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Armut in Remscheid (9): Kinder trifft es besonders hart

Zwei Millionen Kinder in Deutschland haben deutlich schlechtere Startchancen im Leben als ihre Altersgenossen. Weil ihre Eltern arm sind. Der Geldmangel geht einher mit Defiziten in vielen anderen Bereichen: Niedrigeres Bildungs- und Ausbildungsniveau, größere gesundheitliche Risiken, schlechtere Wohn- und Wohnumfeldsituation, geringe Chancen und Angebote bei Bildung, Kultur und Freizeit. Wobei sich Kinder- und Erwachsenenarmut in Ausmaß und Qualität deutlich voneinander unterscheiden können. Insbesondere für Kinder mit Migrationshintergrund müssten verstärkt Anstrengungen unternommen und neue Konzepte erarbeitet werden, forderte der Remscheider Bundestagsabgeordnete Jürgen Kucharczyk (SPD) in seiner dritten Rede vor dem Deutschen Bundestag.

Sozialwissenschaftler rechnen vor, dass in Deutschland immer mehr Kinder und Jugendliche in Armut aufwachsen, dass Kinder inzwischen diejenige Altersgruppe sind, die am häufigsten von Armut bedroht ist: 1,08 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren waren Ende 2003 in Deutschland von Sozialhilfe betroffen (= 38 Prozent aller Sozialhilfeempfänger). Während am Jahresende 2003 insgesamt 3,4 % der Bevölkerung Sozialhilfe im engeren Sinne bezogen, war diese Quote bei den Minderjährigen mit 7,2 % mehr als doppelt so hoch. Zahlen aus NRW spiegelt dieses Bild wider: Am Jahresende 2003 erhielten in Nordrhein-Westfalen insgesamt 682.909 Menschen Sozialhilfe. 268.630 (= 39,34 Prozent) waren Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Und auch in Remscheid ist das Armutsrisiko für junge Menschen unter 18 Jahren groß; 38,4 Prozent aller Sozialhilfebezieher in Remscheid sind jünger als 18 Jahre.

Am 31.12.2003 lebten in Remscheid 24.328 Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre. Das waren 20,1 Prozent der Gesamtbevölkerung (120.900). Damit war der Anteil von Kindern und Jugendlichen in Remscheid höher als im Landesdurchschnitt (19 Prozent). Die kinderreichsten Stadtteile sind Honsberg, Fichtenhöhe, Lennep West, Henkelshof, -Bergisch Born und Klausen. Von den 24.328 Kindern und Jugendlichen waren 4.194 nicht-deutscher Nationalität (= 17,2 Prozent dieser Altersgruppe). Auch dam liegt Remscheid weit über dem Landesdurchschnitt (12,3 Prozent). Die meisten Migrantenkinder und –jugendlichen wohnen in den Stadtteilen Honsberg, Stachelhausen, Altstadt, Blumental, und Zentralpunkt.

Je ärmer die Kinder eines Stadtteils sind, desto größer ist auch ihre Bildungsbenachteiligung: Zwei Drittel der 21- bis 25-jährigen deutschen Sozialhilfeempfänger haben keinen oder nur einen Hauptschulabschluss; bei den Nicht-deutschen beträgt der Anteil sogar drei Viertel. „Die überproportionale Häufung sozialer Risiken ist der wichtigste Indikator für die strukturelle Benachteiligung eines Stadtquartiers. Die dort lebenden Kinder werden durch die Erfahrung dieser Benachteiligungen in ihrer Entwicklung entscheidend beeinflusst. Arme Kinder erhalten in benachteiligten Stadtteilen ... nicht die Entwicklungschancen, die Kindern allgemein geboten werden,“ heißt es im 1. Kommunale Armutsbericht der Stadt Remscheid. Dabei spielt der Erwerb schulischer und beruflicher Bildungsqualifikationen dür Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund  eine  besonders wichtige Rolle im sozialen Integrationsprozess. Denn je geringer der berufliche Ausbildungsabschluss, desto höher die Gefahr der Arbeits- bzw. Dauerarbeitslosigkeit.

Von hundert Arbeiterkindern besuchen bundesweit 10,7 Prozent Gymnasien, von hundert Beamtenkindern dagegen 58,7 Prozent. (68 Prozent aller Eltern von Gymnasten/innen besitzen einen PC, aber nur 36 Prozent aller Eltern von Hauptschülern/innen). Ergebnisse einer Berliner Jugendstudie belegen, dass bei einer massiven Verschlechterung der finanziellen Lage vor allem Eltern mit geringem Bildungsstatus auf einen baldigen Schulabschluss ihrer Kinder drängen, damit sie von elterlichen Zuwendungen unabhängig werden. Für Kinder und Jugendliche ist Armut daher oft schicksalhaft, denn sie können die Auswirkungen weniger kaschieren als Erwachsene und erfahren sie unmittelbarer. Armut bedeutet für sie eine starke Beschränkung ihrer Erfahrungs-, Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten.

Schon in der Grundschule machen arme Kinder Ausgrenzungserfahrungen, fühlen sich  nicht dazugehörig. Das Taschengeld reicht nicht, um mit anderen zu MC Donalds zu gehen. Nach den Ferien kann ein armes Kind von keiner Urlaubsreise berichten. Die Mitgliedschaft in (Sport-)Vereinen, die Teilnahme an der Musikschule, die Nutzung der Stadtbibliothek oder eines Freizeitangebote von Verbände oder Kirchen, Besuche von Theater oder Museen, Kino oder Zoo – all das scheitert am fehlenden Geld. Und all das schafft eine Distanz zu besser gestellten Gleichaltrigen. So wird soziale und kulturelle Integration erschwert, wenn nicht gar verhindert. Die sozialen Beziehungen beschränken sich häufig auf die erweiterte Familie (Großeltern, Verwandte), Schule oder Kindertagesstätte, öffentliche oder "wilde" Spielplätze. Der Münchener Armutsbericht stellt fest, bei armen Haushalten mit Kindern bestehe eine stärkere soziale Distanz zu den unmittelbaren Nachbarn; 43 Prozent würden ihre Nachbarn kaum oder nur flüchtig kennen.

Soziale Ungleichheit und Armut beeinträchtigen das Wohlbefinden und die Gesundheit der Kinder, ihre Sozialentwicklung sowie ihre kognitiven und ihre Schulleistungen. Nach einer Untersuchung der Arbeiterwohlfahrt in Kindertagesstätten kommen etwa 16 Prozent der armen Kinder hungrig in die Kindertagesstätten, 15 Prozent werden als ungepflegt und vernachlässigt beschrieben, weitere 15 Prozent sind häufig krank, elf Prozent haben eine chronische Erkrankung und etwa zehn Prozent sind in ihrer körperlichen Entwicklung zurückgeblieben. Aus dem „Armutsbericht“ der Stadt Remscheid: „Die Säuglingssterblichkeit bei Kindern aus den unteren sozialen Schichten liegt deutlich höher als bei denen aus oberen Schichten.  Die Impfrate hängt ebenso vom sozialen Status der Eltern ab.  Die Möglichkeit zur Früherkennung von Krankheiten werden von Eltern mit niedrigem Bildungsstand seltener genutzt.  Kinder aus sozial schwachen Schichten weisen erhöhte Kariesbefunde auf.  Die Rate der bei Unfällen getöteten Kinder ist in unteren sozialen Schichten doppelt so hoch wie bei Kindern aus oberen sozialen Schichten.“

Zugleich geht Armut bei Kindern und Jugendlichen einher mit Ängstlichkeit, Hilflosigkeit, Depression, Minderwertigkeitsgefühlen, Einschränkung sozialer Kontakte (Rückzug, soziale Isolation). Und Armut wirkt sich negativ auf das Gesundheitsverhalten der Betroffenen aus: Alkohol- und Nikotinkonsum steigen, es mangelt an Zahn- und Körperhygiene, der TV-Konsum ist überdurchschnittlich hoch, die sportliche Aktivität ist gering, Mangel-, Fehl- oder Überernährung an der Tagesordnung. Wer arm ist, dem geht es auch schlechter.

Was ist zu tun? Der „Armutsbericht“ der Stadt Remscheid empfiehlt „qualifizierte Betreuungsangebote“, durch die familiäre Defizite ausgeglichen, fehlende oder mangelhafte soziale Beziehungen ersetzt bzw. ergänzt, Integration gefördert und ungleiche Entwicklungs-, Gesundheits- und Bildungschancen zumindest teilweise ausgeglichen werden könnten. Familienbildung, Stärkung der Erziehungskompetenz und Elternverantwortung sowie Unterstützung durch haushalts- und familienorientierte Dienstleistungsangebote könnten dazu beitragen, die Folgen von Armut zu mildern und Benachteiligungen und Ausgrenzung zu verhindern.

Besonders wichtig sind Investitionen in Bildung und Erziehung. Der „Armutsbericht“ versteht dabei Bildung als einen Prozess, der den Menschen ein Leben lang begleitet. Eine solche „Bildung von Geburt an“ macht es notwendig, sich intensiv mit Kindertageseinrichtungen und Schulen, mit Familien, Familienbildung und Tagesmüttern zu beschäftigen. Die Bildungspolitik müsse sich dabei von folgenden Prinzipien leiten lassen:

- Je jünger die Kinder sind, desto individueller und differenzierter muss sich die Bildungsarbeit mit ihnen gestalten.

- Breitenförderung im Frühbereich und nicht frühzeitige Auslese sichert die optimale Nutzung der Bildungsmöglichkeiten von Kindern aus allen sozialen Gruppen.

- Eine verstärkte Investition in qualitativ hochwertige, bedarfsgerechte Betreuungsangebote sowie in weitere Angebote der Schulkinderbetreuung ist Armutsprävention.

-  Kindertagesstätten und Schulen, die in Stadtteilen mit hohen Armutsrisiken liegen, müssen nicht nur auf das Erwerbsleben vorbereiten, sondern auch auf kritische Lebensphasen mit Erwerbslosigkeit oder in Armut. Konkret: Kindern und Jugendlichen müssen neben persönlichen und schulischen Kompetenzen auch solche Alltagsbewältigung und Haushaltsführung vermittelt werden (z.B. Umgang mit Taschengeld, Handy-Schulden, Konsum, Lebens- und Familienplanung, Konfliktbewältigung, Ernährung und Nahrungszubereitung). Denn Bildungsbeteiligung, Bildungserfolg und Kompetenzerwerb entscheiden über spätere Lebenschancen.

In seiner dritten Rede vor dem Deutschen Bundestag rief der Remscheider Bundestagsabgeordnete Jürgen Kucharczyk (SPD) alle politisch Verantwortlichen zum Handeln auf: „Wir dürfen nicht zulassen, dass Kinder und Jugendliche in unserem Land – egal ob deutscher oder ausländischer Herkunft – ohne Perspektive und ohne reelle Chance auf einen Schulabschluss, ein Arbeitsverhältnis und damit eine gesicherte Zukunft aufwachsen“. Nur mit frühzeitiger und individueller Förderung seien Kinder in der Lage, ihre vielfältigen Potenziale optimal auszubauen und einzusetzen. „Die Grundsteinlegung, die in den ersten Lebensjahren versäumt wird, ist später kaum mehr aufzuholen“, so Jürgen Kucharczyk. Dabei sei die deutsche Sprache der Schlüssel zur Integration und Voraussetzung für Bildung, Ausbildung und Beruf. Dies gelte für Kinder und Jugendliche ebenso wie für ihre Eltern. „Insbesondere für Kinder mit Migrationshintergrund müssten verstärkt Anstrengungen unternommen und neue Konzepte erarbeitet werden.“

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