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Gebr. Busch erfanden 1811 Gussstahl für Werkzeuge

Als die französische Herrschaft im Bergischen ihr Ende erreichte, war etwa gleichzeitig ein Abschnitt in der Geschichte der Beschaffung der Rohstoffe, die das Gewerbe der Eisen- und Stahlverarbeitung benötigte, beendet. Die Verhüttung der Erze fiel zwar in eine weit zurückliegende Zeit. Es wurde aber später in recht erheblichem Umfange Rohstahl hergestellt. Nun waren bereits im Jahre 1819 die Rohstahlhämmer bis auf ein Werk im Eschbachtal verschwunden. (Nur in entlegenen, waldreichen Gegenden, wo die erforderlichen Holzkohlenmengen aufzutreiben waren, hatten sich noch in anderen Teilen des Bergischen Landes Rohstahlhämmer halten können. So bestanden vier an der Dhünn und einer am Eifgenbach.) Man überließ also die gröbere Bearbeitung des Eisens ausschließlich anderen Gegenden, denen wohlfeilere Rohstoffe und billigere Arbeitskräfte zur Verfügung standen, und beschränkte sich auf die Verfeinerung des Stahls in den sog. Raffinierhämmern. Der Rohstahl wurde aus dem Siegerländischen und Kölnischen, besonders dem Müsener Stahlwerk, und Bendorf bei Neuwied bezogen, später auch aus den Puddelwerken an der Lippe, in Limburg und anderen Gegenden. Das Stabeisen kam in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts aus Siegen, Dillenburg, dem Nassau-Usingenschen, dem ehemaligen Herzogtum Westfalen, dem Sayn-Altenkirchenschen und der Eifel, Kupfer aus Stolberg bei Aachen.

In den Raffinierhämmern wurde der Rohstahl (durch Zusammenschweißen) mit Hilfe der Wasserkraft für die Zwecke der Werkzeug- und Eisenindustrie veredelt und in Raffinierstahl verwandelt. In dieser Zeit finden wir in Remscheid und seiner Umgegend eine erhebliche Zahl dieser Hämmer. Der Bedarf an Raffinierstahl war aber so groß, dass er auch in bedeutenden Mengen aus der Grafschaft Mark und anderen Gegenden eingeführt wurde. Es war daher im Sinne der Entwicklung des technischen Zeitalters nur zu verständlich, fast selbstverständlich, dass der Raffinierstahl durch den Gussstahl (Stahl im Tiegel umgeschmolzen) zurückgedrängt wurde und dieser mit den größeren Ansprüchen an feine Werkzeuge an die erste Stelle trat. Seine Verwendung wäre beschleunigt worden, wenn nicht in den damaligen Zeiten äußerst große Transportschwierigkeiten bestanden hätten, deren Behebung für die gedeihliche Weiterentwicklung des industriellen Lebens hochbedeutsam war.

Im Herzogtum Berg war bei weitem nicht so viel im Straßenbau geschehen wie in der unter preußischer Herrschaft stehenden benachbarten Mark. Dort hatte man durch Anlage einer für die damalige Zeit sehr guten Kunststraße von Hagen nach Siegen dem Märkischen Eisengewerbe einen erheblichen Vorsprung gesichert. Dagegen war im Bergischen bis 1806 fast nichts zur Erleichterung der Stahlzufuhr, vor allem aus dem Siegerland, geschehen. Dann nahm sich von 1806—13 die französische Regierung des Großherzogtums mit Eifer des Straßenbaues an, geleitet freilich weniger von den Interessen der Wirtschaft als von politischen und strategischen Gesichtspunkten.

Auch mit den innerhalb des Remscheider, Cronenberger und Lüttringhauser Gebiets nach den einzelnen Hämmern und Schmiedewerkstätten führenden Verbindungen sah es traurig aus. Auf den tiefausgefahrenen Hohlwegen, die sich bei Regenwetter in Bäche und Sümpfe verwandelten, mussten die schweren Eisenlasten unter den größten Mühseligkeiten herangeholt werden. Dabei ging die Eigenbrötelei der Bewohner der zerstreut liegenden Siedlungen und Höfe so weit, dass man sich nicht einmal über die allgemein als notwendig erachteten Wegeverbesserungen einig werden konnte. Als man dann schließlich auf das Drängen und der französischen Behörden zu einem Entschluss kam, weigerten sich manche, die ihnen obliegenden Verpflichtungen auch zu übernehmen, und es musste erst Zwang angedroht werden.

Durch all dies erhielten die Remscheider und Cronenberger Betriebe erst im Jahre 1812 mit dem Wegebau von der Gerstau durch Remscheid nach der Lehmkuhle bei Lennep den ersehnten Anschluss an die „Eisenstraße". Im Allgemeinen blieb es aber bei dem starken Geldmangel, der infolge der endlosen Kriege in den Kassen Frankreichs und der von ihm abhängigen Länder herrschte, beim Beginn der geplanten Verkehrsverbesserungen, und erst die preußische Regierung musste die angefangenen Bauten vollenden.

Nun kam (seit 1815) ein frischer Zug in den Straßenbau. Nachdem Johann Arnold Halbach, dessen Bemühungen um bessere Wege ein deutliches Beispiel für die Anstrengungen der Bergischen Kaufleute und Gewerbetreibenden sind, sich aus der Enge der Täler den Weg zu den wichtigsten Handelsstraßen, vor allem an den Rhein, zu bahnen, den auch weiterhin um die Hebung des Verkehrs verdienten Handelsminister von Bülow bei einem Besuch von der Notwendigkeit der Verbindung hatte überzeugen können, wurde 1822 mit dem Bau der Straße Müngsten—Remscheid begonnen. Doch zog sich die Weiterführung nach Solingen infolge der Geländeschwierigkeiten bis in die Mitte des Jahrhunderts hin und kam erst mit finanzieller Hilfe der Familie Halbach zustande. Die großen Durchgangsstraßen wurden vollendet (so die Wege: nach Wermelskirchen über Preyersmühle 1830, von Haddenbach bis Birgderkamp—Ronsdorf 1831, nach Goldenberg—Lüttringhausen 1845). Damit hatte man endlich Verbindung mit dem Straßenzug Wermelskirchen—Köln. Nebenher ging die Verbesserung der Wege in der Gemeinde Remscheid) so dass sich 1833 die Kommunalwege in einem ziemlich guten Zustand befanden.

Die Vorteile, die der Wirtschaft durch den Ausbau der Eisen- (und Kohlen-) Straßen erwuchsen, waren sehr erheblich, kostete doch eine Karre Rohstahl trotz des zweifachen Gewichts, das jetzt geladen werden konnte, vier bis fünf Taler Fracht weniger, so dass bei einem durchschnittlichen Bedarf von 30 Karren pro Hammer und Jahr eine Ersparnis von etwa 120 Talern erzielt wurde.

Angesichts der schwierigen Rohstoffbeschaffung hatte das Bergische Gewerbe schon längst die Bedeutung der von der menschlichen Geschicklichkeit und Handfertigkeit geleisteten Arbeit erkannt. Es wurde sich darüber klar, dass, je höher der Grad der Verfeinerung (Handarbeit) wurde, umso geringer der Faktor der Transportlasten bei der Preisgestaltung zu veranschlagen war. Deshalb konnte man zunächst noch die hohen Transportkosten in jenen Jahren (etwa bis 1850) in Kauf nehmen und sich den Bezug in- und ausländischen Stahls und Eisens gestatten.

Es wurde auch ausländischer Stahl verarbeitet. Der zunächst verwandte Gussstahl war vor allem englischer. Aber auch Krupp versandte bereits frühzeitig Gussstahl zur Werkzeugherstellung nach Remscheid. Wir können diese Beziehungen genau verfolgen: Krupp versuchte im Winter des Jahres 1820, den Absatz gewalzter Stahlplatten zu heben, nachdem er auf die Möglichkeit ihrer Verarbeitung zu Sägen hingewiesen worden war. Die Firma P. A. Elbertzhagen & Sohn in Remscheid unternahm mit diesem Material Versuche zur Herstellung von Sägen, die augenscheinlich zufriedenstellend ausfielen. Aus Remscheid erging die Aufforderung an Krupp, Feilenstahl zu liefern, um erfolgreich der englischen Stahleinfuhr entgegentreten zu können; bei zufriedenstellender Lieferung könne sich Krupp eines großen Absatzes in der Remscheider Gegend „versichert halten". Führende Remscheider Häuser, die das Ausland bereisen ließen, erklärten trotz gelegentlicher Ungleichheiten den Kruppschen Stahl dem englischen für gleichwertig. Die schwierige Lage, in der sich Friedrich Krupp damals befand, spiegelt sich in seiner Korrespondenz mit Remscheider Firmen wieder.

Es war selbstverständlich, dass diese erste Zeit deutscher Gussstahlherstellung auch Remscheider Erfindergeist nicht ruhen ließ. Die Gebrüder Karl und Josua Busch erfanden 1811 einen Gussstahl für Werkzeuge, der nach ihrer Angabe die Härte, Feinheit und Güte des englischen Stahls mit der Zähigkeit des steirischen verband. Doch wird leider nichts über eine tatsächlich erfolgte Herstellung dieses Stahls berichtet.

In den 50er Jahren wurde bereits für viele Artikel, die Anspruch auf besondere Güte erhoben, Gussstahl verwandt. Es wurden 1854 zwar noch erhebliche Mengen von Siegerländer Rohstahl in den Remscheider Raffinierhämmern verarbeitet, die hauptsächlich zur Herstellung von Feilen, Sägen, Bohrern, Hobeleisen und Beiteln Verwendung fanden. Daneben wurden aber jährlich 400.000 bis 500.000 Pfd. englischen Gussstahls verarbeitet. Die deutschen Gussstahlfabriken, deren nächste in Witten und Bochum lagen, bemühten sich, das Remscheider Gebiet für den Absatz ihrer Erzeugnisse zu gewinnen.

Weitere Umwälzungen auf dem Gebiete der Eisen- und Stahlherstellung beeinflussten gleichfalls die Bergische gewerbliche Tätigkeit. Die Bedeutung des 1818 in Deutschland bekannt gewordenen Puddelverfahrens bestand vor allem darin, dass die Herstellung des Stahls unabhängig von der Verwendung der Holzkohle wurde. Um 1850 wurde der Puddelstahl auch schon im Remscheider Gebiet benutzt. Da er etwa ein Drittel billiger war als der mit Holzkohle gefrischte Siegerländer Stahl und sich ebenso gut zu vielen Remscheider Artikeln verwenden ließ, kam er mehr in Aufnahme. Dem Puddelstahl gesellten sich weitere neue Sorten Stahl, wie der cementierte Stahl zu. Insgesamt verbrauchte im Jahre 1853 nach durchschnittlicher Schätzung die Fabrikation im Kreise Lennep, zu dem Remscheid zu der Zeit noch gehörte, an Eisen einschl. Roheisen, Stahl, Messing, Kupfer, Draht usw. 160 000 Zentner. Das Eisen kam größtenteils aus den Walz- und Streckwerken der Ruhrgegend. (nach: „Aus der Geschichte der Remscheider und Bergischen Werkzeug- und Eisenindustrie“ von Wilhelm Engels und Paul Legers, erschienen 1928 zum 25jährigen Bestehen des Arbeitgeber-Verbandes der Eisen- und Metallindustrie von Remscheid und Umgebung e. V., 1979 im Verlag Ute Kierdorf als Faksimile­druck neu aufgelegt. Hier Teil II, Paul Legers: Die Remscheider Werkzeug- und Eisenindustrie von der Einführung der Gewerbefreiheit bis zum Ausbruch des Weltkriegs)

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