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Das Lindenblatt im Buch der Ahne

von Alma Mühlhausen

In einem kleinen bergischen Ort, der in weltabgeschiedener Ruhe abseits der breiten Autostraße liegt, stehen, nur durch einen Fahrweg getrennt, zwei behäbige Bauernhäuser. Uralt ist der Grundbau der Häuser, die im Wandel der Zeiten durch Anbauten und Garagen etwas modernisiert wurden, trotzdem aber ihr ehrwürdiges Alter nicht verleugnen können.

Zwei Brüder sind es gewesen, die vor über hundert Jahren die Häuser erbauten und mit ihren Familien hier Landwirtschaft betrieben. Immer ist es ein schönes harmonisches Verhältnis gewesen, wenn auch der breite Fahrweg, der zu den Ackern, Wiesen und Feldern führte, zum Hofe des jüngeren Bruders gehörte. Nur der Lindenbaum, der auf dem Besitztum des älteren Bauern, am Brunnen stand, wurde von Jahr zu Jahr immer mehr zum Hindernis des Fahrweges. Breit und wuchtig war die Linde im Laufe der Jahrzehnte emporgewachsen, und ihre Äste griffen hemmend über den Weg, wenn die Erntewagen in den Nachbarhof rollten. Doch die Linde, die wie der Brunnen zum Hofe gehörte und ihm den Namen „Lindenhof" gegeben hatte, umzuhauen, fand keiner den Mut. Besonders die Bäuerin schätzte den Lindenbaum sehr, und wenn sie mit selbstbewusstem Schritt, in dem der Stolz über den mustergültig bewirtschafteten Hof mitschwang, den Blick zu dem sich immer kräftiger emporwachsenden Baum hob, wenn sie zum Brunnen ging, fühlte sie sich so recht mit allem verbunden hier.

 

Die Zeit verging. Die Brüder wurden alt und hatten die Bewirtschaftung der Höfe längst in die Hände der Söhne gelegt. Nach dem Tode des Fahrwegbauers forderten die Erben immer energischer das Abholzen der Linde. Um des lieben Friedens willen ließ der fast neunzigjährige Lindenbauer die Linde absägen. Die alte Bäuerin aber nahm ein Lindenblatt und legte es in ihr Gebetbuch hinein. Ein Jahr später, als die alte Bäuerin schon auf dem kleinen Dorffriedhof ruhte, wurde dem alten Lindenhofbauern hinterbracht, dass auf dem Hofe des Neffen ständig Streitigkeiten wegen des Fahrweges herrschten. Die Bäuerin hetzte, man solle dem Onkel das Benutzen des Fahrweges verbieten. Was aber sollte werden, wenn die Bäuerin ihr Ziel erreichte? Das würde für den Sohn ein weiter Umweg zu seinen Feldern bedeuten. Kurz entschlossen nahm der Onkel Rücksprache mit seinem Neffen, den ein anständiges Familiengefühl trieb, dem alten Onkel das Benutzen des Fahrweges für alle Zeiten zu erlauben. Damit aber keine spätere Generation dieses mündlich gegebene Versprechen anzweifele, fertigte er dem Onkel ein Schriftstück aus, das den Lindenhofbauern für unbegrenzte Zeit das Befahren des Weges gestattete.

Dieses Dokument legte der alte Bauer zu dem Lindenblatt in das Gebetbuch seiner verstorbenen Frau. Kaum war dies geschehen, als er wie ein gefällter Baum zu Boden schlug. So lag er, bis die Angehörigen vom Felde kamen. Mit verlöschender Kraft konnte der Sterbende seinen Leuten noch von dem Entgegenkommen des Neffen berichten. Doch als er den Seinen den Aufbewahrungsort des Schriftstückes bekanntgeben wollte, nahm ihm der Tod die Worte vom Munde, ehe sie laut geworden waren.

Wieder waren Jahrzehnte im Strom der Zeit versunken, und eine neue Generation wirtschaftete auf den Gütern. Der Fahrweg aber blieb weiterhin die Brücke für beide Bauernhöfe zu den Feldern, da man um die Abmachung zwischen den Vätern wusste. Dann aber reifte eine Generation heran, die wenig Verständnis für Althergebrachtes hatte und die energisch den Lindenhofleuten das weitere Benutzen des Fahrweges untersagte. Diese wiederum beriefen sich auf das Abkommen der Ahnen. Da verlangte der Eigentümer des Fahrweghofes das Schriftstück zu sehen, das jedoch trotz eifrigen Suchens nicht aufzufinden war. Es kam zu heftigen Streitereien, die zu einem Prozess führten, den der Lindenhofbauer verlor. Die Nachfahren des Lindenhofbauern mussten fortan weite Umwege zu ihren Feldern machen, und Hass und Zwietracht trieben immer üppigere Blüten.

Dann aber geschah das Wunder, an das niemand mehr geglaubt hatte. Einige Jahre vor dem zweiten Weltkriege kramte Christa, die halbwüchsige Tochter des Lindenhofbauern, in den Schubladen der alten Kommode, die seit undenklichen Zeiten vergessen im Winkel des Speicherzimmers stand. Dabei entdeckte Christa ein gedörrtes Blatt, das aus den Seiten eines Gebetbuches lugte. Als das Mädchen das Buch aufschlug, entdeckte es neben dem Blatt ein vergilbtes und mit Stockflecken übersätes Schriftstück. Unfähig die verschnörkelte Schrift zu lesen, lief das Mädchen damit zur Mutter. Diese aber hatte kaum Kenntnis von den ersten Worten genommen, als sie einen Schrei ausstiess und sich leichenblass an den Tisch lehnte. Es war das vermisste Schriftstück, das der Ahne einst von seinem Neffen erhalten hatte und das den Lindenhofbauern die Benutzung des Fahrweges für alle Zeit gestattete. Mit dem Schriftstück ist dann der Bauer auf den Nachbarhof gegangen, und da den Hofbesitzer das Einmalige des Wunders zutiefst berührte, hat sich alles zum Guten gewendet.

Wer heute vor den beiden Bauernhäusern steht, dem klingt Pferdegetrappel und Motorengeräusch von dem inzwischen breiter ausgebauten Fahrweg entgegen, und das Lachen von hüben nach drüben zeugt von dem guten Verhältnis der Bewohner der beiden Bauernhäuser. So ist das Lindenblatt, das einst die Ahne in das abgegriffene Büchlein legte, wenn auch spät, doch noch zum Segen der Nachkommen eines arttreuen bergischen Bauerngeschlechtes geworden.

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