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Skeptisch auch gegenüber vorteilhaften Neuerungen

In den Jahren 1902/03 führten starke Gegensätze zwischen der Fertigindustrie und den sie beliefernden Rohstoffsyndikaten zu kontradiktorischen Verhandlungen über die deutschen Kartelle und Syndikate der Schwerindustrie in Berlin („Kartellenquete"). An ihnen beteiligte sich der Fabrikanten-Verein durch seinen Vorsitzenden Seite an Seite mit dem Märkischen Verein. Denn auch die Remscheider Betriebe klagten über Missstände im Kartellwesen, ungerechtfertigte Hochhaltung der Preise der Rohstoffe und Halbfabrikate und eine durch ihre Politik erschwerte Exportfähigkeit. Dem Vorbild anderer wirtschaftlicher Verbände folgend, setzte der Fabrikanten-Verein u. a. einheitliche Zahlungsbedingungen für die Lieferungen seiner Mitglieder fest und stellte Garantiebedingungen für Werkzeuge (1906) auf. 1908 zählte der Verein schon insgesamt 170 Mitglieder mit 10.800 beschäftigten Arbeitern. Auf Veranlassung des Vereins wurde die „Deutsche Metallindustrie-Zeitung" ins Leben gerufen. Sie wurde bald das Sprachrohr der deutschen Eisenfertigindustrie, nachdem auch die anderen maßgebenden Verbände sie anerkannt hatten. Der Bergische Fabrikanten-Verein machte sich ferner um eine Förderung der Remscheider Fachschule verdient, die — in ihrer Art ganz neu für Deutschland — seit 1882 zunächst als städtische, später staatliche Einrichtung bestand.

Anlässlich der erwähnten Auseinandersetzungen zwischen verarbeitender Industrie und Rohstoffkartellen wurde jener damals vorgeschlagen, auch ihrerseits Syndikate zu bilden, um die Stellung des Einzelnen zu verbessern. Der Gedanke eines engeren Zusammenschlusses — es ist dies eine parallele Erscheinung zu der zögernden Fortbildung der Betriebe zu höheren Betriebsformen — stieß auf Widerstand. Vor dem Weltkriege gab es eigentliche Kartellbildungen nur unter den Remscheider Stahl- und Walzwerken, die mit einigen auswärtigen Firmen Produktionsverteilungs und Preiskartelle bildeten. Auch gegen diese — den „Verband für Flussstahl, Sägen- und Messerbleche" und den „Stabstahlverband" — hatten sich die seinerzeitigen Proteste gerichtet. In der Fertigindustrie beschränkte sich die Zusammenfassung von Industriezweigen auf Preisvereinbarungen, die größtenteils nur kurze Zeit bestanden, und ein Verkaufskartell. (Die beiden Verbände waren ihrerseits von Krupp in Essen und dem Bochumer Verein, mit denen enge Lieferungsverträge bestanden, abhängig; der Stabstahlverband bezüglich des Bessemerstahls. Deshalb mussten sie die Politik der großen Werke mitmachen und konnten den Remscheider Betrieben der Weiterverarbeitung nur beschränkt entgegenkommen.)

Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass der Bergische Fabrikant zäh am Althergebrachten festhält, sich nur schwer auch für ihn selbst vorteilhaften Neuerungen zugänglich zeigt und sich ungern einem großen Ziele einordnet. Hinzu kam im Bergischen wie auch in anderen eisenverarbeitenden Gegenden, dass viele Artikel, z. B. Werkzeuge wie die Feilen, nicht in einem geschlossenen Bezirk, sondern auch anderwärts in Deutschland hergestellt werden. „Es würde ganz unmöglich sein, einen derartigen Kreis von Interessenten unter einen Hut zu bringen." (aus einer Rede des Vorsitzenden des Fabrikanten-Vereins am 27.2.1903) Immer standen einzelne Fabrikanten außerhalb der wenigen tatsächlich zustande gekommenen Vereinigungen, um ihren eigenen Nutzen zu wahren, und machten, wenn die Konjunktur abbröckelte, durch billigere Angebote das Festhalten einheitlicher Preise unmöglich. Deshalb hielten sich Vereinigungen nur in Zeiten aufsteigender Konjunktur.

Heute ist der Beweis erbracht, dass sich die Remscheider eisen- und metallverarbeitende Industrie, die so stark mit unmittelbaren Abnehmern der Erzeugnisse (Kaufleuten) durchsetzt ist und deren Absatzverhältnisse so schwankend sind, nicht für eine Kartellierung, nicht einmal für feste dauernde Preisvereinbarungen eignet. Diese Industrie geht nur schrittweise einem engeren Zusammenhalt entgegen, in dem Maße, wie die Erkenntnis wirtschaftlicher Zusammenhänge und Notwendigkeiten wächst und die Kapitalintensität zunimmt. Dieser letztere Faktor, der in der übrigen deutschen Industrie bestimmend auf die Schaffung von Kartellen zum Zwecke bewusster Wirtschaftsgestaltung hinwirkte, fehlte lange Zeit in der Remscheider Industrie. Das stärkere Aufkommen kapitalintensiver Betriebe, die, wie ein Blick in andere Industriezweige lehrt, allgemein in rationeller Betriebsführung und durchdachter Organisation voraus sind, würde bewirken, dass der Führung der Betriebe der persönliche und traditionelle Wesenszug genommen wird. Lose Preisvereinbarungen bestanden vorübergehend in der Feilen-, Sägen- und Maschinenmesser-, Schlittschuh- und Spiralbohrerindustrie. Ein Kartell, dessen Eigenart darin bestand, dass es nur die Lieferungen nach einem auswärtigen Land (Russland) betraf, wurde 1906 für den Verkauf von Schlittschuhen gebildet und später zu einem Syndikat ausgebaut, dessen Verkaufsstelle die rechtliche Form einer G. m. b. H. annahm.

Der 1. Weltkrieg schuf eine neue Lage. Die ihre eigenen Wege gehende und in vielerlei Organisationsformen gespaltene Remscheider Industrie musste in den Dienst einer großen Aufgabe gestellt werden, die es dem Einzelnen nicht gestattete, seine nach Gutdünken gewählten Wege weiter zu verfolgen. Viele im Frieden nicht zu vereinigende Interessen trafen sich in der Bekämpfung des eigentlichen Feindes der weiterverarbeitenden Industrie, des freien Wettbewerbs.

Als 1916 infolge rückläufiger Rohstofflieferungen der Umfang der Erzeugung ständig abnahm und andererseits die Anforderungen der Heeresverwaltung wuchsen, griff der Staat ein. Das „Wumba" (Waffen- und Munitionsbeschaffungsamt) gab Anregungen zu einem fachlichen Zusammenschluss der Industriezweige in Verbänden. Weitere Vereinigungen entstanden auf Grund der Arbeiten des „Werkzeug- und Stahlkontors", das einen Zwang ausübte, indem es nur solche Betriebe mit Material belieferte, die einem Verbände angehörten.

Nach dem unglücklichen Ausgang des Weltkrieges ging die Wahrnehmung der Interessen der Remscheider Betriebe wieder an den „Bergischen Fabrikanten-Verein" über, der die Industrie auf dem Wege der Angliederung von Gruppen mit gemeinsamen oder sich berührenden Belangen weiter durchorganisierte. Die Schilderung der folgenden Entwicklungsjahre — insbesondere die Würdigung des Ende 1920 gegründeten „Gesamtverbandes der Deutschen Werkzeugindustrie" in Remscheid, an dessen Entstehung G. Adolf Klingelnberg hervorragenden Anteil hatte — muss, da die Verhältnisse noch zu sehr im Fluss sind, einer späteren abschließenden Darstellung vorbehalten bleiben. (nach: „Aus der Geschichte der Remscheider und Bergischen Werkzeug- und Eisenindustrie“ von Wilhelm Engels und Paul Legers, erschienen 1928 zum 25jährigen Bestehen des Arbeitgeber-Verbandes der Eisen- und Metallindustrie von Remscheid und Umgebung e. V., 1979 im Verlag Ute Kierdorf als Faksimile­druck neu aufgelegt. Hier Teil II, Paul Legers: Die Remscheider Werkzeug- und Eisenindustrie von der Einführung der Gewerbefreiheit bis zum Ausbruch des Weltkriegs)

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