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Alte Jungfer, oder: Alins Gelübde

von Alma Mühlhausen

Feierabendruhe lag über der Ortschaft, die ihre Schieferhäuschen wie Spielzeug an die Landstraße gestellt hatte. Vom Tal klang gedämpft das Rauschen der Wehre herauf und schläferte wie ein sanftes Wiegenlied die Blumen in den Gärten ein.

Auf der Bank, die um den hohen Nussbaum lief, saßen drei alte Frauen. Hin und wieder drang ein Kichern in die blaue Abendschönheit, wenn so ein Altchen etwas drastisch seine Jugenderlebnisse schilderte. Doch eine der Frauen, die sich nicht an dem Gespräch beteiligte, schaute mit stillen Augen in das goldene Blinken der Sterne. „Aline", sagte die Hagere, „du ewiges Jüngferchen ,schweigst. Aber was weißt du auch schon von der Liebe? Dir sind die Männer zeitlebens eine Null gewesen."

Ein Schweigen folgte diesen Worten, in das nun leise, wie tastend, die Stimme der Silberhaarigen fiel: „Und doch, Paula, als man damals den jungen Hammerschmied erschossen am Kottenweg fand, hat es Aline schwer getroffen. Ganz so jeglicher Frauenliebe bar ist sie doch nicht. Was meinst du, Aline?"

Die Angeredete fuhr aus ihrer Versunkenheit auf und ein bitteres Lächeln, das nur dem Mond sichtbar war, legte sich um ihren Mund, als sie sagte: „Was wisst ihr schon von mir? Ich lebte mein Leben so, wie ich es leben musste."

„In diesen Tagen jährt sich die Geschichte von dem Hammerschmiedegesellen zum sechzigsten Mal", bemerkte die Silberhaarige und zog fröstelnd ihr Umschlagtuch fester um ihre Schultern. Wieder spann das Schweigen um die Frauen. Da erklangen vom Nachbargehöft die Weisen eines Akkordeons herüber. Es war ein schwermütiges Lied, das von Liebe, Glück und Leid sang. Nun schwieg das Lied und der köstliche Abendfrieden lag wieder leise atmend über der Landschaft. Plötzlich zerriss ein schluchzender Laut die Stille, und Aline, den Kopf an den Stamm des Nussbaums gelehnt, weinte bitterlich. „Aline", bat Paula, „ich habe es schon immer gefühlt, dass dich etwas drückt, kannst du uns nicht sagen, was es ist?" ,,Ja", erwiderte Aline, „ich will euch meine Geschichte erzählen, das Lied hat mich weich gestimmt. Und wenn ihr sie erfahren habt, werdet ihr verstehen, warum ich einsam blieb . . .

Als einzige Tochter wurde ich von meinem Vater, der, wie ihr wisst, im Eschbachtal einen Hammer besaß, sehr verwöhnt. Da ich für hübsch und unser Anwesen für wohlhabend galt, konnte es mir an Freiern nicht fehlen. Aber ich war wählerisch und behandelte die jungen Leute unserer Stadt hochmütig und geringschätzig, wenn sie aus einfachen Kreisen stammten. Doch eines Tages ereilte mich mein Schicksal. Mein Vater hatte einen neuen Hammerschmied eingestellt. Groß und schlank stand er vor dem Amboss, als ich mit dem Frühstück den Hammer betrat. Während sich unsere Blicke kreuzten, fühlten wir gleich, dass wir zueinander gehörten. Und so kam es, wie es kommen musste.

Nach kurzer Zeit war die alte Eiche am Kottenweg Zeuge unserer Liebe. Ich lebte nur der Gegenwart, an die Zukunft dachte ich nicht. Sprach Hermann davon, das Geheimnis unserer Liebe den Eltern zu offenbaren, redete ich es ihm mit der Begründung aus, dass wir die Heimlichkeit unserer Liebe noch keinem verraten wollten, da sie zu schön sei, als dass andere Menschen daran teilnehmen dürften. Innerlich lehnte ich eine Heirat mit meines Vaters Schmiedegesellen ab. Hermann aber bedeutete ich alles. Wie oft hat er mir erklärt, dass er ohne mich nicht mehr leben könne, was ich jedoch nicht ernst nahm.

Unter meines Vaters Geschäftsfreunden befand sich ein junger Kaufmann aus Elberfeld, der Gefallen an mir fand. Das schmeichelte meiner Eitelkeit, und als mich der Elberfelder um eine Zusammenkunft bat, sagte ich zu. Diesem Treffen folgten weitere. Hermann erklärte ich mein Fortgehen mit Besuchen bei einer Tante. Doch er hatte Verdacht geschöpft, und eines Sonntags überraschte er mich in der Jasminlaube unseres Gartens mit dem Kaufmann. Die Folge war eine schwere Auseinandersetzung. Als Hermann auf sein Recht pochte, lachte ich ihn aus und sagte, dass ich nie daran gedacht hätte, meines Vaters Schmiedegesellen zu heiraten. Stumm, mit schneeweißem Gesicht, verließ Hermann den Garten, den der Elberfelder schon am Anfang unserer Auseinandersetzung verlassen hatte. Dass es Feigheit war, wurde mir erst später bewusst.

In der darauffolgenden Nacht quälte mich ein schwerer Traum. Ich sah Hermann im Sarge liegen. Mein eigener Schrei weckte mich, und mit plötzlicher Deutlichkeit wusste ich, dass ich Hermann über alles liebte, mehr als Vornehmheit und Reichtum. Und so sehnte ich den Morgen herbei, um ihm das sagen zu können.

Es war noch früh, als ich die Schmiede betrat. Mein Vater stand am Herdfeuer und fragte nach Hermann, dessen Unpünktlichkeit er sich nicht erklären konnte. „Da muss etwas geschehen sein", meinte er, als ich keine Aufklärung geben konnte. Mich aber packte nun eine furchtbare Unruhe. Hermanns Worte fielen mir ein: „Würdest du mir untreu, könnte ich nicht weiterleben" und ein unerklärliches Gefühl trieb mich zum Kottenweg. Dort fand ich Hermann, den Revolver neben sich, unter der Eiche liegen.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Ledersofa unserer Wohnstube. Auf meine Frage, ob Hermann tot sei, nickte meine Mutter traurig.

Erlasst es mir zu schildern, wie ich die nächste Zeit überstand. Erst jetzt wusste ich, wie tief ich Hermann geliebt hatte. Und da habe ich das Gelübde getan, dass ich, als Sühne für meine Schuld keinem Manne angehören wollte. Nur im Gedenken an den Toten wollte ich für alle Zukunft leben, und mein Gelübde habe ich, trotz vieler Heiratsanträge, gehalten. Eure Frage aber, warum ich so oft die alte Eiche am Kottenweg aufsuche, ist hiermit beantwortet".

Leise waren die letzten Worte des alten Fräuleins in der Nacht verklungen, die nun weich und mütterlich ihren samtenen Mantel ausgebreitet hatte. „Es ist kühl geworden", sagte das Altchen mit dem Silberhaar und erhob sich. Da standen auch die anderen Frauen auf und folgten der Freundin mit müden Schritten ins Haus.

In der Krone des mächtigen Nussbaums aber raunte es leise, und zwei helle Regentropfen, die der Gewitterregen am Morgen im Laubwerk hängen ließ, fielen wie große, schwere Tränen ins duftige Gras. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von  Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

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