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Bergholz' ziehen aus, oder: „Se kuomen wier!"

von Alma Mühlhausen

Wie ein Aufatmen war es durch das schmucke Schieferhaus gegangen, als es hieß, dass Bergholz auszögen. Nicht dass die Bergholzleute, was Moral und Sauberkeit betraf, nicht in Ordnung gewesen wären; nein, daran lag es nicht. Der Grund für die Missstimmung war einfach in der Vielzahl der Kinder zu suchen, die sich bei den Bergholz wie sechs Orgelpfeifen reihten. Wenn vier der „Gören" die Treppe hinabstürmten, hatte man ein Gefühl, als donnere ein Eisenbahnzug über die Müngstener Brücke. Die Kroh Jakob, die mit zur Familie gehörte, schrie bei dem Spektakel jedes Mal: „Langsam gönn. Langsam gönn."Bergholz also wollten ausziehen, und zwar am 1. Mai, dem „Treckelsdag". Dass sie aber zogen, war so gekommen: Vater Bergholz, ansonsten ein fleißiger, rechtschaffener Mensch, hatte die Angewohnheit, bei besonderen Anlässen ein Gläschen über den Durst zu trinken. Und da der Geburtstag des Familienvaters zu den „besonderen Anlässen" gehörte, war es im Kreise der Freunde eben wieder einmal zum „Über-den-Durst-Trinken" gekommen.

Nun hatte das Geburtstagskind am Tage vorher wieder einen handfesten Krach mit dem Hausherrn gehabt, der den Kindern verbot, das Treppengeländer als Rutschbahn zu benutzen. Wenn auch der Vater der Blagen mit ihrer Rutschbahn nicht einverstanden war, so hatte die Art des wenig beliebten Hauseigentümers dennoch zu einer schweren Auseinandersetzung geführt. Und die Kraftausdrücke, die dabei hin und her flogen, waren sonst nur in Schmieden und Kotten zu hören. Das Ende vom Lied: Vater Bergholz erklärte dem Hausherrn, dass er ihm zuliebe seine Blagen nicht aufhängen könnte, und sobald er eine andere Wohnung fände, zöge er aus, damit das Gedöhns aufhöre. Der alte Korff war natürlich ob solcher Botschaft sehr erfreut und sprach wohlweislich nicht dagegen.

 

Dieses Geschehen hatte das Geburtstagskind bei der dritten Flasche „Kloeren" den Gratulanten mitgeteilt. Die Empörung über den knötterigen Hausherrn war natürlich groß. „Ne", meinte der Albett, „sonnen Schliekefänger Dam Keäl, derr denn armen Blagen nit en betschen Plesier gönnt. Wat hant et ming Halfen dogeen guot." Als aber der beleidigte Vater erwiderte, dass er auszöge, sobald er eine andere Wohnung hätte, rief der Albett: „Du kass bie mech trecken. Üewermoen alt. Ech riiem dr de Uohlerbüen ledeg, on die twei /Icngerstuowen sind suwiesu fre'i. Off du nu om Struck uder op Vi'ekesen ipönns, dat es doch egal. Hauptsaake, du bös oan demm knaasegen Keäl äff."

Begeistert von dem Vorschlag rief Bergholz seine Frau Hulda herbei, die sich bereits zur Ruhe begeben hatte. Und auch et Hulda freute sich sehr über den Wohnungswechsel, zumal der Albett versicherte, „dat die Hengerstuowen denn ganzen Dag Sonn heären". Sogar die Kroh schien sich über die sonnige Wohnung zu freuen, da sie unaufhörlich „Hulda, Hulda" krächzte. So kam der 1. Mai heran, doch nicht wie es seine Pflicht als Wonnemonat gewesen wäre mit strahlendem Sonnenschein. Der kalte Strichregen war wenig dazu angetan, den herrlichsten aller Monate einzuführen, wie es sich gehörte. Das empfanden auch die Bergholz, die seit vier Uhr früh munter waren. Als ob sämtliche Wehre, vom Eise befreit, losbrausten, ging es treppab, treppauf. Endlich stand das Mobiliar auf dem Vorplatz vollzählig beisammen. Et Fritzken, der jüngste der Bergholzsprösslinge, lag in dem Kinderwagenungetüm, das man auf die Bleiche geschoben hatte. Als das Fuhrwerk in Sicht kam, stürmten ihm die Blagen mit Indianergeheul entgegen. Und dann ging's schnell. Die Hausbewohner, die sich sagten „Ende gut, alles gut", halfen kameradschaftlich beim Aufladen. Gerade hatte man et Fritzken von der Bleiche geholt, und der hochgeladene Flachwagen wollte sich in Bewegung setzen, als aus dem offenen Fenster der verlassenen Wohnung das Gekrächze der Kroh „Langsam gönn. Langsam gönn" in das allgemeine Abschiednehmen klang. „Dr Jakob, dr Jakob. Nu heären wier baul dat arm Dier vergeeten" jammerte et Hulda, und schnell wurde die Kroh heruntergeholt. Dann aber ging's los, und bald herrschte wieder Ruhe und Ordnung auf dem regennassen Platz.

Da der Hauseigentümer die Wohnung für sich behalten wollte, erwartete man keinen neuen Einzug. Rasch wurde das Treppenhaus gesäubert, und alle Hausbewohner freuten sich auf die Ruhe, die von nun an im Hause herrschen wurde. Doch .. . erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. . . Die Freude sollte nicht von langer Dauer sein. Und das kam so: Der Dörkes Albett hatte in seinem Brandewiensrausch vergessen, dass seine Frau Ida die leerstehenden Zimmer schon anderweitig zum 1. Mai vermietet hatte. Auch das Angebot, das er dem Freunde gemacht hatte, war im Alkoholdunst untergegangen und nicht mehr in die Erinnerung zurückgekehrt. So kam es, dass, als Bergholz mit Sack und Pack in Vieringhausen landeten, die andere Partei zum größten Teil ihre Sachen schon untergebracht hatte. Alles Bitten und Schelten half nichts. Der Dörkes Albett, der vor der Schimpfflut seiner Frau das Weite suchte, blieb so lange verschollen, bis das Gefährt der Bergholz den Rückweg angetreten hatte.

Nachmittags wurden die Bewohner des Korffschen Hauses durch den Alarmruf „Se kuomen wier" ans Fenster gelockt. Man glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als man sah, dass Bergholz mit ihrem lebenden und toten Inventar wieder zurückkehrten. Schon stand der Wagen auf dem Platz, den er am Morgen verlassen hatte, und in das Gezeter des alten Korff und das Geschrei der müden und hungrigen Blagen krächzte ]akob unaufhörlich „Langsam gönn. Langsam gönn".

Doch nun geschah etwas Merkwürdiges. Als der Hausherr kategorisch erklärte, dass er, wenn Bergholz nicht sofort wieder kehrt machten, die Polizei holen werde, ergriffen die Mieter sofort Partei für die Zurückgekehrten und protestierten gegen diese, wie sie sagten, unmenschliche Behandlung der armen Leute, die nicht wüssten, wohin sie die Nacht sollten. Und als die Kroh, verängstigt durch das Geschrei „Hulda, Hulda" krächzte, meinte die ehemalige Flurnachbarin der Frau Bergholz: „Ach, dat arm Dier! I'ehrlech geseit, heet mir dat Dier denn ganzen Dag met sienem gelungenen Ruopen gefehlt." Mir heet die flouh üewerhaupt nit behagt, et woer mr grad, äs wenn i'ener gestorwen wöer", meldete sich der Markus Franz und warf dem Hausherrn einen strafenden Blick zu.

Der alte Korff, der schimpfte, dass er das Treppengepolter mal endlich vom Halse haben wollte, wurde durch die schluchzende Stimme der Frau Neumann zum Schweigen gebracht. „On wennse noch süoöll Spektakel maaken, on ech die Trappe am Daag tweimol schrubben mot, die arm Lütt bliewen hie, söss trecken uier allbini'en ut. Dat sind uoch Menschen, on rechteg genomen, sindse ki'enem op en schäbege Aat te noh gekuomen", heulte sie. Ein heftiges Kopf­nicken und ein drohendes Gemurmel der anderen Mieter veranlasste den Hausherrn, der sich derart in die Enge getrieben fühlte, mit den Worten „Maakent wat gett wellen" ins Haus zu rennen.

Das ließ man sich nicht zweimal sagen. Ein paar Dutzend Hände griffen zu und schleppten das vom Mailüfterl durchwehte Inventar wieder an seinen alten Platz. Dat kleine Fritzken aber und die Kroh Jakob nahm die noch immer vor Rührung schluchzende Frau Neumann mit in ihre blitzsaubere Küche. Als die Dämmerung sich über den Hof breitete, lag das Haus wieder in beschaulicher Ruhe da. Nichts deutete darauf hin, dass sich heute, am 1. Mai, hier ein Drama abgespielt hatte. Nur der Mond, der energisch die Regenwolken beiseiteschob, schaute verstehend auf den Platz hernieder, als wüsste er um das alte bergische Sprichwort „Wenn Nuot an denn Mann kömmt, sti'eht i'ener förr denn angern do". (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von  Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

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