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In Kinderheimen einst Leid und Unrecht erlebt

Im Bild Andreas Naylor und Uwe Leicht. Foto: Lothar KaiserPetra Alice Berg war zwölf Jahre alt, als sie im Juli 1968 in ein Kindersanatorium eingewiesen wurde. In ihrer Jugend war sie immer wieder auch in der Psychiatrie. Heute ist die Wuppertalerin 62, kann sich aber noch gut an das erinnern, was ihr vor fünfzig Jahren widerfuhr: „Im Kindersanatorium probierte man ohne Einwilligung meiner Mutter Medikamente an mir aus, die noch nicht im Handel erhältlich waren oder noch nicht an Kindern erprobt wurden - vor allem Neuroleptika aber auch Schlafmittel." Danach hörte sie Stimmen oder bekam  Tobsuchtsanfälle. Diese haben Petra Alice Berg auch später noch lange belastet. Seit 2006 ist sie erwerbsunfähig, auf betreutes Wohnen und eine Haushaltshilfe angewiesen.

So steht es in einer Pressemitteilung des Landschaftsverbands Rheinland, die gestern Vertretern der lokalen Medien im Otto-Ohl-Haus der Evangelischen Stiftung Tannenhof übergeben wurde. Auf der Pressekonferenz kündigten Andreas Naylor vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) und Pfarrer Uwe Leicht, Geistlicher Vorsteher der Stiftung Tannenhof, auch im Namen des Sozialpsychiatrischen Zentrums (SPZ) und von Augusta-Hardt-Horizonte für Donnerstag, 24. Mai, um 15 Uhr im Café Elling im “Haus für Seelische Gesundheit“, Konrad-Adenauer-Straße 2-4, eine Informationsveranstaltung über die Stiftung „Anerkennung und Hilfe" an. Diese bietet Menschen noch bis Ende 2019 Unterstützung an, die als Kinder und Jugendliche in der Zeit vom 23. Mai 1949 bis zum 31. Dezember 1975 in der Bundesrepublik Deutschland bzw. vom 7. Oktober 1949 bis zum 2. Oktober 1990 in der DDR in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder der Psychiatrie Leid und Unrecht erfahren mussten und heute noch an Folgewirkungen leiden.

Zum Beispiel Ingrid Brandt, Jahrgang 1933. Ihre schlimmsten Erlebnisse verbindet sie mit der Dürener Provinzial Heil- und Pflegeanstalt, heute eine Einrichtung des LVR. Dorthin kam sie im Frühjahr 1949, kurz vor Gründung der Bundesrepublik. Im Januar 2017 zitierte sie Till Döring im LVR-Magazin „RHEINLANDweit mit den Worten: „Frechheit war für die Ärzte gleichbedeutend mit Krankheit. Und frech war ich für die, denn ich war ein Mädchen, das sich nicht alles gefallen ließ." Für Ingrid Brandt die Erklärung dafür, dass sie damals in die Psychiatrie kam. Ein Gruppenschlafsaal mit Eisenbetten war für sie und 13 andere Mädchen der einzige Aufenthaltsraum der Station. „Die Strafen waren das Schlimmste", erinnert sie sich. Manchmal wurden sie von Pflegerinnen mit eiskalten, nassen Tüchern umwickelt, die dann zusammengenäht wurden. „Man warf uns anschließend in die Zellen der psychisch kranken Patienten. Wir konnten uns nicht bewegen. Ich hatte Angst um mein Leben!"

Heimkinder in den Nachkriegsjahren. Foto: Landschaftsverband Rheinland.„Kinderheime hat es auf dem Gelände der Stiftung Tannenhof nicht gegeben“, betonte gestern Pfarrer Uwe Leicht. Bekannt sind Schlagzeilen, die das inzwischen aufgelöste „Gut zur Linde“ der Bergischen Diakonie Aprath in Wülfrath einst machte. Der Diplom-Sozialpädagoge Andreas Naylor leitet beim LVR die Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder beim Landschaftsverband Rheinland (LVR). Das erfahrene Leid sei für die Betroffenen kein singuläres Ereignis, sagt er. Es sei für sie vielmehr traumatisch und präge in vielen Fällen ihr ganzes Leben. Aufgabe der Anlauf- und Beratungsstelle ist es, Menschen beim Beantragen von finanziellen Leistungen aus der Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ zu unterstützen, die im Januar 2017 von Bund, Ländern und Kirchen ins Leben gerufen wurde. Sie bietet Menschen Geld und Unterstützung erhalten, die das dam,als erlittene Unrfecht glaubhaft machen können und die Folgen des Erduldeten bis heute nicht völlig überwinden konnten.

Zur Anerkennung des Unrecht und zur Linderung der Folgewirkungen können Betroffene von der Stiftung eine pauschale Geldleistung in Höhe von 9.000 Euro erhalten. Und wer in den Einrichtungen nach dem 14. Lebensjahr sozialversicherungspflichtig gearbeitet hat, ohne dass Sozialversicherungsbeiträge gezahlt wurden, bekommt darüber hinaus eine einmalige Rentenersatzleistung von bis zu 5.000 Euro. „Insgesamt haben sich leider noch zu wenig Menschen bei uns gemeldet", sagt Andreas Naylor. Schätzungsweise 3.300 Menschen könnten in NRW Leistungen der Stiftung erhalten. Im Rheinland haben sich bisher 704 Menschen gemeldet. Von diesen haben 306 inzwischen Geld aus der Stiftung, davon 217 auch Rentenersatzleistungen. Die Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ ist beim Landschaftsverband Rheinland unter Tel. 0221 809-5001 oder E-Mail anerkennung-hilfeßlvr.de erreichbar. Dort arbeiten drei Berater. Sie stellen gemeinsam fest, wer in Ergänzung der gesetzlichen Sozialleistungssysteme grundsätzlich Leistungen aus der Stiftung erhalten kann. Bei einem Beratungstermin in Köln oder am Wohnort des/der Betroffenen werden mögliche finanzielle Leistungen aus der Stiftung vereinbart. „Es handelt sich um keine Wiedergutmachung“, sagt Andreas Naylor, „sondern – auch in individuellen Gesprächen – um eine Anerkennung des erlittenen Unrechts!“

Doch nicht alle Betroffenen melden sich. Vielleicht, weil die Erinnerung an das Erlebte nicht wieder aufgewühlt werden soll. Deshalb wenden sich die Berater des LVR mit der Informationsveranstaltung am 24. Mai auch und gerade an die Betreuer von Betroffenen. Nicht ausgeschlossen, dass auch in Remscheid noch Menschen leben, die damals in Heimen Schlägen, Waterboarding, Eingesperrtsein, Zwangsjacke, stundenlanger Fixierung auf einem Stuhl oder psychischem Druck ausgesetzt waren.

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