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Die Granatbrosche, eine Ostergeschichte

von Alma Mühlhausen

„Doris", sagte die alte Frau, mährend sie der Enkelin eine Schmuckkassette hinschob, „suche dir zum morgigen Ostertag etwas Hübsches aus". Freudig überrascht schaute das junge Mädchen auf. „Wenn ich schon wünschen darf, Großmutter, dann möchte ich die Brosche gerne haben, die du am Kleid trägst."

Ein Schatten glitt bei den Worten des jungen Mädchens über das Altfrauengesicht. „Warum muss es dann ausgerechnet die Granatbrosche sein, Doris? Du weißt doch, wie ich an ihr hänge." „Deshalb wird sie mir als Andenken umso teurer sein", sagte Doris und schmiegte ihren blonden Wuschelkopf an die Schulter der Greisin. Doch die alte Frau wehrte ab. „Von dieser Brosche, die ein Ostergeschenk deines verstorbenen Großvaters ist, werde ich mich vor meinem Tode niemals trennen. Sie ist mir mehr als nur ein Schmuckstück". „Dann hat die Brosche vielleicht ihre Geschichte, Großmutter?" „Ja, Kind, die hat sie..."

„Mit ganz bescheidenen Mitteln haben damals dein Großvater und ich unsern Hausstand gegründet. Als älteste Tochter einer achtköpfigen Feilenhauerfamilie war meine Aussteuer fast noch geringer als bescheiden. Auch dein Großvater hatte als Packer nur geringfügige Ersparnisse machen können. Doch wir waren jung und hatten uns gern. Zudem wollte ich meinen erlernten Beruf, das Uhrmacherfeilenhauen, weiter ausüben. Und jedes Mal im ersten Jahr unserer Ehe, wenn wir samstags unsern Wochenverdienst erhielten, wurde ein fehlendes Hausgerät angeschafft. An unserem Pultschrank sparten wir ein volles Jahr. Und wie stolz waren wir, als er dann endlich in unserer Stube stand.

Es war im zweiten Jahr unserer Ehe, als mir beim Sonntagsspaziergang durch die Straßen der Stadt in der Auslage eines Juweliergeschäftes eine Granatbrosche auffiel. Dein Großvater, der meine Vorliebe für diese Broschen kannte und meinen sehnsüchtigen Blick aufgefangen hatte, zog mich, ohne ein Wort zu sagen, vom Schaufenster fort. Auch in der Folgezeit wurde die Brosche nicht erwähnt, da wir ja auch an Wichtigeres zu denken hatten, als ausgerechnet an Schmuck.

Dreimal hatten wir schon unsern Hochzeitstag gefeiert, als eines Tages im anfangenden März dein Vater geboren wurde. Da hörte natürlich mein Mitverdienen fürs erste auf. Aber was machte es schon aus, da der größte Sorgenberg hinter uns lag? Dein Großvater, der das verflossene halbe Jahr über äußerst sparsam gelebt hatte, ging nun umher, als trüge er ein Geheimnis, das ich nicht wissen durfte. Als ich ihn einmal fragte, schaute er mich mit einem eigenen Blick an, und ein schalkhaftes Lächeln, das ich so sehr an dem Treuen liebte, spielte um seinen bärtigen Mund, der keine Antwort auf meine Frage fand.

Ostersamstag war herangekommen. Mein kleiner Albert lag mit roten Bäckchen in der Wiege. Ich hatte die Stube so richtig mit Osterblumen und Weidenkätzchen geschmückt. Dazu standen in einem großen, hohen Kruge frische Birkengrünzweige. Ostereier, die ich mit Zwiebelschalen und Kaffeesatz gefärbt hatte, lagen in einer großen Schüssel, die auf dem mit einer bunten Decke behängten kleinen Tische stand. Dein Großvater, der auf das Kontor der nahen Firma gegangen war - um „noch etwas zu regeln", wie er mir sagte — konnte jeden Augenblick zurückkommen. Wohl nie zuvor hatte ich ihn so sehr herbeigesehnt, als heute, damit er all das Behagliche, das unser österlich geschmücktes Heim ausstrahlte, mitgenießen könne. Mir war so froh zu Mute, und ich befand mich in einer richtigen Feststimmung. Dazu das Glück in der buntbemalten Wiege . ..

Da hörte ich auch schon Großvaters feste Männerschritte auf der „Deel", und lachend trat der Ersehnte ins Zimmer. Ich meine noch heute seine leuchtenden Augen zu sehen und seine Worte zu hören, als er sich im Zimmer umsah. „Frau", sagte er, „wat hees du alles su nett förr Poschen gemakt. Äwer dofür han ech dir uoch gett Nettes metgebreit". Dann reichte mir der Gute ein in Seidenpapier gehülltes Päckchen. Als ich es mit bebenden Händen geöffnet hatte, stieß ich einen Freudenschrei aus: Vom goldgelben Samtkissen strahlte mich die heimlich gewünschte Granatbrosche an. Groschen für Groschen hatte dein Großvater heimlich zusammengespart. Ich aber war selig im Besitz der Granatbrosche, die in damaliger Zeit die große Mode war. Schon als Mädchen hatte ich mir nichts Sehnlicheres gewünscht. Nun hatte dein Großvater, der damals meinen sehnsüchtigen Blick bemerkt hatte, meinen heimlichen Wunsch erfüllt. Verstehst du nun, dass ich mich bei Lebzeiten nicht von dieser Brosche trennen möchte?"

„Großmutter", klang die weiche Stimme im Raum, den der Abend schon mit seinen Dämmerschatten umspann, „das habe ich nicht gewusst. Doch nun weiß ich, was dir die Brosche bedeutet." – „Aber nach meinem Tode sollst du die Brosche tragen", sagte die Großmutter und zog die Enkelin liebevoll an sich, während draußen die Osterglocken das göttliche Lied vom auferstandenen Leben jubelten. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von  Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

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