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„Dat Uohlergespenst“ aus Kindertagen

von Alma Mühlhausen

So vieles, das uns in der Kinderzeit hart und grau dünkte, glättet und vergoldet das Alter. In stillen Dämmerstunden wandern wir zurück ins Land der Erinnerung, in dem alle Dinge ihre vertraute Sprache reden und die alten Bäume ihre nie vergessenen Wipfellieder rauschen. Und manches Erlebnis, das die früheren Verhältnisse schildert, ist wert, der heutigen Generation erzählt zu werden. So auch die folgende Geschichte.

Acht Jahre war ich alt, als ich eines Nachmittags mit einem gleichaltrigen Nach­barsjungen in der offenen Schmiedetür kauerte und dem Gespräch der Män­ner lauschte, das sich um einen aus Hannover stammenden Schreiner drehte. Da hörten wir denn, dass mein Vater sagte: „Derr Fennand heär denn ganzen Uohler voll Hessenli'ehrjongenfeller hangen." Ein Gruselschauer rann uns über den Bücken, als der Dörkes Albett erklärte, dass der Schreiner seinen Lehrjungen in dreijähriger Lehrzeit „et Fell üewer de Uohren tröck", und sie dann nach Hause schicke. „Jo", wetterte der Mi'ebes Fritz, „dobie es derr Keäl, derr en angeren Dengen en Lappschwanz eß, bölkrieke gewoeren".Aufgewühlt noch durch das Gehörte, schlenderten wir vom Hof und schlugen unwillkürlich den Weg zum Schreinerhaus ein, das kaum fünf Minuten entfernt war von meinem Elternhaus. „Du", meinte Walter nachdenklich, „off dat wall wohr eß? Äwwer dann gengense doch duot." „On de Pollezei deär denn Fennand ennen Kasten", ergänzte ich. Als wir noch an der Hecke standen und zum Hause hinaufstarrten, stieß mich Walter plötzlich mit seinen Blotschen vors Schienenbein. „Do, do", rief er und zeigte auf die Schreinersfrau, die soeben mit einem braunen Henkelkorb aus der Haustür trat und dann den Weg in den Hof zum Einkaufen einschlug. Da kam uns beiden gleichzeitig ein Gedanke, den Walter auch schon laut werden ließ. „Wi'eßde wat", sagte er, „wier stellen de Blotschen op de Deel on gönnt leise d'r Trappen ropp bes nom Uohler on sennt es noh". Als ich noch ängstlich zögerte, schimpfte mich Walter en Banghippe. Ne, en Banghippe war ich nicht, und nachdem wir unsere Blötschker in eine Ecke des Steinflurs gestellt hatten, schlichen wir uns die Treppe hinauf. Wie erregt aber pochten unsere Herzen, als wir die Speicher-Falltür mit vereinten Kräften hochgehoben hatten und über den mit allerhand Gerumpel beladenen „Uohler" blickten! Nein, hier hingen keine Hessenlehrjungenfelle.

Es war nicht wahr, was die Männer gesagt hatten. Enttäuscht und dennoch irgendwie erleichtert standen wir da, als Walter plötzlich auf die Speicherluke zu rannte und schrie: „En derr Hotten do hengen eß en Gi'est!" „Wo, wo", schrie ich, an allen Gliedern bebend, zurück, denn vor Gespenstern hatte ich eine heillose Angst. Schon hörte ich ein flatterndes Geräusch und erblickte ein langes, weißes Etwas, das sich auf mich zu bewegte. Schreiend rannte ich hinter Walter her und fiel die Treppe hinab und landete mit zerschlagenem Knie und blutendem Ellenbogen unten auf der Deel. Rasch wollte ich in meine Blotschen fahren, als die Frau des Schreiners plötzlich aus einer Türe trat und schimpfte: „Wat hant gett Döuwelsblagen hie herömtespuoken? Es et Tied, dat gett erut kuomen." Und als sie mit drohend erhobenem Arm auf mich zukam, ließ ich Blotschen Blotschen sein und lief auf Strümpfen nach Hause. Bei meinem Anblick schrie meine Mutter auf und fragte, was passiert sei. „Bie Meätens eß en Gespenst om Uohler", heulte ich und rieb meine zerschundenen Glieder, „Wat hant gett dann do om Uohler te süeken?", wollte mein Vater wissen, den mein Geheul aus der Schmiede gelockt hatte. „Och", heulte ich, „d'r Walter on ech wuolen eß senn, off do Hessenli'ehrjongenfeuer hongen. Äwwer dat eß ganit wohr, bluoß en gruot Gespenst wor do, dat uß kriegen wuol." Selten habe ich meinen Vater so herzhaft lachen hören wie bei meinem Bericht. „O, gett oerdeckde Blagen", lachte er, „bie önk kann m'ruoch sagen, ,Kleng Keeteln hant gruote Uohren'."

Wie wir später erfuhren, ist das Gespenst ein langer, weißer, mit getrockneten Meldestauden gefüllter Leinensack gewesen, den der Luftzug hin und her bewegt hatte. Vergessen aber habe ich diese Kindheitsepisode mein ganzes Leben nicht und lache heute noch darüber. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von  Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

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