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Volksjustiz zur Fastnacht

von Alma Mühlhausen

Einige Tage vor Fastnacht saß in der Wirtschaft Kremer (Kremersch Decke] eine Gesellschaft bekannter Zechkumpane beisammen. Die Stimmung lief auf Hochtouren, und die „Pennscher", die vor den Männern standen, ließen keinen Zweifel darüber bestehen, dass der Hauptgrund der Ausgelassenheit in dem mehr als reichlichen Genuss des „Stakeser Kloeren" zu suchen war. Besonders zwei Pohlhauser Feilenhauer waren derart „benebelt", dass sie keine klaren Gedanken mehr fassen konnten. Während „Tünnes der zweite" im Hof bei Verwandten schlafen konnte, musste sein Arbeitskollege, der „Kaal", nach Pohlhausen geschafft werden.

Da sagte die „Schuffkahr", ein wegen seines komischen Gangs und — seines chronischen Durstes weit und breit „rühmlichst" bekanntes Original: „Es dann ki'ener hie, derr denn Kaal hi'em brängt?"

„]o", meinte ein Zechgenosse, dessen etwas zu groß geratene Nase ihm den Spitznamen „Naas" eingebracht hatte, „dat mot sinn. Ech mell en op denn Wäg brängen, su wiet, bis i'ener kömmt on nömmt en met." Doch die „Naas" war durchaus nicht so großzügig, wie sie angab. Kaum befand sie sich mit dem Freund draußen, als sie ihn mit den Worten: „Nu maak, dat du hi'em kömms", verabschiedete. Als sich die treulose „Naas" entfernt hatte, lehnte sich der Pohlhauser gegen einen wackeligen Zaunpfahl, der dann auch mit dem Stützesuchenden prompt umfiel. Da sich der Benebelte nicht von alleine erheben konnte, tat er das Nächstliegende: er legte sich auf die Seite und schlief ein.

Einige fünfzig Meter straßabwärts lungerten vor der „langen Schmette" die Burschen, die den Vorgang beobachtet hatten und für einen Schabernack stets zu haben waren. Als man noch beratschlagte, meinte der mit dem Beinamen „Aul" behaftete: „Ech wi'et et! Denn Puohleser kenn ech, derr heet denn glieken Gangk wie de Schuffkahr. Vier brängen en nom Schuffkahr siener Frau on sagen, wier breiten ehren Mann, derr steänenhagel voll wör." Obschon der Vorschlag die Burschen begeisterte, bezweifelte man doch das Gelingen. Aber der „Aul" wusste diese Bedenken zu zerstreuen, und der Plan, den er ausheckte, fand allgemeine Zustimmung.

Während drei der Burschen den schier bewusstlosen Kaal voranschleppten, eilte der „Aul" voraus in den „Park", in dem sich das Haus der Schuffkahr befand. Hier schwang er sich auf den Mauervorsprung und klopfte ans Schlafzimmerfenster. Auf die Frage der „Frau Schuffkahr" erwiderte der „Aul", dass man ihren Mann bringe, der total betrunken sei. 

Unter fürchterlichem Geschimpfe, dessen Ausdrücke in keinem Lexikon zu finden waren, schlurfte die Frau, in Unterrock und Nachtjacke, zur Haustür und öffnete sie. Was nun folgte, ging schnell. Während die Drei den Pohlhauser auf der dunklen „Deel" vor die Wasserbank warfen, zog der „Aul" rasch den Schlüssel aus der Haustüre, und mit Blitzesschnelle rannten die Burschen hinaus. Der „Aul" schloss von außen ab, und unter dem Gezeter der Frau und dem Wehgeschrei des Opfers, das außer den Schlägen noch einen Eimer Wasser über den Kopf gestülpt bekam, bevor „Frau Schuffkahr" merkte, dass es nicht ihr Ernst war, entfernte sich das Kleeblatt in Richtung Gaststätte Kremer. Dort erzählten die Burschen der „Schuffkahr", dass seine Frau den Pohlhauser bei sich im Schlafzimmer hätte. Wutentbrannt lief der „betrogene" Ehemann hinaus, ergriff draußen einen Zaunpfahl und erreichte bald, von den Burschen begleitet, wutschnaubend sein Heim. Da er die Haustür verschlossen fand, bombardierte er sie mit dem Zaunpfahl. Dann lief die rasende „Schuffkahr" um die Hausecke, um die Schlafzimmerfenster von dort leichter zu erreichen. Nun hielt der „Aul" den Zeitpunkt für gekommen, die Haustür zu öffnen, und ein anderer Bursche gab dem Racheschnaubenden, nachdem er ihm vorsichtshalber den Zaunpfahl fortgenommen hatte, bekannt, dass die Haustüre offen sei. Als erster lief dem „Schuffkahr" seine Frau entgegen, die er nicht eben sanft mit Schlägen traktierte und mit den „sinnigsten" Ausdrücken dabei begleitete. Dann nahm er sich den auf der Wasserbank Sitzenden und inzwischen durch den eiskalten Guss halbwegs nüchtern gewordenen Pohlhauser vor, bevor der „Rächer seiner Ehre" eingesehen hatte, dass ihm und den andern ein übler Streich gespielt worden war.

Doch die Aufklärung kam zu spät. Im „Park" hatte sich bereits der halbe Hof versammelt, und ein ohrenbetäubender Spektakel setzte ein. Das Kesselrappeln, die Orgelmusik und das gellende Tuthörnerblasen hatte bereits den festesten Schläfer aus dem Bett und nach draußen geholt.

Früher war es nämlich Sitte, wenn sich in der Hofgemeinschaft etwas Ehrenrühriges abgespielt hatte, das mit der Staatsgerichtsbarkeit wenig zu tun hatte, das Volk seine eigene Justiz ausübte. Dann wurde vor den Häusern der Übeltäter mit allen möglichen geräuschmachenden Gegenständen gerappelt und getutet. Ein Überfallkommando gab es damals noch nicht, und fand sich, was selten geschah, zufällig während des Volksgerichts ein „Schandarm" ein, so kam er nicht dazu, sein Notizbuch zu zücken, oder sonstwie einzugreifen. Nach vergeblichem Bemühen, Frieden zu stiften, zog er sich dann später zurück. Dass dieser Strafvollzug mehr als alles andere von den Gestrauchelten gefürchtet war und sie für ihr ganzes Leben brandmarkte, ist zu verstehen von denen, die noch die „Rappelei" mitangehört und gesehen haben. Angeführt sei noch, dass der Pohlhauser, als seine Kleider trocken waren, am nächsten Tage mit einem „himmelblauen" Auge und einem zerschundenen Gesicht den Heimweg antrat. Den Hof, auf dem ihm so übel mitgespielt wor­den war, hat der Feilenhauer für alle Zukunft gemieden. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von  Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

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