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Der Kampf der bergischen Kleinschmiede um ein Privileg (II)

Teil II

Als am 25. Mai 1764 die Meldung nach Düsseldorf erging, dass der erwähnte Johann Hens mit seinem Sohne wirklich außer Landes gezogen sei und auch der „Prinzipal-Werkstätten-Zimmermeister" Peter Kläuser nach Neu-England ziehen wolle, um daselbst Hämmer und sonstige Werkstätten zu bauen, wurde man doch nachdenklich. Sofort erging ein Befehl an den Richter des Amtes Bornefeld, „dass die Emigration der Landeseingesessenen verboten und dem Peter Kläuser die Requisition seines Vermögens und körperliche Arrestierung angedroht werden solle". Trotzdem sahen sich die Vertreter der Kleinschmiede bald darauf veranlasst, die Mitteilung zu machen, „dass nicht nur einige der besten Meister wirklich mit Sack und Pack emigriret seyen, sondern auch 36 märkische Unterthanen, um hiesige Handwerke zu erlernen und sich hernach anderweitig zu etabliren, sich wirklich inner Landes auf den Werkstätten befinden täten".

Nun wurde eine Untersuchung vom Kurfürsten Karl Theodor, der damals in Schwetzingen residierte, angeordnet. Der Richter Mülheim in Hückeswagen ließ durch die Remscheider Scheffen Johann Hermann Habernickel und Franz Dahm, sowie durch den Vorsteher Peter Hütz Erkundigungen einziehen. Diese lauteten für die Angeber wenig schmeichelhaft. „Der verzogene Johann Hens und sein Sohn seien Grobschmiede, gehörten also nicht unter die Sechzehn-Kleinschmiedehandwerker. Es sei also den Commercien und der Fabrique kein Nachteil entstanden, weil an Grobschmieden kein Mangel sei". Gleiche Bewandtnis habe es mit Peter Kläuser. „Dieser sei ein einfacher Zimmermeister, der wegen seiner Geschicklichkeit wenig belobt werde und an den Werkstätten mehr verdorben als gebessert habe". „Auch habe sich dieser Kläuser seit verschiedenen Jahren und fast die mehrste Zeit an entlegenen Ürtern aufgehalten", folglich „sei er mit allem Recht als ein Vagabund zu consideriren". Auch die Behauptung von den Märkischen Eindringlingen sei eine „listige Vorspiegelung und ein ausersonnen Märlein". „Der Flor des Commercii und der Fabrique wäre nicht so hoch gestiegen, wenn nicht einige hundert Fremdlinge sich zu Remscheid niedergelassen und etablirt hätten. Es könnte noch eine merkliche Anzahl zur Behelf gebraucht werden, wenn solche zu erhalten". Die Angabe, dass die gnädigste Verordnung vom 17. April bezüglich der Emigration zu Remscheid nicht publiziert worden, sei „mit boshafter Falschheit bekleidet".

Indem der Richter die Behauptungen der Kleinschmiede mit den stärksten Ausdrücken zurückwies, nahm er gleichzeitig Partei für die Gegenseite und bat den Kurfürsten, den Remscheider „Fabrikanten" und Kaufleuten die Bestätigung ihrer bisherigen Freiheit widerfahren zu lassen. Diese schweren Vorwürfe konnten die Kleinschmiede nicht auf sich sitzen lassen. Ihre Vertreter verteidigen sich in geschickter Weise unter Beifügung von Zeugnissen. Eine Reihe von Handwerksmeistern bekräftigen mit ihrer Unterschrift, dass Johann Hens einer der besten Meister und Peter Kläuser ein guter Werkstattzimmermann sei. Die Kleinschmiede Johann Peter Peters, Peter Berger und Peter Angermundt bestätigen ferner (1. Juli 1765), dass auch noch weitere Meister ins Märkische gezogen seien, nämlich Engelbert Hammes, Lihn, Johann Schlieper, Johann Ehlis, Matthias Blasberg und Peter Harelt.

Trotz aller Bemühungen kamen die Kleinschmiede in der Frage des Privilegiums nicht weiter. Einen bedeutsamen Erfolg konnten sie aber im Jahre 1766 buchen: Die Genehmigung der Zeichenrolle. Auch diese Einrichtung war von den Kaufleuten hartnäckig bekämpft worden. Später aber wurden ihre segensreichen Folgen von allen Seiten anerkannt. Die Winkelzüge des Hückeswagener Richters und der Wankelmut der Regierung Karl Theodors hätten auch diese Sache beinahe zu Fall gebracht. Als schon die Genehmigung der Zeichenrolle vorlag und in den Kirchen veröffentlicht worden war, erging noch am 27. April 1766 von Hückeswagen die Aufforderung an den Handwerksvogt Frohn, „die Remscheider Sechzehn - Kleinschmiedefabrikanten und Commercianten bis zu näherer gnädigsten Verbescheidung nicht zu beeinträchtigen und bei jedesmaliger Strafe von zwölf Goldgulden sich des Zeicheneinschreibens zu enthalten". Johann Peter Frohn hatte aber bereits am 18. März 1766 mit der Eintragung einer Reihe von Zeichen begonnen und setzte diese Tätigkeit unbeirrt fort. Sein entschlossenes Vorgehen fand die tatkräftige Unterstützung des Obervogts Freiherrn von Schirp. Dieser machte am 8. September 1767 die kurfürstliche Regierung erneut auf die großen Gefahren aufmerksam, die durch die Auswanderung der Kleinschmiede entständen. Es würden dadurch auch die Schleifer außer Brot gesetzt und gleichfalls gezwungen, gegen ihren geleisteten Eid außer Landes, besonders ins Preußische zu ziehen, wo es an Schleifern fehle. Dann lägen die Bergischen „Eisenfabriken" völlig zu Boden, „wodurch dann die Ämter Hückeswagen, Bornefeld und Elberfeld so ruiniert würden, dass selbige die schuldenden Abgaben nicht mehr leisten könnten, von dem sich dadurch ergebenden Abgang des Zolles zu schweigen". Nach einem beigefügten Nachweis waren in den Jahren 1762—1767 aus den Ämtern Elberfeld, Beyenburg und Bornefeld 43 Schmiede außer Landes gegangen. Ferner waren noch eine Reihe von Briefabschriften beigelegt, um zu zeigen, wie man Remscheider Schmiede und Schleifer zur Abwanderung verlockte. Namentlich ein Saarbrückener Eisenwerk hatte schon verschiedene Leute aus dem Bergischen eingestellt und versuchte, durch die glänzenden Versprechungen noch weitere Kräfte heranzuziehen, um die Herstellung von Sägen, Beiteln, Hobelmessern, Schuppen und Schlössern aufnehmen zu können. Für die Bergische Werkzeugindustrie ergab sich aus diesem Vorgehen die drohende Gefahr, das besonders einträgliche französische Geschäft zu verlieren.

Alle diese Belege hatte der Handwerksvogt Frohn herbeigeschafft und dem Obervogt als Beweisstücke zur Verfügung gestellt. Sein Vorgehen löste auf Seiten der Kaufleute wieder eine heftige Gegenbewegung aus. Auch der Hückeswagener Richter, der in dem ganzen Streit eine recht einseitige Stellung einnahm, wandte sich in einem Schreiben vom 31. Oktober 1767 sehr scharf gegen den Handwerksvogt, indem er dessen Angaben als falsch und ge­wissenlos bezeichnete. Sogar der Remscheider Pfarrer Maehler wurde noch in den Streit hineingezogen. Er musste eine Aufstellung machen, wie viel Leute aus dem Märkischen und anderen benachbarten Ländern sich im Kirchspiel Remscheid eingefunden und den dortigen „Fabriken einverleibt" hätten. Dieser erklärte darauf, zu einer genauen und mühsamen Untersuchung seiner volkreichen Gemeinde nicht imstande zu sein. Er versicherte aber, dass die Gemeinde in seinen Amtsjahren sich überaus stark vermehrt habe, was daraus zu schließen sei, dass im Jahre 1744 nur 119 Kinder getauft, dagegen im jüngst verflossenen Jahre (1767) 198 Kinder geboren wurden, deren Eltern zum großen Teil Fremde seien. Dann stellte er eine Liste von 40 zugewanderten Leuten auf, die in den Jahren 1762—1767 in Remscheid zur Verheiratung geschritten waren. Er fügte hinzu, dass die meisten von diesen in Remscheider Werkstätten arbeiteten und dem Gewerbe „nötig" seien. Von den Zugewanderten waren 22 aus dem Märkischen. Die übrigen stammten meist aus dem Schwarzenbergischen und dem Homburgischen.

Die auch aus anderen Quellen erwiesene Tatsache, dass der Abwanderung von Bergischem Schmieden und Schleifern ins Märkische Gebiet auf der anderen Seite ein Zufluss von zahlreichen Hilfskräften aus der Mark ins Remscheider Gebiet gegenübersteht, ist sehr bedeutsam. Sie spricht für die uralten Beziehungen der beiderseitigen Gewerbe. Wie die Bergischen Schmiede bahnbrechend für die Entwicklung der Märkischen Sensenerzeugung wirkten, so haben auch die Märkischen Einwanderer im Bergischen Kleinschmiedehandwerk Tüchtiges geleistet. Sie haben eine ganze Reihe hervorragender Kräfte gestellt, die, wie der Pfarrer Maehler treffend bemerkt, der Fabrikation nötig, ja unentbehrlich waren. Verschiedene der von ihm bezeichneten Männer, die in den Jahren 1762—67 mit Remscheider Töchtern den Ehebund schlössen, sind hier dauernd ansässig geworden, und ihre Namen haben heute noch in der Industrie und auf anderen Gebieten einen guten Klang.

Das Ergebnis des achtjährigen Kampfes war, dass die Zeichenrolle bestehen blieb, die Gewährung eines Privilegs für das Kleinschmiedehandwerk aber versagt wurde. Alle weiteren Bemühungen der Kleinschmiede scheiterten an der Geschlossenheit ihrer Gegnerschaft, an der Unschlüssigkeit der Düsseldorfer Regierung und vor allem an der Uneinigkeit in ihren eigenen Reihen. Wie wir aus einem Schreiben vom 23. März 1767 erfahren, waren zahlreiche Kleinschmiede und Fabrikanten mit dem Vorgehen Frohns und seiner Getreuen nicht einverstanden. 98 „Commercianten und Fabrikanten", von denen die letzteren meist aus den Kreisen der Kleinschmiede hervorgegangen waren, bescheinigten, dass sie nichts mit dem Cronenberger Sensenschmiede- und Schleiferhandwerk zu tun hätten und dass sie ihre Waren jederzeit hätten schleifen lassen, wo und von wem sie wollten. Inzwischen war nämlich ein neuer Kampf entbrannt, der die Kräfte der Sensenzunft und ihres Vertreters Johann Peter Frohn derart in Anspruch nahm, dass keine Zeit mehr blieb, den aussichtslosen Streit um das Privilegium der Kleinschmiede weiterzuführen. Das war das Ringen um das Schleifermonopol, das nach 33jähriger Ruhepause mit voller Kraft wieder einsetzte. (…)

Die Einrichtung der Zeichenrolle, das Werk des Handwerksvogtes Johann Peter Frohn, hat sich für die weitere gewerbliche Entwicklung als sehr segensreich erwiesen hat. Sie sichert seinem Schöpfer einen Ehrenplatz unter den Vertretern des Bergischen Gewerbes. (nach: „Aus der Geschichte der Remscheider und Bergischen Werkzeug- und Eisenindustrie“ von Wilhelm Engels und Paul Legers, erschienen 1928 zum 25jährigen Bestehen des Arbeitgeber-Verbandes der Eisen- und Metallindustrie von Remscheid und Umgebung e. V., 1979 im Verlag Ute Kierdorf als Faksimile­druck neu aufgelegt.)

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