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Begegnung in Kirsehir zwischen Freundestreffen und Politik

 

Zu Gast beim Bürgermeister von Kirsehir.

Verhungern werden wir nicht

von Senem, Schülerin

Wenn es eine Sache gibt, deren man sich in der Türkei sicher sein kann, ist es, dass man auf jeden Fall nicht verhungern wird. Die Gastfamilien kochen leidenschaftlich und stolz ihre Spezialitäten, die einfach unglaublich gut schmecken. Für viele von uns sind das vollständig neue Geschmacksnoten, an die wir uns aber gerne und gut gewöhnt haben. Aber auch abgesehen vom Essen ist der Aufenthalt in den Gastfamilien jeden Tag ein neues Erlebnis. Wir sind unglaublich nett aufgenommen worden und fühlen uns in den Familie sehr wohl. Jedes Familienmitglied versucht zum Beispiel, meine Wünsche zu erfüllen, und gibt mir das Gefühl, dazu zu gehören.

Darüber hinaus zeigen die Familien auch ihren Alltag und ihre Arbeitsplätze und möchten somit die verschiedenen Mentalitäten zwischen der Türkei und Deutschland herausheben. Dabei entdeckt man viele Unterschiede, aber auch immer wieder Gemeinsamkeiten. An Tagen, wo wir nicht in die Schule müssen und kein Programm mit der Gruppe geplant ist, unternehmen wir auch etwas mit den Gastschülern. So waren wir zum Beispiel schon mit ihnen im neuen, und sehr schön angelegten Kentpart (Stadtpark). Und besuchten ebenfalls immer wieder neue Cafés, die als Geheimtipp der Einwohner Kırşehirs gelten. Zudem gibt es so genannte Teegärten (cay bahcesi), in denen man sich mit verschiedenen Gesellschaftsspielen vergnügen kann.

Am Abend sitzen wir mit den Gastfamilien gemeinsam zusammen, und teilweise kommen auch die Großeltern oder andere Verwandte zu Besuch, um ihre Neugierde zu stillen und uns kennen zu lernen. Allerdings fehlt uns die Zeit zum Zusammensitzen am Abend häufig, da uns immer wieder Einladungen von offizieller Seite der Stadt oder von Freunden des Vereins der Partnerschaft Kırşehir – Remscheid erreichen. Alles in Allem fühle ich mich sehr wohl aufgenommen und kann mich so wie in meiner eigenen Familie verhalten. Ich mache hier sehr schöne Erfahrungen und nehme bestimmt viele gute Erinnerungen mit nach Hause. Wenn ich wieder zurück bin, werde ich meine Gastfamilie bestimmt sehr vermissen und hoffe doch auf ein Wiedersehen. 

von Hartmut Demski

 

„Partnerschaften sind auch eine Form von kommunaler Außenpolitik“ sagte mir jemand im Gespräch über unsere Kontakte nach Kırşehir/Türkei. So ganz überzeugt war ich davon nicht. Politik im engeren Sinne hatten wir kaum im Sinn, als wir vor fünf Tagen mit zehn Schülerinnen und Schülern aus Remscheid in Kırşehir eintrafen. Freundschaftliche Begegnungen zwischen fremden Menschen und Kulturen waren uns wichtig, Unterschiedlichkeiten als Reichtum verstehen zu lernen – das sind die Ziele, die uns bewegen. Unverhofft wurde es dann doch politisch und ganz spannend. Der Bürgermeister hatte uns einen Termin eingeräumt. Ich war vorbereitet auf 15 Minuten freundliche Worte und einen gehetzten Politiker zwischen zehn Terminen. Aber es kam anders: Eine geschlagene Stunde nahm Yasar Bahceci sich Zeit für die jugendlichen Gäste aus Remscheid – die davon allerdings nicht nur begeistert waren. Aber in dieser Stunde organisierte der Bürgermeister nicht nur ein gemeinsames Essen mit uns und Personen aus Kırşehir, die dort einen Freundschaftsverein gründen könnten; er orderte eine Stadtrundfahrt für unsere Gruppe und bot den Transfers zurück zum Flughafen an. Und dann sprach er über die Türkei und Europa. Er fragte die Jugendlichen: Wie seht ihr das: gehört die Türkei in die EU? Vielleicht brennt 16-Jährigen das nicht gerade unter den Nägeln.

Ein Mädchen aus Kırşehir meinte: „Warum sollten wir in die EU? Dann müssen wir uns von anderen vorschreiben lassen, was wir tun sollen.“ Eine Meinung, die in der Türkei weit verbreitet ist. Das Interesse an der EU schwindet angesichts der jahrzehntelangen Verhandlungen deutlich. Bei dem Bürgermeister offensichtlich nicht. Natürlich betont er voller Stolz Wachstum und Fortschritte in der Stadt, die deutlich sichtbar sind und die sie – aus eigener Kraft – erreicht haben. Doch im gleichen Atemzug kann er seine Hochschätzung für Kultur, Bildung und gesellschaftlich-demokratisches Leben im Deutschland zum Ausdruck bringen. Er sucht Austausch und Begegnung, um voneinander zu lernen und das Leben in beiden Städten voranzubringen. Und dazu sieht er auch den EU-Beitritt der Türkei als Chance- wenn nur die europäischen Verhandlungspartner das eben auch so sähen. Gerade die Vorbehalte gegen den muslimischen Glauben vermutet er dort als Hindernis und befürchtet, dass dabei viele von Zerrbildern und Vorurteilen ausgehen. Bei einem Besuch in New York habe eine amerikanische Professorin ihn gefragt, ob Muslime denn wirklich ihre Frauen abends einschließen würden.
Angesichts der jüngsten Ereignisse kann man an der Politik der Türkei und ihrer Verantwortlichen schon mal zweifeln und auch verzweifeln. Wenn unsere Schülerbegegnung und die Partnerschaft Remscheid-Kırşehir dazu beitragen können, Gebräuche, Lebenshaltung und Kultur der jeweils Anderen zu verstehen und Vorurteile abzubauen, ist das vielleicht auch Politik. Die Frage nach dem EU Beitritt der Türkei kann man dann pragmatisch angehen. Nur das sollte man dann auch endlich auch tun.

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