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Josuas Heimkehr aus dem fernen Hamburg

von Alma Mühlhausen

Im Eschbachtal stand im 19. Jahrhundert ein Schleifkotten mit angrenzendem Wohnhaus. Zu der Zeit, da sich nachstehende Geschichte zutrug, hatte Josua Pickardt, der fast achtzigjährige Besitzer des Anwesens, den Kotten an seinen Neffen vermietet, da der Sohn in Hamburg lebte und dort ein Ausfuhrgeschäft leitete.

Josua Pickardt war ein echter Remscheider, während seine Frau Rosettchen aus Wermelskirchen stammte. Über fünfzig Jahre hatte Josua mit seinem Rosettchen in schöner Ehegemeinschaft gelebt. Nun lag sie in der großen „Staatsstuov om Schuov", und heute sollte die Beerdigung stattfinden. Schon hatten sich zahlreiche Trauergäste eingefunden, um der Verstorbenen das letzte Geleit zu geben. Walter Pickardt, der zur Beerdigung der Mutter von Hamburg gekommen war, stand mit dem Vater am Sarge und nahm Abschied von der geliebten Toten, denn schon war Peter Ohl, der Leichenkutscher, mit seinem Fuhrwerk vorgefahren. (Einen richtigen Leichenwagen gab es in damaliger Zeit noch nicht; die Toten wurden auf einfachen, schwarzbehängten Flachwagen aus den Tälern zu den Friedhöfen auf die Berge gefahren.)

Als die Verstorbene in Wermelskirchen in die Heimaterde gebettet worden war und die Angehörigen wieder zu Hause waren, fand zwischen Vater und Sohn ein ernstes Gespräch statt. „Vatter", meinte Walter, „et heet gi'enen Zweck, dat du alleng hie blies, gangk met mir noh Hamborg, du saß nix te kleng han." „Ne, Jong“." wehrte der Alte ab, „dat kaß du nit van mir verlangen. Hie sinn ech geboren on ault gewoeren. Hie han ech geschault on gewault. On hie, wo mir ji'edes Plätzken bekangt on li'ev es, well ech uoch sterwen." Der Sohn bot alles auf, den Vater umzustimmen. Aber vergebens. Doch als sich dann der Neffe hinzugesellte und auf den Onkel einsprach, fand sich Josua Pickardt, wenn auch schweren Herzens, bereit, dem Sohn nach Hamburg zu folgen.

Ein Jahr weilte Josua Pickardt nun schon in Hamburg, und Sohn und Schwiegertochter bemühten sich, dem Alten das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Doch immer stiller und müder wurde der Greis. Heimweh war es, das dem aus der Scholle Verpflanzten jeden Lebenswillen lähmte. Heimweh nach seinen Bergen, nach den altvertrauten Stätten war es, Heimweh nach dem Rauschen der geliebten Bergwälder und dem Plätscherlied des Baches quälte den alten, bergischen Schleifer.

„Vater ist krank", sorgte sich die Schwiegertochter und überredete ihren Mann, einen Arzt zu Rate zu ziehen. Dieser kam und untersuchte Josua und stellte Altersschwäche fest. Als der Arzt gegangen war, sagte der Vater zu seinem Sohn. „Woröm hees du denn Keäl gehollt, derr wi'et doch nit, wat mir fehlt?" „Äwer ech wi'et, wat dir fehlt", erwiderte der Sohn. „Du mots dogeen ahngonn on dir selwer hölpen." „Hees reit, Jong", nickte der Alte; und dann spielte ein eigenartiges Lächeln um seinen Mund; „Ech mot mr selwer hölpen."

Seit diesem Tage ging eine seltsame Veränderung mit dem alten Feilenschleifer oor sich. Er, der meistens still und teilnahmslos dagesessen hatte, wurde lebhaft und unternahm ausgedehnte Spaziergänge. Und eines Morgens war der Alte verschwunden und hatte seine Worte vom „Selwerhölpen" wahr gemacht. Ein Glücksgefühl erfüllte den Alten, als sich der Zug in Richtung Heimat in Bewegung setzte. Unser Remscheider Feilenschleifer war selig. Was machte schon die Eisenbahnfahrt mit ihren Unbequemlichkeiten aus. Als Josua Pickardt gegen Mittag in Elberfeld anlangte, war ihm das Glück hold. Ein Hastener Botenfuhrwerk, das Fracht vom Bahnhof abholte, nahm ihn mit bis Hasten. Dort musste der Alte dann warten, bis sich ein Fuhrwerk fand, das ihn weiterbeförderte. Ein Bekannter, der sah, dass sich der alte Mann kaum noch auf den Beinen halten konnte, nahm ihn mit in sein Heim, damit er sich stärke und ausruhe. Doch schon nach einigen Stunden wurde der Heimwehkranke unruhig und bat, ihm ein Fuhrwerk zu besorgen. Als man ihm erklärte, dass vor dem nächsten Morgen nicht damit zu rechnen sei, sagte er: „Nu, dat duot mr te lang. Ech mot vörr dr Neit noch tehi'emen sinn." Und als sich die Gelegenheit bot, verschwand er unbemerkt.

Schon blinkten am Himmel die ersten Sterne, als der Alte mühsam den Heimweg beschritt. Als er sich über den Höhenzug gekämpft hatte, drohte seine Kraft ihn zu verlassen. „Pohlhaulen" waren des Erschöpften Worte, die seinen Willen stählten. Und die Sehnsucht nach dem Fleckchen Erde, das ihm alles bedeutete, hielt seine schwindenden Lebensgeister auf und ließ ihn glücklich im Tale landen. Zu Tode erschöpft brach der Heimgekehrte auf dem Dörpel seines Hauses zusammen, nicht mehr die Kraft besitzend, den Neffen zu wecken. Doch die Heimat war um ihren Sohn und hielt Wache. Dankbar für so viel Treue, plätscherte der kleine Bach seine schönsten Weisen, und des Waldes Wipfellied sang ihn wie eine Mutter in den Schlaf.

Am frühen Morgen fand der Neffe den Onkel tot auf dem Dörpel vor der Haustür sitzend. Ein seliger Friede lag auf den Zügen des Entschlafenen – die Scholle hatte ihn wieder. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von  Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

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