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Wichtiges Wissen über Werkstoffe wurde weitervererbt

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lässt sich vornehmlich von zwei Seiten her ein Anwachsen des Unternehmertums und der Kaufmannschaft nachweisen. Den größtenteils aus den Kreisen des Kleinbürgertums und der Angestelltenschaft stammenden Kaufmannsgehilfen war bei einem (gemessen an deutschen Großunternehmungen) geringen Personalbestand der Handelsfirmen die Möglichkeit geboten, unmittelbar mit dem Geschäftsinhaber zusammenzuarbeiten, einen tiefen Einblick — vor allem auf Reisen im In- und Ausland — in Aufbau und Entwicklungsbedingungen des Geschäfts zu erlangen und auch die Lieferanten und Abnehmer kennen zu lernen. Diese Kenntnisse benutzten viele Angestellte dazu, um sich selbständig zu machen. Ein großer Teil der heutigen Unternehmer und Kaufleute ist daher aus diesen Kreisen hervorgegangen.

In geradezu sprichwörtlich gewordener Bescheidenheit und Anpassungsfähigkeit stellten sie ihre persönlichen Ansprüche zurück, das Geschäft und sein Wachsen bedeutete ihnen alles. Da besonderes Gewicht auf eine sorgfältige Erziehung und Ausbildung der heranwachsenden Söhne gelegt wurde, diese auch schon frühzeitig auf Reisen ihren Blick erweitern konnten, pflanzten sich Erfahrungen von Generation zu Generation fort, übertrugen sich von Mund zu Mund und wurden für das Geschäft nutzbar gemacht.

Eine andere Gruppe von Betriebsinhabern stellten ehemalige Hausgewerbetreibende und Arbeiter. Söhne und Enkel der Haus­gewerbetreibenden konnten sich fast spielend Handgriffe und Fertigkeiten aneignen. Wuchsen sie doch meistenteils bei den früheren beschränkten Wohnungs- und Kulturansprüchen in den gleichen Räumen auf, in denen die gewerbliche Tätigkeit ausgeübt wurde. Kunstgriffe und Wissen über den Werkstoff, seine Verarbeitung und Behandlung wurden von den ältesten auf die jüngsten Familienglieder „vererbt". Der sich auf diese Weise heranbildende arbeitsame und kenntnisreiche Stamm von Gesellen bildete bei der Umwandlung vom Hausbetrieb zur Fabrik die Grundlage für eine hochwertige Facharbeiterschaft oder stieg in die Schicht der Kleinst- und Kleinunternehmer auf, die den vom Kaufmann an seine Ware gestellten Güteforderungen zu entsprechen befähigt waren.

6. Die Größe der Betriebe hielt sich, abgesehen von seltenen Ausnahmen, in bescheidenen Grenzen. Sollte nicht in der Industrie-Siedlung auf und um den Berg herum mit ein natürlicher Grund dafür zu suchen sein, dass die Entwicklung zum Großbetriebe hintangehalten wurde! Wandert auch der Blick des Bewohners der Bergischen Höhen in die offen vor ihm liegende Weite der Rheinebene, der Eifel und des Sauerlandes, so zwingen ihn doch die Beschaffenheit des Geländes und die ständig zunehmende Verschärfung des Wettbewerbes auf räumlich sich entsprechend verengendem Boden dazu, nur auf seine eigene Kraft sich zu besinnen. Die Häufung von Betrieben mit gleichen Erzeugnissen, der leicht mögliche und ständig sich vollziehende Wechsel von technischen und kaufmännischen Angestellten, Meistern und Arbeitern, das Bewusstsein, dass der eine dem anderen gewissermaßen in den „Rotten" hineinschaut, prägen darum auch mehr als anderswo den Begriff des Betriebsgeheimnisses.

7. Organisatorisch erzwingen jedoch die technischen Fortschritte (Siegeszug der Maschine) im Zusammenhang mit der Befreiung vom Wasser als alleiniger Triebkraft eine Umstellung der Betriebsstätten. Die Hausindustrie, zunächst neben dem Handwerk Trägerin der Produktion, verdrängt dieses und wird dann selbst im Laufe der Zeit rasch von der Fabrik als der modernen Betriebsform abgelöst. Die Fabrik kann die Vielgestaltigkeit der Erzeugung, die anderswo zur Massenfabrikation führt, neben die Qualität stellen.

8. Alle diese verschiedenen die Entwicklung beeinflussenden Umstände veranlassten im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts eine Umschichtung der gewerblichen Unternehmer. Allmählich ersteht ein neuer Typus: der moderne Fabrikant, der zugleich Kaufmann und Produzent ist. Der Exportkaufmann, der die gewerbliche Tätigkeit angeregt, befruchtet und mit hochgebracht hat, wendet sich wieder mehr seinem eigentlichen Beruf zu: dem Absatz der Waren (besonders im Export). Der alte Typus ist jedoch nicht ausgestorben. Ein Teil der Kaufmannschaft beschäftigt noch heute in der Industrie gelernte und ausgebildete Meister und Arbeitskräfte in Zwergbetrieben mehr oder weniger als Lohnarbeiter für sich. Diese Kleinstbetriebe sind demnach auf den ausschließlichen Absatz ihrer Erzeugnisse an die Kaufleute angewiesen. Wenn es aber „der wirtschaftlichen Funktion des Handels" widerspricht, sich an bestimmte Lieferanten fest zu binden, weil der Handel dadurch seiner Aufgabe, Preisschwankungen abzubremsen, nicht voll gerecht werden kann, dann folgt daraus, auf wie unsicherer Grundlage die von ihm allein abhängigen oder gar unterhaltenen Zwergbetriebe arbeiten. Zwischen ihnen und den eigentlichen Fabrikbetrieben liegt eine Welt. Dass jedoch ihre Erzeugnisse für die Preisbildung im freien Markt, zumal in Zeiten rückläufiger Konjunktur, zugunsten des Kaufmanns eine entscheidende Rolle spielen8), daher die Bildung der Rente der ganzen Industrie wie auch das Verhältnis der gegenseitigen Beurteilung dieses Teiles von Industrie und Handel beeinflussen, ist wohl selbstverständlich. Sitzt doch, wie sicherlich nur in wenigen deutschen Industriebezirken, mitten im Erzeugergebiet ein geschlossener, hochentwickelter Kaufmannsstand, der vielfach, fußend auf einer in seinen Familien lebendigen Tradition, über größte Kenntnisse und Erfahrungen verfügt.

9. Seine wesentliche Bedeutung für die Weiterbildung des Bergischen Gewerbes in neuzeitlichem Sinne liegt darin, dass er ihm durch die Erschließung von Absatzmärkten neue Lebensmöglichkeiten gab, zu einer Vergrößerung und damit zu einer natürlichen Verbilligung der Produktion und zum industriellen Fortschritt verhalf. Ihm ist es zum erheblichen Teil zu verdanken, wenn die wachsende Bevölkerung, Unternehmer, Angestellte und Arbeiter, auf den Bergen und in den Tälern ihr Brot fanden und nicht auszuwandern brauchten, wie es sich in anderen Teilen des Vaterlandes als notwendig erwies.

Durch Reisen im Ausland und die notwendig werdende rasche Anpassung an oft plötzlich eintretenden Wechsel der Wirtschaftslage, an Konjunkturschwankungen und Währungsverhältnisse in den belieferten Ländern errang sich der Kaufmann Weitblick und Biegsamkeit. Er entwickelte hohen Wagemut, um neue Beziehungen in fremden Gegenden anzuknüpfen, und Zähigkeit, um die Nackenschläge zu ertragen, mit denen nun einmal jede Unternehmung in fremden Zonen unter anderen Bedingungen und Gesetzen zu rechnen hat. Wenn er sein Geschäft erhalten und ausbauen sollte, so musste er bald seine Ziele weiterstecken, eigene Überseehäuser oder ständige Auslandsvertretungen errichten und unterhalten. Wollte er dann aber erfolgreich arbeiten, so war er gezwungen, nicht nur Remscheider Waren, sondern auch Erzeugnisse anderer deutscher Industriegruppen abzusetzen.

So bildete sich im Laufe der Zeit ganz natürlich eine Verschiedenartigkeit der Ausfuhrgeschäfte heraus dahin, dass sich ein Teil von ihnen ausschließlich oder vorwiegend mit dem Vertrieb von Eisenfertigwaren befasst, ein anderer aber darüber hinaus Waren mancherlei Art in dem Ausmaß vertreibt, wie es die Absatzverhältnisse des einzelnen Landes bedingen. Jedes dieser Ge­schäfte beschränkt sich im Allgemeinen auf den Absatz nach bestimmten Ländergruppen; einige Firmen von recht erheblicher Bedeutung führen jedoch nur Werkzeuge aus, diese aber nach fast allen Ländern der Erde. (nach: „Aus der Geschichte der Remscheider und Bergischen Werkzeug- und Eisenindustrie“ von Wilhelm Engels und Paul Legers, erschienen 1928 zum 25jährigen Bestehen des Arbeitgeber-Verbandes der Eisen- und Metallindustrie von Remscheid und Umgebung e. V., 1979 im Verlag Ute Kierdorf als Faksimile­druck neu aufgelegt. Hier Teil II, Paul Legers: Die Remscheider Werkzeug- und Eisenindustrie von der Einführung der Gewerbefreiheit bis zum Ausbruch des Weltkriegs)

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