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Hufeisen in der Eschenlaube

von Alma Mühlhausen

Als ich eines Tages die Stätte aufsuchte, an der ich geboren bin und mich ins Leben spielte, begrüßte mich beim Betreten des kleinen im bergischen Stil angelegten Gärtchens die Trauereschenlaube. Uralt ist die Esche, deren Zweige bis auf den Boden reichen. Schon als Kind war mir die Stätte liebvertraut, die mir eine Märcheninsel meines Kinderlandes dünkte. Das einstöckige Schieferhäuschen, das zu dem Gärtchen gehörte, wurde im Kriege eingeäschert. Das Gärtchen aber überstand alle Gefahren und lacht noch heute mit blühendem Antlitz dem Vorübergehenden zu. Die Eschenlaube aber hat ihre Geschichte. Der heutige Besitzer des Anwesens, der auf der Trümmerstätte ein neues, der bergischen Landschaft angepasstes Haus gebaut hat, erzählte sie mir; sie hat sich vor Jahren zugetragen und mich zutiefst erschüttert, da ich als Kind an der Ursache des Geschehens mitbeteiligt war.

„Einige Jahre nach dem Kriege", so begann der freundliche Hausherr, „sägten wir einen Nebenstamm der Esche ab. Beim Zerkleinern des Holzes fanden wir, tief hineingewachsen, ein Hufeisen. Es muss über sechzig Jahre im Baum gewesen sein, denn durch die Umklammerung wurde die Rinde im Laufe der Zeit tief eingeschnitten. „Ein Hufeisen?", fragte ich, und ein eigenes Gefühl beschlich mich, als ob etwas, das lange schlief, erwachen wollte. „Ja", sagte der Herr, „ich will es Ihnen gerne zeigen, denn ich habe es mir aufgehoben."

Als ich das etwas rostige Hufeisen, das sich in nichts von anderen unterschied, in der Hand wiegte, stand plötzlich hell und klar ein Bild vor meinen Augen, und mein Herz sang die Weise dazu.

An einem Sonntag ist es gewesen, als die Männer beim Kartenspiel in der Eschenlaube saßen, während wir Kinder auf der Wiese unter den Obstbäumen tollten. Ich sehe die Männer noch, wie sie trotz der Schwüle des Tages ihre „Lütterkusser" auf dem Kopf trugen und aus den halblangen Pfeifen mit dem bunten Kopf schmauchten. Auf dem Holztisch, der rund um den Eschenstamm lief, stand eine Flasche mit „Stakeser Kloeren", die häufig die Runde machte. Über der Feilenschmiede, die sich rechts an das Haus drängte, lag die Sonntagsruhe, und aus dem offenen Küchenfenster kam der Duft frischgebackener Puffertskuchen. Das Geräusch der auf den Tisch schlagenden Fäuste der Kartenspieler dröhnte zuweilen aus der Laube, wenn die Spieler ihren „Schöppenas" bekräftigen wollten.

Des Spielens müde, wollte ich mich ins Haus begeben, zumal der Duft der Kuchen allzu lockend mich umschmeichelte, als mich ein Ruf meines Gespielen Walter zurückhielt. „Guck mal, en Hufeisen hab ich gefunden, dat bedeutet Glück", sagte er und zeigte mir das Eisen. „Och", meinte ich mit der altklugen Weisheit meiner elf Jahre, „dat bedeutet blos Glück, wenn mr et innen Baum schmeißt un et dann hängen bleibt. Dabei muß mr singen: „Fli'eg on komm nit miehr teröck, hängste faste, brängste Glöck."

„Woher weißte dat?" staunte Walter. Als ich ihm sagte, dass es mir die alte Händlersche, die im Hof die Kartoffelschalen für ihre Ziegen sammelte, be­gebracht hatte, meinte er: „]a, die weiß et all." Dann musste ich das Verslein singen. Das Hufeisen flog in Richtung Kirschenbaum und landete in der Esche. „Is egal, Hauptsache, et hängt", freute sich Walter. „Pass auf, Walter, jetzt wirste reich", prophezeite ich. „Ne, alle beide", berichtigte mich mein Spiel- und Schulkamerad. Dann rannten wir in die Eschenlaube, um unser Erlebnis zu berichten. „]o", lachte der Dörkens Pitter mit seinem tiefen Bass, während er sich einen Glässchen Brandewein einschenkte, „dat bedüdd bestemmt Glöck. Sennt es noh, vle'its fengen gett em Gattschen noch son Schruon" und schob uns aus der Laube hinaus, da wir beim Kartenspiel störten.

Manches Jahrzehnt ist seit dieser Zeit vergangen. Auf der Stelle des einstigen Schieferhauses steht ein neues, modernes Haus. Die Feilenschmiede steht auch nicht mehr auf dem Platz. Doch unverändert grüßt das kleine „Bluomengattschen" wie einst den Vorübergehenden. Die alte Eschenlaube, die von Fliederbäumen gegen die Straße geschützt und abgegrenzt wird, trägt noch heute wie damals ihr vertrautes Laubdach.

Ein .seltener Zufall brachte das Hufeisen wieder zum Vorschein. Doch die Prophezeihungen der alten Händlerschen sind nicht in Erfüllung gegangen. Sie hat eben doch nicht alles gewusst, wie Walter damals glaubte. Reich sind wir beide nicht geworden, und Walter starb im besten Mannesalter.

Stil legte ich das alte Hufeisen auf den Tisch. Die Erinnerung aber an das einstige Geschehen nahm ich dankbar als einen lieben Gruß meiner fernen Kindheit auf den Heimweg mit. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von  Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

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Klaus R. Schmidt am :

Ich habe in meinem kleinen Plattkaller-Archiv recherchiert. Alma Mühlhausen hat bis 1961 auf Bliedinghausen gelebt und war u.a. Schirmherrin der 1960 gegründeten "Donnerkiele", einem Kameradschaftsclub, der sich neben der Pflege der Geselligkeit auch um die Pflege der Remscheider Mundart bemühte. Die "Donnerkiele" repräsentierten auf unterhaltsame Weise eine vergangene Zeit dieser Stadt "mit huehsieden Kappe, en blou Kamesohl, en halflang Piepe, en knallruot Halsduek on en Liewermängken mit Fielen drenn". Auch diese Gemeinschaft existiert nicht mehr. Auf Bliedinghausen gibt es zur Erinnerung zwischen Rheinstraße und Sonnenhof die "Alma-Mühlhausen-Straße".

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