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Die Hüsgen-Schmiede

von Alma Mühlhausen

Als der alte Hüsgen die Nachricht vom Tode seines Jungen in Russland erhalten hat, ist er wie ein Verzweifelter durch den verschneiten Waid gelaufen und tagelang nicht in die Schmiede gegangen. Was sollte dem so schwer Betroffenen die Schmiede noch, da keiner mehr da war, der die alte Schmiedetradition der Hüsgens nach ihm weiterpflegen würde? Denn auch Paul, der verheiratete jüngste Sohn des Alten, der von Beruf Kaufmann war, galt schon seit längerer Zeit als vermisst, und man hatte die Hoffnung auf seine Wiederkehr längst aufgegeben. Lange hat es gedauert, bevor es der Schwiegertochter gelang, dem alten Hüsgen wieder ein wenig Interesse für die Arbeit abzugewinnen. Doch er war ein gebrochener Mann, der in der Schmiede nichts Rechtes mehr zuwege brachte.

An einem Märztage, als im Gärtchen die Schneeglöckchen blühten, hing der Hüsgens Fennand den Bsrbel an die rußgeschwärzte Wand und sagte zu dem Altgesellen: „Kaal, ech kann nit miehr, ech maak Fierowend. Sorg, dat alles tereite kömmt." Abends erfuhr dann die Nachbarschaft, dass der alte Hüsgen einen Schlaganfall erlitten hatte, der ihn linksseitig lähmte. Hilflos lag der hünenhafte Mann im Bett und schien alles Gefühl für die Umwelt verloren zu haben. Sogar dem siebenjährigen Bernd gelang es nicht, den Großvater lächeln zu machen.

Monate vergingen. Im Befinden des Kranken trat eine leichte Besserung ein; doch bei der wachsenden „Luftgefahr" hatte man den Schmied ins Krankenhaus überführt. Und wie richtig das war, zeigte sich, als jene Nacht kam, die Tod und Verderben auf die Heimatstadt warf. Auch die alte Schmiede der Hüsgens brannte bis auf die Grundmauern nieder, und das Wohnhaus wurde stark beschädigt. Das blumenbunte Gärtchen aber, der Stolz des alten Hüsgen, war unversehrt geblieben und streute seinen Rosenduft über die Trümmerstätte. Der Kranke, dem man die Zerstörung der Schmiede verschwiegen hatte, erfuhr eines Tages durch Zufall alles. Da hat der Alte dann mit aller Macht nach Hause gewollt, und die hellen Tränen sind ihm, der nicht einmal beim Tode seiner Frau geweint hatte, über das abgezehrte Gesicht gelaufen, als er die Zerstörung sah.

So ging die Zeit dahin. Ferdinand Hüsgen humpelte an seinem Stock umher und schaute mit leeren Augen auf die Stätte seines einstigen Schaffens. Dann, als der Spätherbst mit seinen Regenstürmen um das notdürftig geflickte Haus tobte, brachte die Briefträgerin der jungen Frau eines Tages eine Karte, bei deren Anblick sie einen lauten Schrei ausstieß. Es waren die Schriftzüge ihres Mannes, die sie von der Karte grüßten. In englischer Gefangenschaft befand sich Paul und schrieb zuversichtlich. Als die glückliche Frau dem Schwiegervater die Nachricht brachte, dass Paul lebte, ging ein verklärendes Leuchten über sein Gesicht und seine Augen suchten die Schmiedestätte. Die Antwort aber auf den Bericht, den Frau Hüsgen ihrem Mann in die Gefangenschaft schickte, hielt sie vor dem Kranken geheim. Als kurz darauf die Arbeiter mit Aufräumungsarbeiten auf der Brandstätte begannen, und der Schmied die junge Frau mit Fragen bestürmte, erklärte sie ihm, dass, wenn Paul heimkehrte, er nicht vor dem wüsten Bilde erschrecken sollte. Und Paul kam. Der knorrige Apfelbaum trug sein rot-weißes Kleid und streute ihm zum Willkommen seine Blüten entgegen. Des Vaters Augen aber standen nach der Begrüßung mit stummer Frage auf den Sohn gerichtet, als erwarteten sie etwas Besonderes. Und so war es. Paul zeigte nach draußen auf den sauber geebneten Platz, und wie ein Schwur klangen die Worte des Heimgekehrten. „Vatter", sagte er, „die Schmette wüed wir opgebout, su schier wie müeglech. Demm Kaal on demm Max donnt wier noch en düchtegen Schmed dobie. Ech üewernehm die schreftlechen Arbi'eden on derr do" — hier zog der Sprecher den kleinen Bernd oor den Sessel des Großoaters — „kömmt en de Schmette, wenne su wiet es." Da sind dem alten Schmied die Augen zum zweiten Mal in seinem Leben feucht geworden, als ihm bewusst wurde, dass die Tradition des alt-eingesessenen Geschlechtes erhalten blieb und weiterleben und blühen würde in seinem Enkel.

Noch eine kurze Zeit ist dem treuen Sohn der bergischen Heimat vergönnt gewesen. Eine Zeit, in der er das Wachsen der Schmiede verfolgen konnte, dann ist er eines Sonntags, als der Novembersturm um das instandgesetzte Wohnhaus brauste, sanft entschlafen.

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