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Das Schneewittchen-Haus von Frau Breitenbach

von Alma Mühlhausen

Noch heute sehe ich Frau Breitenbach, den großen Bäckerkorb am Arm, durch das Viertel gehen und ihre Kundschaft mit Brötchen oder Stuten bedienen. Stets hatte unsere Brötchen/Tau um ihr Kattun- oder Baumwollkleid eine helle, latzfreie Siamosenschürze gebunden. Ihr Haar aber, das schon t>on Silberfäden durchzogen war, bedeckte ein Ohrenwärmchen. Ihr winzig-kleines Häuschen stand abseits des breiten Fahrweges inmitten der Wiesen und Korn­felder. Das Blumengärtchen, das von ersten Schneeglöckchen bis zur letzten Aster in seiner Buntheit den Vorübergehenden eine Augenweide war, schmiegte sich mit einer zärtlichen Geste an den Giebel des Hauses. Auf der saftigen Blumenwiese hinter dem Hause weidete die Ziege Lotte, und ihr zufriedenes Meckern mischte sich mit dem Gegacker des wohl genauso zufriedenen Hühnervolks.

Das Fleckchen lag so idyllisch-schön in seiner Verträumtheit, dass wir Kinder es mit unserer Märchenphantasie umspannten und das Haus „Schneewittchenhaus" tauften. Der nahe Tannenwald dünkte uns als das Arbeitsgebiet der Zwerge, und Frau Breitenbach war die Beschließerin. In diesem Sinne interessierte uns Anwesen und Leben der Witwe Breitenbach. Was uns aber nicht sonderlich berührte, war das Gerücht vom schweren Daseinskampf, den sie geführt hatte. Uns Kindern gehörte die Gegenwart, und die war voll bunter Spiele und Märchen.

Die Zeit verging. Das nüchterne Leben lies keine Märchenillusionen mehr aufkommen. Es verblassten auch die Kindheitserinnerungen um das Schneewittchenhaus unserer ehemaligen Brötchenfrau. Doch als mich mein Weg nach Jahrzehnten wieder einmal am Schneewittchenhaus vorbeiführte, zauberte das blühende Gärtchen die goldenen Stunden meiner Kindheit hervor. Wie lachte mir das Gärtchen entgegen, als ich mich über die Hecke reckte. Rote, weiße, lila und sogar beinahe schwarze Fliederdolden streuten mir ihren betäubenden Duft entgegen. Die Schneeballenbäume, die den Eingang der Laube flankierten, waren ein einziges Blütenwunder. Alles war wie damals. Nein, nicht alles.' Es fehlten die Ziege Lotte und das Gegacker der Hühner.

 

Noch stand ich im Schauen versunken, als eine Altfrauenstimme mir zurief: „Haben Sie auch gerne Blumen?" Ich schaute auf. Ja, das war Frau Breitenbach, unsere alte Brötchenfrau, die Beschließerin des Schneewittchenhauses, das im Märchenland meiner Kindheit stand. Doch auch die Greisin konnte sich meiner entsinnen, als ich mich zu erkennen gab. Und dann saßen wir auf der Bank, die um den Stamm der Pfeifenblattlaube lief und tauschten Erinnerungen aus. Und die Rede kam auch auf das Gerücht, das damals umging. Ein düsterer Schatten legte sich über die Züge der alten Frau, und mit einem traurigen Blick schaute sie zu Boden. Einen Augenblick herrschte Schweigen, das nur vom Gesang einer Drossel, die im nahen Forsythien-Strauch sich auf den Zweigen wiegte, unterbrochen wurde. Dann aber hob Frau Breitenbach den schlohweißen Kopf und sagte: „Mein Leben musste damals wohl so sein, damit ich meine heutige Zeit im Alter doppelt gut und schön empfinde. Aber hören Sie, ich will Ihnen einiges von früher erzählen, wenn es Sie interessiert."

]a, es interessierte mich sehr. Und so begann die Greisin: Mit neunzehn Jahren hatte sie den Feilenschmied Ernst Breitenbach geheiratet, und ihre Wahl war gut gewesen. Ein Mädchen und ein Junge waren dieser Ehe entsprossen, doch als der Junge zwei Jahre war, legte sich der Mann mit einer Lungenentzündung aufs Krankenlager und erhob sich nicht mehr. Nun stand die Not riesengroß vor der Tür des Schmiedehauses, denn die sozialen Verhältnisse damals ließen viel zu wünschen übrig. Um mit den Kindern ihr Leben fristen zu können, stellte sie einen Gesellen ein und war ihm Meisterin und Zuschlägerin zugleich. Als dann der Geselle eines Tages erklärte, heiraten und dann in der Schmiede seines Schwiegervaters arbeiten zu wollen, traf es die Witwe wie ein harter Schlag. Ein vollwertiger Ersatz für den braven Gesellen war nicht aufzutreiben, und so entschloss sich die Frau, die Schmiede für ein geringes Entgelt zu vermieten.

Wieder stand die Armut drohend vor der Tür, doch die Sorge um ihre Kinder machte die Mutter stark. Sie übernahm Wasch- und Putzstellen. Die Tochter nahm sie mit, während eine gute Bekannte den Kleinen betreute. Und schwer war die Tagelohnarbeit für Frau Breitenbach in einer Zeit, die noch nicht die Segnungen der Wasserleitung kannte. Das Wasser bis zum Scheid musste sie am „Püehlschen" am Ibruch mit dem Schwengel holen. Wie war die Arbeit doch so mühselig und schwer. Die Zinkeimer, die an den Schwengelhaken hingen, drückten sie fast zu Boden. Für einen Waschtag, der frühmorgens begann und spätabends endete, erhielt sie sechs Groschen (damals gleich 72 Pfennige).

Als die Kinder älter wurden, besorgte sie dem Sohn eine Lehrstelle in einem Kontor, da der Junge intelligent war. Das Mädchen beaufsichtigte die Kinder wohlhabender Eltern; dieses Amt übte das Kind schon vom elften Lebensjahr an aus. „So haben meine Kinder niemals Hunger gelitten und nicht zu frieren brauchen, da ich mir, was das Heizen betraf, frühmorgens an der Fabrikkippe die ,Sengeln' (ausgeglühte Kohlen) auflas. Und jeden Morgen trug ich einen Sack voll nach Hause". Und die Befriedigung darüber lag noch jetzt auf ihrem alten, gütigen Gesicht.

Dann kam eine Wende. Ein altes Fräulein, das sie Jahre hindurch gepflegt hatte, vermachte ihr das kleine Haus — unser Schneewittchenhaus. Nun konnte die Schwergeprüfte aufatmen. Die Wasch- und Putzstellen am Scheid gab sie nach ihrer Umsiedlung auf. Sie fand lohnendere Arbeit beim Förster in den Anpflanzungen. In dieser Zeit begann auch ihr Beruf als Brötchenfrau, den sie bis ins hohe Alter ausübte. Und wie stolz war Frau Breitenbach, als sie mit der Zeit eine Milchziege, Hühner und ein Schaf kaufen konnte. So hatte sich ihr Leben zum Guten gewendet, und die Tatsache, dass beide Kinder später brave Ehepartner aus guten Verhältnissen fanden, hat sie besonders dankbar empfunden. Wie strahlten die Augen der 82-Jährigen, als sie sagte: „Vier Enkelkinder und zwei Urenkel habe ich. Ein Enkel wohnt mit seiner Familie hier im Haus. Sie umsorgen mich rührend." In die Stille hinein, die ihren Worten folgte, sagte ich leise: „Ja, Ihr Leben war vorbildlich als Mutter." – „Vorbildlich? Nein, es war Verpflichtung. Und das, glauben Sie mir, man kann viel, wenn man sich keiner ehrlichen Arbeit schämt, auch wenn sie hart und grob ist." Doch als ich antworten wollte, erscholl vom Hause ein Ruf. „Ich muss ins Haus", sagte Frau Breitenbach und erhob sich. Auch ich stand auf; doch bevor sich das Gartentor hinter mir schloss, durfte ich mir noch einen Arm voll Fliederbüschel brechen. Dann verabschiedete ich mich mit der Überzeugung, dass das Leben dieser echt bergischen Frau Seltenheitswert besaß. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von  Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

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