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Unterfordert: Beim THW in Remscheid herrscht der Frust

Die gut ausgestattete Werkstatt des THW Remscheid. Foto: Lothar Kaiser„Das Technische Hilfswerk hätte für Einsätze während des Unwetters zur Verfügung gestanden, hat seine Hilfe sogar angeboten, aber die Remscheider Berufsfeuerwehr hat dankend abgelehnt“, zitierte der Waterbölles am 7. August Hilmar Somborn (CDU) aus dem städtischen Umweltausschuss. Für diese Art von Konkurrenzkampf habe er kein Verständnis, wetterte das Lenneper Ratsmitglied. Der letzte Satz der damaligen Meldung („Bevor weiter über die beiden Katastrophendienste geredet wird, sollten sich deren Protagonisten selbst zu Wort melden – und auch mal miteinander reden.“) ließ beim THW in Remscheid einen Tag später den stellvertretenden Zugführer Klaus Huhland zum Telefon greifen. Der in diesem Telefongespräch vereinbarte Besuch auf dem THW-Gelände an der Straße „Auf dem Knapp“ – in unmittelbarer Nähe zur Berufsfeuerwehr – hat inzwischen stattgefunden. Daran nahm auch der Ortsbeauftragte des THW für Remscheid, Wolfgang Reinemann, teil. Und im städtischen Bauausschuss ist am morgigen Dienstag Feuerwehrchef Guido Eul-Jordan zu Gast, um über die jüngsten Unwetter-Einsätze zu berichten.

Das THW-Areal auf dem Knapp umfasst 5000 Quadratmeter. Foto: Lothar KaiserDie Unwetter der vergangenen Tage bescherten der Remscheider Feuerwehr „Großkampftage“. Allein vorige Woche Dienstag wurden der Feuerwehrleitstelle rund 280 Sturmschäden gemeldet. 80 Einsätze waren bis 22.40 Uhr abgearbeitet, berichtete am Dienstagabend Josef Schun, der Stellvertreter von Eul-Jordan: „200 Einsätze stehen zwar noch an. Aber das Gröbste haben wie hinter uns!“ Wäre das THW zu Hilfe gerufen worden – zum Beispiel zur Beseitigung umgestürzter Bäume –, die Zahl der noch ausstehenden Einsätze wäre geringer gewesen, ist sich der THW-Ortsbeauftragte Wolfgang Reinemann sicher. Der stellvertretende Zugführer Klaus Huhland: „Unsere Leute sind bestens ausgebildet. Wir haben gut ausgestattete Fahrzeuge. Unsere Pumpen leisten 15.000 Liter pro Minute, mehr als die der Feuerwehr. Leider warteten wir an diesem Abend vergeblich darauf, von der Feuerwehr angefordert zu werden!“ Und nur die kann einen Einsatz des THW auslösen, nicht aber Privatleute, deren Keller voll Wasser gelaufen ist. „Den Bürgern sollte in kürzest möglicher Zeit bestmöglich geholfen werden“, betonten die beiden THW-Männer. Dass die Remscheider Feuerwehr offenbar auf dem Standpunkt stehe „Wir setzen das THW ein, wenn wir es brauchen. Wir brauchen es aber so gut wie nie“, sorgt bei den ehrenamtlichen Kräften des THW („Wirtschaftliche Interessen verfolgen wir nicht!“) immer wieder für Frust:. „Die Feuerwehr quält sich ab, lässt aber keinen anderen ran!“ Das sieht Guido Eul-Jordan etwas anders. Für den Frust der THW-Helder hat er volles Verständnis: "Die saßen Dienstag in Bereitschaft, sahen die Feuerwehr zu den Einsätzen fahren ... Dennoch würde ich es als Einsatzleiter genauso wieder machen!" Aber nicht, weil THW und Feuerwehr Konkurrenten seien, sondern "weil zur lokalen Gefahrenabwehr in erster Linie die Feuerwehr da ist. Das THW ist der Spezialist für Sonderaufgaben und im Übrigen an den Bund angebunden!"

Das vergebliche Warten auf Einsätze in Katastrophenfällen („wenn rund um uns herum der Bär tobt!“) ist für die Helfer des THW die Regel statt der Ausnahme. Reinemann: „Beim THW-Landesverband in Heiligenhaus spricht man längst vom ‚Sonderfall Remscheid’". Zum Beispiel der Orkan Kyrill: Da wurde das Remscheider THW von der Feuerwehr aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis angefordert, von der Remscheider Feuerwehr nicht!“ Andernorts gehört ein Vertreter des THW in Katastrophenfällen in der Regel zur  Einsatzleitung; in Remscheid sei das eher die Ausnahme. Dabei liege der Remscheider Feuerwehr der „Einsatz- und Verwendungsplan“ des THW vor. Er beschreibt detailliert, welche Aufgaben das THW bei Unglücksfällen übernehmen kann – mit welcher „menpower“ und mit welcher technischen Ausstattung. Und notfalls könnten sogar Teams aus anderen Ortsverbänden angefordert werden. Der THW-Geschäftsführerbereich Bochum, zu dem Remscheid gehört, besteht aus insgesamt 1.269 aktiven Helfern und 98 Fahrzeugen. Neun davon stehen in Remscheid bereit, speziell ausgerüstet für das Abstürzen einsturzgefährdeter Gebäude und für Beleuchtungseinsätze; der Generator eines Lichtmastes hat eine Leistung von 20.000 Watt. Andere Lichtquellen ermöglichen auch blendfreies Ausleuchten.

Einer der beiden fahrbaren Lichtmasten des THW wurde vergangenen Dienstag von der Feuerwehr angefordert, um das abgebrannte Fabrikgebäude im Morsbachtal nebst Umfeld auszuleuchten. Feuerwehrchef Eul-Jordan legt Wert auf die Feststellung, dass dieser Einsatz beschlossene Sache gewesen sei, bevor sich Hilmar Somborn im Umweltausdschuss kritisch äußerte. Und als es Donnerstag in keinem einzigen Baumarkt in Remscheid mehr einen Sandsack zu kaufen gab, habe die Feuerwehr das THW ebenfalls um Hilfe gebeten. Daraufhin wurden in Heiligenhaus von den 490.000 Säcken, die dort lagern, 10.000 abgeholt, je 1.000 davon an Privatleute und einen Unternehmer abgegeben und 700 selbst mit Sand gefüllt - nicht mittels Maschinen, sondern mit Manneskraft und Schaufeln. Diese Säcke lieferte das THW dann an Einsatzorten der Feuerwehr ab. Im Gegensatz zu anderslautenden Medienberichten sei die weitere Hilfe des THW vor Ort dann jedoch nicht erbeten worden, wundert sich Klaus Huhland. Dabei wird im Einsatzplan auch der Hochwasserschutz genannt. Eingeschlossen darin ist der Bau von Notdämmen, der fachgerechte Verbau von Sandsäcken und der Aufbau von Hochwasserschutzwänden. Eul-Jordan: "Der Zubringerdienst war sehr wichtig. Vor Ort hatten wir jedoch keinen Personalmangel!" Denn auch die Männer der Freiwilligen Feuerwehren aus den Randgebieten (denen der Frust der THW-Helfer nicht fremd ist) waren im Einsatz.

Dieses Lasergerät warnt Helfer bei Bergungsarbeiten vor instabilen Trümmerstücken. Schon die Jugendgruppe lernt es kennen. Foto: Lothar KaiserAngesichts von Naturkatastrophen und Großereignissen habe die Bedeutung des THW zugenommen, heißt es im THW-Geschäftsbericht auf Bundesebene. Darin wird die Zahl der Ehrenamtlichen mit mehr als 80.000 angegeben. Zitat: „Menschen, die sich in ihrer Freizeit zum Wohle der Menschen engagieren und mit jährlich mehr als 900.000 Einsatzstunden im Bevölkerungs- und Katastrophenschutz Hilfe leisten. (…) Das THW hat die gesetzlich verankerte Aufgabe, den Ländern und Kommunen bundesweit bei Katastrophen schützend zur Seite zu stehen.“ Zum Beispiel, wenn Häuser einsturzgefährdet sind. Das THW Remscheid besitzt für solche Fälle ein aus der Vermessungstechnik stammendes und weiterentwickeltes Laser-Gerät, das fortlaufend die Verschiebungen von Trümmerteilen beobachtet und die Einsatzkräfte auch bei kleinsten Bewegungen rechtzeitig warnen kann. Für diesen Schutz sind nicht mehr nötig als ein Laptop mit entsprechender Software, ein auf einem Stativ befestigtes Winkel- und Distanzmessgerät (Tachymeter) und diverse Messpunkte am Einsatzort. Auch die Stabilität von Deichen kann damit gemessen werden.

Dank einer intensiven Jugendarbeit gehen dem THW Remscheid die Mitglieder (derzeit rund 100) nicht aus. Die 25 Kinder und Jugendlichen zwischen zehn und 16 werden von drei Helfern betreut. Mit 16 beginnt dann die halbjährige „Grundausbildung“, an deren Ende eine ganztägige Prüfung steht. Wird sie bestanden, schließt sich die „Helferausbildung II“ an. Sie ist gruppenspezifisch, d.h. orientiert sich an den Aufgaben der jeweiligen Einsatzgruppe. Auch weiterführende, überregionale Seminare werden angeboten; insgesamt nahmen im vorigen Jahr bundesweit knapp 9.000 THW-Helfer an 708 Lehrgängen teil.

Mit 16 Jahren beginnt die Grundausbildung als Helfer. Foto: Lothar KaiserFür etwa zehn Remscheider ist derzeit das THW der Ersatz für einen Grundwehrdienst bei der Bundeswehr. Sie haben sich verpflichtet, innerhalb von sechs Jahre für das THW 720 Stunden da zu sein (Ausbildung, Wartung der Geräte etc.). Hinzu kommen die Einsätze. Eine Regelung, die schon seit vielen Jahren auch für andere Rettungsdienste gilt (Feuerwehr, DRK). Etwa die Hälfte dieser „Ersatzdienstler“ bleibt nach den sechs Jahren dem THW treu. Huhland: „Wie leben eben von Leuten, die sich für moderne Technik interessieren und anderen helfen möchten!“

Ihr (dank vieler Eigenleistungen) wie neu aussehendes Domizil am Knapp bezog das THW vor drei Jahren. Huhland: „Das war für uns ein Riesenglücksgriff!“ Eine Remscheider Spedition war (wegen Ärger mit Nachbarn / Lärmschutz?) aus den erst drei Jahre zuvor errichteten Gebäude ausgezogen und hatte sich am Falkenberg niedergelassen. Die frühere Heimstatt des THW war ein altes Straßenbahndepot in Hasten. Das mussten sich die Helfer mit Feuchtigkeit und Schimmel teilen. Das neue, 5.000 Quadratmeter umfassende Areal ist heute einer der besten THW-Standorte in ganz NRW. Wenn nur der Jahresbericht über Einsätze in Remscheid nicht so mager ausfallen würde... Feuerwehrchef Guido Eul-Jordan: "Wenn wir die THW-Spezialisten brauchen, dann rufen wir sie auch. Das bleibt so!"

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Kommentare

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Chronist am :

Der Unwetter-Bericht von Guido Eul-Jordan heute im Bauausschuss lieferte zwar zusätzliche Fakten (2.500 Notrufe vorige Woche Montag zwischen 18 Uhr und 0 Uhr, zum Teil 15 Anrufer in der Warteschlange trotz sieben besetzter Telefonplätze, 180 Kräfte der Freiwilligen Feuerwehren im Einsatz) und den Slogan "Viele Hände, schnelles Ende", aber keinen Satz zu der schwelenden Kontroverse zwischen Feuerwehr und Technischen Hilfswerk (THW). Lediglich am Rande der Sitzung hieß es aus dem Kreis der Kommunalpolitiker, man wolle beide Seiten an einen Tisch bringen. Für die Öffentlichkeit bestimmt war der Dank (unter allgemeinem Beifall) für den großen Einsatz Montag und Donnerstag, angestoßen von York Edelhoff (SPD). Auf die Frage, ob den Geschädigten der Einsatz der Wehr in Rechnung gestellt werde, antwortete Eul-Jordan mit einem klaren Nein: "Bei Naturereignissen ist die Hilfe der Feuerwehr kostenlos!"

Klaus-W. Huland am :

Richtigstellung, da der Text im Zusammenhang mit Kyrill etwas mißverständlich ist: Erst nachdem die Hälfte der THW-Helfer in den Ennepe-Ruhr-Kreis geschickt und bei der Feuerwehr abgemeldet wurde, wurden dem THW plötzlich doch noch Einsätze in Remscheid zugewiesen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Chronist am :

Wie sich gestern in der Versammlung der vom Hochwasser des Morsbach betroffenen Unternehmer herausstellte, hat das THW in der Unwetter-Nacht doch zwei Einsätze gefahren, und zwar, ohne dazu von der Feuerwehr angefordert worden zu sein. Dafür gab es gestern Dank von denjenigen, denen das THW (an Vorschriften vorbei) geholfen hat. Die CDU-Landtagsabgeordnete Elke Rühl dazu: "Wenn es eilt, wenn Bürger Hilfe brauchen, darf es keine persönlichen Befindlichkeiten geben, und auch keine zwischen Organisationen!"

Ulrich Oberhoff am :

Das Problem mit der Zusammenarbeit von THW und Feuerwehr besteht wohl nicht nur in Remscheid. Ich komme ursprünglich aus dem OV Soest und bin vor ca. einem Jahr nach Niedersachsen umgezogen, habe somit auch den OV gewechselt. Ich habe die "Probleme" mit der Zusammenarbeit der beiden Hilfsorganisationen in beiden OV's "live" miterlebt. Es ist wohl aus den Köpfen einiger Einsatzleiter nicht heraus zu bekommen (leider), dass das Personal nicht nur in Großschadenlagen (Elbehochwasser) zusammenarbeiten kann (und sollte), sondern auch in Schadenlagen, in denen betroffenen Personen mit mehr Personal schneller geholfen werden könnte. Aber da kommt wieder der Spruch zur Geltung, den ich mal auf der "Rescue Messe" auf einem Aufkleber gelesen habe: "THW, die Männer die kommen, wenn die Feuerwehr am Ende ist". Ich persönlich bin der Meinung, wenn Personen schneller geholfen werden kann, ist es egal, wer das Geld dafür bekommt. Aber diese Meinung vertreten einige Beamte von Städten und Gemeinden wohl leider nicht.

Chronist am :

Das Technische Hilfswerk (THW) präsentierte sich am heute im Bundestag in Berlin. Stark vertreten: Das Bergische Städtedreieck mit Lutz Klever vom THW Solingen, Rolf Reinemann vom THW Remscheid und Peter Lindermann vom THW Wuppertal. Jürgen Hardt, Bundestagsabgeordneter für Solingen, Remscheid, Wuppertal II, und Staatssekretär Peter Hintze, Bundestagsabgeordneter für Wuppertal I, besuchten die Ausstellungsstände und informierten sich über die vielfältige und unverzichtbare Arbeit des THW. Rund 80.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer leisten in ihrer Freizeit mit Begeisterung in 668 THW-Ortsverbänden ehrenamtlichen Dienst an der Gesellschaft. In Not- und Unglücksfällen sind sie für den Schutz der Bevölkerung mit Technik und Know-How da - und das in der Not rund um den Erdball. Die beiden Bundestagsabgeordneten sprachen mit den Ortsbeauftragten der drei Bergischen Großstädte u.a. über die Herausforderung Nachwuchsgewinnung nach Aussetzung der Wehrpflicht. „Das THW ist für Deutschland unverzichtbar und bei Katastrophen im Ausland ein `Botschafter in Blau´ für die Hilfsbereitschaft der Menschen in unserem Land. Wir wollen, dass der Bundesfreiwilligendienst auch für das THW ein leistungsfähiger Ersatz für diejenigen wird, die bisher im Zivilen Katastrophenschutz Wehrersatzdienst geleistet haben“, so Hardt und Hintze.

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