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Vor 40 Jahren hieß eine Schülerzeitung "Waterbölles"

„Waterbölles“ heißt dieses „kommunalpolitische Forum für Remscheid“. So benannt nach dem auf Platt gleichnamigen Wasserturm neben dem Rathaus. Aber „Waterbölles“ hieß vor vierzig Jahren auch eine Schülerzeitung des „Städtischen Gymnasiums Remscheid“ an der Hindenburgstraße, ursprünglich eine Schule nur für Jungen. Die Nr. 2 des Jahrgangs 1966/67 dieser Schülerzeitung (mit Herbert Schimmer als „Schriftleiter“) liegt jetzt vor mir. Im Internet war sie von einem Wuppertaler Antiquariat zum Kauf angeboten worden. Für 9,50 Euro. Und meine Neugierde hatte gesiegt. Waterbölles liest Waterbölles: „Seit nunmehr einem Jahr tummelt sich ein Dutzend weibliche Wesen in unseren Gängen“, beginnt auf Seite 28 das „aktuelle Interview“ mit Margit und Rita, geführt von Friedhelm Köhne, Jürgen Sauer und Andres Kunz (merke: Drei gegen zwei). Da hatte das Jungen-Gymnasium also gerade die Koedukation entdeckt.

Ein wenig Angst vor der Jungenschule habe sie schon gehabt, bekennt Rita. Und jetzt gefalle es ihr sehr gut: „Die Lehrer sind sehr höflich, sehr nett; mancher ist vielleicht etwas unbeholfen, weil er nicht weiß, wie er sich verhalten soll.“  Es sei eben alles neu, meint Margit: „Wahrscheinlich werden die nächsten Mädchen schon etwas strenger behandelt werden“. In eine Mädchenschule möchte sie aber auf keinen Fall. „Da habe ich schon die schlimmsten Sachen gehört.“ Und Rita ergänzt: „Neid, Missgunst, weibliche Eitelkeit“.  Kameradschaft gebe es mehr unter Jungen als unter Mädchen, sagen die beiden Schülerinnen.

Schülermitverwaltung, Sportgruppen, Meisterschaften, Fußball? Letzteres sei doch „nur etwas für die Jungen, davon wissen wir Mädchen nichts“, sagt Rita. Dafür ist ihr aufgefallen, dass die meisten Jungen ziemlich schüchtern sind. Margit: „Wir können ja schlecht den ersten Schritt tun“.

Und im Unterricht? Gemischte Klassen steigern die Leistungsfähigkeit, sind sich die beiden Schülerinnen einig. Vor allem, wenn der Lehrer die Jungen mit Bemerkungen anspornt wie „Die Damen arbeiten heute wieder richtig mit!“ Und wenn die Jungen in naturwissenschaftlichen Fächern glänzen, dann sporne das auch die Mädchen an, weil sie sich nicht blamieren wollten. Rita: „Das ist charakterlich bedingt.“

Die Interviewer des Waterbölles (WB): „… demnächst kommen ja wieder einige weibliche Wesen…“ - Rita: „Vierzehn!“ – WB: „… wie wäre es denn dann mit der Wahl der Miss Oberstufe?“ – Rita: „Miss Oberstufe? Was soll die denn für Qualitäten haben?“ – WB: „Das sei dahin gestellt.“ – Margit: „Sie könnte ja innere Qualitäten haben.“ – WB: „Die Idee kam uns im Biologieunterricht.“

Insgesamt 52 Seiten umfasst diese Ausgabe der Schülerzeitung Waterbölles aus dem Jahre 1967. Da beschäftigt sich Friedhelm Köhne mit dem Nationalbewusstsein. Und möchte es gerne durch ein „Kulturbewusstsein“ ablösen. Da geht Christian Runkel der Frage nach, wie es zur Vietnam-Krise kam. Und Peter Levek kommt in seiner Beschreibung der damaligen aktuellen Lage zu dem Schluss „Die Vietnamesen geben den Kampf auf, nach mehr als 20 Jahren Krieg sind sie kriegsmüde“. Und da setzt sich Christine Köster mit dem Grundrecht der freien Meinungsäußerung auseinander und fordert „Mut, inmitten vollkommen anders gesinnter Menschen für seine Meinung gerade zu stehen“.

Danach Anzeigen der Tanzschulen Wieber und Liedtke sowie eine der Bundewehr, die Zeitsoldaten sucht, anschließend das Portrait des Studienassessors Hermann Weidmann. Er wird mit den Worten zitiert, man müsse sich immer wieder mit der Fremde und dem Fremden beschäftigen und sich von seiner eigenen gewohnten Umgebung absetzen, wenn man nicht „im Kirchturmhorizont verdämmern“ wolle. Ein weiteres Portrait gilt dem damaligen Leiter des Remscheider Orchesters, Alexander Rumpf, geschrieben von Rainer Frey. Friedrich Zecher geht auf 65 Jahre Stadtbücherei ein, Andreas Kunz bummelt  auf vier Seiten durch Manhattan, und Achim Roloff schildert den „Weg der USA zum Mond“ -  zwei Jahre, bevor Neil Armstrong als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte (am 21. Juli 1969).

In einer vierzig Jahre alten ( zugegeben etwas Amerika lastigen) Schülerzeitung zu blättern, hat seinen Reiz.

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Kommentare

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Martin Wilcke am :

Auch die Schülerzeitung des Leibniz-Gymnasiums hieß Waterbölles - keine Ahnung, ob sie heute noch unter diesem Namen erscheint.

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