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Eine bergische Liebesgeschichte

von Alma Mühlhausen

An dem schmalen Weg, der abseits vom lauten Verkehr in den Tannenwald mündet, steht hinter Weißdornhecken ein einstöckiges Schieferhaus. Keine Mauerrunzel und keine Baufälligkeit verraten, dass es weit über hundert Jahre alt ist. Als ein Wahrzeichen bergischen Baustils schaut es dem Nähertretenden entgegen. Wenn aber der Juni seine Rosenpracht über das bergische Gärtchen streut, scheint das schwarz-weiß-grüne Haus ein verwunschenes Dornröschenschloss zu sein.

Manches Jahrzehnt ist schon vorübergerauscht, da noch aus dem kleinen An­bau, der sich wie ein schutzbedürftiges Kind an das saubere Häuschen schmiegt, die Tupp-Tupp-Lieder des Feilenhauers Benjamin Koll klangen. Wohl kein Anwesen war so gepflegt wie das des Benjamin. Lieschen, die ein­zige Tochter des Feilenhauers, die ihre Flechten wie eine Goldkrone auf dem Kopf trug, war eine große Blumenfreundin. Und so leuchtete es dann vom Vorfrühling an bis in den Spätherbst hinein in dem kleinen Gärtchen zum Entzücken der Vorübergehenden in allen Farben.

Lieschen, die des Öfteren im Kontor einer weltbekannten Feilenfirma einen Auftrag auszuführen hatte, war jedem Kommis bekannt. Eines Sonnabends, als das Mädchen wieder einmal das Kontor betrat, saß am ersten Pult ein junger Herr, den Lieschen nie zuvor hier gesehen hatte. Wie gebannt hingen die Augen des jungen Chefs, der vor einigen Tagen zu einem Heimaturlaub aus Argentinien eingetroffen war, an der liebreizenden Erscheinung des jun­gen Mädchens. Und Lieschen, deren l8-jähriges Herz bisher noch nicht gesprochen hatte, fühlte es nun, da die Augen des jungen Chefs sie so bewundernd anschauten, laut und stürmisch schlagen. Noch auf dem Heimweg folgten ihr überall die Augen des jungen Kaufmannssohnes und lösten selige Schauer in ihrer Brust.

Sonntags, als die Familie Koll mit befreundeten Nachbaren in der Pfeifenblattlaube des „Gattschens" saß, ging Lieschen mit verträumten Augen an der Gartenhecke entlang, die über und über mit roten Röschen bedeckt war. Im Begriff, sich zu einer der roten Blüten zu neigen, hörte sie plötzlich ihren Namen rufen. Aufblickend gewahrte die Verwirrte den jungen Kaufmann vom Kontor, der nun rasch auf sie zukam. Dann hörte sie seine Stimme sagen: „Überrascht Sie mein Kommen, Fräulein Koll, dass Sie mich so erschrocken anschauen?" Da schüttelte Lieschen den lähmenden Bann ab und gab dem Herrn über die Gartenhecke hinweg die Hand, die dieser mit marinem Druck umschloss. Und der Bitte des jungen Herrn, einen Spaziergang mit ihm über die sommerbunten Wiesen zu machen, gab sie wie unter einem Zwang nach. So begann eine Liebe, die noch vor hämischen Blicken verborgen gehalten wurde, und deren süße Heimlichkeit nichts störte. Was fragten auch die jungen Menschenkinder nach Standesunterschied und irdischen Gütern. Ihre Liebe hob sie weit über den Alltag hinaus, und als der Heckenrosenzauber versprüht war, und der Tag naherückte, der Arnold wieder über das Meer nach Buenos Aires bringen sollte, mussten die Liebenden, dass sich ihre Herzen nahe blieben, wenn sich auch Länder und Meere zwischen sie legten.

Drei Jahre sollte diesmal der Juniorchef des weltbekannten Unternehmens in Übersee bleiben, um dann für immer heimzukehren. Lieschen ging mit Augen, in denen das Wissen um ihr Geheimnis stand, durch die Stunden. Dann kam nach drei Monaten, unter einer Deckadresse weitergeleitet, der erste Brief aus Südamerika. Als das Mädchen ihn mit bebenden Fingern öffnete, fand es zwischen den engbeschriebenen Bogen Arnolds Bild. Und hatten Lieschen bisweilen noch Zweifel gequält, so schwanden sie für immer dahin beim Anblick der geliebten Züge.

Regelmäßig folgte nun Post aus Argentinien, und aus Arnolds Briefen klang unvermindert die Sehnsucht nach dem geliebten Mädchen. So ging die Zeit dahin. Zweimal waren inzwischen die Heckenrosen an der Gartenhecke auf­geblüht und wieder verblasst. Und just als der Februar seinen Vorfrühlingsatem durch das Bergische Land wehte, meldete Arnold seine Ankunft den Eltern. Diese Nachricht rief in dem vornehmen Patrizierhause freudige Aufregung hervor, und alles wurde festlich zum Empfang des jungen Chefs gerüstet. Doch auch in dem kleinen Schieferhause, in dessen Garten die ersten Schneeglöckchen ihre Köpfchen schüchtern aus dem zarten Wiesengrün hoben, herrschte nicht minder große Aufregung. Während Frau Koll, die längst wusste, wie es um ihr Kind stand, mit sorgenvoller Miene umherging, lag auf Lieschens Gesicht seligste Erwartung.

Dann kam die Stunde, in der sich die Wiedervereinten beseligt in die Arme sanken. Doch ihr Geheimnis sollte nicht länger mehr geheim bleiben. Bald wusste es das ganze Viertel und darüber hinaus, dass der Juniorchef der angesehenen Firma eine Liebschaft mit der Tochter des Feilenhauers hatte. Arnold, von seinem Vater zur Rede gestellt, bekannte sich frei und offen zu Lieschen. Der stolze Fabrikherr war außer sich und verlangte, dass Arnold, um dieser aussichtslosen Liebelei ein Ende zu machen, sich mit der Tochter eines vornehmen Geschäftsfreundes verloben solle. Doch der bergische Junge blieb standhaft. Als alle Bitten und Drohungen nichts fruchteten, verlangte der Vater, der Sohn solle wieder nach Argentinien fahren und so lange dort bleiben, bis sich sein Starrkopf gebeugt habe.

Wieder blühten die Heckenröschen in schäumender Pracht, als Arnold sein Lieschen, die sehr unter dem Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn litt, von dem Vorgefallenen in Kenntnis setzte. Ein Aufschrei kam bei dieser Nachricht über die blassen Lippen des Mädchens, und schluchzend bekannte es Arnold, dass es sich Mutter fühlte. Erst schien der junge Mann zu erstarren, dann aber straffte sich seine Gestalt, und den Arm um Lieschens Schulter legend, sagte er mit fester Stimme: „Komm, Lieschen, es wird alles gut werden. Wir wollen ins Haus gehen und mit deinen Eltern sprechen." In der niedrigen Wohnstube des Feilenhauerehepaares hat es dann noch eine erregte Auseinandersetzung gegeben, die aber am Ende dennoch einträchtig ausklang.

Im Elternhause Arnolds wurden fieberhafte Vorbereitungen getroffen, da Arnold zur Eile drängte, um das nächste Schiff noch zu erreichen, wie er erklärte. Der Seniorchef aber ging mit verbitterter Miene durch die Räume, die schon so manches stolze bergische Kaufmannsgeschlecht beherbergt hatten. Und als die Familienkutsche vor dem Portal unter den hohen Linden stand, die den Sohn zum Bahnhof bringen sollte, war der Vater nicht zugegen. Nur die Mutter hielt ihren Jungen schluchzend umfangen und wusste sich nicht von ihm zu trennen.

Einige Tage waren seit Arnolds Abreise vergangen, da sah man eines Morgens, als noch der Tau auf den Gräsern des Gärtchens lag, Lieschen mit ihren Eltern die Höhe hinaufgehen. Drei Wochen stand darauf das kleine Haus mit geschlossenen Fensterläden da, um dann wieder mit blanken Augen in das Gärtchen zu schauen, in dem Dahlien, Reseden und Klemöppe in bunter Herbstpracht leuchteten. Den neugierigen Nachbarn und Bekannten aber wurde gesagt, dass sich Lieschen, die nicht mit heimgekehrt war, bei Verwandten am Rhein befände. Das musste ihnen genügen.

Zwei Monate nach Arnolds Abreise platzte eine Nachricht wie eine Bombe in das altehrwürdige Patrizierhaus: Arnold zeigte seine Vermählung mit Lieschen Koll an, die in Hamburg stattgefunden hatte. Als die bergischen Hammerteiche unter ihrer glitzernden Eisdecke schliefen, und die Tannen des Bergwaldes schwer unter der Last des Schnees ächzten, war in Argentinien ein Junge zur Welt gekommen, der seinen Eltern die restlose Erfüllung ihres schwererkämpften Glücks dünkte. Und als die Nachricht mit dem Bilde des kleinen Richards in Deutschland eintraf, sind nicht allein die Augen der Großmutter Koll feucht geworden, auch Arnolds Mutter wischte sich im Beisein ihres Mannes die Tränen aus den Augen. Der greise Fabrikherr aber ging mit widerstreitenden Gefühlen in der Brust seinen Geschäften nach. Dabei verloren seine Augen immer mehr den kalten, unversöhnlichen Ausdruck.

Auch der Inhalt der Briefe änderte sich mit der Zeit. Wenn die Worte des Vaters an seinen Sohn bisher nur den kalten, knappen Geschäftston trugen, so fand sich nun zuweilen ein persönliches Wort zwischen den Zeilen. Was nicht die Bitten und Tränen einer Mutter und Gattin fertiggebracht hatten, gelang zwei unschuldigen Kinderaugen. Und als wiederum nach drei Jahren die Hecken in der bergischen Heimat in Röschen schäumten, tollte im Park des vornehmen Patrizierhauses ein blondlockiges Bübchen mit einem großen Schäferhund über den Rasen. Unter der hohen Kastanie, die im Herbst den Kindern des Hofes ihre essbaren Früchte spendete, saßen Lieschen und Arnold Hand in Hand und schauten mit glücklichen Augen dem munteren Treiben ihres kleinen Richard zu, der mit seinen Eltern für immer in die Heimat zurückgekehrt war.

Wer aber in blauen Juninächten zur Zeit der Heckenröschenblüte an dem Koll'schen Anwesen vorbeiging, dem raunten die Heideröslein die Geschichte zweier tapferer Menschenkinder zu, deren Liebe stark genug war, alle Vorurteile zu besiegen. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von  Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

 

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