Man war daher sehr misstrauisch gegen die Fremden, die sich den Schmieden als Hilfskräfte anboten. Im Jahre 1724 musste Johann Ernenputsch einen märkischen Jungen entlassen, den er in seiner Schmiede beschäftigt hatte. Dieser junge Mann kehrte dann in seine Heimat zurück und errichtete dort eine eigene Sensenschmiede. Johann Ernenputsch wurde verurteilt, eine Buße von zehn Goldgulden und außerdem die Gerichtskosten im Betrage von sechs Reichstalern zu zahlen, weil er die Verordnung über die Abschaffung der fremden Knechte nicht befolgt hatte.

Aber es war nicht möglich, jeglichen Verkehr zwischen den Nachbargebieten zu unterbinden und die Verbreitung von Fabrikationsgeheimnissen gänzlich zu verhüten. Auch die Auswanderung Bergischer Schmiede und Schleifer konnte nicht ganz verhindert werden. Immer wieder kam es vor, dass einzelne Gewerbetreibende infolge Verschuldung oder aus anderen Gründen der Heimat den Rücken kehrten, um außerhalb der Zunftschranken ihr Glück zu versuchen. In dem Gerichtsbeschluss vom 11. Februar 1715 wird ausdrücklich betont, dass das Märkische Gewerbe nicht so in Flor gekommen wäre, wenn man die Bergischen Handwerksgenossen nicht durch das Verbot des Hammerschmiedens hinausgetrieben hätte.

Weil die Märkischen Sensen billiger waren und auch in der Güte den Bergischen Erzeugnissen kaum nachstehen mochten, fanden sie immer wieder ihren Weg ins Bergische. Im Jahre 1724 wurden zwei Mitglieder der Sensenzunft, die Kaufleute Friedrich und Caspar Honsberg, dabei ertappt, dass sie Sensen im Märkischen bestellt hatten, um sie zu „verhandeln". Sie mussten 35 Goldgulden Strafe zahlen und wurden für den Wiederholungsfall auf den Artikel 22 des Privilegiums aufmerksam gemacht. (Um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, legte man den beiden Sündern noch die Verpflichtung auf, ihren Handwerksbrüdern zwei Tonnen Bier zu stiften, so dass die peinliche Gerichtsverhandlung mit einem feucht­fröhlichen Gelage endete.) Man sah das Vorgehen der beiden Kaufleute als eine ebenso schwere Verletzung der Bestimmungen an, wie den Verrat von Handwerksgeheimnissen. Der Umstand, dass die Märkischen Sensen den Bergischen Kaufleuten billiger zu stehen kamen als die Erzeugnisse der Bergischen Schmiede, kennzeichnet am besten den Ernst der Lage und den Niedergang des Sensenhandwerks.

Im Jahre 1763 wurde eine Reihe von Kaufleuten einem Verhör unterzogen, ob sie Sensen im Märkischen gekauft hätten. Es waren in Remscheid: Peter Friedrich Brinck, Arnold Clarenbach und sein Teilhaber Heyder, Wilhelm Honsberg in der Ibach, Jakob und Peter Busch; in Lüttringhausen: Arnold Mannes und Caspar Rottsieper, beide auf dem Westen wohnhaft, und in Cronenberg: N. Bün-ger. Die meisten gaben es ohne weiteres zu. Einer behauptete, nur 2 Stück zur Probe bezogen zu haben, und ein anderer begrün­dete sein Vorgehen damit, dass er den Wünschen seiner Kunden nachkommen müsse. Auf die Frage: Wie lange sie oder ihre Eltern solches getan? antwortete Wilhelm Honsberg, dass sie schon seit 25 bis 30 Jahren Märkische Sensen vertrieben hätten. Die übrigen gaben kürzere Zeiten (vier bis zwölf Jahre) an.

Der Zustrom fremder Waren ins Bergische Gebiet war zu Anfang des 18. Jahrhunderts derart stark geworden, dass sich die Vertreter der Sensenzunft genötigt sahen, um landesherrlichen Schutz zu bitten. Es wurden sogar schon schwarze, ungeschliffene Klopfsensen, d. h. die nach steirischer Art verfertigten Stahlsensen, eingeführt zum Schaden der Bergischen Weißsensen-Herstellung. Auch Strohmesser mit aufgenieteten Stahlplatten, deren Herstellung den Bergischen Schmieden verboten war, hatten die fremden Händler in Umlauf gebracht. Darauf erließ Johann Wilhelm II. von Jülich und Berg im Jahre 1709 ein Einfuhrverbot für diese Waren, empfahl aber gleichzeitig den Mitgliedern der Bergischen Sensenzunft, nur gute Waren zu verfertigen und das Land damit zu billigen Preisen zu versehen.

Im Übrigen war die Einführung von Märkischen Sensen ins Bergische und die Versendung der Bergischen Ware ins Märkische Gebiet gestattet, wenn der festgesetzte Zoll entrichtet und die übrigen Bedingungen erfüllt wurden. Wir erfahren darüber in einer Verordnung des Kurfürsten Karl-Philipp „betreffend ausländische Eisen-, Stahl- und Sensenkrämer" vom 22. September 1739 folgendes: Die Düsseldorfer Regierung hatte in Erfahrung gebracht, dass fremde Händler schwarze und geschliffene Sensen, Sichten und Strohmesser innerhalb ihres Gebiets verkauften, ohne irgendeine Abgabe zu entrichten, während die Bergischen Untertanen in die clevischen und märkischen Länder ohne Bezahlung eines Zolles von 20 Albus fürs Stück und ohne dass die Waren mit dem preußischen Adler gezeichnet waren, nichts einführen durften. Deshalb bestimmte der Kurfürst Karl-Philipp, dass die Einführung der Märkischen Waren in seine Länder nur unter der Bedingung gestattet sein solle, dass dieselben mit dem Bergischen Löwen bezeichnet und von jedem Stück 20 kölnische Albus zum Besten der landesherrlichen Kasse entrichtet würden. Die Verfolgung der Zuwiderhandelnden wurde dem Richter des Amtes Elberfeld übertragen, der die Übertreter, und zwar die Verkäufer sowohl als die Käufer, mit ein bis zwei Goldgulden und Entziehung der Waren zu bestrafen hatte.

Die Verordnung Karl-Philipps war anscheinend noch mehr von der Sorge um die Landeseinnahmen als um den Schutz des Bergischen Handwerks diktiert; denn der Kurfürst hat seine Herzogtümer Jülich und Berg nie betreten und sein Interesse fast ausschließlich den süddeutschen Besitzungen zugewandt. Immerhin bedeutet eine Zollabgabe von 20 Albus aufs Stück eine starke Verteuerung und deshalb eine erhebliche Erschwerung der Einfuhr aus dem Märkischen. Zwar werden die Preise um 1739 höher gewesen sein als im Jahre 1650, wo für eine große Sense, bzw. ein großes Strohmesser 39 und für eine kleine Sense 24 Albus als Verkaufspreis angesetzt waren. Jedenfalls konnte aber der Niedergang der Bergischen Sensenherstellung, der in erster Linie auf das verfehlte Vorgehen gegen die Sensenhämmer und die dadurch verursachte Rückständigkeit der Herstellungsweise zurückzuführen war, nicht mehr durch fürstliche Erlasse aufgehalten werden. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gab es nur noch im Cronenberger Gebiet vereinzelte Sensenschmiede. Im Remscheider und Lüttringhauser Kirchspiel war damals kein einziger Vertreter des alten Handwerks mehr vorhanden. Wenn die dortigen Schmiede und Kaufleute sich nicht längst der Erzeugung und dem Vertrieb anderer Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände zugewandt hätten, wäre das Schicksal des alteinheimischen Bergischen Kleineisengewerbes besiegelt gewesen. (nach: „Aus der Geschichte der Remscheider und Bergischen Werkzeug- und Eisenindustrie“ von Wilhelm Engels und Paul Legers, erschienen 1928 zum 25jährigen Bestehen des Arbeitgeber-Verbandes der Eisen- und Metallindustrie von Remscheid und Umgebung e. V., 1979 im Verlag Ute Kierdorf als Faksimile­druck neu aufgelegt.)

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