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"Die Arbeiter waren selbstbewusst und kampfbereit!"

"Die Geschichte der Remscheider Arbeiterbewegung war geprägt von Radikalität und ständiger Auseinandersetzung, nicht nur mit dem politischen Gegner sondern auch mit den eigenen Anhängern, den Gewerkschaften und den Zielen der Bewegung. Als Ferdinand Lassalle 1863 den ADAV gründete, gab es in Remscheid selbst noch kaum große Fabriken. Der Industrialisierungsboom setzte ein mit dem Bau der Eisenbahnlinien 1868 nach Elberfeld und später auch in andere Städte, was den Transport der Rohmaterialien und der fertigen Produkte für die hiesige Industrie erheblich erleichterte. Die Fabrikation an sich war traditionell in Kotten organisiert, d.h. Arbeit im Familienverbund, lange Arbeitstage und keine Wochenenden. Trotzdem zeigten viele Arbeiter einen ausgeprägten Wissensdurst und strebten nach Bildung und Diskussionen mit ihres gleichen. Bildung war hier ein Wert an sich, vor allem bei den Feilenhauern, die sich als eine Art Elite unter den Arbeitern verstanden. Sie organisierten sich schon früh,  um bessere Preise und Bedingungen durchzusetzen, ab 1887 im Feilenhauerverein, nach 1891 im DMV.

Dieser Gegensatz von Elitebewusstsein und Expertise auf Seiten der Arbeiter und dem Wunsch nach Profitmaximierung bei Händlern und Fabrikanten betonte schon früh die Gegensätzen in der Remscheider Gesellschaft und ihre ausgeprägte Polarisierung, die sich durch den gesamten untersuchten Zeitraum zieht. Schon bei den ersten Wahlen zur Norddeutschen Förderration 1867 entschieden sich Remscheid und Ronsdorf zusammen für den Kandidaten des ADAV. Der Vormarsch der Sozialdemokratie war nicht aufzuhalten, und schon zum Ende der Sozialistengesetze wurde Remscheid als ‚Brutstätte der Umsturzpartei‘ betrachtet. 

Die rasante Entwicklung der hiesigen Industrie verlangte nach mehr Arbeitskräften und Remscheid wuchs rasch mit einem Höhepunkt der Zuwanderungswelle in den Jahren 1895 bis 1900, als ca. 50% des gesamten Bevölkerungszuwachses auf den Zuzug von Arbeitern aus anderen Gebieten basierte. Das führte zu extrem beengten Wohnbedingungen und Wohnungsnotstand, ein Phänomen, das sich ebenfalls durch den gesamten untersuchten Zeitraum zieht. Schlaf- und Kostgängertum waren an der Tagesordnung.

Ihren bis dato größten Erfolg hatte die SPD in Remscheid bei den Reichstagswahlen 1912. Die Bewegung verfügte zu dem Zeitpunkt, und eigentlich über den gesamten Zeitraum, über gut ausgebildete, engagierte Funktionäre, die sich ihrer Klassen­zugehörigkeit und der Ziele der Bewegung bewusst waren und diese in Diskussionsgruppen an andere weitergaben. Gestärkt und gefestigt wurde der Zusammenhalt durch Eheschließungen in den eigenen Reihen, die neben gegenseitiger Zuneigung auf gemeinsamen Überzeugungen und dem Interesse am Schicksal ihrer Klasse basierten. Auch die Kinder dieser Familien erhielten eine politische Erziehung. Ebenfalls gestärkt wurde das Gemeinschaftsgefühl durch den Zusammenhalt in den Arbeiterwohngebieten wie Honsberg, Laspert, Kremenholl usw.

Vor dem Ersten Weltkrieg war das Leben der Remscheider Arbeiter trotz leichter Verbesserungen hart und unbefriedigend, aber sie waren selbstbewusst und kampfbereit. Das Auftreten und die Dauer von Arbeitskämpfen erreichten zwischen 1906 und 1911 einen Höhepunkt. Trotz einiger Rückschläge hatten die Arbeiter vor 1914 Grund für bescheidenen Optimismus. Sozial und ökonomisch hatten sie an Boden gewonnen, und trotz der Blockadetaktik der bürgerlichen Parteien schien es nur eine Frage der Zeit, bis sie einige ihrer wichtigen politischen Ziele durchsetzen konnten. Dann jedoch kam der Krieg und mit ihm die Burgfriedenpolitik der SPD, durch die berechtigte Forderungen bis zum Kriegsende zurückgestellt werden sollten. Der Krieg verlief allerdings anders als erwartet, und die Remscheider Industrie profitierte wie keine andere im Land, aber in den Arbeiterwohngebieten herrschten Hunger und Krankheit, und hauptsächlich der Umsicht und Planung einiger SPD-Ratsmitglieder in Zusammenarbeit mit der vor dem Krieg von Arbeitern gegründeten Konsumgenossenschaft ‚Einigkeit‘ war es zu verdanken, dass zumindest in den ersten Kriegsjahren die Situation für alle Remscheider erträglich war.

Der Gegensatz zwischen den hohen Kriegsprofiten auf der einen Seite und der sich trotzdem verschlechternden Situation der Arbeiter auf der anderen Seite führte in der zweiten Kriegshälfte zu einer weiteren Radikalisierung. Die Remscheider Arbeiter wandten sich mehrheitlich der USPD zu, dann der VKPD bzw. der KPD. Daraus ergab sich für die folgenden Jahre ein krasser politischer Gegensatz in Remscheid zwischen der KPD einerseits und dem Bürgerblock andererseits. Der Übergang der Exekutive von den örtlichen Behörden an den Remscheider Arbeiter- und Soldatenrat am 9. November 1918 erfolgte glatt und problemlos. Wegen des einheitlichen und radikalen Auftretens seiner Arbeiter und ihrer Führer stand Remscheid schnell in dem Ruf, eine ‚Bastion des Bolschewismus‘ zu sein. Dieser revolutionäre Funke hätte durchaus von Remscheid und Solingen auf das gesamte Ruhrgebiet überspringen können.

Die Führungsschicht in Remscheid zählte zu den aktivsten deutschen Revolutionären, und immer wieder demonstrierten die Arbeiter vor Ort durch verschiedene Aktionen ihre Bereitschaft, die Verbreitung der Revolution zu unterstützen. Sie stellten sich sogar entschlossen den bewaffneten Truppen entgegen. Aber ihre Führer rieten zu Besonnenheit, weil sie um die Vorgänge im Rest des Reiches wussten, die sich anders entwickelten als in Remscheid. Wären die Städte Remscheid und Solingen eine autonome Region gewesen, wären die Chancen auf einen revolutionären Erfolg zu diesem Zeitpunkt sicherlich größer gewesen.

Die Stärke und Entschlossenheit der Remscheider Arbeiterbewegung wird im Kapp Putsch deutlich. Im März 1920 putschte das Militär gegen die gewählte Regierung. Dieser Putsch wurde bis zum Schluss in blutigen Kämpfen in Remscheid und Umgebung ausgetragen. Der Sieg der hiesigen Arbeiterbewegung trug entscheidend zum Scheitern des Putsches bei, es gelang danach aber nicht, die angestrebte Diktatur des Proletariats zu errichten.

In Remscheid folgten Jahre des offenen Klassenkonflikts. Zwischen 1920 und 1924 wollte die VKPD ihre Mitglieder in einer Revolutionspartei organisieren zur Vorbereitung der Machtübernahme bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit. Die kommunistischen Aktivitäten konzentrierten sich nun auf Gewerkschaften und Wohngebiete. Die VKPD betonte ihre Forderung nach totaler Hingabe an die Sache und baute ein übergreifendes System auf, wo alle vom Parteikomitee bis hin zu Jugend- und Kindergruppen straff organisiert waren. Ein Maßstab für die Rigidität und den Mangel an Flexibilität war die Intoleranz gegenüber individualistischem Ausdruck innerhalb der eigenen Reihen und die offensichtliche Eilfertigkeit, mit der Abweichler ausgeschlossen wurden. Dringend notwendige Debatten und Kritik wurden unterdrückt. Einige der talentiertesten Führer der Ortsgruppe fielen der weit verbreiteten Ausschluss-Praxis zum Opfer und fehlten dann bei der Machtergreifung durch die Nazis.

Auf dem Höhepunkt der Polarisierung 1924 ist die KPD immer noch die stärkste Partei in Remscheid. Dieser Erfolg beruhte auf Kampagnen, die der Erweiterung von Freizeiteinrichtungen und der politische Bildung dienten. Die Tiefe und Reichhaltigkeit von Organisationen und Institutionen waren sowohl ein Resultat als auch ein Grund für die Stärke und Vitalität der Arbeiterbewegung vor Ort. Diese Organisationen demonstrierten den Arbeitern ständig die starke Präsens einer Kultur der Arbeiterklasse und entwickelten auf diese Art und Weise eine Eigendynamik. Hier konnten die Mitglieder dieser Klasse operieren, ohne auf bürgerliche Organisationen oder Institutionen zurückgreifen zu müssen. Das Volkshaus als Begegnungsstätte, die ‚Bergische Volksstimme‘ als Sprachrohr der Bewegung, die ‚Freie Volkshochschule als Bildungs- und Begegnungsstätte, die Konsumgenossenschaft ‚Einigkeit‘ als Versorgungsinstitution und Treffpunkt, der Touristenverein ‚Naturfreunde‘ und viele Arbeitersportvereine und Musik- und Tanzgruppen, Gesangvereine und Theatergruppen. Das kulturelle Leben in Remscheid war unglaublich reichhaltig und attraktiv, und viele später hochrangige Persönlichkeiten nahmen hier ihren Anfang: Bernhard Bästlein, Friedrich Wolf, Artur Becker, Theo Otto und andere. Die Stadt war vor der Wirtschaftskrise wirtschaftlich und kulturell in zwei gegensätzliche Lager gespalten, die sich nebeneinander entwickelten.

Die Vorgänge am Ende der Weimarer Republik sind bekannt. In Remscheid führte das zu einer noch gesteigerten Polarisierung und zu Straßenkämpfen, die NSDAP war in Remscheid allerdings erst 1932 zu einer ernst zu nehmenden Organisation geworden. Selbst nach der Machtübernahme durch die Nazis konnte die KPD bei den nicht fairen Wahlen im März 1933 in einigen Arbeiterbezirken Remscheids ihre Stimmenanteile noch erhöhen. Und während der Nazi-Diktatur gab es etliche Widerstandsversuche in Remscheid. Das massive Vorgehen der Nationalsozialisten gegen die Arbeiterbewegung führte jedoch zur Zerschlagung der Führungsschicht und zu einer nachhaltigen Störung des Entwicklungsprozesses in der nachwachsenden Generation. Zusammen mit der großflächigen Zerstörung Remscheids, die gewachsene Wohnbezirke auseinander riss, erschwerte dies die Aufrechterhaltung des Geistes der Arbeiterbewegung, auch wenn unmittelbar nach dem Krieg die KPD vorübergehend beträchtliche Erfolge erzielen konnte.

In dem hier untersuchten Zeitraum war Remscheid eine faszinierende Stadt. Abgesehen von Berlin, Hamburg und einer Handvoll anderer Städte gab es nirgendwo eine so lebendige Arbeiterkultur mit einer so ausgeprägten Bereitschaft, sich für diese Ziele und Inhalte einzusetzen. Die zunehmende Individualisierung der Nachkriegszeit und die Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Situation in den fünfziger und sechziger Jahren haben die Welt radikal verändert, so dass wir uns heute die damals selbstverständliche Solidarität erst wieder erwerben müssten, wenn wir eine fairere Gesellschaft ernsthaft umsetzen wollen." (Rede von Dr. Charles David Thomson (Dissertation: „Die Arbeiterbewegung in Remscheid von 1914 bis 1945“, Universität Warwick, 1983) während der gestrigen Feierstunde des Kreisverband Remscheid der Partei DIE LINKE im Deutschen Werkzeugmuseum am gestrigen Vorabend des 150. Gründungstages des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV). Der Brite lebt seit den 1970er Jahren mit seiner deutschen Frau in Remscheid und arbeitet als Sprachlehrer, Dolmetscher und Übersetzer.]

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Waterbölles am : Linke feierten Ferdinand Lassalle und die Arbeiterbewegung

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Auch Genossinnen und Genossen der SPD waren unter den rund 50 Gästen, die der Kreisverband Remscheid der Partei DIE LINKE gestern, am Vorabend des 150. Gründungstages des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV), im Deutschen Werkzeugmuseum begrüßen

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