Skip to content

Anzeige

Bau-Innung Remscheid Innung für elektrotechnische Handwerke Remscheid Fachinnung für Metall- und Graviertechnik Innung für Sanitär- und Heizungstechnik Remscheid
Dachdecker-Innung Remscheid Friseur-Innung Remscheid Maler- und Lackierer-Innung Remscheid Kraftfahrzeughandwerk Remscheid

Lena Bachmüllers Erbe

von Alma Mühlhausen

In dem alten Fachwerkhause, das sich so nahe an den Bergwald drängte, dass kaum Platz für das kleine Blumengärtchen blieb, bewohnte Lena Bachmüller zwei Bodenkammern. Waren auch die Räume, die in der Sprache der Einheimischen „Uohlerbüenen" hießen, winzig und schief, so genügten sie Lenas Ansprüchen vollkommen. Der Ausblick aus dem schmalen Fenster, vor dem die Waldkulisse in majestätischer Schönheit lag, entzückte jeden Naturfreund. Und zu jeder Jahreszeit war es ein anderes Bild, das den Beschauer fesselte: Wenn im Frühjahr das jauchzende Lebenslied der Quellen den Bergwald aus seinem Winterschlaf weckte, und der Alte, ein wenig verschämt noch, seinen Birken einen zartgrünen Schleier umhängte, war es Lena, die sein Erwachen zuerst wahrnehmen durfte. Weit sperrte sie dann die kleinen Fenster auf, damit der frische Atem des "Waldes hereinströmen konnte. Und wenn im Spätsommer die Brombeerhecken sich unter der süßen Last der Beere duckten, die Heide ihren violetten Schimmer über die Hänge streute und die Vogel­kirschen korallenrot durch die Zweige glühten, war es wiederum Lena, die des Sommers hohe Zeit in ihrem ganzen Märchenzauber erlebte.

Und die Zeit der Erikablüte war es auch gewesen, als Lena und der junge Gärtner ihre Liebe einander offenbart hatten. Glückselig waren sie durch den Wald gestreift und aus den rosenroten Heidestäudlein hatten die Liebenden wunderhübsche Körbchen geflochten und mit korallenroten Vogelbeeren geschmückt: „Oh, rosenfarbiger Märchenschein! Ein jedes Stäudlein leuchtet und sprüht. Ein Wunder ist's, wenn die Heide blüht im späten Sommer am Rain.

Als aber die Blätter des Bergwaldes sich zu färben begannen, zerbrach ein Glück, das die Heide in seiner höchsten Seligkeit gesehen hatte. Ein Missverständnis ist es gewesen, das den jungen Gärtner in die Ferne getrieben hatte, aus der nie ein Lebenszeichen mehr zu Lena gelangte, weil der Verschwundene keine Angehörigen besaß. Das Mädchen aber hatte die vermeintliche Falschheit und Treulosigkeit des Geliebten nicht verwinden können, und diese Annahme ließ Lena einsam bleiben.

So gingen die Jahre dahin. Schon hatte Lena, die sich mit der Weißnäherei ihren Lebensunterhalt verdiente, ihr sechzigstes Lebensjahr überschritten, doch die Freundschaft mit dem Bergwald war geblieben. Und der Alte war dankbar für diese Anhänglichkeit und beschenkte Lena in der Beerenzeit dafür mit seinen Früchten. Und alle Geheimnisse, die in seinen Schluchten und Winkeln geisterten, raunte er Lena zu. Wenn die Kinder winters bei Lena in ihrem Stübchen um den warmen Ofen saßen, erzählte sie ihnen alle Märchen und Sagen, die im Schöße des Waldes wisperten.

Wieder war es die Zeit, in der die Erika ihren Blütenzauber über die Hänge streute, als der Briefträger eines Tages einen Einschreibebrief mit ausländischem Siegel aushändigte. Als Absender war ein Rechtsanwalt aus Nordamerika angegeben. Was mochte das bedeuten? Verwundert öffnete Lena das Schreiben. Doch schon nach dem Überfliegen der ersten Zeilen wurde ihr Gesicht bleich, und als sie zu Ende gelesen hatte, schüttelte sie ein Weinkrampf. Der einstige Geliebte hatte kurz vor seinem Tode, da seine Kraft selbst dazu nicht mehr reichte, dem Rechtsanwalt den Brief diktiert. Die Worte waren die Lebensgeschichte eines Mannes, der seine Liebe zu Lena bis zum Tode im Herzen getragen hatte. Der Verstorbene bat Lena, ihm zu verzeihen, dass er damals an ihr gezweifelt habe und dem Einfluss böswilliger Menschen unterlegen war. Nach Jahren erst sei ihm das Intrigenspiel aufgehellt worden, aber da sei es zu spät gewesen, da er inzwischen ein braves Mädchen geheiratet habe. Liebe habe er diesem Mädchen nicht schenken können, doch hätten Achtung und Sympathie die Ehe gut werden lassen. Vor einem Jahr sei seine Frau gestorben, und auch seine Todesstunde sei nahe. So möge sie sich mit der Kürze und der fremden Schrift des Briefes begnügen, und, so hieß es weiter, da seine Ehe kinderlos geblieben sei, vermache er Lena sein Vermögen in Höhe von 6.000 Dollar. Wenn es auch nicht viel sei, so reiche es doch zu einem sorgenfreien Lebensabend für Lena.

Das alles las Lena, ohne dass es sie besonders berührte, und nur das Wissen, dass der Gärtner sie bis zu seinem Tode geliebt hatte, wog in ihrem Herzen und war mehr für sie als die 6.000 Dollar. Die unvergessene Liebe war ihr reichstes und köstlichstes Erbe, das ihr der Verstorbene geschenkt hatte. Und mit glänzenden Augen ging Lena später in den Wald, an dessen Hängen die Heide wie ein violetter Blütenteppich schimmerte. StäudIein um Stäudlein flocht die Beschenkte zum Kranz, den sie dann, wohlverpackt, nach Amerika sandte, damit ihn der Rechtsanwalt als einen Gruß von ihr und dem Bergwald auf die letzte Ruhestätte des Verstorbenen legen konnte. Lenas Tränen aber haben den Kranz benetzt, und mit jedem Stäudlein hat sie ihre Liebe und Verzeihung für den Toten hineingeflochten.

Da Lenas Augen mit der Zeit so schlecht geworden waren, dass sie kaum noch ihre Näharbeit schaffen konnte, hat ihr das Geld zu einem sorglosen Lebensabend verholfen, und viel, viel Gutes hat die Erbin noch bis zu ihrem Tode tun können. Wenn aber die Heide blühte, ist Lena in den Wald gegangen und hat aus blühenden Erikastäudlein einen Kranz gebunden und diesen nach Amerika geschickt. Dieses Geschenk an den fernen Toten hat sie bis zwei Jahre vor ihrem eigenen Tod mit ihren zittrigen Händen zur Zeit der Heideblüte selbst geflochten, und es fand seinen Weg übers Meer hinaus zum Grabe eines Unvergessenen. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von  Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Formular-Optionen

Die einzelnen Beiträge im "Waterbölles" geben allein die Meinung des Autors / der Autorin wieder. Enthalten eingeschickte Texte verleumderische, diskriminierende oder rassistische Äußerungen oder Werbung oder verstoßen sie gegen das Urheberrecht oder gegen andere rechtliche Bestimmungen oder sind sie nicht namentlich gekennzeichnet nebst E-Mail-Adresse, werden sie nicht veröffentlicht. Das gilt auch für substanzlose Bemerkungen ("Find ich gut/schlecht/blöd...etc."). Aus den oben genannten juristischen Gründen sowie bei längeren Texten sind auch Kürzungen nicht ausgeschlossen.

Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!